Schnell, schneller, am schnellsten. Das Tempo zu Schulbeginn

Zweite Woche und die Schule hat bereits rasant an Fahrt aufgenommen. Zumindest erlebt es mein Kind so, und auch bei der Cousine in Bayern ist es nicht anders. Die meisten LehrerInnen legen von Anfang an richtig los, bereits letzte Woche gab es Hausübungen, die ersten Lernzielüberprüfungen sind fixiert und auch der Nachmittagsunterricht ist schon wieder in vollem Gang. Manche Eltern sind bestimmt froh, dass ihr Kind endlich wieder gefordert ist, ein paar finden wahrscheinlich immer noch, dass es viel zu langsam vorwärtsgeht, und sicherlich gibt es auch Kinder, denen trotz alledem langweilig ist.

Mein Kind gehört nicht zu den Schnellstartern. Mein Kind braucht zu Schulbeginn Zeit. Zeit, um sich wieder an den Rhythmus zu gewöhnen, Zeit, um die Materialien zu besorgen und herzurichten, Zeit, um alles auf „die Reihe zu kriegen“, Zeit, um sich an die neue Situation in der Klasse zu gewöhnen und auch Zeit, um sich von den vielen Ankündigungen und Informationen, die täglich auf alle Beteiligten einprasseln, zu erholen. Mein Kind hätte nichts gegen ein gemäßigteres Anfangstempo einzuwenden.

Aber ok, schon nächste Woche gibt es hier wieder zwei freie Schultage. Einerseits sind die meisten froh, wenn sie ein bisschen durchschnaufen können, andererseits erscheint es wahrlich als seltsam, wenn man nach zwei Wochen Schule das Gefühl hat, durchschnaufen zu müssen. Aber ja, es ist wohl wie beim Joggen: Wenn man zu schnell lossprintet, bekommt man innerhalb kürzester Zeit Seitenstechen und muss gleich wieder pausieren. Beginnt man hingegen langsamer, findet man viel besser in einen Laufrhythmus, den man sodann auch lange durchhalten kann. Aber wer hat schon Zeit, über ein angemessenes Anfangstempo (oder gar über Aufwärmübungen!) nachzudenken, wenn alle losrennen, als gälte es einen (absurden) Streckenrekord zu brechen.

(nemo)

 

Poetische Wegbegleiterinnen II: Hilde Domin und die Notwendigkeit der Bitte

Über Umwege bin ich auf Hilde Domin gestoßen: Die Wiederholung eines Ö1-Menschenbildes über Ute Karin Höllrigl, das anlässlich ihres 80. Geburtstags im Sommer ausgestrahlt wurde, hat mich mit der analytischen Psychologin und Traumforscherin bekannt gemacht. Ich habe mir mehrere Bücher von ihr ausgeborgt, eines davon hat mich besonders angesprochen: Vertrauenswege heißt es und es ist eine Art Dialog zwischen Großmutter und Enkelin. Den ganzen Sommer über habe ich immer wieder in diesem Buch geschmökert und mich mit Ute Karin Höllrigls Gedanken und Ausführungen befasst.

Ute Karin Höllrigl beruft sich häufig auf die Lyrik, auf Gedichte von Ingeborg Bachmann, Rainer Maria Rilke und eben Hilde Domin. Insbesondere das Gedicht mit dem schlichten Titel Bitte hat es ihr – und mittlerweile auch mir, die ich zwar ein paar Hilde Domin-Gedichte gekannt hatte, dieses aber nicht – angetan.

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Eine Bitte ist irgendwie ein recht seltsames Ding und scheint so gar nicht in unsere gegenwärtige Welt zu passen. Was wir brauchen, kaufen wir uns und gegen Risiken schützen uns Versicherungen. Wenn wir also Bitten äußern, dann sind sie meist Ausdruck bloßer Rhetorik. Nach dem Motto: „Wir bitten Sie, den fälligen Betrag umgehend einzuzahlen.“ Zahlt man nicht, folgt die Mahnung. Bitten sind also meist nur höfliche Versionen von Aufforderungen, denen unbedingt nachzukommen ist.

