Und noch ein Plädoyer für die Literatur

Eine Schule ohne Shakespeare, Virginia Woolf oder Joachim Ringelnatz (warum nicht?) ist eine ärmere Schule und eine Universität auch. Diese Überzeugung verbindet die Schreiber der folgenden Seiten.

Literatur schafft Abstand von täglichen Sorgen und Zwängen, öffnet das große Reich des Möglichen, erlaubt es, anders darüber nachzudenken, wer wir sind, zu wem wir gehören, wer die Eigenen sind und wer die Fremden. Sie ermöglicht neues Denken, gerade, weil sie keinen Nutzen hat. All diese Argumente wird der Leser in unseren Beiträgen finden; dazu auch Vorschläge, was wir tun könnten, damit Romane, Dramen, Lyrik, Drehbücher oder Comics mit mehr Lust gelehrt und studiert würden.¹

Das Zitat stammt aus dem Vorwort zum Dossier Literaturwissenschaft in schwierigen Zeiten, das kürzlich als elfter Band der Zeitschrift HeLix erschienen ist. Wolfram cover_issue_4299_de_deAichinger (Uni Wien), Christian Grünnagel (Uni Bochum) und Sabine Mandler (Uni Gießen) haben das Dossier herausgegeben; versammelt wurden darin mehrere Beiträge, die im Sommer 2016 bei einer Tagung an der Uni Gießen diskutiert wurden.

Mein eigener Beitrag lautet: Wozu Literatur und warum eigentlich? Schulischer Fremdsprachenunterricht in Zeiten der Kompetenzorientierung am Beispiel der zweiten lebenden Fremdsprache in Österreich. Darin versuche ich (einmal mehr), gegen die Reduktion von (fremd-)sprachlicher Bildung auf kommunikative Kompetenz anzuschreiben. Der „offizielle Zug“ (Lehrplan, Reifeprüfung) scheint mir im Bereich der Fremdsprachen mittlerweile ziemlich abgefahren zu sein. Daran wird sich wohl so schnell nichts mehr ändern, zumindest nicht in eine inhaltlich anspruchsvollere Richtung. Dennoch bin ich aktuell sogar wieder etwas zuversichtlicher als noch vor zwei, drei Jahren. Nicht, dass sich an der Gesamtsituation etwas verbessert hätte, aber im Unterricht selbst ist doch trotz aller kompetenzorientierten Vorgaben immer noch mehr an individueller Gestaltung möglich als damals gedacht.

Umso mehr kommt es darauf an (und jetzt zitiere ich mich selbst), „darauf zu achten, was für eine Haltung angehende Lehrer während ihres Studiums annehmen, mit welcher Haltung sie in die Schule kommen und in weiterer Folge ihre Schüler prägen. Genau aus diesem Grund scheint es mir von immenser Bedeutung zu sein, dass Lehramtsstudierende aller Sprachenfächer – nicht nur Germanistikstudierende! – während ihres Studiums intensiv mit Literatur in Kontakt geraten – und nicht nur in Kontakt. Sie sollten so viel Literaturstudium betreiben, dass sie zu verstehen beginnen, was Literatur kann und weiß. Erst wenn dieser Verstehensprozess wirklich in Gang gekommen ist, sollten sie auf die Schüler losgelassen werden. Denn einmal in Gang gebracht, wird der Prozess nicht mehr umkehrbar sein und mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Herausbildung einer eigenständigen, zumindest ansatzweise kritischen und (selbst-)reflexiven Haltung führen.“

LehrerInnen, die eine mit und an Literatur geschulte Haltung einnehmen, können vielleicht dem vorherrschenden formalistischen und funktionalistischen Bildungsdiskurs ein bisschen besser entgegenwirken. Auch im Fremdsprachenunterricht  kann darauf nicht verzichtet werden. (nemo)

¹ Wolfram Aichinger / Christian Grünnagel: Schwere und leichte Texte – Die Zeitmaschine: ein Nachtrag verstreuter Gedanken, in: HeLix 11 (2018), S. 1-9, hier: S. 1.

