Zehn Jahre Schule. Ein Potpourri an Eindrücken und Erinnerungen

  • Als ich vor zehn Jahren die Schule zum ersten Mal betrat, war ich entsetzt: So ein Schulgebäude sah ja immer noch so aus, wie ich es aus meiner eigenen Schulzeit in Erinnerung hatte! Wenig später hatte ich mich wieder daran gewöhnt.
  • Während der Gangaufsicht in den Pausen betrachte ich gerne die ausgestellten Kunstobjekte. Immer wieder finden sich großartige und unglaublich kreative Bilder, Collagen, Fotografien und Werkstücke darunter.
  • Wenn im Musiksaal die Fenster geöffnet sind, schallt es aus der Schule heraus: Ein Musiklehrer haut in die Tasten des Klaviers, zwanzig oder mehr Kinder singen aus voller Kehle. In solchen Momenten geht mir das Herz auf. Wenn ich es nicht ohnehin wüsste, würde ich mir denken: Was ist das für eine schöne Schule!
  • Bei meiner ersten Maturafeier als KV haben wir auch gesungen. Ich stand nervös mitten unter den MaturantInnen und hab mir gedacht: Was für eine Ehre, dass die mich mitsingen lassen!
  • Als ich einmal mit einer Klasse in Paris war, habe ich den SchülerInnen die Nationalbibliothek gezeigt und ihnen erzählt, dass ich da während eines Forschungssemesters täglich an meiner Dissertation gearbeitet hatte. Ein Schüler hat mich ungläubig angesehen und gefragt: „Echt jetzt: Sie haben da gearbeitet?“
  • Manchmal begegne ich SchülerInnen in meiner Freizeit, in den Ferien oder am Wochenende in der Stadt. Ich freue mich jedes Mal, wenn sie winken, grüßen oder sogar rufen. Leute, die nichts mit Schule zu tun haben, sind immer wieder erstaunt darüber, dass sich Schüler mitunter sichtlich freuen, ihre Lehrer zu treffen.
  • Immer noch schreibe ich wahnsinnig gerne mit jener Füllfeder, die mir meine erste eigene Klasse zur Matura geschenkt hat. „Klassenmama Moni“ findet sich da eingraviert.
  • Die SchülerInnen meiner zweiten eigenen Klasse haben mir einmal gestanden, sie hätten anfangs Angst gehabt, nicht zu genügen und von mir mit der früheren Klasse verglichen zu werden.
  • Unaufmerksame SchülerInnen nerven mich manchmal so, dass ich laut werde. Wenn ich einen Schüler oder eine Schülerin anschreie, bin ich wirklich peinlich berührt und nehme mir jedes Mal vor, mich am nächsten Tag dafür zu entschuldigen. Nicht immer kommt es dazu.
  • Oft passiert an einem einzigen Schultag so viel, dass man, wollte man alles, was notierenswert wäre, tatsächlich notieren, nie und nimmer damit fertig würde.
  • Manchmal bin ich nach einer Schulstunde noch so in Gedanken, dass ich mich auf dem Weg ins Konferenzzimmer plötzlich im falschen Stockwerk wiederfinde.
  • In einer Französischstunde waren einmal ein paar ältere Damen zu Gast, die vor 50 Jahren an der Schule maturiert hatten. Wir haben gemeinsam „Je ne regrette rien“ gesungen. Die Besucherinnen haben so geschmettert, dass die SchülerInnen noch Wochen später darüber geredet haben.
  • Als wir von La Rochelle mit dem Zug zurück nach Salzburg fuhren, waren wir, SchülerInnen und Lehrerinnen, nach über zehn Stunden Zugfahrt so überdreht, dass ich mich bei den Mitreisenden für den Lärm entschuldigt habe. Aber nicht ein einziger Fahrgast war uns böse.
  • Nach vier Tagen in Berlin mit 28 SchülerInnen waren meine Kollegin und ich so erleichtert, dass wir vor lauter Euphorie fast den Abflug verpassten. Als wir endlich in den Flieger einstiegen, saßen die SchülerInnen bereits angeschnallt auf ihren Plätzen und schauten uns mit großen Augen an, weil wir so spät daherkamen.
  • Mitunter gibt es in den Pausen so viel zu klären und zu besprechen, dass ich zu spät in den Unterricht komme. Ich entschuldige mich jedes Mal dafür, obwohl die SchülerInnen eigentlich nie so wirken, als wäre das für sie ein Problem.
  • Manchmal gibt es aber auch in einer Klasse nach dem Unterricht noch so viel zu besprechen, dass ich erst in Richtung Konferenzzimmer gehe, wenn die KollegInnen bereits wieder in Richtung Klassenzimmer aufbrechen. Solche Tage sind anstrengend.
  • Auf meiner ersten Sportwoche in Kärnten wollte ich sämtliche Sportarten ausprobieren und überall mitmachen. Nach drei Tagen hatte ich so einen Muskelkater, dass ich mich kaum mehr bewegen konnte.
  • Als ich vor zehn Jahren an die Schule kam, hatten wir noch eine Schulglocke. Irgendwann stellten wir sie versuchsweise ab. Zu Beginn gab es SchülerInnen und auch LehrerInnen, die das Läuten unbedingt wieder einführen wollten. Mittlerweile denkt, glaube ich, keiner mehr daran.
  • Ob eine Schulstunde gut gelingt oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab. Manchmal ist eine detaillierte Unterrichtsplanung förderlich, bisweilen aber auch nicht. Was mich zur Höchstleistung anspornt, ist so etwas wie aufmerksame Resonanz von Seiten der SchülerInnen. Wenn ich das Gefühl habe, sie sind gedanklich dabei und finden den Inhalt interessant, beflügelt mich das richtiggehend.
  • Das produktive Chaos bei Gruppenarbeiten kann ebenfalls beglücken. Ich liebe es, von Gruppe zu Gruppe zu gehen, ein bisschen zuzuhören und ein paar Tipps zu geben. Oft freue ich mich dann schon richtig auf die Präsentation der Ergebnisse. Ganz besonders bei szenischen Darbietungen.
  • Immer wieder überrascht mich die Kreativität der SchülerInnen. Was SchülerInnen gemeinsam einfällt, auf welche Ideen sie kommen, wie sie sich gegenseitig anstacheln und ihre Potentiale entfalten, das ist immer wieder erstaunlich.
  • In den Sommerferien nehme ich mir jedes Mal vor, das nächste Schuljahr gelassener anzugehen. Die guten Vorsätze halten zu Schulbeginn meist nicht länger als ein paar Stunden. Bereits am ersten Tag prasseln so viele Dinge auf einen ein, dass es mit der Gelassenheit wieder vorbei ist. Aber jetzt sind eh erst einmal Ferien.