Die echte Bitte hingegen kann nicht auf Erfüllung bestehen. Die echte Bitte ist nicht mehr als eine Art Hoffnung, die erfüllt werden, die aber ebenso zurückgewiesen werden, ja, die sogar unerhört bleiben kann. Eine echte Bitte ist mit einem Risiko verbunden und setzt so etwas wie Vertrauen voraus. Man muss dem Anderen vertrauen, um ihn um etwas bitten zu können. Denn selbst wenn der Andere meiner Bitte nicht nachkommen kann, sollte er sie zumindest ernst nehmen und sich mit ihr auseinandersetzen, damit ich mich gehört fühlen kann. Wo dieses Vertrauensverhältnis nicht gewährleistet ist, kann man schlecht eine echte Bitte äußern. Eine Bitte scheint vielen Menschen (deshalb?) problematisch und ein Ausdruck von Schwäche zu sein. Man braucht etwas vom Anderen, das man selbst nicht hinkriegen würde. Man wird dadurch vom Anderen abhängig.

Immer wieder begegnet man Menschen, die sogar kleine Bitten des Alltags höchst ungern äußern, ja, die Hilfsangebote ausschlagen und darauf beharren, die Aufgabe selbst bewältigen zu können. Die betagte Nachbarin, zum Beispiel, die alleine im zweiten Stock lebt, das Schicksal, alleine zu leben bedauert, und deren Sehkraft mittlerweile so eingeschränkt ist, dass es ihr Schwierigkeiten bereitet, sich außerhalb der eigenen Wohnung zu orientieren. Aber jemanden um Hilfe zu bitten kommt nicht in Frage. Auch das Angebot, ihr zu helfen, für sie oder mit ihr einkaufen zu gehen und die Beteuerung, dass man es gerne mache, führt zu nichts. „Nein, so lange ich es alleine schaffe, mache ich es selbst. Ich brauche niemanden.“

Ja, ich glaube, ich habe auch schon oft so ähnlich reagiert und keine Bitte geäußert, das Angebot der Hilfe nicht angenommen und darauf beharrt, es alleine zu schaffen. Solange es nicht unumgänglich ist, kommt uns echtes Bitten echt komisch vor.

Dagegen nun Hilde Domins Bitte. Da stellt sich die Frage nicht, ob man Hilfe annehmen kann oder nicht. Sie spricht vom Existentiellen. In dieser Situation hat man nicht die Wahl, um Hilfe zu bitten oder es alleine zu schaffen, ja, die Bitte zielt auch weniger auf Hilfe im Sinne von Abhilfe ab als auf Hilfe im Sinne von Selbsterkenntnis. „Durchnäßt bis auf die Herzhaut“ kann es nur darum gehen, die richtige Bitte zu äußern, jene Bitte nämlich, die taugt. Die Bitte, „immer versehrter und immer heiler“ zu sich selbst entlassen zu werden. Die Alternative zu dieser Bitte ist nicht weniger als der eigene Untergang.

BITTE

Wir werden eingetaucht
und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen
wir werden durchnäßt
bis auf die Herzhaut

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht
der Wunsch den Blütenfrühling zu halten
der Wunsch verschont zu bleiben
taugt nicht

Es taugt die Bitte
daß bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe
Daß die Frucht so bunt wie die Blüte sei
daß noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden

Und daß wir aus der Flut
daß wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden

Über Hilde Domin muss ich noch mehr schreiben. Ihre Frankfurter Poetik-Vorlesungen, die ich gerade gelesen habe, begeistern mich … (nemo)

Der Wunsch zu schreiben

Dieser Tage verspüre ich den Wunsch, den Beginn des diesjährigen Schuljahres mit meinen Gedanken, Anekdoten und Reflexionen aus der Ferne zu begleiten. Notizen vom Beckenrand sozusagen, denn ein Mitschwimmen im Schulgeschehen ist mir immer noch nicht möglich. Zu fundamental war der Zusammenbruch im Frühsommer, als dass über die Ferien alles wieder verheilt wäre. Es fällt mir schwer, am Beckenrand zu sitzen und nicht mitmischen zu können. Und doch ist es auch ein Geschenk, nicht mitschwimmen zu müssen. Denn bei allem, was mir widerfahren ist, bemerke ich doch das viele Glück, das ich habe. Dazu zählt auch eine funktionierende Krankenversicherung.

