Manga in der Schulbibliothek

Manga sind DIE Renner unserer Schulbibliothek. Dragonball, Naruto, Detektiv Conan und Inu Yasha werden dauergelesen, manchmal sogar mehrmals hintereinander. Aber viele Manga sind für ältere Jugendliche und Erwachsene gedacht und es ist nicht immer leicht, aus der Masse der seit einigen Jahren in großer Zahl übersetzten Manga die passenden herauszufiltern. Das hab ich vor ein paar Jahren schon einmal versucht.

In dieser Osterferienwoche hatte ich gleich zweimal die Gelegenheit mich mit Experten zu unterhalten. Das erste Mal bei der Austria Comic Con in Wels und dann mit dem Besitzer eines sehr netten, kleinen Comicbookshops in Bamberg.

Aus Wels nahm ich folgende Tipps mit:

  • My Hero Academia
    51slvj4cnhl._sx326_bo1204203200_Fast alle Menschen haben Superkräfte, sogenannte Macken. Was ist aber mit einem Jungen, der keine besitzt, aber das Herz und die Einstellung eines wahren Superhelden? Er versucht sein Bestes, um in die Schule der SuperheldenanwärterInnen zu gelangen …
    Könnten wir ankaufen, 21 Bände bisher.
  • One-Punchman
    Trotzdem zwei kleine Burschen mir diesen Manga dringend empfohlen haben, finde ich einen Helden, der ein Monster mit jeweils nur einem Schlag vernichten kann und sich ob der langweiligen Kämpfe ärgert, nicht ausreichend, damit wir die Serie kaufen. Aber ich lese ja auch immer nur den ersten Band …
  • Merry Nightmare. Jäger der Albträume
    ist mir ein bisschen zu chaotisch in Handlung und Zeichenstil. Die Idee zum Manga würde mir ja gefallen: Wenn wir die Traumwelt besuchen können, dann können Wesen aus der Traumwelt auch zu uns. Und ein Mädchen ohne Gedächtnis muss seinen Weg zurück finden.

Aus Bamberg stammen folgende erste Bände:

  • Magi
    Zwei schrullige, lustige Burschen, die Aladin und Ali Baba heißen, wollen in einer 1000-und-eine-Nacht-Welt ihr Glück machen. Aladin hat einen schüchternen Dschinn in seiner Flöte dabei. Könnten wir nehmen, muss aber nicht sein.

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  • The Legend of Zelda. Twilight Prinzess
    Ein Klassiker, den es auch als Nintendospiel gibt. Es geht wie immer um den Kampf des Guten gegen das Böse. Ein Elf, der nie mehr kämpfen wollte, muss wieder zur Waffe greifen, um dem Dorf zu helfen, in dem er jetzt lebt. Vier Bände, das geht.

 

 

  • 51l8boibixl._ac_ul654_ql65_The Rising of the Shield Hero
    Dieser Manga würde Burschen und Mädchen gefallen. Vier Menschen werden in ein Computerspiel gezogen und müssen das Land vor dem Untergang retten. Leider hat einer nur die Kraft der Verteidigung und er hat es deswegen nicht leicht. Er sucht sich eine Mitstreiterin, die er erst ausbilden muss, da er zu Beginn einfach noch kaum Ressourcen hat. Neben My Hero Academia gefällt mit dieser Manga am besten. Acht Bände bisher.

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Außerdem hab ich auf der Comicon erfahren, datrumpfkarten_gefacc88chertss es seit vier Jahren ein österreichisches Superheldencomic gibt: ASH. Austrian Superheros. Gar nicht schlecht, Helden mit Lokalkolorit und Charaktere wie Captain Austria, das Donauweibchen, Lady Heumarkt und den Bürokraten. Dazu gibt es sogar auch schon ein Quartett.

Ja, auch solche Themen können zum  LehrerInnensein gehören ;-).

juhudo

Als wir der Hilfe bedurften. Schule als Gesellschaftsutopie

Als wir der Hilfe unserer Mitmenschen bedurften, war sie da. So intensiv, mannigfaltig und wahrhaftig, wie ich mir das nie hätte vorstellen können. Familie, Freunde, Verwandte und Bekannte, Menschen von nah und fern, warfen – als bei uns nach dem Tod des geliebten Menschen ein großes IMG_5121Blackout drohte – ihr Notstromaggregat für uns an und sorgten dafür, dass das Licht nicht ausging und auch weiterhin nicht ausgehen wird. Hier im Schulblog will ich von jener Hilfe berichten, die uns von der Schulgemeinschaft zuteil wurde.