 

„Finden ohne Suchen“. Flanieren in der Bibliothek

Teresa Präauer hat vor einiger Zeit einen schönen Text über den Wert von Freihandbibliotheken geschrieben. Ihr Plädoyer für diese Art von Bibliothek, in der die Bücher präsent sind, herausgenommen, aber auch wieder zurückgestellt werden können, haben wir heute im Wahlpflichtfach Deutsch zum Anlass genommen, um uns in der schuleigenen Bibliothek herumzutreiben. Wir wollten Bücher finden, ohne wirklich danach zu suchen – erst recht nicht mittels einer Suchmaschine. Nach einiger Zeit des „Flanierens in der Bibliothek“ haben wir uns zusammengesetzt und „Blindes Texte-Raten“ gespielt – ungefähr so, wie es Teresa Präauer am Ende ihres Artikels beschreibt: Man liest die erste Seite eines Buches vor und die anderen raten, wer es geschrieben haben könnte. Ist es ein zeitgenössischer oder schon ein älterer Text? Wurde er von einem Mann oder einer Frau verfasst? Handelt es sich um deutschsprachige oder übersetzte Literatur?

Wie immer wurde uns die Zeit zu kurz – auch deshalb allerdings, weil wir uns davor noch den Filmtrailer angeschaut haben, den drei der SchülerInnen im Rahmen ihres Deutschunterrichts zu Juli Zehs Corpus Delicti gedreht hatten. Die anderen KursteilnehmerInnen (und ich) waren von der dramatischen Qualität des Trailers begeistert. Ganz nebenbei und (fast) ohne mein Zutun wurde auf diese Weise zusätzlicher „Stoff“ besprochen. Wir haben über den Inhalt des Romans und über die Autorin geredet, ich habe die Begriffe „Dystopie“ und „engagierte Literatur“ beigesteuert – und die SchülerInnen, die nicht am Filmprojekt beteiligt waren, haben ein Buch kennengelernt, das ein paar vielleicht sogar bis zum nächsten Mal (oder auch später einmal) lesen werden …

(nemo)

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

518yqITusqL._AC_US327_QL65_Immer auf der Suche nach Literatur, die auch Literaturgeschichte vermitteln kann, bin ich auf „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ von Karen Duve gestoßen. Es geht darin um Annette von Droste-Hülshoff, die als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Dichterinnen gilt. Ihre Novelle „Die Judenbuche“ gehört meiner Meinung nach zumindest zum erweiterten Literaturkanon für die Schule, mit ihrer Lyrik habe ich mich noch nicht viel auseinandergesetzt, aber in meinem bevorzugten Unterstufenbuch findet sich die Ballade „Der Knabe im Moor“, mit der man einiges anfangen kann.

Den Gedanken, den Roman als Klassensatz für unsere Schule anzuschaffen, habe ich allerdings sofort angesichts der Seitenzahl verworfen: 592! Das darf man niemandem antun, der das nicht von selber will. Und auch bei mir lief das Buch ja nur unter ferner liefen, ich wollte es ja nicht für mich persönlich lesen und mein Stapel der ungelesenen Bücher (Tsundoku!) ist konstant hoch, also griff ich auf meine Alternative zurück: Hörbuch. 15 Stunden und 12 Minuten vorgelesen von Karen Duve selber. Und was soll ich sagen? Der Text hat mich gepackt und nicht mehr losgelassen.

Es geht nicht nur um die Liebesgeschichte einer jungen, nicht ganz so angepassten Frau vor zweihundert Jahren, es wird ein Sittengemälde rund um die Familie, die Kontakte mit den Brüdern Grimm, Heinrich Heine, Clemens Brentano und anderen hatte, die sich auf das altdeutsche Kulturgut zurückbesinnen wollten, gezeigt. Ich konnte mit den Figuren Reisen auf furchtbaren Straßen erleben, ich empfand die Langeweile von Freifräuleins, die keine Aufgabe im Leben haben, wenn sie nicht geheiratet werden, und deren Wert innerhalb der Familie nur mäßig ist, wenn sie eigene Gedanken kompromisslos vertreten. Ich wunderte mich über die skurrilen Figuren der Grimms oder der altdeutsch gesinnten Studenten in Göttingen, der Freunde von August von Droste zu Hülshoff. Ich fror mit Heinrich Straube, dem mittellosen Studenten, den Annette wirklich zu lieben glaubt, wenn er sein Zimmer auf die Temperatur von 14 oder 15 Grad heizen kann. Und wie lange die Beförderung eines Briefes dauerte …