Das Schuljahr mit meinen Gedanken begleiten, das wollte ich eigentlich jedes Jahr. Von Zeit zu Zeit ist es gelungen, nicht zuletzt ist auch der Blog in den vergangenen Jahren gehörig angewachsen, wenngleich sich das Wachstum in letzter Zeit doch recht verlangsamt hat. Immer schon fehlte mir die Zeit fürs Schreiben. Wenn ich denke, was es alles zu schreiben gegeben hätte, was mir von all dem, was da so täglich in der Schule passierte, als mitteilenswert erschien, dann sind die existierenden Blogeinträge ja allenfalls ein Bruchteil dessen, was ich immer schreiben wollte. Denn allzu oft ließ der Schulalltag einfach kein Schreiben zu. 

Nun habe ich Zeit. Aber was gibt es aus der Ferne überhaupt zu schreiben? Schule lebt vom Geschehen, und wenn man nicht dabei ist, kann man auch nicht viel dazu sagen. Andererseits könnte ein bisschen Abstand auch ganz guttun, um einen anderen Blick auf die Schule zu werfen. Es müssen ja nicht die Geschichten aus dem Inneren sein. Wie wir wissen, gibt es viel über die Schule zu sagen. So mancher Experte hat auch nicht das Gefühl, er müsste die Schule unbedingt von Innen her kennen, um darüber zu urteilen. Und Manches kriegt man ja auch von Außen mit: Gerade gestern konnte man medial wieder einmal erfahren, wie teuer das österreichische Schulsystem denn nicht sei. Zu hohe Lehrergehälter und zu kleine Klassen, das alte Lied. 26 SchülerInnen sind derzeit in der Klasse meiner Tochter. Zu wenige?

Aber: Darf ich denn überhaupt? Ist es legitim, über Schule nachzudenken, wenn man krankgeschrieben ist? Andererseits: Wer sollte es mir verbieten? Die Frage muss wohl eher lauten: Ist es sinnvoll, über Schule nachzudenken, wenn man nicht in der Schule ist? Mache ich es mir zu leicht, wenn ich mich an den Computer setze und schreibe, obwohl ich mich erholen sollte? Andererseits: Wenn ich es gern tue, ist es dann nicht vielleicht meiner Erholung zuträglich?

Viele Fragen. Warum verspüre ich überhaupt den Drang zu schreiben, noch dazu öffentlich? Würde es nicht reichen, für mich selbst zu schreiben? Hm. Ich weiß es nicht, wie gesagt, ich verspüre den Drang dazu, meine Gedanken einer Öffentlichkeit mitzuteilen. Geht es dabei in erster Linie um Geltungssucht? Oder ist es legitim, mitreden zu wollen, wenn man das Gefühl hat, man habe etwas zu sagen. Muss ich mich für das Gefühl, ich habe etwas zu sagen, genieren? Anders gefragt: Habe ich überhaupt etwas zu sagen oder habe ich nur ein vages Gefühl?

Ganz schön verworren. Mit ein Grund für die vielen Fragen, die ich mir stelle, ist das Buch, das ich gerade lese: Trau dich, es ist dein Leben. Die Kunst, mutig zu sein heißt es. iu-6Das Buch stammt von Melanie Wolfers. Es ist Teil dieser Ratgeberliteratur, die ich früher immer ein wenig belächelt habe. Jetzt merke ich, wie wichtig solche Bücher sind und wie gut mir Bücher wie jenes von Melanie Wolfers tun. Es sind die relevanten Fragen über mein Leben, die sich mir beim Lesen aufdrängen, jene Fragen, um die ich mich schon oft herumgedrückt habe.