(nemo)

 

 

 

 

Das Jahr der Distanz

Zum gerade zu Ende gegangenen Schuljahr fällt mir wenig ein. Das ist seltsam. Gäbe es nicht über dieses Schuljahr mehr zu sagen als über viele andere?

Aber was sagen über das Jahr, in dem von einem Tag auf den anderen alle Schulen geschlossen wurden, in dem Kinder und Jugendliche wochenlang per Lernplattform und Videokonferenz zu Hause unterrichtet und vom Betreten der Schule abgehalten wurden, in dem sich SchülerInnen, als sie die Schule zumindest jeden zweiten Tag wieder besuchen durften, zunächst maskieren mussten, in dem sie angehalten wurden, Hände und Bänke mehrmals täglich zu desinfizieren, in dem Abstandhalten zur Regel GetAttachmentThumbnailNummer eins wurde, in dem sie nicht mehr turnen, nicht mehr miteinander spielen und nicht mehr singen durften, in dem sie keine Banknachbarn mehr hatten und der Hälfte ihrer KlassenkameradInnen überhaupt nicht mehr begegnen sollten?

Ohne viel Aufhebens und ohne die üblichen Rituale ist es nun zu Ende gegangen, das seltsame Schuljahr 2019/20. Keine Happy Days, keine Sportwochen, keine Reisen, keine Schulfeste, keine Abschlussfeiern. Mit den Französisch-SchülerInnen habe ich in der letzten Woche Crêpes gemacht, mit den halben Deutsch-Klassen bin ich Eis essen gegangen. Beides hat gut gemundet – und das war’s. Viel mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen über dieses Jahr der Maßnahmen und des Distanzgebots.

PS: Mit den Viertklässlern habe ich in diesem Jahr wieder ein Zeitungsprojekt durchgeführt. Der BE-Kollege hat mitgemacht und den SchülerInnen den Auftrag erteilt, die Titelseite einer Tageszeitung möglichst „echt aussehend“ zu manipulieren, und zwar mit einem Bild im Stile von Keith Harings „Subway Drawings“ sowie einem gefakten Text dazu. Die Ergebnisse sind echt cool geworden.

(nemo)

„Schnarchen und Schlafen ist besser als Dichten und Denken“. Deutschmatura 2020 zum Zweiten

Noch einmal Deutschmatura 2020, nun aber endlich zum Thema eins: Zwar haben sich nur die allerwenigsten MaturantInnen auf die Interpretation des literarischen Textes gestürzt, der zu interpretierende Text aber ist jedenfalls nicht daran schuld. Der Prosatext von Robert Walser, der den schlichten Titel „Basta“ trägt, ist nämlich ein wahres Kleinod und regt gut hundert Jahre nach seinem Erscheinen wunderbar zum Denken an. Besser hätte das literarische Thema in diesem Jahr gar nicht passen können, finde ich.

Der vor Ironie strotzende Text zeichnet das Porträt eines durch und durch entindividualisierten Menschen, der sich selbst als „guten Bürger“ bezeichnet und sich in immer wiederkehrenden Ausformungen der eigenen Durchschnittlichkeit selbstbewusst versichert. Gleich zu Beginn heißt es: „Ich kam dann und dann zur Welt, wurde dort und dort erzogen, ging ordentlich zur Schule, bin das und das und heiße so und so und denke nicht viel.“

Viel mehr an (Nicht-)Profil, als bereits an diesem ersten Satz deutlich wird, wird der Protagonist – der zumindest aus heutiger Sicht genauso gut auch eine Protagonistin sein könnte – im Laufe des Textes nicht mehr gewinnen. Er legt Wert darauf, selbst nicht viel zu denken, „scharfes Denken“ lieber „leitenden Staatsmännern“ zu überlassen und sich damit zu begnügen,  ein „Glas Bier in aller Vernunft“ zu trinken und gut zu essen. Er lebt gerne gemütlich, zieht es vor, seinen Kopf nicht anzustrengen und „fühlt weder hinten noch vorn Verantwortung“. Als zufrieden mit sich und der Welt, ordentlich und ganz und gar ungefährlich stellt sich dieser Max Mustermann dar. Nur ja nicht selbst denken, lautet seine Devise. Denn „wer viel denkt, macht sich unbeliebt“ und „wer viel denkt, dem tut der Kopf weh“.

Die Selbstbeschreibung des „guten Bürgers“ erschöpft sich in floskelhaftem Sprechen und setzt sich wie in einer Endlosschleife fort. Auch der am Ende jedes Absatzes getätigte Ausruf „und damit basta!“ erweist sich bloß als rhetorisches Blabla: Im nächsten Absatz geht es genauso weiter wie davor. Das Porträt hat keinen Anfang und kein Ende, es beschränkt sich auf die ständige Wiederholung des immer Gleichen. Der daraus entstehende Menschentypus kann somit nicht einmal den Status eines Anti-Helden für sich beanspruchen.

Die Karikatur des „guten Bürgers“, die sich wie die Antithese zum mündigen Bürger ausnimmt, könnte eindringlicher nicht sein: Sie formt sich zum Bild des ebenso zeitlosen wie allzeitaktuellen unpolitischen und selbstzufriedenen Mitläufers par excellence. Robert Walsers Text ist ein kluges und tiefgründiges Prosastück, das in seinem ironischen Grundton die Haltung breiter Gesellschaftsschichten zu demaskieren vermag.

Und wie bei den anderen Maturathemen kommt vor dem Hintergrund der Geschehnisse in den letzten Monaten noch einmal eine Extraportion Demaskierungskraft dazu. Denn während selbständiges Denken bislang zumindest an Schulen, Universitäten und in qualitätsvollen Medien immer wieder eingemahnt wurde, ist es in den letzten Monaten auch an diesen Fronten ziemlich ruhig geworden. Ja, in den Zeiten der Pandemie wurde/wird der selbst denkende Mensch plötzlich allerorts nur mehr als Störfaktor betrachtet. Normalerweise, ja normalerweise darf man schon kritisch sein, im Ausnahmezustand aber, wenn’s um ‚die Gesundheit‘ geht, erübrigt sich jeder Diskurs, da zerbricht man sich lieber nicht mehr selbst den Kopf. Dann, ja dann überlässt man das Denken wirklich besser den leitenden Staatsmännern und folgt ganz „kopflos und gedankenlos“ allem, was von diesen medial verkündet wird. Tja, vor der Ironie der Wirklichkeit gewinnt die Ironie des literarischen Textes noch einmal an Schärfe dazu.