Natürlich ist er nicht standesgemäß und kommt für eine Verbindung nicht in Frage, aber Annette hat ja auch nicht wirklich die Möglichkeit herauszufinden, wie das ist, jemanden zu lieben, und da sie selbst innerhalb ihrer Familie kaum Anerkennung bekommt – im Gegenteil, sie wird vor allem von ihren Brüdern klein gehalten – , findet sie es schön, dass sich jemand ihrer Gedichte annimmt. In einer wunderbaren Szene küsst Straube sie unbeholfen, doch die junge, sehr kurzsichtige Frau sieht seine schlechten Zähne und riecht seinen strengen „Flausch“ (Mantel) – das lässt also nicht direkt Verliebtheit zu. Doch es entsteht eine Seelenverwandtschaft, die beide letztendlich unglücklich macht. Die Kussszene wird übrigens im Abstand von mehreren hundert Seiten aus der Sicht beider Beteiligter geschildert. Er empfindet seine Nase als zu groß und seine Brille verrutscht – sie lässt alles über sich ergehen und beobachtet ihre Empfindungen.

In dem „kurzen Sommer“ finden mehrere Männer das unangepasste Freifräulein anziehend und das lässt letztendlich auch die Beziehung zu Straube nicht weiter entstehen. Richtig sympathisch wird einem diese Annette von Droste-Hülshoff nicht, aber man erkennt das Potenzial einer Frau, die vor 200 Jahren für unpassend gehalten wird und sich nicht entwickeln darf.

Karen Duve hat gut recherchiert und einen historischen Roman geschrieben, dessen Figuren lebendig werden und etwas über den Beginn des 19. Jahrhunderts erzählen. Die starrsinnigen, eigenbrötlerischen Grimms, der extrovertierte Heinrich Heine, der immer wieder in Gesprächen bewunderte Goethe, August von Droste-Hülshoff, der Heinrich Straube als neuen Goethe verehrt und finanziell unterstützt, die Schwestern und Tanten der Familien Droste-Hülshoff und Haxthausen und ihre Lebensumstände sind in diesem Roman gut aufgehoben und ich konnte ein Stück des Weges mit ihnen zurücklegen und erfahren, wofür sie ich interessiert haben. Ich hab mich ungern von ihnen getrennt, aber ich bin sehr froh, dass ich nicht in dieser Zeit leben musste. (juhudo)

Im Kulturjournal des NDR kann man ein bisschen etwas über den Roman von Karen Duve selbst erfahren:

Und hier kann man die erste Viertelstunde des Hörbuchs ausprobieren:

Mein 2018-Kalender. Ein Jahresrückblick

Bevor ich meinen Tischkalender vom gerade noch nicht vergangenen Jahr durch einen neuen ersetze, habe ich ihn noch einmal durchgeblättert. Was hatte ich mir im Laufe des Jahres notiert? Was davon war bloß dem Tagesgeschäft geschuldet und kann getrost entsorgt werden, was davon ist es wert, hier und jetzt erwähnt zu werden?

Der allerwichtigste Kalender ist ja eigentlich mein Kopf. Solange nicht allzu viele Termine anstehen, solange die Zeiten nicht gar zu dicht werden, reicht mein Gedächtnis aus. Zur materiellen Unterstützung habe ich einen Moleskine-Kalender in der Schultasche, um Termine und Dinge zu notieren. Häufig genügt es aber, die Termine und Dinge dort einzutragen, nachschauen tu ich selten. Wie gesagt, das Gedächtnis funktioniert. Meistens halt und solange sich nichts überschlägt.