Die Fragen über die Sinnhaftigkeit des Bloggens sind da wohl die banaleren. Obwohl, sie rühren schon auch an den Grund des Eingemachten, nämlich an die Frage nach dem generellen Sinn. Wofür lebe ich? Was ist das, was ich – und zwar wirklich ich – geben kann? Wie oft schon habe ich behauptet, ich würde gern mehr schreiben. Allzu oft schon hatte ich den Eindruck, ich müsste Geschehnisse für andere festhalten, niederschreiben, bewahren. Immer wieder kamen mir Erlebnisse erst als wirklich vor, nachdem ich sie beschrieben hatte. Beschrieben, aufgeschrieben, festgehalten, nicht nur besprochen. Und doch blieb es häufig bei dem Wunsch zu schreiben. Umgesetzt habe ich den Wunsch allzu oft nicht. Fehlende Zeit lautete die Generalausrede. Manchmal habe ich es dann aber auch wieder als befreiend erlebt, nicht alles aufschreiben zu müssen. Und doch kam der Wunsch, das Gefühl, ja die Sehnsucht nach dem Schreiben immer wieder zurück.

Man kann es einfach wieder einmal versuchen. (nemo)

Poetische Wegbegleiter I: Eugenio Montale

Meriggiare pallido e assorto
presso un rovente muro d’orto
ascoltare tra i pruni e gli sterpi
schiocchi di merli, frusci di serpi.

Im Studienjahr 2005/2006 war ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Romanistik der Uni Mannheim tätig. Eine halbe Stelle durfte ich dort bekleiden. Mittwochs setzte ich mich fünfeinhalb Stunden lang in den Zug, um anzureisen, freitags ging’s wieder retour. Untergebracht war ich im Gästehaus der Universität, dort hatte ich eine kleine Einzimmerwohnung gemietet. Einen Großteil des Verdiensts fraßen die Reise- und Unterkunftskosten, die Erfahrung war trotzdem unbezahlbar. Außerdem strebte ich damals ja noch eine Karriere im Wissenschaftsbetrieb an, eine Stelle an einer ausländischen Uni war für einen halbwegs erfolgsversprechenden Lebenslauf also ohnehin unumgänglich. Und mein Liebster, der zu jener Zeit in Shkodra, Albanien weilte, lieferte mir auch keinen Grund, um nicht nach Mannheim zu pendeln.

Zur größten Herausforderung zählte für mich, dass ich gleich im Wintersemester ein Proseminar zur italienischen Literatur halten sollte. Zur italienischen Literatur wohlgemerkt, nicht zur französischen. Wie sollte ich, die doch Französisch und nicht Italienisch studiert hatte, das bewerkstelligen? Sicher, ich hatte in den Jahren an der Salzburger Romanistik schon ein wenig im Bereich der Italianistik mitgearbeitet und auch ein paar Lehrveranstaltungen besucht, aber gleich ein eigenes Proseminar? Der Gedanke ließ mich innerlich wie äußerlich erbleichen. Im Sommer davor reiste ich nach Rom. Ja auch, um ein bisschen Farbe zu bekommen 😉 , vor allem aber, um einen Intensiv-Sprachkurs zu besuchen. Denn wenngleich das Proseminar nicht in italienischer Sprache abzuhalten war, waren einigermaßen solide Italienischkenntnisse doch unabdingbar. Noch dazu, wo in Mannheim zahlreiche Kinder italienischer Einwandererfamilien studierten …

Nelle crepe del suolo o su la veccia
spiar le file di rosse formiche
ch’ora si rompono ed ora s’intrecciano
a sommo di minuscole biche.

