600 Kilometer weniger

Heute nur eine kleine Notiz am Rande, die nichts und gleichzeitig alles mit Schule.Alltag.Wissensarbeit (so die thematischen Felder unseres Blogs) zu tun hat: „Wenn jedes zugelassene Auto in Österreich jährlich um 600 Kilometer weniger fährt, würde Österreich die Klimaziele bis 2050 erreichen.“ Das haben ForscherInnen der TU Wien errechnet. Gelesen habe ich es heute in einem Standard-Artikel zur Problematik der E-Mobilität.

Hey Leute, 600 Kilometer weniger Autofahren im Jahr – das kann doch nicht so schwer sein! Kann man das vielleicht weitersagen?

(nemo)

Schreiben. Ja, auch mit der Hand!

Meine siebenjährige Nichte quält sich gerade mit dem Erlernen der Schreibschrift. Die Tätigkeit erscheint ihr anstrengend und langweilig, die Schreibhausübung vermiest ihr den Tag. Noch besteht Hoffnung, dass sie irgendwann die Hürde nimmt und dann mühelos und vielleicht sogar gerne schreiben wird. Aber auch im Gymnasium trifft man auf Kinder, die Schreiben grässlich finden und die Schreibschrift mangels ausreichender Beherrschung ablehnen. Lieber „fetzen“ sie Buchstaben in Druckschrift irgendwie und ebenso schnell wie unleserlich aufs Papier, als sich mit der verbundenen Schrift anzufreunden. Sobald wie möglich gehen sie dazu über, ihre Texte zu tippen. Freiwilliges Schreiben mit der Hand erscheint ihnen undenkbar.

Ja, braucht man denn die Schreibschrift überhaupt noch?, fragen sich manche. Schon vor einigen Jahren hat Finnland für Schlagzeilen gesorgt, weil man dort fortan darauf verzichten wollte, den Kindern in der Schule Schreiben mit der Hand beizubringen. Tippkompetenz reiche, so die Aussage.

Ich habe diese Diskussion nicht weiterverfolgt und weiß nicht, was aus den finnischen Plänen geworden ist. Vielleicht haben die Finnen sogar recht: Es reicht wahrscheinlich für vieles im Leben, wenn man in der Schule lernt, Texte zu tippen und digital zu bearbeiten. Bei Vorlesungen an der Uni schreibt fast keiner mehr mit, stattdessen arbeitet man mit Skripten und Powerpointfolien. Auch für die meisten Berufe wird’s reichen, wenn man zu tippen vermag, und privat hantieren die allermeisten Menschen sowieso am liebsten mit Bildern und Textbausteinen auf ihren digitalen Geräten. Wozu also wirklich mühsam eine Handschrift erlernen, wenn sie dann doch keiner braucht?

Hm. Was genau man alles im Leben braucht, weiß ja keiner so recht. Schon gar nicht im Vorhinein. Manchmal braucht man plötzlich mehr oder anderes, als man gemeinhin dachte. Und überhaupt ist das mit dem Brauchen so eine relative Sache. Darüber habe ich schon einmal im Zusammenhang mit dem schulischen Literaturunterricht geschrieben. Was das Schreiben mit der Hand betrifft, mache ich zum Beispiel täglich die Erfahrung, dass ich meine Handschrift brauche – notwendig und dringend. Zwar schreibe ich schon auch viel mit dem Computer oder dem Smartphone. Aber noch mehr schreibe ich mit der Hand: Tagebuch schreibe ich mit der Hand. Wenn ich mir über irgendetwas klar werden will, schreibe ich mit der Hand. Ich ordne meine Gedanken, Vorhaben und Aufgaben, indem ich sie mit der Hand niederschreibe. Ich schreibe Karten und manchmal sogar Briefe mit der Hand. Ich verwende Notizbücher, Kalender, Blöcke, Zettel – und all diese leeren Seiten, Blätter und Papiere fülle ich mit meiner Handschrift.