Den Tischkalender auf dem Schreibtisch zu Hause benutze ich vor allem, um Listen zu erstellen, wenn ich nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht. Oder um etwas zu notieren, was ich nicht vergessen will. Also, fangen wir von vorne an:

Gleich auf der ersten Seite im Januar 2018 steht: „Mami ist die beste!“ Auch klein geschrieben ist das das Beste und Schönste, was auf dem Kalender steht. Danke, allerbestes Kind!

Daneben habe ich ein paar „Poolthemen“ für die Französisch-Matura notiert: Essen und Trinken, Kleidung sowie Gesundheit. Quasi menschliche Grundbedürfnisse, die man als MaturantIn aus einem „Themenpool“ ziehen kann, um sie sodann vier Minuten monologisch und acht Minuten dialogisch zu zerreden. Dazu ist aus meiner Sicht bereits alles gesagt.

Gehaltvoller wird’s im Februar. Da steht: „allgemeine Menschenbildung“ und danach: „Was ist Kunst/Literatur? Die besten und exzeptionellsten Formen, in denen Menschen über ihr Menschsein nachgedacht haben.“ Lernen mit und durch Literatur sei „exemplarisches Lernen mit Hervorbringungen des Menschen, wo das Menschsein zur Disposition gestellt wird“. Ich erinnere mich, so (oder so ähnlich) hat Konrad Paul Liessmann das bei einer Podiumsdiskussion beschrieben. Gut, dass ich das auf meinem Kalender festgehalten habe!

Darunter ist zu lesen: „Literaturunterricht als Ort migrationsgeschichtlicher Praxis“. Oh ja, das verweist auf das Lehrwerk Deutschunterricht in der Migrationsgesellschaft. Eine Einführung von Heidi Rösch. Das Buch verwende ich im Konversatorium iu„Interkultureller Deutschunterricht“, das ich am Fachbereich Germanistik der Uni Salzburg immer wieder einmal halte. Darüber wollte ich längst schon einmal ausführlicher in diesem Blog berichten. Neujahrsvorsatz!

Im März sind gleich mehrere Telefonnummern aus Belgien, Holland und Deutschland vermerkt; „Bahnhof DB“ steht auch da. Ja, natürlich, da habe ich intensiv an der Klassenreise gewerkelt. Im Rahmen des Kulturprojektes „Europa schreiben“ sind wir Ende April nach Brüssel und Amsterdam gefahren. Ein schulisches Highlight des Jahres 2018.

Im April eine Liste mit Dingen, die unbedingt zu tun waren: „Koffer einbuchen“, „Garage“ und ähnliche damals unaufschiebbare Sachen sind vermerkt. Das schulische Highlight des Jahres 2018 hatte seine Schatten vorausgeworfen …

Bereits Anfang Mai findet sich die Notiz „Happy Days“. Ich erinnere mich gut daran, es ist nämlich jedes Jahr um diese Zeit das Gleiche: Man ist voll im Schulstress, es gibt tausend Dinge zu tun, weitere tausend stehen an – und man muss sich überlegen, was man in der letzten Schulwoche Anfang Juli bei den so genannten Happy Days anbieten will. Wenn’s dann so weit ist, finde ich das Angebot großartig. Die Seite, auf der die Kurse (inklusive Kurzbeschreibung, Dauer, Treffpunkt, ev. Kosten etc.) übers Internet einzusehen und von den SchülerInnen zu buchen sind, ist zudem ziemlich professionell gemacht. Aber jedes Jahr Anfang Mai würde ich die Happy Days am liebsten verwünschen. Ebenso wie ich im Mai 2018 die „Abrechnung Brüssel“ am liebsten verwünscht hätte …