„Scharfes Denken liegt mir stillem Mitglied der menschlichen Gesellschaft gänzlich fern und glücklicherweise nicht nur mir, sondern Legionen von solchen, die, wie ich, mit Vorliebe gut essen und nicht viel denken, so und so viele Jahre alt sind, dort und dort erzogen worden sind, säuberliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft sind wie ich, und gute Bürger sind wie ich, und denen scharfes Denken ebenso fern liegt wie mir und damit basta!“

(nemo)

Deutschmatura 2020. Ein neuer Blick auf alte Themen

Heute also wieder Deutschmatura. Ganz ok, aber auch nicht spektakulär, würde ich unter normalen Umständen wahrscheinlich befinden. Zur Auswahl standen: Das literarische Thema, in dem ein Prosatext von Robert Walser zu interpretieren war und zum Kulturgut Lesen Stellung genommen werden sollte; ein zweites Themenpaket zum Umgang mit Zeit sowie ein drittes, in dem Auswüchse des Tourismus kritisch zu beäugen waren. Zwei Leserbriefe und je eine Textinterpretation bzw. -analyse sowie beim dritten Thema einen Kommentar und eine Erörterung galt es zu schreiben. Die Textbeilagen waren allesamt in Ordnung: nicht wirklich anspruchsvoll, aber auch nicht zum Genieren. Da hat man schon Schwächeres gesehen.

So richtig interessant werden die Themen der diesjährigen Matura allerdings erst vor dem Hintergrund der aktuellen Coronakrise. Die Matura wurde natürlich lange „vor Corona“ zusammengestellt; jetzt bekommen die Themen und Textbeilagen eine neue Relevanz: Fast nichts mehr ist, wie es war. Was bislang galt, muss neu betrachtet und reflektiert werden. Da liest sich manches anders als noch vor ein paar Monaten. Ich beziehe also Position in meiner ironisch-zynischen Kritikerinnenecke und hantle mich durch. (Den Walser-Text spare ich fürs Erste aus – der verdient eine gesonderte Betrachtung.)

Eine Feier der Kulturtechnik Lesen gleich zu Beginn. Da heißt es: Das Lesen sei von zwei Seiten gefährdet, von neuer Technologie und alter Ignoranz. Interessant. Und weiter: Die Lesekompetenz der Grundschüler sei im Sinken begriffen; es müsste zu den vordringlichsten Aufgaben von Bildungspolitikern zählen, das Lesen zu retten. Sehr interessant. Ob diese Erwartung an die Bildungspolitiker immer noch gilt? Das Lesen retten in Zeiten, in denen uns die neue Technologie als allein glückselig machend angepriesen wird? Klingt nach über zwei Monaten E-Learning, zahllosen Videokonferenzen und unzähligen Videovorführungen fast schon ein bisschen überkommen, oder? Aber egal, die Bildungspolitiker ignorieren die Aufgabe ohnehin seit Jahren, brauchen sie jetzt auch nicht mehr damit anzufangen, sich ums Lesen zu kümmern. Und überhaupt: Das Lesen rette man nicht durch Weltuntergangsgerede, sondern indem man es groß macht. Ach so, ‚tschuldigung, da wollte ich fast schon einstimmen in das Weltuntergangsgerede. Dabei geht Lesen retten ganz anders: So groß nämlich müsse man das Lesen machen, wie man es in China tut, wo gerade eine neue Bücherei gebaut wurde. Die Bilder dieses „spektakulären Palastes der Bücher“ gingen in den sozialen Netzwerken viral, und das „ausgerechnet im hyperschnellen China“.

Zum Unterfangen des Lesenrettens passt der nächste Text fast wie die Faust aufs Auge: „Dieser Text ist Zeitverschwendung“, lautet sein Titel. Die Autorin, Ronja von Rönne, warnt ihre Leser gleich zu Beginn, dass es in ihrer Kolumne um nichts anderes als um die Zeit gehe: Um die zehn Minuten Lebenszeit zum Beispiel, die man sich sparen könne, wenn man den Text nicht liest. Auch interessant vor dem Hintergrund von Corona, finde ich. Angeblich hatten ja viele Menschen so wahnsinnig viel Zeit in den letzten Wochen, dass sie sogar anfingen, ganze Bücher zu lesen. Angeblich gibt es aber auch gar nicht so wenige Menschen, die in den letzten Wochen noch weniger zum Lesen als sonst kamen: zum einen, weil sie ständig vorm Computer saßen (oder sitzen mussten), zum anderen, weil ihnen irgendwie die Muße zum Lesen fehlte. Tja, da müsste man vielleicht noch einmal im hyperschnellen China nachfragen, wie man die Ruhe zum Lesen findet, wenn man dauernd online sein soll und die Welt gerade umgekrempelt wird. Die Chinesen wissen das bestimmt. Gut, man könnte auch den Psychologie-Professor Gerhard Benetka fragen, der in einer weiteren Textbeilage der Geduld das Wort redet. Der Mann ist der Meinung, wir bräuchten Geduld ganz dringend, ja, wir bräuchten sogar alles, was damit zusammenhängt: „Muße, Gelassenheit, Beharrlichkeit, Achtsamkeit, sich Zeit nehmen, um gute Lösungen für komplexe Problem zu finden.“ Hm, ja, da hat er recht. Allerdings – ich weiß nicht, der stellt dann gleich wieder alles in Frage: Den Umfang des ganzen Lernstoffs in der Schule müsste man drastisch reduzieren und sich mit dem Rest intensiv und geduldig beschäftigen. Selbst in der Wissenschaft sieht er einen Mangel an Geduld und hält dagegen: Nur mit Geduld werde man den Menschen gerecht. Na, also wirklich, so viel Zeit haben wir jetzt nicht, das passt echt nicht. Ist wohl doch zielführender, man hält sich an die Chinesen.