Montale und die moderne italienische Lyrik suchte ich mir als Thema für mein Proseminar aus. Nicht, dass ich bereits viel Ahnung von Eugenio Montale gehabt hätte. Aber zumindest was den Umgang mit Gedichten anging, war ich firm. Und den Rest eignete ich mir an. Ich las und las, wissenschaftliche Aufsätze und Bücher, Gedichtbände und Übersetzungen. Und ich lernte schon in den Sommerferien ein Gedicht von Montale auswendig: Meriggiare pallido e assorto, ein Gedicht aus Ossi di seppia, Montales erstem Gedichtband. Zumindest dieses eine Gedicht wollte ich immer mit mir tragen, in Salzburg und Mannheim, bei Tag und bei Nacht, beim Radfahren und Spazierengehen, im Zug und auf welchem Bahnhof auch immer ich gerade auf einen Anschluss warten musste.

Osservare tra frondi il palpitare
lontano di scaglie di mare
mentre si levano tremuli scricchi
di cicale dai calvi picchi.

Meriggiare pallido e assorto erinnerte mich – wie passend für den Genoveser Montale – an einen Urlaub in Ligurien, ein Jahr zuvor, aber auch an Reisen mit dem Fahrrad im Südwesten Frankreichs. Das Gedicht thematisiert das Erleben südlicher Hitze zur Mittagszeit. Es verkörpert einen Augenblick des erschöpften Innehaltens, der geschärften Sinneswahrnehmung inmitten der sommerlich trockenen, stacheligen Landschaft – im Hintergrund das Meer, nah und fern gleichzeitig. Ich konnte diese träge mittägliche Befindlichkeit so gut nachempfinden, meinte das Schlagen der Amseln, das Rascheln der Schlangen und das Zirpen der Grillen hören zu können. Und ich liebte die vierte Strophe, in der sich die Erstarrung auflöst und in Bewegung übergeht. Was folgt, ist das Staunen des Dichters darüber, mit wieviel Mühe das Leben einhergeht, und – fast zeitgleich – die glasklare Erkenntnis, dass der Mühsal nicht zu entkommen ist. 

E andando nel sole che abbaglia
sentire con triste meraviglia
com’è tutta la vita e il suo travaglio
in questo seguitare una muraglia
che ha in cima cocci aguzzi di bottiglia.

Am Schluss steht das Bild der Mauer mit den spitzen Glasscherben oben drauf. Doch auch wenn die Mauer unüberwindlich scheint, der veränderte Rhythmus und der fließend weiche Klang am Ende eines jeden Verses der vierten Strophe erlauben meines Erachtens in der und durch die Sprache einen Blick darüber hinaus.

Ja, dieses Gedicht hat mich das ganze Semester lang begleitet. Dass mir das Proseminar schließlich gut gelungen ist, hat mich damals richtig stolz und glücklich gemacht. Meriggiare pallido e assorto kann ich heute, fast vierzehn Jahre später, immer noch auswendig.

(nemo)

 

 

Schulschlussbetrachtungen aus der Ferne

Die letzte Woche eines Schuljahres hat es bekanntlich in sich: Projekttage (bei mir an der Schule heißen sie Happy Days, bei meiner Tochter „Musendays“), Schulfest, KV-Tag, Aufräumen, Schlusskonferenz, Abschluss- und Abschiedsfeiern, Schulschlussgottesdienst, Danksagungen, Zeugnisverteilung. Ganz schön viel, was da zusammenkommt. Viele Menschen, die wenig oder gar nichts mit Schule zu tun haben, haben dennoch häufig den Eindruck, in der letzten Schulwoche passiere eh nichts mehr. Wie kann das sein?

Dass nichts mehr passiert, heißt aus Schülersicht oft einfach nur, dass nichts mehr zu lernen ist. Wenn es keine Tests und Schularbeiten mehr gibt, wenn die Noten längst feststehen, wenn kein „Stoff“ mehr unterrichtet wird, ja, wenn man nicht einmal mehr Hefte und Bücher mitzunehmen braucht, passiert in der Wahrnehmung von

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Schulfest-Crêperie 2019

Jugendlichen nichts mehr. Die einen finden Gefallen daran, die anderen bezeichnen diese Woche als sinnlos. Trotzdem möchten die allermeisten Jugendlichen die letzte Schulwoche nicht missen. Denn Sinnlosigkeit allein ist für sie noch kein hinreichender Grund, um Dinge wie Schulfest oder Projekttage, Eis essen oder Ausflüge in Frage zu stellen. Schließlich möchte man ja auch nicht bis zum letzten Tag pauken müssen. Da nimmt man selbst einen anstrengenden Wandertag in Kauf.