Im Juni findet sich dann die Auflistung „was ich im Blog schreiben will“. All das also, wofür ich, wie es im Juni halt so ist, keine Zeit gefunden habe. Jedenfalls steht auch da schon „Uni-Lehrveranstaltung“ – in diesem Fall allerdings bezog es sich auf die Übung „Literatur- und Mediendidaktik“, die ich im Sommersemester zum Thema „Flucht und Migration in Literatur, Film und Comic“ gehalten habe. Im Juli habe ich dazu iu-2Aspekte/Inhalte notiert, die von den Studierenden in ihrer Lehrveranstaltungsreflexion als besonders gelungen hervorgehoben wurden: die Methode Freewriting, den Besuch im Literaturhaus mit der Ausstellung „Der Riss“, den Kinobesuch und die anschließende Diskussion zum Film-Buch-Vergleich von Anna Seghers „Transit“, die Leitfragen für eine postmigrantische Lesart von Heidi Rösch, die Einbeziehung der Gattungen Film (Christian Petzold: „Transit“ und Philippe Lioret: „Welcome“) und Graphic Novel (Reinhard Kleist: „Der Traum von Olympia“), den Gedanken „Schreiben ist Verankerung im Ich“ von Elisabeth Kössmeier und generell das Thema und die Textauswahl.

Eine Liste mit Fortbildungsveranstaltungen an der PH füllt ein Juli-Blatt, die Auflistung jener Theaterstücke, die ich für das Schauspielhaus-Abo mit meiner Klasse ausgewählt habe (Das goldene Vlies, Jugend ohne Gott, Die Physiker und Die Hauptstadt) ein August-Blatt.

Im September gab es außer ein paar Kleinigkeiten („Stadtbibliothek verlängern“) nichts zu notieren. Irgendwie erstaunlich, aber für mich schon nachvollziehbar: Die Sommerferien 2018 waren wirklich erholsam gewesen, der Kopf frei und aufnahmebereit. Alles, was zu tun war, wurde entweder nur geistig oder im Moleskine notiert.

„Bedeutung von Literatur als SprachSPIEL“ steht im Oktober einfach so da. Aber ich weiß schon wieder, das habe ich mir im Zusammenhang mit den Tagen der Literaturdidaktik in Wien notiert. Da ging es diesmal um „Literarisches Lernen im Kontext Sprachlicher Bildung“ und u. a. um Humor als Unterrichtsprinzip. Auch darüber wollte ich ja schon längst schreiben. Neujahrsvorsatz!

Im November lese ich „Gutachten für Diplomarbeit“, „Themenpool für Deutsch-Matura“ und „Portfolios korrigieren“. Ja, der November war dicht. „Gutachten für Diplomarbeit“ bezieht sich auf eine Tätigkeit, die ich nun schon zweimal wahrgenommen habe, nämlich Diplomarbeiten zu begutachten, die für einen Preis der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung vorgeschlagen wurden.

Tja, und danach findet sich noch eine Liste: Eine Namensliste von Menschen, bei denen ich mich zu Weihnachten bedanken wollte, denen ich eine Kleinigkeit schenken wollte. Es gelingt mir eh nie, all das umzusetzen, was ich mir vornehme, und auch in dieser Liste finden sich ein paar Menschen, denen ich schlussendlich dann doch wieder nichts geschenkt habe. Trotzdem: Vieles ist sich ausgegangen, so manches wurde umgesetzt, etliches habe ich geschafft, einigen gedankt. Ein paar unerledigte Altlasten dürfen zu Neujahrsvorsätzen mutieren. Ist eh nur Zahlenspielerei, das mit dem neuen Jahr. Aber: Danke, Anne, Eva, Doris, Christiane, Gerda, Claudia und all den anderen KollegInnen, denen ich das längst schon (wieder) einmal sagen wollte!

(nemo)

 

 

 

 

Von luftigen Höhen und gar nicht so lustigen Tiefen. Zum Stellenwert der Literatur in der Schule

„Lies keine Oden, lies die Fahrpläne?“ Unter diesem Titel veranstalteten die IG Autorinnen Autoren und die Österreichische Gesellschaft für Germanistik im Dezember eine Enquete zum Stellenwert der Literatur im Unterricht und in der Ausbildung in Österreich. Verschiedene mit Literatur befasste ExpertInnen aus unterschiedlichen Bereichen – AutorInnen, LiteraturkritikerInnen und LiteraturwissenschaftlerInnen – sowie Bildungspolitiker nahmen daran teil.