Oder aber man fragt in Ischgl beim Tourismusmanager Aloys nach, der in einer der beiden Textbeilagen zum Thema Tourismus ausführlich zu Wort kommt. Der Mann weiß, dass es ohne Inszenierung auch in den Alpen nicht gehe: „Lassen Sie einen Touristen in die pure Natur raus. Der kommt nach fünf Minuten zurück, weil er damit nichts anfangen kann.“ Selbst die Stille müsse inszeniert werden: „Wenn es zum Beispiel einen Kraftplatz am Berg gibt, dann muss man diesen mit Steinen markieren und der Gast muss sich dann hinsetzen und dann muss ich ihm sagen, was er tun soll.“ Ja, da kann man froh sein, wenn der Gast bald wieder ins schöne Ischgl reisen darf. Auf dass er dann weiß, was er tun soll. Und überhaupt gilt ganz generell: Zum Tourismus, der alljährlich um vier Prozent wächst, gebe es schließlich keine Alternative. Stimmt – steht schließlich in der zweiten Textbeilage zum Tourismus-Themenpaket.

Nach der kritischen Zusammenschau aller „Inputtexte“ darf ich aus heutiger Sicht also festhalten: Wenn es schon mit dem Lesen nichts mehr wird und es mit der Entschleunigung, die manch einer noch im April zu verspüren meinte, bereits wieder vorbei ist: Wenigstens für eine Neuausrichtung des Tourismus besteht Hoffnung. Mindestens noch ein paar Wochen lang.

Nein, jetzt aber ganz im Ernst und ohne Zynismus: Vielleicht steigt ja wirklich die Demut vor der Natur, die der Fotograf Lois Hechenblaikner (der in dem Tourismus-Text auch zu Wort kommt) zusehends verschwinden sieht. Schön wär’s, finde ich. Die Themen und Textbeilagen der diesjährigen Deutschmatura haben jedenfalls „durch Corona“ an Brisanz und Dringlichkeit dazugewonnen – und das ist doch auch schon einmal etwas.

(nemo)

 

 

Notwendiges und Verzichtbares. Nachdenken über Neoliberalismus und Coronakrise

Woher rührt eigentlich meine ungebrochene Skepsis gegenüber den Maßnahmen im Umgang mit dem Coronavirus? Ist es zulässig oder geboten, verzichtbar oder sogar notwendig, auch in Zeiten einer Pandemie politisches Handeln zu hinterfragen? Solche Fragen stelle ich mir seit mehreren Wochen. Noch häufiger stelle ich sie mir, seit ich meinen Blogbeitrag über das menschliche Maß und die Maßnahmen veröffentlicht habe. Ich bin weder Zynikerin noch Anhängerin von Verschwörungstheorien. Ich habe Rechtspopulismus abgelehnt, seit ich politisch denken kann. Trotzdem finde ich mich in diesen Tagen mit Menschen und Gruppierungen, mit denen mich bis vor Kurzem kaum etwas verband, in einer Ecke. Ein wahrlich paradoxes Erlebnis.

Der Moment, als mein kritisches Nachdenken über die Maßnahmen eingesetzt hat, war schnell gekommen: Bei Begräbnissen dürften fortan nur mehr drei Angehörige anwesend sein, hieß es. Die Maßnahme traf mich im Innersten. Wie, so fragte ich mich, hätte ich das letzte Jahr unter diesen Bedingungen überlebt? Hätte ich es überhaupt überlebt? Die Fragen mögen pathetisch klingen und sind doch todernst gemeint.

Als mein Lebensgefährte, der Vater meiner dreizehnjährigen Tochter, nach einundzwanzig gemeinsamen Jahren Ende Februar 2019 tödlich verunglückte, ist meine Welt zusammengebrochen. Wenige Monate danach bin ich selbst zusammengebrochen. Ich musste nach einem Blinddarmdurchbruch notoperiert werden. Mit dem Blinddarmdurchbruch einher ging ein Burnout. Erst im Spätherbst konnte ich langsam wieder zu arbeiten beginnen. Mein 2019 war eine persönliche, private, familiäre, emotionale und körperliche Katastrophe. Und gleichzeitig war es das nicht. Mein 2019 war auch ein Jahr, in dem mir das größtmögliche Geschenk zuteilwurde: Ich wurde von meiner Tochter, meiner Familie, meinen Verwandten und meinen Schwägerinnen, von Freundinnen und Freunden, von Kolleginnen und Kollegen, von meinen Schülerinnen und Schülern, von Nachbarn und Bekannten sowie von Menschen in Institutionen am Leben gehalten. Ja, das Krankenhaus und die Operation waren lebensrettend. Der soziale Zusammenhalt und die Unterstützung von so vielen Menschen waren es ebenso.

Zu „unserem“ Begräbnis Anfang März 2019 kamen weit über hundert Menschen. Die Anwesenheit und die Anteilnahme jedes Einzelnen haben mich durch die erste Phase der Trauer getragen. Auch auf dem virtuellen Trauerportal im Internet sind zahlreiche Beileidsbekundungen eingegangen. Jede ist mir bis heute kostbar, ebenso wie die vielen Karten und Briefe. Ein Ersatz für die Präsenz so vieler beim Begräbnis und der anschließenden Trauerfeier hätten all die schriftlichen und fernmündlichen Nachrichten dennoch nie sein können.

Überwältigend war auch das, was nach dem Begräbnis passierte. Nein, ich fand mich nicht bereits nach ein paar Wochen in der sozialen Isolation wieder, ich wurde weder vergessen noch allein gelassen. Ganz im Gegenteil, ich wurde von all den bereits erwähnten Menschen durch das ganze Jahr begleitet. Erst allmählich ist es mir gelungen, Tritt zu fassen und wieder festen Grund unter meinen Füßen zu spüren, zumindest manchmal. Ende Februar 2020, kurz vor Ausbruch der gegenwärtigen Coronakrise, kamen wir, die Angehörigen, wieder mit Freundinnen und Freunden zu einer Feier zusammen, im Gedenken an den Menschen, den wir vor einem Jahr verloren hatten. Nichts ist, so würde ich heute sagen, nach einem Jahr überwunden. Aber es ist vorstellbarer geworden, dass mich der Verlust eines Tages weniger schmerzen könnte als mich die Erinnerung erfreuen wird.

Wenn ich mich heute frage, ob ich das letzte Jahr unter den gegenwärtigen Bedingungen überlebt hätte, so frage ich mich dies nicht, weil ich so egoistisch bin und nur an mein eigenes Schicksal denken kann. Nein, ich frage mich, wie Menschen, die heute einen Angehörigen verlieren, die staatlich verordneten Maßnahmen und Beschränkungen ertragen können. Der Tod pausiert in diesen Tagen, Wochen und Monaten jedenfalls nicht. Zu den an Krankheiten und Altersschwäche Gestorbenen, zu den tragisch Verunglückten kommen auch noch die in Folge des Coronavirus Verstorbenen hinzu. Wenn ein hoch betagter Mensch am Ende seines Lebens stirbt, mag die Aussicht auf eine später nachgeholte Trauerfeier vielleicht trösten. Was aber ist mit jenen, die nicht in der Lage sind, ihre Trauerfeiern aufzuschieben? Mit jenen, die der Anteilnahme und Hilfe, der körperlichen Präsenz ihrer Mitmenschen zum Überleben bedürfen?