Schreiben und insbesondere das Schreiben mit der Hand gehört zu meinem Leben wie Lesen, Gehen oder Radfahren. Ja, Schreiben gehört zu mir und unser Verhältnis ist noch inniger, wenn ich die Buchstaben, Wörter und Sätze mit dem Stift in meiner Hand zu Papier bringe. Die Verbindung zu meinem Kopf und zu meiner Seele erscheint mir im handschriftlichen Schreibprozess viel unmittelbarer, als wenn mir eine Maschine beim „Aufzeichnen“ hilft. Es ist das (im Vergleich zum Tippen) langsame Werden der Buchstaben, das Sichzusammenfügen der Buchstaben zu Wörtern, der Rhythmus, der sich mit der Handbewegung einstellt, das kontinuierliche Befüllen der Seite und das (zumindest meistens) recht regelmäßige, aber eben doch individuelle Schriftbild, das schließlich entsteht. All das macht die Besonderheit eines handschriftlichen Textes aus.

Im Schreibhandeln verflüssigen sich die Gedanken. Manchmal ist es zunächst ein holpriges Stolpern, nach und nach aber kommt etwas in Gang und schließlich „fließt es aus der Feder“. Gleichzeitig ordnen sich die Gedanken im Schreiben wie von selbst. Immer wieder bin ich darüber erstaunt, dass sich scheinbar ohne bewusstes Zutun kohärente Texte formen. Ja, eigentlich fügen sich die Wörter und Sätze oft sogar harmonischer aneinander, wenn der Kopf nicht allzu sehr mit Konstruieren und Überlegen beschäftigt ist.

Mein Kind hat kürzlich bei einer Deutschschularbeit eine Geschichte verfasst, die mir irgendwie nur als Ergebnis handschriftlicher Fertigung denkbar scheint. Ausgangspunkt für die Geschichte war ein Impulsbild (Drei lachende Männer auf einem Motorrad) oder eine Überschrift (Glasperlentage). Das Kind hat beide Impulse miteinander verbunden und zunächst ausführlich über die Überschrift reflektiert. Über eine Seite lang machte sie sich Gedanken über das Wort „Glasperlentage“ und überlegte, was das für Tage sein könnten. Erst dann entspann sich die Geschichte: drei Männer, die sich an einem heißen Sommertag eher zufällig gemeinsam auf einem Motorrad wiederfinden, durch die Landschaft brausen und dabei von so etwas wie einem Glücks- und Freiheitsgefühl gestreift werden.

Nicht nur als Mutter, auch als Deutschlehrerin war ich beeindruckt von dem Text. Er ist so lang, dass das Kind in den fünfzig Minuten, die für die Schularbeit zur Verfügung standen, nicht einmal mehr zum Durchlesen gekommen ist. Aber der Text ist vollkommen kohärent und wie aus einem Guss, und er könnte kaum schöner sein. Ob man so einen Text zustande brächte, wenn man den Text konstruieren, immer wieder Wörter verbessern oder einzelne Absätze umstellen würde, wie man es zu tun pflegt, wenn man tippt? Ich weiß es nicht. Ich vermute, eher nicht. 

Noch einmal auf eine ganz andere, existentielle Weise ist mir selbst vor ein paar Monaten die Kostbarkeit und das Glück des handschriftlichen Schreibens erfahrbar geworden. Nach dem Tod meines geliebten Menschen war ich wie versteinert und konnte praktisch kein Wort mehr zu Papier bringen. Eine Schreibgruppe für Trauernde, die ich in meiner Not aufsuchte, brachte in dieser Situation Abhilfe. Wir sollten in diesem Rahmen darüber schreiben, welche Gefühle bei uns derzeit da seien. Nicht mehr und nicht weniger. Ich habe angefangen, ganz langsam ein paar Wörter aufs Papier zu malen. Ohne dass ich es steuern konnte, kamen mir die Tränen und auf einmal begann meine Hand wie von selbst zu schreiben. Ich schrieb und schrieb und hörte erst auf, als die Schreibbegleiterin uns dazu aufforderte. Was genau ich dort in dieser Schreibgruppe geschrieben hatte, erschien mir lange als unwesentlich. Ich war so froh, endlich aus meiner innerlichen Versteinerung befreit worden und schreibend für einen Moment zur Ruhe gekommen zu sein. Den entstandenen Text wollte ich gar nicht lesen. Ja, ich dachte, es wäre ein einziges Durcheinander, ein unverständliches Etwas, das ich da zu Papier gebracht hatte.