Ich selbst war eingeladen, ein Statement als „Expertin für Literaturvermittlung in der AHS“ abzugeben – und hatte gleich einmal ganz praktisch (Bekomme ich überhaupt die Genehmigung des Schuldirektors, an einem ganz normalen Freitag der Schule fernbleiben und stattdessen nach Wien fahren zu dürfen?), aber auch gedanklich zu tun, um der Einladung überhaupt nachkommen zu können. Denn: Wofür ist man als LehrerIn eigentlich ExpertIn? Oder anders gefragt: Ist man als LehrerIn ExpertIn für irgendetwas?

Betrachtet man die Frage vom Fach bzw. von der Sache her, gibt es jedenfalls ausgewiesenere Spezialisten. Aber selbst wenn man die Frage von der Vermittlungstätigkeit her denkt, gibt es genügend Menschen, die auch das professioneller betreiben (können) als Lehrer. Allenfalls ist man als LehrerIn SpezialistIn für die Arbeit mit den Schülern und Schülerinnen. Das heißt, man versucht, im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten, sein Fachwissen, aber auch seine Erfahrungen und Werte an die jeweiligen Schüler zu vermitteln und sie in ihrer fachlichen wie persönlichen Entwicklung zu begleiten. Im Schulalltag und aus der Innensicht der Schule heraus betrachtet, kommt da schon einiges an „Querschnittsexpertentum“ zusammen, aus der Außenperspektive aber bleibt vieles davon vage und lässt sich nur schwer nachvollziehen. Das wirkliche Spezialistentum von LehrerInnen ist eben an die SchülerInnen und die spezifische Schulsituation gekoppelt. Um das anderen Personen erklären zu können, gilt es, die spezifische Schulsituation mitzudenken, ohne jedoch im allzu Konkreten und Detailhaften verhaftet zu bleiben. Langer Rede, kurzer Sinn: Ich habe mir ganz schön viele Gedanken darüber gemacht, wer die Person eigentlich ist, die da eingeladen wurde, um über Literaturvermittlung in der AHS zu sprechen.

Während der Enquete wurden meine Befürchtungen, vielleicht gar nicht die Richtige für diese Aufgabe zu sein, jedoch sofort zerstreut. Vom ersten Vortrag an hatte ich das Gefühl, am genau richtigen Ort zu sein. Das lag natürlich daran, dass lauter an Literatur interessierte, mit Literatur befasste, um die Potenziale von Literatur wissende, durch Literatur gebildete Menschen versammelt waren, um über die Marginalisierung der Literatur im österreichischen Bildungswesen und mögliche Auswege aus der gegenwärtigen Situation nachzudenken. In diesem Umfeld hatte ich tatsächlich das Gefühl, mit meiner Kritik an den Reformen, die im Fach Deutsch in den letzten Jahren stattfanden, auf offene Ohren zu stoßen, eigene Beobachtungen und Diagnosen von außen bestätigt zu bekommen und neue Impulse zu erhalten.

Als Lehrerin muss man sich früher oder später mit den Gegebenheiten abfinden – was bleibt einem anderes übrig? Man kann der neuen Matura mit ihren fragwürdigen Formaten, der Textsortengläubigkeit und der Überbetonung von normgeleitetem, schematisiertem Schreiben noch so kritisch gegenüberstehen, man kann die generelle Tendenz zur Formalisierung und Funktionalisierung von Wissen und Inhalten noch so sehr ablehnen, die Schülerinnen und Schüler jedes neuen Jahrgangs müssen trotzdem so gut wie möglich auf die gegenwärtige Matura vorbereitet werden. Mehr als den eigenen Handlungsspielraum im bestehenden System wahrzunehmen und zu versuchen, wo es geht, ein bisschen dagegenzuhalten, ist nicht machbar. Nicht zuletzt gilt es, mit den eigenen „Ressourcen“ – wie es im neoliberalen Sprech so schön heißt – achtsam umzugehen und sich nicht im aussichtslosen Widerstand aufzureiben.