Meine Kritik an den Maßnahmen hat sich nie auf die Sorge um materiellen Wohlstand bezogen, wenngleich ich auch diese Sorge mit Fortdauer der Krise nicht geringschätzen will. Keinesfalls aber spreche ich von den Auswüchsen einer entfesselten Konsumgesellschaft, wenn ich Sehnsucht nach der alten Normalität äußere und von unserem bisherigen Leben spreche. Wie viele andere habe auch ich in den letzten Jahren ein immer stärkeres Unbehagen angesichts des neoliberalen Umbaus unserer Wirtschaft und unserer gesamten Gesellschaft empfunden. Mit vielen teile ich auch jetzt die Hoffnung, dass die gegenwärtige Krise vielleicht dazu führen könnte, Notwendiges und Überflüssiges treffsicherer zu unterscheiden. Verzicht und Einschränkung, die Rückbesinnung auf ein naturverträgliches Maß, können befreiend wirken, das will ich nicht in Abrede stellen. Auch ich erlebe immer noch viel Schönes. Und trotzdem befällt mich eine große Besorgnis angesichts dessen, was da gerade vor sich geht. Es befremdet mich, wie bereitwillig, ja fast begeistert so viele ihr gesamtes soziales Leben aus der Realität in den virtuellen Raum verlagern. War nicht anfangs die Rede davon, wir sollten für eine Zeitlang unsere sozialen Kontakte um ein Viertel einschränken? So schnell konnte man gar nicht schauen, wurde aus dem Viertel ein Ganzes, fast so, als gäbe es auch in der Realität plötzlich nur mehr eine Welt aus Nullen und Einsen.

Ende April wurde in den Nachrichten vermeldet, dass künftig dreißig Personen an einem Begräbnis teilnehmen dürfen. Besser als drei, aber lange noch nicht so viele, wie ich gebraucht hatte und wie sie bei zahlreichen Begräbnissen in Österreich üblich sind. Außerdem, so hört man, habe es in den letzten Wochen nie ein Besuchsverbot in privaten Räumen gegeben. Umso beruhigender, dass ich meine Eltern auch während der vermeintlichen Beschränkungen regelmäßig besucht habe. Natürlich habe ich Abstand zu ihnen gehalten und tue das auch weiterhin. Sie nicht zu besuchen oder ihnen Einkäufe vor die Tür zu stellen, wäre für mich allerdings wirklich nie in Frage gekommen. Sowohl mein Vater als auch meine Mutter sind über achtzig. Sie führen ein einfaches und in mancherlei Hinsicht fast archaisch anmutendes Leben im trotz rasanter Veränderungen immer noch existierenden dörflichen Verbund einer Gemeinde im Speckgürtel der Stadt Salzburg. Meine Mutter braucht für ihr Wohlbefinden Haus und Garten sowie ihre Kinder und Enkel; mein Vater seine Holzarbeit, Begegnungen mit Nachbarn und Bekannten sowie den sonntäglichen Kirchgang mit anschließendem Wirtshausbesuch. Wirtshäuser und Kirchen sind immer noch geschlossen, ein wichtiger Teil seines Soziallebens fällt somit weg. Wer, wenn nicht die eigenen Kinder, sollten die beiden besuchen, mit ihnen reden und mit dem Vater das eine oder andere Bier trinken?

Meine Schwester wohnt seit vielen Jahren in München. Sie beruhigen die geschlossenen Grenzen nicht. 150 Kilometer schienen immer eine leicht zu überwindende Distanz zu sein. Nun liegt München plötzlich im unerreichbaren Ausland. Bereits drei Mal wurde meine Schwester in diesen Wochen von der Polizei gemaßregelt: einmal, weil sie sich mit ihrer Tochter beim Ballspielen im Olympiapark auf einer Wiese niedergelassen hatte. Sport zu treiben sei erlaubt, sich hinzusetzen jedoch nicht, wurde ihr mitgeteilt. Das zweite Mal, weil ihre Tochter, meine kleine Nichte, ihren achten Geburtstag mit zwei Nachbarskindern im Innenhof des Wohnhauses feiern wollte. „Besorgte Nachbarn“ informierten die Polizei, die Geburtstagsfeier musste aufgelöst werden. Das dritte Mal, als sie mit ihrem Kind dabei erwischt wurde, wie sie Eis schleckend mit Bekannten auf der Straße geplaudert hatte. Man dürfe sich nun zwar mit einer wohnungsfremden Person treffen, dabei jedoch kein Eis essen, so die Polizei. Ja, es gibt Gründe, warum man froh sein kann, in Österreich zu leben.

„There’s no such thing as society“, hat Margret Thatcher bereits in den 1980er Jahren gesagt. Auch in Österreich hat in den letzten Jahren neoliberales Denken Einzug gehalten und vieles verändert. Es hat Auswirkungen auf Menschen, wenn in einem Dorf keine Post und keine Bank, kein Bäcker und kein Geschäft mehr zu finden sind; wenn in der Stadt das nachbarschaftliche Umfeld ausgedünnt und verändert wird, weil Immobilieninvestoren das Sagen haben; wenn Krankenhäuser und Altersheime Effizienzkennzahlen unterworfen werden; wenn – und dagegen könnte ich immer noch anschreiben, obwohl ich bereits alles dazu gesagt habe – die Ökonomisierung der Bildung voranschreitet, Bildung durch Kompetenzen ersetzt und identitätsstiftende Rituale in der Schule einfach über Bord geworfen werden. Hinter all diesen Umwälzungen stehen und standen immer politische Entscheidungen, auch wenn „der Markt“ mit seiner Wettbewerbslogik selbst im staatlichen Bereich das Ruder übernommen hat.