Problematischer scheint mir die Perspektive mancher Eltern zu sein. Da gibt es gar nicht so wenige, die der Ansicht sind, die Lehrer würden in der letzten Schulwoche eine zusätzliche Ferienwoche abfeiern. Alles, was nach dem Stichtag des Notenschlusses erfolgt, erscheint ihnen nicht nur als überflüssig, sondern eigentlich als Betrug an ihrem Nachwuchs. Ineffizienz des Systems, allgemeiner Schlendrian oder eben Faulheit der Lehrer sind die Parameter, mit denen sie den Schulbetrieb zu Schulschluss beurteilen. Ich erinnere mich an den Leserbrief eines Vaters, der vor einiger Zeit einmal öffentlich hochgerechnet hat, wieviel wertvolle Unterrichtszeit seinen Kindern auf diese Weise verloren ginge und um wieviel klüger Österreichs Schüler und Schülerinnen sein könnten, wenn das anders liefe. 

Menschen, die gar nichts mit der Schule zu tun haben, haben dagegen oft überhaupt keine Vorstellung, was sich zu Schulschluss in der Schule abspielt. Ich erinnere mich selbst daran, dass ich damals, als ich noch nicht Lehrerin war und kein Schulkind hatte, mitunter gar nicht richtig mitgekriegt hatte, wann die Ferien anfingen. Von dem schulischen Trubel, der dem Ferienbeginn vorausgeht, hatte ich nur mehr eine vage, wenngleich angenehme Assoziationen weckende Ahnung. Für mich als Schülerin war die Zeit vor der Zeugnisverteilung ja fast die schönste überhaupt gewesen. Sie fühlte sich einfach großartig an. Meist war das Wetter prächtig, das Leben lustig und vor einem lagen wochenlange, noch nicht einmal angeknabberte Ferien.

Die Schule bildet einen eigenen, von außen manchmal seltsam anmutenden Kosmos. Wenn man nichts mit ihr zu tun hat, kann sie einem wie ein fremder und sehr weit entfernter Planet vorkommen. Auch ich habe in diesem Jahr nur aus der Ferne zugeschaut, wie die Schule das Stück, das sie über das Schuljahr hinweg aufgeführt hatte, mit einem mehrere Takte umfassenden Paukenschlag und Trommelwirbel beendete. Trotzdem habe ich mitbekommen, was meine Kolleginnen und Kollegen in diesen Tagen wieder geleistet haben. Auch habe ich miterlebt, wie angetan meine Tochter vom Programm der letzten Schultage war. Ich weiß natürlich, dass die letzte Woche für LehrerInnen mitnichten eine zusätzliche Ferienwoche darstellt. Das Abschließen eines Schuljahres ist in jedem Fall saumäßig anstrengend, im besten Fall ist es gleichzeitig lustig, schön und erhebend.

Ich finde ja, dass die letzte Schulwoche mindestens genauso relevant ist wie die Wochen davor. Dass da nichts mehr passieren würde, stimmt jedenfalls nicht. Meiner Erfahrung und Beobachtung nach stimmt nicht einmal, dass die Schüler in dieser Woche nichts mehr lernen würden. Ganz im Gegenteil. Allenfalls könnte man darüber diskutieren, was schulisches Lernen eigentlich umfassen sollte. Ob die Verwandlung eines Klassenzimmers mittels selbst Gebasteltem in eine französische Crêperie und der anschließende Verkauf eigenständig fabrizierter Crêpes dem strengen Vater aus dem Leserbrief wohl Lernerfahrung genug für seinen Nachwuchs wäre? Wohl kaum.