Umso wohltuender ist es – und sei es nur einen Tag lang – sich unter Menschen wiederzufinden, denen wirklich an einer sinnvollen Verbesserung der Deutschmatura gelegen ist, und zwar an einer inhaltlichen. (Wenn vonseiten der Bildungspolitik von Verbesserung die Rede ist, wird ja immer nur an eine „qualitative Verbesserung“ der bestehenden Formate und Aufgabenstellungen gedacht.) Gemeinsam darüber nachzudenken, was ernsthafte und ernstzunehmende Beschäftigung mit Sprache, Diskursen und Themen eigentlich heißen und leisten könnte und welcher Stellenwert literarischen Texten in einem so verstandenen Deutschunterricht und einer daraus resultierenden echten Reifeprüfung zukommen müsste, beflügelt geradezu.

„Luft und Lust“ mahnte Ludwig Laher für die Deutschmatura ein. In der Differenz zur aktuellen, durch Schematisierung und Beschränkung geprägten Prüfungsform läge durchaus – na, nennen wir’s – Entwicklungspotenzial.

(nemo)

PS: Die einzelnen Beiträge der Enquete werden nachzulesen sein. Genaueres dazu in Bälde.

 

 

Silent Walk

Mit meinen SchülerInnen aus dem Wahlpflichtfach Deutsch habe ich letzte Woche einen „Silent Walk“ zum Christkindlmarkt durchgeführt. Unser Ansinnen war es, ganz aufmerksam und ohne zu reden von der Schule bis zum Domplatz zu gehen und dabei so viele Eindrücke wie möglich aus der Umgebung aufzunehmen.

Zuerst haben wir ein paar nachdenklich stimmende Texte von Walter Müller gelesen, danach sind wir losmarschiert. Vor dem Dom haben wir uns getroffen und kurz ein paar Eindrücke ausgetauscht. Um unsere Gedanken gleich schriftlich festhalten zu können, haben wir uns einfach in den Dom gesetzt und eine halbe Stunde lang geschrieben, bevor wir dann noch einen Punsch zu uns genommen haben und wieder zur Schule zurückspaziert sind.

Gestern haben wir einander die vor einer Woche begonnenen und während der Woche be- und überarbeiteten Texte vorgelesen. Jede(r) einzelne SchülerIn hatte etwas geschrieben, alle haben sich auf ihre Weise mit Weihnachten, mit den Versprechungen, Verheißungen und „Verquerungen“ von Weihnachten auseinandergesetzt.

So wie die SchülerInnen sich gegenseitig und mir ihre Texte vorlesen, so lese auch ich ihnen die meinen vor. Ein gegenseitiges Geben und Nehmen, ein gemeinsames Arbeiten und Austauschen, wie es schöner nicht sein könnte. Für mich Schule at its best.

(nemo)

Bevor es Nacht wird im Advent

Verlassene Gassen, grauer Asphalt
Von leeren Blicken der Weg gesäumt
Eingehüllt in eine Decke sitzt
An jeder Ecke jemand und wartet.

Bleiche Gesichter treiben vorüber
Erwartungsvoll den Blick gesenkt
Wie Kranke hängen sie an ihrem Tropf
Zugedröhnt und in sich verkabelt.

Besinnungslos essen und noch viel mehr trinken
Festgehalten im Bild, gleich mehrfach verschickt
Nebenan das Christkind, es verkauft seine Lose
Kein Wunder wird’s geben, nicht heut nicht und morgen.

Vor dem Dom stehen Kinder und singen stumm
Die Dunkelheit erst bringt uns die Hoffnung zurück
Hell erleuchtet die Stadt und erlöst nun vom Tage –
Vom heute gewesenen Tage.

Salzburg, 11.12.2018

 

Orthographie und Interpunktion (Fortbildung)

Über eine Veranstaltung im November möchte ich gerne noch berichten: Es ist ja vielleicht ein bisschen komisch, dass ich mich noch für Fortbildungen zu den obigen Themen interessiere, aber wenn Wolfgang Schörkhuber, der Fachdidaktik im Fach Deutsch an der Uni unterrichtet, Fortbildungen für die PH Salzburg organisiert, an der HAK Neumarkt unterrichtet und ein Schulbuch verfasst hat (das ist das, was ich von ihm weiß ;-), aber es gibt sicher noch viel mehr…), eine Fortbildung empfiehlt, weiß ich, dass ich mich dafür interessieren sollte. Er hatte bisher immer, wenn ich dabei war, hervorragende Vortragende verpflichtet, die in intessanten Bereichen forschen. Bei Rechtschreibung und Grammatik denk ich mir ja immer, dass da noch was gehen muss.