Trotzdem wage ich zu behaupten, dass der soziale Zusammenhalt hierzulande immer noch besser als in vielen anderen (west-)europäischen Ländern funktioniert. Ich erinnere mich daran, wie in Frankreich während des Hitzesommers 2003 fast 20.000 alte Menschen in Altersheimen und Krankenhäusern verstarben. Mehrere hundert von ihnen mussten bestattet werden, ohne dass Angehörige ausfindig gemacht werden konnten. Ob so eine Situation auch in Österreich denkbar wäre? Ich glaube und hoffe nicht. Wenn allerdings nunmehr auch in Österreich Maßnahmen ohne Widerrede hingenommen werden, die reale Begegnungen von Menschen untersagen, gemeinsames Feiern und miteinander Trauern verbieten, dann ist Feuer auf dem Dach einer Gesellschaft.

Möglicherweise ist mit der Coronakrise das Ende des Neoliberalismus gekommen und alles wird gut. Es könnte aber auch genau umgekehrt sein: Die gegenwärtige Krise könnte als Brandbeschleuniger ganz im Sinne eines allumfassenden neoliberalen Denkens wirken. Der totale Schutz der Gesundheit wäre dann nur mehr ein Alibi, um autoritäre Maßnahmen durchzusetzen, um Menschen gegeneinander auszuspielen, um Bevölkerungsgruppen auszuschließen, einzusperren und zu überwachen, um bürgerliche Freiheiten zu beschneiden – während nichts dagegen getan wird, dass Konzerne weiterhin ihre Millionen und Milliarden scheffeln. Daher meine tief gehende Beunruhigung angesichts von Verordnungen, die wir alle noch vor wenigen Monaten für ausgeschlossen hielten.

(nemo)

PS: Zwei Artikel möchte ich noch verlinken, ein Interview mit Lukas Resetarits („Benehmen’S Ihnen net wie a Rotzbua“) aus dem Falter und ein Interview mit dem Medizinethiker Ulrich Körtner aus dem Standard. Für beide gilt: Lektüreempfehlung!

Kostbares in und aus der Schule

Heute war ich in der Schule. Die Schulen sind ja nicht vollkommen geschlossen, es gibt „nur“ keinen schulischen Unterricht vor Ort. Die Eltern könnten ihre Kinder zur Betreuung in die Schule schicken. Deshalb sind wir seit Beginn der Corona-Krise angehalten, eine Art Journaldienst aufrechtzuerhalten.

In den letzten Wochen waren bei uns am WRG keine Schüler anwesend. Erst seit dieser Woche sind wieder Kinder zu betreuen. Zwei Erstklässerinnen durfte ich heute beaufsichtigen. Als ich in den Klassenraum (als zweite Lehrperson des heutigen Tages) kam, hatten sie ihre Schulaufgaben bereits erledigt. Also konnte ich zwei Stunden lang mit ihnen spielen, quatschen und lachen. Was für eine Freude – und das meine ich echt ernst!

Danach habe ich mit den paar anwesenden Kollegen und Kolleginnen Kaffee getrunken, wieder gequatscht und weitergelacht. Die neue Ausgabe der Furche, die in der Schule herumlag, habe ich auch noch gelesen. Darin findet sich ein Gastkommentar von Maria Katharina Moser, der Direktorin der Diakonie Österreich. Die evangelische Pfarrerin ist der Ansicht, dass sich der „Erfolg“ im Umgang mit der Corona-Krise auch daran bemesse, welche Sterbekultur wir pflegen. Besser als Maria Katharina Moser kann man das, finde ich, nicht auf den Punkt bringen. Vielleicht sollte man die Lektüre des Artikels schlichtweg verordnen.

(nemo)

Gastbeitrag: Was mir Angst macht

Was mir Angst machen sollte in Zeiten wie diesen: die Ansteckungsgefahr mit CoVid 19. Was mir aber wirklich Angst macht, ist das Pathos, mit dem unserem Bundeskanzler von allen Seiten Unterstützung zugesichert wird, egal was er verkündet. Der kleine Bruder in der Koalition schaut kleinlaut zu ihm auf und verleugnet seine Werte wie zum Beispiel die Solidarität mit vor dem Krieg Schutz und Sicherheit Suchenden. Wir mögen ihnen „vor Ort“ helfen. Man schaue sich diese „Orte“ einmal genauer an. Was diesen Menschen jedoch wirklich helfen würde, wäre, sie aus den unwürdigen Unterbringungen herauszuholen und ihnen hier in Europa ein Leben zu ermöglichen. Aber der Bundeskanzler sagt Nein und die Grünen sagen dazu: nichts. Das macht mir Angst.

Was mir auch Angst macht, ist die Selbstverständlichkeit, mit der Frauen wieder in die Hausfrauenrolle zurückgedrängt werden. Meist sind es die Mütter, von denen erwartet wird, dass sie neben dem Homeoffice noch den Haushalt erledigen und die Schulaufgaben mit den Kindern machen oder/und ein Kleinkind beaufsichtigen. Offenbar mache ich etwas falsch, oder ich habe den falschen Job, aber bei mir geht nichts neben dem Homeoffice. Bald werden wir an unsere Arbeitsstellen zurückkehren dürfen, aber es bleibt die Angst, dass Errungenschaften der Frauenpolitik innerhalb von wenigen Wochen weggewischt wurden.

Mir macht auch Angst, wie in unserem Land mit den Kindern umgegangen wird. Auch ein noch so gut ausgestattetes Distance Learning reicht nicht an die Qualität des gemeinsamen Lernens in der Schule heran. In Österreich wurden noch vor den Schulen die Baumärkte geöffnet, auch die großen Einkaufszentren kommen noch vor den Volksschulkindern. Da wissen wir wenigstens, wo die Kids die Zeit verbringen können, bis die Schule wieder ihr Pforten öffnet. Bei aller Erleichterung schleicht sich auch Beklemmung ein angesichts der Vielzahl an Hygienebestimmungen, die das soziale Leben in der Schule beeinträchtigen werden. Aber wir werden ganz leise sein hinter unseren Gesichtsmasken und einfach nur froh sein, dass wir ein kleines Stück Leben zurückbekommen haben.

Warum hagelt es nicht Kritik an der Regierung? Schwächt es wirklich den gemeinsamen Kampf gegen CoVid 19, wenn wir Maßnahmen und „Fahrpläne“ der Regierung in Frage stellen? Wo sind die kritischen Medien, die wir gerade in Zeiten wie diesen brauchen? Das ist wohl die „neue Normalität“ – und die macht mir Angst.

Christine Kobler-Viertlmayr
(AHS-Lehrerin für Deutsch, Englisch und PP)

 

Sprechen und darüber Nachdenken in der „Neuen Normalität“

Ein paar Artikel, die ich an diesem Wochenende gelesen habe, möchte ich nicht verlieren. Es sind nachdenklich stimmende Beiträge, die sich sprach- und gesellschaftskritisch mit der „Neuen Normalität“ auseinandersetzen.