Dass ich in einer Schule mit einer stabilen, herzlichen und mich immer wieder beglückenden Schulgemeinschaft arbeite, weiß ich, seit ich in dieser Schule unterrichte. Was das über die Normalität hinaus in einer Krisensituation bedeutet, durfte ich kürzlich erfahren. Die Schulgemeinschaft wurde mir in diesen Tagen und Wochen zu nichts Geringerem als einem Lebensanker.

KollegInnen umarmten und trösteten mich, sie kamen bei mir zu Hause vorbei und brachten Essen für uns, Lasagne und Quiche, Suppe, Kuchen, Macarons und Schokolade. Auch vor der Tür warteten immer wieder kleine Aufmerksamkeiten auf uns, Honig und Nüsse, Blumen und Karten. Auf sämtlichen Kanälen, die uns zur Verfügung stehen, trafen Grüße, IMG_4994Botschaften und Nachrichten für uns ein. Die genau richtigen Gedichte und Bücher, die schönsten Blumen und Kerzen, tröstende Briefe und liebevolle Gedanken erreichten uns. Von allen Seiten wurde mir in der Schule Hilfe angeboten. Kolleginnen und Kollegen nahmen mir Arbeit ab, Sekretariat, Administration und Direktion halfen zusammen, um mir das Leben zu erleichtern.

Meine AchtklässlerInnen schenkten mir zwei Steine, einen für mich, einen für mein Kind. Jeder Einzelne von ihnen hatte die Steine in die Hand genommen und uns Kraft geschickt. Mit dem Handy und mit dem Stift drückten sie mir ihr Mitgefühl aus, ebenso wie die FünftklässlerInnen, die ich in Französisch unterrichte. Den DrittklässlerInnen fielen die Worte schwer, sie nähten mir ein Polsterherz, aus weinrotem Stoff, so schön wie nur möglich. Meine Schülerinnen und Schüler, ihre Eltern und sogar SchülerInnen, die ich gar nicht oder schon lange nicht mehr unterrichte, schrieben uns und dachten an uns. Immer noch sehe ich in so vielen Blicken, auf dem Gang oder beim Buffet, wie kleine und große Menschen mit mir mitfühlen.

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Ist meine Schule eine singuläre Ausnahme, die einzige Schule, an der so etwas möglich ist? Nein. Meine Schule ist großartig und für mich die schönste Schule, an der ich sein kann. Aber auch von KollegInnen aus benachbarten Schulen kam Hilfe. Und auch meine Tochter erlebt an ihrer Schule, einem anderen Salzburger Gymnasium, eine wunderbare Welle der Anteilnahme und der Unterstützung. Ihre Lehrerinnen und Lehrer ebenso wie die Direktorin, ihre Mitschülerinnen und Mitschüler sowie deren Eltern bilden ein dichtes und stabiles Netz für sie. Meine Tochter wird in ihrer Schule, ebenso wie ich in der meinen, gehalten und getragen, vom ersten Augenblick an, bis heute und darüber hinaus.

Schule ist Leben, Schule ist ein Ort des Lernens und Miteinanderseins. Beziehung und Resonanz sind die Säulen, auf dem all das fußt. Kein Programm oder System, keine Noten und keine Qualitätsstandards, keine Norm und keine Bildungsdokumentation können irgendetwas von dem erzählen, worauf es im schulischen Zusammenleben von Menschen eigentlich ankommt. In unserer Ausnahmesituation hat sich das soziale Gefüge der Schule in seiner ganzen Kraft und Schönheit bewährt. Wir bedurften der Hilfe und die Hilfe war da.

Wie wäre es, wenn wir alle auch im Normalfall ein bisschen öfter auf das achten würden, was da ist, was im Miteinander der Schule funktioniert und klappt? Wie wäre es, wenn Herzensbildung als integraler und wesentlicher Bestandteil von schulischer Bildung betrachtet würde? Als menschlicher Auftrag, nicht weniger wichtig als jedes einzelne Fach mit seinen Inhalten und zu erwerbenden Kompetenzen? Eine Kollegin zum Beispiel, die in diesem Jahr zum ersten Mal Klassenvorständin ist, wird jedes Mal, wenn sie in ihrer Klasse unterrichtet, von einer ganzen Kinderschar abgeholt. Ihre Schüler warten schon in der Pause vor dem Konferenzzimmer auf sie und begleiten sie dann auf dem Weg in den Klassenraum. Erzählen solche Kleinigkeiten nicht eine andere Geschichte von Schule, eine vom Gelingen des Miteinanders? 