Dieses Mal war Astrid Müller, Professorin für Erziehungswissenschaft unter besonderer Berücksichtigung der Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Uni Hamburg für eine Vorlesung und einen Workshop-Tag eingeladen.1 Ich war beide Male anwesend, einmal sogar mit Hund.

Am Abend des 15. November hielt Prof. Müller eine Vorlesung im Unipark. Die Zusammenarbeit zwischen Universität und PH ermöglicht solche Veranstaltungen überhaupt erst, da die Kosten geteilt werden können. Astrid Müller berichtete über aktuelle Entwicklungen in der Orthographie- und Interpunktionsdidaktik. Ein beträchtlicher Anteil (so zwischen 14% und 22%) der SchülerInnen in Deutschland erreichen die Mindesstandards in den Tests nicht. Für Österreich gibt es keine Werte, da „bei der Standardüberprüfung für die 8. Schulstufe 2016 eine Neuskalierung erfolgte“. (Da hab ich wieder einmal nix davon mitbekommen…).

Besonders häufig sind jedenfalls Fehler bei

  • der satzinternen Großschreibung
  • der Getrennt- und Zusammenschreibung (die auch mit der letzten Rechtschreibreform zusammenhängen)
  • und der Interpunktion – oder eigentlich nur der Beistrichsetzung. Sie ist auch noch die Hauptfehlerquelle von Studierenden.

Aus diesen Analysen enstanden die Forschungsfrage „Unterstützt ein an der Struktur orientierter Rechtschreibunterricht die Leistungen im Bereich Wortschreibung besser als ein phänomen- und regelorientierter Unterricht?“ und entsprechende Versuche in 15 Hamburger Schul- und zehn Vergleichsklassen über den Zeitraum eines Semesters hinweg. In der Arbeit mit dem Silbenhaus zum Beispiel werden zweisilbige Wörter eingesetzt und die Verdopplung von Konsonanten (oder eben nicht) gemeinsam mit den Kinder untersucht. Zweisilbige Wörter deswegen, weil die meisten von ihnen zum nativen Wortschatz gehören. (Die meisten Mehrsilber dagegen nicht, sie sind Fremdwörter und funktionieren anders.)

Also:

  • Die meisten deutschen Wörter sind zweisilbig (außer „Ebene“).
  • Fast alle haben ein „e“ in der Reduktionssilbe.
  • Der Anfangsrand der zweiten Silbe beginnt immer mit einem Diphthong.Silbenhaus

Der Vorteil der Methode mit dem Silbenhaus liegt darin, dass die SchülerInnen die Struktur eines Wortes sehen und sich damit selbst erarbeiten können. Ähnliche Erkenntnisse gibt es auch zur satzinternen Großschreibung und zur Beistrichsetzung.

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Besonders spannend bei den Lösungsansätzen von Prof. Müllers Forschungsgruppe ist, dass sie völlig pragmatisch sind. Sie orientieren sich an den Fehlerhäufigkeiten und daran, dass Rechtschreibkenntnisse im Berufsleben immer noch eine wichtige Rolle einnehmen. Die häufigsten Schwierigkeiten werden analysiert und trainiert. Was man umgehen kann – z.B. die Silbentrennung – wird umgangen. Ihre Hauptzielgruppe sind Kinder der Grundschule und der Sekundarstufe 1 und für diese hat Müller gemeinsam mit Melanie Bangel „Wörtern und Sätzen auf der Spur. Mein Rechtschreibheft“2 herausgebracht. Ich werde es ausprobieren, ich glaube auch, dass Kinder diese Übungen sehr gerne machen werden und sie auch Erfolge sehen werden.

(juhudo)

1 Sie ist auch eine der HarausgeberInnen von Praxis Deutsch. Zeitschrift für den Deutschunterricht.
2 Müller, Astrid und Bangel, Melanie: Wörter und Sätzen auf der Spur. Mein Rechtschreibheft. 2. Aufl., Seelze 2018.