Zum einen handelt es sich um einen Beitrag des von mir überaus geschätzten Historikers und kritischen Intellektuellen Peter Huemer. Er fragt sich angesichts der Sprachverwendung unseres Innenministers, der „Verdachtsfälle zu isolieren“ und „Glutnester zu lokalisieren“ verspricht, in welche Gesellschaft wir da gerade hineinstolpern. (Leider sind in dem pdf-Dokument die Zeilenränder abgeschnitten – trotzdem denke ich, dass man den Beitrag einigermaßen lesen und verstehen wird können.)

Zum anderen möchte ich einen Beitrag von Regina Polak verlinken. Die Theologin reflektiert das schöne neue Wort „Hochfahren“, das uns derzeit täglich begleitet. Auch mir bereitet dieses Wort Unbehagen. (Auf den Artikel bin ich über das „Einserkastl“ von Hans Rauscher im Standard vom Wochenende gestoßen.)

Und zum dritten will ich auf den Essay der Philosophieprofessorin Anne Siegetsleitner verweisen. Sie macht sich als Philosophin im Ausnahmezustand Gedanken über unsere Gesellschaft und widmet ihren Beitrag dem Gedenken an Hannah Arendt. (Man muss auf der verlinkten Seite hinunterscrollen, bis man zu dem Beitrag gelangt.)

Zur Beruhigung angesichts dessen, was derzeit passiert, taugt keiner der drei Artikel. Kritisches Nachdenken aber befördern sie alle.

(nemo)

Vom menschlichen Maß nehmen. Nachdenken über „alternativloses“ Handeln

„Sollte beim Ergreifen von Maßnahmen nicht bedacht werden, dass bei diesem Vorgang Maß genommen wird, nicht Maß geraten?“, fragte sich Andrea Maria Dusl kürzlich in ihrer illustrierten Kolumne zum Thema „Corona-Kurven“.[1]  Maß genommen wurde und wird viel in diesen Zeiten: Man verbietet Menschen, sich zu treffen und sich nahe zu kommen, man hält Schulen, Gasthäuser und Ämter geschlossen, man riegelt Spielplätze ab, man hindert Menschen, an Begräbnissen teilzunehmen, man untersagt Theateraufführungen, Konzerte, Sportveranstaltungen und noch vieles mehr. Die Regierung verbietet uns unser bisheriges Leben und wir haben uns daran zu halten. Vielen, ja, den allermeisten scheint die Notwendigkeit all dieser Maßnahmen einzuleuchten. Sie nehmen die Einschränkungen hin, als wären sie unumgänglich. Alternativlos.

Ich selbst bin seit Wochen fassungslos. Wie kann eine Gesellschaft glauben, dass sie all das, worüber sie sich bisher definiert hat, nicht mehr braucht? Dass sie ihr Miteinander einfach abdrehen oder in einen körperlosen digitalen Raum auslagern kann? Was ist aus uns und unseren kulturellen Errungenschaften geworden?

Es scheint nur mehr ein Ziel zu geben: Hauptsache, die Sterblichkeitsrate sinkt. Der Tod ist zu einer rein statistischen Angelegenheit geworden, es geht nur mehr um Zahlen und Kurven. Die Menschen dahinter verschwinden. Der Zahl der Infizierten und Erkrankten wird jene der verfügbaren Atemgeräte auf den Intensivstationen entgegengehalten. Es wird gerechnet, modelliert und prognostiziert.

Aber ist das wirklich alles, worauf es beim Leben und Sterben von Menschen ankommt?

Der Kampf ums nackte Überleben ist entbrannt. Jenseits davon scheint alles verzichtbar. Grundversorgung und Intensivbetten – mehr brauchen wir offenbar nicht. Und diese fundamentale Reduktion wird dann auch noch mit dem Hinweis auf die Würde des Menschen gerechtfertigt. Als würde sich das Ausmaß an menschlicher Würde einzig und allein daran messen, dass wir im Krankenhaus künstlich beatmet werden können.

Wir alle gehen täglich vielerlei Risiken ein. Wir fahren mit dem Auto oder dem Fahrrad, wir arbeiten, wir gehen außer Haus. Immer öfter sind wir gezwungen, schlechte Luft einzuatmen. Viele Menschen haben Übergewicht, rauchen, essen und trinken ungesunde Sachen, fühlen sich gestresst, betreiben gefährliche Sportarten oder sitzen zu viel. Unser gesamtes Leben ist mit dem Risiko zu sterben behaftet. Jetzt aber zählt nur mehr das Risiko, am Coronavirus zu erkranken.

Jeden Tag sterben Menschen: an Krankheiten, an Unfällen oder schlicht an der unabänderlichen Tatsache, dass unser aller Leben irgendwann zu Ende geht. Bis vor kurzem hatte man darüber diskutiert, ob es nicht würdevoller sein könnte, Menschen am Ende ihres Lebens, anstatt sie intensivmedizinisch am Leben zu halten, in Ruhe sterben zu lassen. Jetzt sind solche Gedanken ungehörig, fast so, als würde man – alleine wenn man darüber nachdenkt, wie man selbst einmal sterben möchte oder was man den eigenen Eltern wünscht, – sich im Dunstkreis des nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programms bewegen. Getan wird, als ob es plötzlich darum gehen könnte, den Tod als solchen abzuschaffen. Wer dagegen ist, handelt zynisch und unmoralisch.

Abgeschafft werden soll aber nicht nur der Tod. Nein, bereits die Infektion selbst wird im Falle von Corona zum Skandalon. Die Zahlen der weltweit Infizierten werden öffentlich herumgereicht, als handelte es sich dabei um Einträge auf einer globalen Anklagetafel. Man mag an Krebs leiden, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleiden, doch an Corona zu laborieren, das geht nicht. Jedes Jahr erkranken Menschen schwer an der Grippe, gar nicht so wenige sterben daran, aber nein, an Corona darf nicht erkrankt und schon gar nicht gestorben werden. Deshalb sind alle Maßnahmen gerechtfertigt, deshalb muss das Ansteckungsrisiko nicht nur minimiert, es muss ausgeschlossen werden. Dass das Virus trotzdem nicht zu verharmlosen ist, versteht sich meines Erachtens von selbst.