„Alles könnte anders sein“ heißt das neue Buch von Harald Welzer. In einem Interview, das im heutigen Standard erschienen ist (aber offenbar nur in der Printversion verfügbar ist), sagt der Soziologe: „Auf Probleme schaue ich in diesem Buch bewusst nicht. Ich versuche, andere Wege aufzuzeigen. Zum Beispiel wende ich mich der Beziehung der Menschen untereinander zu. Es ist das Paradox zu beobachten, dass wir einen permanenten Wohlstandszuwachs verzeichnen, aber die Menschen sich aggressiv verhalten, unter Ängsten leiden und gereizt sind. Wollen wir nicht eine freundliche Gesellschaft, in der man keine Angst hat und freundlich miteinander umgeht? Das ist eine konkrete Utopie, die auch zu verwirklichen ist.“

Sowohl in meiner Schule als auch in der Schule meiner Tochter und zweifellos in vielen anderen Schulen auch ist das, was Welzer „Gesellschaftsutopie“ nennt, bereits seit Langem Wirklichkeit.

(nemo)

Deutschunterricht im Zeichen der Digitalisierung (Fortbildung)

war der Titel der 1. Tagung des Österreichischen Forums Deutschdidaktik (ÖFDD). Da es im LehrerInnenfortbildungsprogramm der PH Salzburg angeboten wurde und die Digitalisierung für mich ja so ein Mittelding zwischen Hobby und Beruf darstellt, habe ich teilgenommen. Uniluft schnuppern ist immer eine willkommene Abwechslung vom Alltag und so besuchte ich von Donnerstag Nachmittag bis Samstag Mittag zwölf Vorträge, die ich hier nicht alle einzeln abarbeiten wollte, aber es ist mir auch nicht möglich, nur (m)einen Überblick über gemeinsame Inhalte zu geben. Aber erst einmal der Link zum Programm.

Die beiden für mich relevantentesten Vorträge hielten am ersten Tag Johannes Odenthal und Markus Pissarek am letzten. Wenn, dann lest bitte die kurzen Berichte über diese beiden.

Die Keynotes des ersten Tages:
Erst einmal gab es ein paar neue Begriffe: Digitalität, Algorithmizität und Referenzialität. Sie tauchen immer wieder auf und werden aus dem Buch Kultur der Digitalität von Felix Stalder zitiert, auf das sich viele der ReferentInnen beziehen. Es scheint das gegenwärtige Standardwerk zur Digitalisierung zu sein. Nicht alle Vortragenden verstehen es, Powerpoint adäquat einzusetzen; auf den Folien von Michael Kelle stand so viel Text, dass man nicht so schnell mitschauen konnte wie er VORLAS – und weiterklickte!1 Außer diesem Buchtipp und dem Satz „Die Kultur der Digitalität bestimmt eine Art zu denken und zu handeln“ ( 😉 !) konnte ich aus dem ersten Programmpunkt nichts mitnehmen. Da es sich bei den Themen um Forschungsergebnisse handelt, sind die Folien verständlicherweise nicht für die TeilnehmerInnen zum Nachlesen verfügbar.

Den zweiten Referenten, Johannes Odenthal, hätte ich mir vor dem ersten gewünscht, dann hätte ich mir mit den Begrifflichkeiten leichter getan. Er blickte mit einem distanzierten Blick auf die DIGITALISIERUNG und erklärte das mit folgender Analogie: Die technischen Hilfsmittel, die seit der Industrialisierung entstanden sind (Autos, Aufzüge), erforderten eine dialektische Gegenbewegung in Form von Sport, weil die körperliche Bewegung für uns auch notwendig ist. Entsprechend müssen wir infolge der Digitalisierung auch mental auf den Sportplatz. Und der Deutschunterricht hat hier eine wichtige Aufgabe: Es wird eines seiner Qualitätskriterien sein, mehr auf das Analoge als auf das Digitale zu achten.
Odenthalt stellt der Digitalität die Analogität zur Seite (nicht gegenüber) und nennt als Beispiel für den mentalen Sportplatz den Deutschunterricht, in dem man lineare Texte statt Hypertexte lesen darf, in dem man sich auf eine Sache konzentrieren darf, in dem man auch einmal alleine arbeitet und in dem man nicht nur produziert, sondern auch etwas zum Ausdruck bringt, etwa, wenn man Theater spielt. Odenthal sieht in der Erfüllung dieser Aufgaben – er nennt sie Analogität, Autonomie und Authentizität (im Gegensatz zu Digitalität, Gemeinschaftlichkeit und Referenzialität) – ein wichtiges Qualitätskriterium des Deutschunterrichts.