Wochen später nahm ich erstmals wieder mein Schreibheft zur Hand. Nun wollte ich wissen, was ich da eigentlich geschrieben hatte. Das Ergebnis ließ mich staunen und machte mich ebenso sprachlos wie dankbar: Da stand alles genauso, wie ich es erlebt hatte. Da fand sich ein Text, der von der ersten Zeile an vollkommen kohärent war und meine damalige Situation so stimmig auf den Punkt brachte, wie ich es nie auf andere Weise vermocht hätte. Ob mir das auch am Computer gelungen wäre? Nein, da bin ich mir sicher, mit dem Computer wäre das so nicht möglich gewesen.

Auch ich bin froh, dass es Tastaturen und Textverarbeitungsprogramme gibt, dass man Entwürfe speichern und später bearbeiten und umschreiben kann. Aber ein Leben ohne ausgeprägte Handschrift? Ein Leben, in dem ich nicht mehr in der Lage wäre, mit meiner eigenen Hand einen Text zu verfassen, in dem mir stets eine Maschine beim Buchstaben-, Wörter- und Sätzeformen behilflich sein müsste? Das erschiene mir, als würde mir jemand einreden wollen, man bräuchte in Zeiten des Automobils eigentlich auch das Gehen nicht mehr ordentlich erlernen. Und das klingt doch heute schon wieder ziemlich überkommen, oder etwa nicht?

(nemo)

 

 

Speeddating

Am Freitag der letzten Woche fand wieder einmal unser Elternsprechtag statt. Die Herbstvariante, vier Stunden lang, eine Zeitspanne von sechs Minuten pro Elternteil oder -paar sind vorgesehen.

Dieser Nachmittag war immer schon sehr turbulent und es kamen heuer zum größten Teil Eltern, die mich einmal kennenlernen wollten, da ich eine erste und eine fünfte Klasse neu übernommen habe – das ist verständlich und muss auch möglich sein. Aber heuer war es irgendwie besonders anstrengend. Die (immerhin vier) Sechsminutenpausen nahm ich nicht in Anspruch, weil da ja schon immer wieder jemand wartete und diese sechs Minuten für mich nicht pausenlos verwaltbar sind. Den Wecker neben mir ticken lassen oder dauernd auf die Uhr schauen kann und will ich nicht. Außerdem gibt es immer wieder Eltern, die durch das First Come – First Serve des Anmeldesystems keinen Termin mehr bekommen haben, eine Wartezeit haben und halt einfach fragen, ob sie nicht doch ein paar Worte mit mir wechseln können. Ja, selbstverständlich.

43 Gespräche, vier Stunden und zwanzig Minuten lang.

(juhudo)

Lehrer-Bewertungs-App

Angesichts der allgemeinen Bewertungsmanie konnte es wohl nicht ausbleiben, dass man nun auch für LehrerInnen Sternchen vergeben kann. Ich wollte mich eigentlich auch gar nicht einmischen in die Diskussion um diese Lehrer-Bewertungs-App. Aber dann habe ich einen Satz gelesen, der mir in diesem Zusammenhang zumindest be- und nachdenkenswert scheint. Er stammt aus einem ganz anderen Kontext, hat nichts mit der gegenwärtigen Diskussion zu tun. Aber ich finde, man sollte als Lehrerin oder als Lehrer immer wieder einmal daran denken, wenn man sein pädagogisches Tun und Handeln reflektiert. Der Satz lautet: „Nichts macht manipulierbarer und feiger als der Wunsch, von möglichst vielen Menschen gemocht und gelobt zu werden!“¹

Was es für einen selbst bedeutet, wenn man permanent damit rechnen muss, in seinem Handeln und Tun öffentlich bewertet zu werden, möge jeder für sich einschätzen.