Jetzt aber Schluss mit Schule. Schöne Sommerferien! 🙂

(nemo)

Lehrerin sein ist wie … das Bestellen eines „Blumenbeets“

Meiner Klasse gewidmet  

Immer wieder einmal drängt sich mir im Zusammenhang mit meinem Tun als Lehrerin die Metapher des Gartenbaus auf: Ich selbst betrachte mich des Öfteren als Gärtnerin, meine SchülerInnen sind die Pflänzchen, die ich hege und umsorge, an deren Wachstum ich mich erfreue. Schulschluss und noch viel mehr die Matura erscheinen mir als Zeit des Erntens und auch als Zeit des „Erntedanks“.

Meine achte Klasse hat diese Metapher – unbewusst bewusst – aufgenommen und weitergesponnen. Im Herbst vergangenen Jahres haben sie sich für das sogenannte Spaßfoto als buntes Obst und Gemüse verkleidet. Ich durfte die Gärtnerin mimen und prüfen, ob sie schon reif seien. Es war ihre Idee. Mir hat sie gefallen.

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Jetzt, zur Zeit des Erntens, bin ich ausgefallen. Aufgrund einer akut notwendig gewordenen Operation konnte ich nicht bei ihrer Maturafeier dabei sein. Ich konnte keine Rede für sie schreiben, schon gar nicht hätte ich sie halten können und noch weniger hätte ich Kraft zum Feiern gehabt. Gemeinsamer „Erntedank“ war nicht.

Trotzdem habe ich so vieles an Ernte erhalten. Das kostbarste Geschenk aus unserem gemeinsamen Garten ist das Album mit den Freewritings, das sie mir zukommen ließen. Darin finden sich neben den Freewritings Fotos, Karten von unseren Theaterbesuchen und Fahrscheine von unseren gemeinsamen Klassenreisen nach Brüssel, Amsterdam, Wien und Linz. Und ganz am Anfang des Albums findet sich ein Gedicht, verfasst von Elena D. Daneben klebt das Foto von unserer ebenso symbolischen wie lustig gemeinten „Reifeprüfung“. (Da das Foto ohnehin im Internet auffindbar ist, habe ich mir erlaubt, es auch in den Blog zu stellen.) Das Gedicht möchte ich zitieren:

Das Blumenbeet

Die Gärtnerin kümmert sich um die Jungpflanzen im Beet:
viele bunte verschiedene Pflanzen,
die sich im Garten verschanzen.
Alles ist dabei, von Avocados bis zu Erbsen
und jedem Einzelnen wächst die Gärtnerin sehr zu Herzen.
Liebevoll pflegt und hegt sie das Beet,
gibt ihnen Wasser, Liebe und schaut, dass die Sonne richtig steht.
Allmählich sprießen die Pflanzen in die Höhe.
Nun ist es Zeit sich zu verabschieden und sich in der Welt zu verteilen.
Wer weiß schon, in welchem Garten die Pflanzen liegenbleiben?
Doch mit Sicherheit kann man eines sagen:
Tief im Herzen werden sie für immer die Gärtnerin tragen.

Kann eine Klassenvorständin schönere Erntegaben zur Matura von ihren SchülerInnen erhalten? Ich fühle mich unendlich beschenkt.

(nemo)

 

 

Wofür ich dankbar bin in diesen Tagen. Eine unvollständige Liste

Wofür ich dankbar bin in diesen Tagen:

  • für jeden einzelnen Besuch, jeden Anruf, jede Nachricht und alle guten Wünsche und Gedanken, die mich erreichen.
  • für alles, was mir meine Kolleginnen bringen und für mich tun.
  • fürs Kennenlernen von Barbara Pachl-Eberhart. Ich habe ihr Buch Vier minus drei gelesen, ich habe ihren Newsletter bestellt. Ich habe bereits viele Schreibtipps von ihr erhalten und ich will alle Bücher von ihr lesen.
  • für die Geschenke meiner (Ex-)SchülerInnen: ein Blumenstrauß aus Sonnenblumen und Rosen, ein Gutschein für eine Fahrt nach Wien mit Theater- oder Opernbesuch (gemeinsam mit meiner liebsten Reisekollegin!).
  • für die Freewritings, die sie für mich angefertigt haben und in ein Album geklebt haben. Für alles, was in diesen Texten steht.
  • dafür, dass ich die Maturazeugnisse meiner Klasse unterschreiben konnte. (Eine Kollegin hat sie mir nach Hause gebracht und anschließend wieder in die Schule gefahren.)
  • für meine Zeitungsabos: Der Standard kommt täglich, am Samstag kommen auch die Salzburger Nachrichten. Für die vielen guten und interessanten Zeitungsartikel, die ich täglich lese.
  • für das Radioprogramm von Ö1. Für Du holde Kunst heute Morgen mit den Lieblingsgedichten von Peter Matic (sieben Tage lang kann man die Sendung noch nachhören), für die Kabarett- und Konzertübertragungen vom Donauinselfest.
  • für die Stimme und die Intonation von Peter Matic.
  • dafür, dass ich auf meiner Couch liegen darf, Radio hören und lesen kann.
  • dafür, dass ich meine Tochter am Freitag zum Bus begleiten und ihr winken konnte, bis der Bus um die Ecke gebogen war. (Sie fuhr mit ihrer Klasse auf meeresbiologische Woche nach Premantura.)
  • dafür, dass ich weinen und lachen kann.
  • für meine beiden Katzen Tonio und Nina, die sich gerne auf mich drauflegen, mich lieb anschauen und schnurren.
  • für alles, was meine Eltern, meine Schwester, meine kleine Nichte und meine Schwägerin (die mich vom Krankenhaus abgeholt hat und sich neben vielem anderen um die Blumen am Grab kümmert) für mich tun. Und dafür, dass auch meine anderen Schwägerinnen und Nichten an mich denken. Und meine lieben, lieben Freundinnen sowieso.
  • für das schöne Sommerwetter und den abkühlenden Regen.
  • für das Geschenk, dass ich wieder schreiben kann.
  • für die vielen Buchtipps, die ich dieser Tage erhalte, und für das Buch Darm mit Charme von Giulia Enders, dessen Lektüre mir früher peinlich gewesen wäre und das ich jetzt mit großem Vergnügen lese. 🙂
  • für die Musik von I Muvrini (ganz besonders für das Album Invicta), die Songs von Calexico und das neue Album von Bruce Springsteen. Und für die Musik von Franz Schubert, Robert Schumann, Johannes Brahms und Felix Mendelssohn Bartholdy.
  • dafür, dass ich wieder (fast) alles essen kann und mir alles so gut schmeckt.
  • dafür, dass liebe Menschen für mich einkaufen und kochen.
  • für meine beiden neunjährigen Nachbarsjungen, die einfach bei mir klingeln, mir und meinen Katzen Zeichnungen und Selbstgebasteltes schenken. Wir essen gemeinsam Melone, quatschen ein bisschen und ich lese ihnen Michel aus Lönneberga vor.
  • für mein Tagebuch und den Blog – und dass meine selbst geschriebenen Wort bei mir sind.
  • für das Verständnis meiner Schulleitung (Direktion, Administration und Sekretariat), die einfach alles, was zu regeln ist, für mich regeln.
  • für meinen so gut funktionierenden Körper und das Jojoba-Körperöl, das ich geschenkt bekommen habe, mit dem ich öle und öle.
  • für meine neue Hausärztin, bei der ich mich gut aufgehoben fühle, und dafür, dass sie für mich einen Antrag auf Erholung gestellt hat.
  • für die Kirchenglocken und das Zwitschern der Vögel.
  • für die Erinnerungen an unsere wundervollen Sommer in Korsika.
  • und für noch so vieles mehr.

(nemo)