Maik Philipp sprach anschließend über einen „kompetenten rezeptiven Umgang“ mit „multiplen digitalen Dokumenten“ und zeigte ein komplex-kompliziertes Modell zum Bewerten von digitalen Quellen. Für analoge funktioniert es aber sicher auch.

Am nächsten Tag die letzte Keynote: Am Beispiel von Super Mario Brothers ging es um Spiele. Filme, Comics, Blogs, Podcasts, Machinimas, WIKIs, Modding, FanFiction und soziale Medien. Matthis Kepser zeigte die Fähigkeiten auf, die nötig sind, um an der digitalen Kultur teilnehmen zu können. Er zitierte dazu Henry Jenkins: „play, performance, simulation, appropriation, multitasking, distributed cognition, collective intelligence, judgement und transmedia“. Amüsant und erhellend, ich habe mich mit etwas Ähnlichem schon einmal in meinem eEducation-Studium (Digitale Mediensozialisation) mit großem Spaß beschäftigt.²

Dann reihte sich ein Workshop an den anderen, immer 45 Minuten Zeit, kurze Vorstellungen von Forschungsinteressen, noch kürzere Fragerunden zu Erklärvideos, Votingsystemen für Lehramtsstudierende, einen Storyeditor („Inky“), der sich für Erzählungen mit mehreren Handlungsalternativen eignet, eine Fehlerauswertung von analog und digital verfassten Maturaarbeiten (handschriftliche bekamen die besseren Noten …), der Iderblog wurde vorgestellt, der während des Bloggens eine Rechtschreibanalyse durchführt und die Kinder sofort korrigieren kann. Es wurde über die Verwendung digitaler Geräte zum Lesen von Literatur gesprochen (Die meisten Deutsch-Lehramtsstudierenden an der PH lesen weder digital noch analog recht viel.) und das Projekt Digital Resistance (Thema Fake News) vorgestellt.

Ein Highlight war der letzte Vortrag, gehalten von Markus Pissarek. Er hatte an alle vorherigen Vorträgen ebenfalls teilgenommen und meinte, er hätte danach „keinen Arbeitsbegriff der Digitalität mehr“ und seinen Vortrag am Abend zuvor noch entsprechend umgestaltet. Er zeigte anhand der Böhmermann-Varoufakis-Satire, dass selbst Internetexperten den Fake nicht hatten erkennen können, was an dem „Stinkefinger“ richtig oder falsch war, und erklärte, dass das Lernenden allein deshalb schon gar nicht als Aufgabe überlassen werden sollte.
Er meinte auch, dass die Bildungsstandards des Deutschunterrichts wegen der Digitalisierung nicht umgebaut werden dürfen, dass keine neuen Kompetenzmodelle nötig seien, denn „LITERATURUNTERRICHT IST DAS BESTE VEHIKEL!“
Die Wahrheit stecke in der Fiktion, sie wurde von Dichtern geschaffen. Man müsse „Awareness mitbringen, dann kann man immer noch in den Fiktionalitätsmodus umschalten.“

Mein Fazit besteht hauptsächlich aus Fragen:

  • Digitalisierung ist klar und spielt natürlich auch eine Rolle im Deutschunterricht.
  • Aber muss eine bestimmte Art des Lesens dafür gelehrt werden? Eher nicht.
  • Es scheint ein Gefühl der Bringschuld und des Nachhinkens unter der LehrerInnenschaft und dem Bildungssystem zu geben. Warum eigentlich?
  • Sind digitale Text etwas grundsätzlich anderes als analoge?
  • Die DidaktikerInnen sind (natürlich) unterschiedlicher Meinung.
  • Nicht alle referierten Forschungsergebnisse erscheinen mir besonders relevant.
  • Auch im Rahmen einer Tagung bleibe ich irgendwie in meiner Filterblase ;-).