(nemo)

¹Melanie Wolfers: Freunde fürs Leben. Von der Kunst, mit sich selbst befreundet zu sein, adeo 2016, S. 111.

 

Geschichten schreiben und veröffentlichen

Ich habe eine Geschichte geschrieben. Ja, eine Geschichte. Das wollte ich schon lange tun, genau genommen, seit es die Internetplattform story.one gibt. Ein Kollege hatte mir letztes Jahr davon erzählt, ich hab’s damals auch gleich meinen SchülerInnen weitererzählt und sie ermutigt, doch einfach einmal eine kurze Geschichte zu schreiben und sie dort zu veröffentlichen.

Nun habe ich in den Salzburger Nachrichten von einem Schreibwettbewerb gelesen. Unter dem Stichwort #salzburglove kann man noch bis zum 15. Dezember auf story.one eine Geschichte mit Salzburgbezug veröffentlichen. Einige davon werden dann auch in der Zeitung abgedruckt. Da habe ich mir gedacht, das wäre doch was für unsere SchülerInnen. Und dann habe ich mir gedacht: Ich könnte ja eigentlich auch selbst. Also habe ich eine Geschichte geschrieben. Sie heißt Aus der Stadt.

Ein bisschen Überwindung hat es mich schon gekostet. Aber, wenn man auf story.one ein bisschen herumschmökert, sieht man, wie viele Menschen einfach so ihre Geschichten erzählen. Die eine spricht einen mehr an, die andere weniger. Jedenfalls aber macht es Spaß, so viele Geschichten von so vielen verschiedenen Menschen zu sehen und zu lesen. Das hat mich ermutigt, auch selbst loszulegen. Vielleicht schreibe ich einfach bald wieder eine Geschichte.

(nemo)

Blau: Die Genese eines Kulturprojekts am Puls der Zeit

Viel lese bzw. höre ich dieser Tage über die Farbe Blau: Der deutsche Wissenschaftsautor Kai Kupferschmidt hat kürzlich ein Buch mit dem Titel Blau. Wie die Schönheit in die Welt kommt veröffentlicht. Ich habe im Radio davon erfahren. Auch auf dem Frankoromanistentag, einem Kongress zur französischen Sprach-, Literatur und 31+f6MVoAvL._SX285_BO1,204,203,200_Kulturwissenschaft, der nächstes Jahr in Wien stattfindet, wird die Farbe Blau verhandelt. Dem Programm entnehme ich, dass es dort eine Sektion zur wissenschaftlichen Betrachtung der „starken Farbe Blau“ geben soll. Blau also, wohin das mediale Auge blickt.

Bereits vor ein paar Jahren, als in der Kunsthalle Wien eine Ausstellung mit dem Titel Blue Times lief, musste ich schmunzeln: Hatten wir doch in der Schule schon im Jahr 2012 ein Kulturprojekt zur Farbe Blau durchgeführt – und ordentlich zu kämpfen, um unsere „Klientel“ von der Sinnhaftigkeit eines solchen Projektes zu überzeugen. Ein bisschen Genugtuung verspüre ich schon, wenn ich nun von den aktuellen Auseinandersetzungen im Wissenschafts- und Kunstbereich lese. Da waren wir offenbar ganz schön am Puls der Zeit mit unserem schulischen Kulturprojekt. Unsere SchülerInnen sahen das damals allerdings ein bisschen anders …