Die Regierungen fast aller Staaten benehmen sich im Corona-Bekämpfungswettbewerb, als winkte dem Sieger die Übernahme der Weltherrschaft. In den Medien wird betont, was für eine wichtige Rolle der Politik jetzt wieder zukomme. In den letzten Jahren war politisches Handeln ja zunehmend durch marktkonformes Vorgehen ausgeschaltet worden. Der Markt hatte gesprochen und die Regierungen sind gefolgt. Der Spielraum zum Gegensteuern wurde immer kleiner. Jetzt sei plötzlich wieder die Politik am Zug und sage, wo’s langgeht. Aber ist das denn wirklich so? Ist das wirklich souveränes politisches Handeln, was derzeit stattfindet? Mir scheint, es ist vielmehr ein globaler politischer Gleichschritt, der nun vollzogen wird. Fast gar nichts wird in dieser Krise von einer einzelnen Regierung bestimmt. Alle machen dasselbe, und zwar auf der ganzen Welt. China hat die Maßnahmen vorexerziert und die ganze Welt kopiert sie. Wie immer gibt es Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Es sind beinahe überall die gleichen Maßnahmen, die beschlossen werden, mit dem – allerdings nicht unwesentlichen Unterschied –, dass die einen geschickter und die anderen hilfloser agieren. In Europa hat Italien, wohl auch, weil es das erste betroffene Land war, mit der hilflosen Version begonnen. Es waren die Bilder dieses Versagens, die uns alle kontaminiert haben. Bilder gehen nicht mehr weg, Bilder kann man nicht relativieren und auch nicht negieren. Das ist hinlänglich bekannt. Dagegen können wir jetzt nichts mehr machen. Zu hoffen ist nur, dass die Gründe ebenso wie die Hintergründe für das italienische Desaster eines Tages tatsächlich aufgeklärt werden.

Bei uns hat man, das Beispiel Italien vor Augen, in mancher Hinsicht geschickter agiert. Man hat die Menschen davon abgehalten, in die Arztpraxen und Krankenhäuser zu rennen. Stattdessen hat man die Infizierten daheim in häuslicher Quarantäne gehalten. Das hat – im Zusammenspiel mit dem immer noch hervorragenden österreichischen Gesundheitssystem – funktioniert. Auf diese Weise konnten die Ansteckungsraten gering gehalten werden. Aber trotzdem sah sich auch unsere Regierung bemüßigt, das volle Programm des „Shutdowns“ durchzuexerzieren.

Jetzt kommt man aus den Maßnahmen nicht mehr heraus. Jeder Schritt in eine „neue Normalität“ muss genau kontrolliert und mit dem geradezu grotesk anmutenden Zwang sich zu maskieren abgesichert werden. Ob es nicht gereicht hätte, die Menschen mit Symptomen zu isolieren und etwas mehr auf Hygiene sowie Abstand zu achten, wird man wohl kaum mehr herausfinden können. Denn mittlerweile wurde soviel Maß genommen, dass auch der Maßstab für die Pandemie selbst verloren gegangen ist. Jeder an Corona Infizierte, jeder an Corona Erkrankte, jeder an Corona Verstorbene ist nunmehr gleichermaßen ein Skandal wie ein Beweis für die Notwendigkeit der Maßnahmen.

All die anderen Toten nimmt man derweilen getrost in Kauf. Tragisch Verunglückte, an Krankheiten Verstorbene, ob jung, ob alt, sie zählen nicht.

Man lässt die Hinterbliebenen allein. Ihre Trauerfeiern werden zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden können. Als ob das eine Option wäre, wenn man einen geliebten Menschen verliert!

Man lässt die Alten und Kranken allein. Man lässt die Familien, Frauen und Kinder allein. Man nimmt die Arbeitslosen, die Verzweifelten, die Verarmten in Kauf. Koste es, was es wolle.

Man entmündigt eine Gesellschaft, man beschneidet Freiheiten, man riskiert die Demokratie. Man kümmert sich um die Grundversorgung der einen und lässt andere in Flüchtlingslagern oder auf dem Meer abkratzen, mittlerweile sogar, ohne überhaupt davon Notiz zu nehmen.

Wir dachten einmal, Teil einer zivilisierten Welt zu sein. Jetzt betrachten wir uns selbst und unsere Nächsten als potentielle Gefährder, begegnen einander, als wären Menschen nichts anderes als Virenschleudern.

Unserer Menschlichkeit dürfen wir uns indes virtuell versichern. In der digitalen Welt dürfen wir gemeinsam lachen und scherzen, musizieren und tanzen, arbeiten und lernen und können all den kulturellen Ritualen beiwohnen, die uns einmal als soziale Lebewesen aus Fleisch und Blut ausgemacht und miteinander verbunden haben. Zumindest die IT-Branche soll – ganz real allerdings – einen Grund zum Jubeln haben.

Vom menschlichen Maß wurde fast alles genommen, die Maßnahmen bleiben weiterhin aufrecht. Alternativlos aber waren sie nie.

„,Alternativlos’ ist ein anderer Begriff für ‚Keine Widerrede!’ und damit ein absolut undemokratisches Konzept. Es gibt immer eine Alternative“, so die deutsche Autorin und Verfassungsrichterin Juli Zeh.[2] Zeh hat bereits vor gut zehn Jahren einen in der Zukunft angesiedelten Roman über eine Art Gesundheitsdiktatur geschrieben.[3] Man sollte ihn wieder einmal lesen.

(nemo)

[1] Andrea Maria Dusl: „Die illustrierte Kolumne“, in: Salzburger Nachrichten, 18.4.2020

[2] Juli Zeh: „Es gibt immer eine Alternative“, in: Süddeutsche Zeitung, 4./5. April 2020

[3] Juli Zeh: Corpus Delicti, Schöffling & Co 2009

Gastbeitrag: Tatsächlich. Sie fehlen mir

Tatsächlich. Da ist es. Das Gefühl, dass ich meine Schüler*innen vermisse. Wenn ich Hannahs Text lese oder Lea per Mail Fragen beantworte, dann sehe ich sie und all die anderen vor mir. Und ja, es wäre doch schön, jetzt mit ihnen in der Klasse zu sein.

Manche von ihnen sah ich fast täglich, und das seit Jahren. So viel Kontakt, rein zeitlich, habe ich nicht mit meinen besten Freund*innen. Sie gehören zu meinem Alltag. Und ja, eigentlich eine schöne Erkenntnis: Sie fehlen mir … Ich bin wirklich – tagaus tagein – gerne mit diesen jungen Menschen zusammen.

Sabine Helmberger
(AHS-Lehrerin für Spanisch und Geschichte)