Was mir noch aufgefallen ist:

  • DeutschlehrerInnen wissen nichts von diesem Forum, sie sind allerdings auch nicht unbedingt AdressantInnen. Warum eigentlich nicht?
  • Die Vortragenden stammen – auch wenn sie an österreichischen Unis lehren – alle aus Deutschland und sind Männer, so dachte ich nach den Keynotes. Das hat sich insofern ausgeglichen, dass ab dem dritten (!) Halbtag einige aus Österreich stammende Frauen ihre Vorträge hielten.
  • Nach den Vorträgen sagen alle Uni-Angehörigen „Danke für den schönen/interessanten Vortrag“. Alle anderen wissen noch nichts davon.
  • „Vorlesungen“ sind noch nicht ausgestorben: 3 von 11, aber vermutlich ist das Verhältnis nicht schlecht.
  • Modelle sind etwas ganz Wichtiges. (Fast) jede/r muss eines haben.
  • Mitschreiben ist anscheinend kein Thema mehr. Natürlich hab ich immer mein iPad und meinen eigenen College-Block mit, aber bei diesen Tagungen ist es üblich, eine Mappe mit Programm, Kugelschreiber, einem Block und manchmal Werbematerial zu bekommen. Ich sag nur: 12 Vorträge und fünf (!) Blätter Papier?!?

(juhudo)

1 exemplarisches Beispiel einer besonders unangenehmen Präsentationsfolie – und sie war nur eine von vielen – besonders wenn sie in großer Geschwindigkeit vorgelesen wird:

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Vom Wert des Spielens

Spielen sei die beste Form des Lernens sagt Elisabeth Menasse-Wiesbauer, die Leiterin des Zoom-Kindermuseums (Wien) in einem Interview mit dem „Standard“. Viele Volksschulen hätten Elemente alternativer pädagogischer Konzepte übernommen, die auch aufs Spielen setzen. Aber kaum sei die Volksschule vorbei, werde es wieder rigider. Einen Grund dafür sieht sie in den Schulreformen der letzten Jahre:

Die Schulreformen der letzten Jahre sind immer mehr in Richtung Evaluierung und Vergleichbarkeit gegangen, die Lehrkräfte werden mit Bürokratie auf Trab gehalten. Wenn sie ein Spezialgebiet begeistert, können sie das den Kindern kaum mehr vermitteln, weil so wahnsinnig viel Stoff abgehakt werden muss. Das ist eine Art Gleichschaltung und Entindividualisierung des Unterrichts. Ich kenne viele engagierte Lehrerinnen und Lehrer, die darunter leiden.

Allerdings ortet die Museumsdirektorin auch bei vielen Eltern eine zunehmende Verengung des Bildungsbegriffs:

In der Anfangszeit des Zoom musste man ihnen genau erklären, dass die Kinder hier im Mittelpunkt stehen und sich allein durch die Ausstellung bewegen können. Auch unser spielerischer Zugang war vielen Eltern fremd. Dann gab es eine lange Phase der Zustimmung zu unserem Konzept. Jetzt kippt das gerade wieder. Wir haben Eltern, die uns sagen: „Also ein bisschen mehr Wissen müsste man da schon vermitteln.“ Der Bildungsbegriff wird bei manchen wieder enger.

Eltern möchten ihre Kinder „fit machen fürs Leben“, dabei – so Menasse-Wiesbauer – würden Kinder ja auch lernen, „indem sie einfach etwas tun“.

Dem Interview zur Seite stelle ich ein Zitat von Astrid Lindgren, in dem die Autorin beschreibt, worauf es im Leben wirklich ankommt:

Kinder sollten mehr spielen, als viele Kinder es heutzutage tun. Denn wenn man genügend spielt, solange man klein ist – dann trägt man Schätze mit sich herum, aus denen man später sein ganzes Leben lang schöpfen kann. Dann weiß man, was es heißt, in sich eine warme, geheime Welt zu haben, die einem Kraft gibt, wenn das Leben schwer ist. Was auch geschieht, was man auch erlebt, man hat diese Welt in seinem Inneren, an die man sich halten kann.

(Die Quelle, aus der das Zitat stammt, liefere ich noch nach.)