Ich erinnere mich daran, wie meine Kollegin und ich – beide hellauf begeistert von der Idee, zur Farbe Blau ein fächerübergreifendes Kulturprojekt anzuzetteln – auf einhellige Ablehnung bei den SchülerInnen stießen: Was bitte soll das sein, ein Projekt zu einer Farbe? Was wir überaus cool, anregend und spannend fanden, fiel bei den SchülerInnen ganz einfach durch. Intensive Überzeugungsarbeit war nötig, fast hätten wir alles hingeschmissen, bevor es uns schließlich gelang, den 16-Jährigen wenigstens die (passive) Bereitschaft, sich auf das Experiment einzulassen, abzutrotzen.

Kern der Auseinandersetzung sollten Gedichte sein, in denen die Farbe Blau ein wichtiges Motiv darstellt. Im Reclam-Verlag gab es das dazupassende Heftchen mit einer Sammlung „blauer Gedichte“. Je ein Gedicht sollten sich die SchülerInnen aussuchen, es in Gruppen bearbeiten und filmisch umsetzen. Im Vorfeld bereiteten wir das kulturelle Feld mit Bildern (Yves Klein), Filmen (Drei Farben: Blau) und Musik (Blues) auf und 31WZTNAgOtL._SX322_BO1,204,203,200_untersuchten die kulturellen Konnotationen dieser Farbe. Anschließend besorgten wir die Reclam-Hefte, organisierten einen Filmworkshop, beantragten das nötige Geld. Wir warfen uns wirklich ins Zeug. Unsere Begeisterung übertrug sich dennoch kaum merklich auf die Schüler. Einzig die in Aussicht gestellte Exkursion nach München (Der Blaue Reiter im Lenbachhaus) sowie eine mehrtägige Kulturreise nach Berlin lockten sie einigermaßen hinter dem Ofen hervor. Aus heutiger Sicht denke ich mir: Wahnsinn, was wir uns damals für dieses Kulturprojekt angetan haben! Als Bezahlung für uns lockte gerade einmal eine halbe Werteinheit pro Lehrkraft. Jede zweite Woche durften wir dafür gegen den jugendlichen Widerstand und die Lethargie der SechstklässlerInnen ankämpfen. Hart verdientes Brot, wahrlich.

Aber ja, unsere Hartnäckigkeit sollte sich noch bezahlt machen: Im Laufe des Jahres fingen die SchülerInnen nach und nach Feuer. Zuerst nur ein paar, schließlich immer mehr. Als ihre experimentellen Kurzfilme unter Dach und Fach waren, waren die meisten von dem Projekt schon recht angetan. Die Exkursion ins Lenbachhaus machten sie dann schon richtiggehend gerne mit und die Reise nach Berlin – auf den Spuren der Farbe Blau in der Stadt, in verschiedenen Museen und in der Street Art – fanden sie schlussendlich ebenso cool wie wir selbst. Bei der „Blauen Nacht“, bei der das Projekt vorgestellt und die Filme und Fotos den Eltern sowie der interessierten Schulöffentlichkeit gezeigt wurden, war durchaus so etwas wie allgemeiner Stolz spürbar.

Im vollen Ausmaß wurde ihnen das, was ihnen mit diesem Kulturprojekt geboten worden war, allerdings erst nach Projektende bewusst. Mit dem Abstand von mehreren Jahren fanden sie das Projekt so richtig toll. Beim ersten Maturatreffen schwelgte man in Erinnerungen an die megacoolen Tage in Berlin und fand, dass wir da in der Sechsten eigentlich voll das innovative, hippe Kulturprojekt durchgezogen hätten. Als Highlight des Abends wurden die experimentellen Kurzfilme von damals gezeigt – und wir bekamen sozusagen unseren späten Lohn.

(nemo)

 

Peter Handkes poetische Anverwandlung von Welt. Fortbildung nicht nur für Lehrerinnen

Vor mittlerweile auch schon wieder sieben Jahren habe ich an der PH Salzburg im Rahmen der LehrerInnen-Fortbildung einmal ein Seminar mit Hans Höller zu Peter Handke organisiert. Daran habe ich mich gestern erinnert, nachdem verkündet war, dass Peter Handke den diesjährigen Literaturnobelpreis erhalten würde. Ich habe mich an das Seminar erinnert, in dem wir einen ganzen Tag lang über Peter Handkes Texte gesprochen hatten, intensiv den Worten Handkes nachspürend und gänzlich frei von didaktischen 42344Umsetzungszwängen. Angeleitet von Hans Höller, der damals gerade seine Studie Eine ungewöhnliche Klassik nach 1945: Das Werk Peter Handkes publiziert hatte, haben wir uns gemeinsam in ein immer tieferes Textverständnis begeben und waren am Ende des Seminars beglückt über die poetischen Einsichten, die wir gemeinsam an diesem Tag gewonnen hatten, auseinandergegangen. Sicher, jene KollegInnen, die von Fortbildungen didaktische Handlungsanleitungen und fertige Unterrichtsentwürfe erwarten, hatten sich von vornherein nicht angemeldet für diese Veranstaltung. Jene aber, die gekommen waren, durften sich einen Tag lang wieder als ganze GermanistInnen fühlen. Die Frage nach der Umsetzbarkeit im Unterricht und den zu erwerbenden Kompetenzen wurde nicht gestellt. Und das war im Jahr 2012 überhaupt nicht selbstverständlich, galten doch zu dieser Zeit Fortbildungsveranstaltungen zur neuen Matura und zum kompetenzorientierten Unterrichten als das einzig Relevante (und ein bisschen auch als das einzig Glückseligmachende) für (Deutsch-)LehrerInnen …

Tatsächlich spielt Peter Handke im schulischen Deutschunterricht relativ wenig Rolle. Wunschloses Unglück wird immer wieder gerne gelesen, manchmal vielleicht auch die Publikumsbeschimpfung. Die späteren Texte entziehen sich der schnellen schulischen Verwertbarkeit, sind für Jugendliche wahrscheinlich auch nicht so unmittelbar geeignet. Man bräuchte wohl viel mehr Zeit und Muße für die Beschäftigung mit Literatur, damit man so weit käme, um sich Handke-Texten mit Schülern sinnvoll und ernsthaft zu widmen. Obwohl, man müsste es vielleicht einmal versuchen, manches hat sich in den letzten Jahren ja auch wieder geändert. Das gegenwärtige Interesse an Achtsamkeit könnte möglicherweise ein Türöffner sein.

Noch lebendiger als das PH-Seminar, von dem ich eingangs erzählt habe, ist mir selbst die eigene Vorbereitung darauf in Erinnerung: Um als Organisatorin nicht allzu blank dazustehen, habe ich in den Sommerferien davor Mein Jahr in der 81dQ8bptgZLNiemandsbucht gelesen. Ich war mit Handke-Texten kaum bewandert, das Buch stand seit Jahren ungelesen im heimischen Bücherregal. Man könne ja einmal hineinlesen, dachte ich mir. – Und dann hatte ich es plötzlich mit einem Leseerlebnis zu tun, wie es mir so noch nie zuteil geworden war. Der Text entwickelte von der ersten Seite an eine Art von stiller Sogwirkung, die mich nicht mehr losließ. Diese poetische Anverwandlung von Welt, diese Betrachtungen und Fragen nahmen mich mit auf eine Reise, deren Nachwirkung bis heute anhält, ohne dass ich überhaupt noch sagen könnte, worum es in dem Buch eigentlich ging. Ja, um eine Verwandlung ging es, das weiß ich noch.

Ich glaub‘, die Reise mach‘ ich nochmal.

(nemo)