(nemo)

VWA again

Jetzt gehen uns schon bald die  Wiederholungswörter für die Überschriften der VWA-Postings aus. Was wir in den letzten Jahren darüber geschrieben haben, gilt alles noch. (VWA Runde 2 und VWA reloaded: Und jährlich grüßt das Murmeltier und noch ein paar andere. )
Ich möchte jetzt nur eine kleine Themenbilanz ziehen, darüber nämlich, womit mich die SchülerInnen in den letzten fünf Jahren konfrontiert haben. Keine/r von ihnen befand sich zur Zeit der VWA bei mir im Unterricht, fünf von ihnen kannte ich von einer unverbindlichen Übung in der 2. Klasse her, eine aus dem Informatikunterricht der 5. Klasse.

2015
Der Contergan-Fall: eine Aufarbeitung, inwieweit es möglich war, dass es zu einer so großen Zahl an Opfern kommen konnte und wie die Konsequenzen für die Betroffenen und die erzeugende Pharmafirma aussehen.
Narration von Computerspielen: Anhand des Computerspiels „A tale of Two Sons“ wird eine Verbindung zum klassischen Drama dargestellt.

2016
Selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen: Ohne Literatur geht es bei mir nicht, deshalb werden mehrere Jugendbücher und ihr mehr oder weniger seriöser Umgang mit dem Thema Selbstverletzung analysiert.
BUSHIDO – vom Ehrenkodex zum Blockbuster: Der Weg des Kriegers von japanischen Aufzeichnungen bis zu „Der letzte Samurai“.

2017
Kulturelle Körperkunst: Maori-Tattoos und ihre kulturelle Bedeutung in Geschichte und Gegenwart.
Mangas – japanische Bildgeschichten: Die unterschiedlichen Manga-Arten werden erklärt und ein Fokus auf die speziellen Mädchenmangas gelegt und welche Rollenbilder sie zeigen und verfestigen.
Der romantische Pirat: Das Bild des Piraten in der Literatur und neuen Verfilmungen (Fluch der Karibik 🙂 )

2018
Kommunikation zwischen Mensch und Pferd: Kommunikation von Menschen und Pferden im Allgemeinen und inwieweit die Arbeit mit Pferden sich in den letzten Jahren durch die Kenntnisse darüber verbessert hat.
Die Veränderung des Urheberrechts durch die digitalen Medien: Urheberrecht und Creative Commons – welche neuen Anforderungen an ein Urheberrecht gestellt werden.

2019
Censorship – The FCC’s Regulation of Profanity and its effects on the usage of swear words in American broadcast TV series: die erste Arbeit auf Englisch. Inwieweit die Verwendung von Schimpfwörtern in amerikanischen Fernsehserien reguliert wird und ob sich daran gehalten wird.

2020 (coming soon!)
Das Darknet und der Drogenhandel
Manipulation durch Printmedien am Beispiel des Brexit

Also ich habe jedes Mal einiges dazugelernt!
(juhudo)

 

Netzwerktreffen Deutsch – das 16.?

Mit angemessen negativer Grundeinstellung musste ich wieder an einem der jedes Semester stattfindenden NETZWERKTREFFEN teilnehmen. Dieselbe Vortragende, deretwegen ich das letzte Mal – vor einem Jahr- beschlossen habe, NIE mehr wieder an einem solchen teilzunehmen. Ohne genauer darauf einzugehen, ich habe nie zuvor eine unprofessionellere Vorbereitung erlebt. Aber der Vorgesetzte hat angewiesen und so sitze ich nun in der EINZIGEN Fortbildung, die ich besuchen MUSS. Das gefällt mir natürlich nicht, aber ich bin ja nicht zum Spaß da. Wer mich allerdings kennt, weiß, dass ich beinahe sowas wie ein Fortbildungsjunkie bin. Nur die Qualität dieser “Netzwerktreffen” hat von Anfang an (2011?) viel zu wünschen übrig gelassen, und es gab auch schon die eine oder andere Auseinandersetzung und Diskussion deswegen. Wenn es nicht so wäre, könnte es durchaus sein, dass ich FREIWILLIG hier wäre. Und falls ich mich nicht irre, waren die drei einzigen Themen bisher die Bildungsstandards, die Neue Reifeprüfung und jetzt seit ein paar Jahren eben die NOST. Für ausreichende Wiederholungen ist jedenfalls gesorgt, damit gewisse Daten, Fakten und Einstellungen in die trägen LehrerInnengehirne gelangen können.

Die Vortragende gibt uns zu Anfang die Aufgabe, unsere Einstellung zur NOST (neue Oberstufe) mit Karteikarten auf einer Leine anzuklammern: Wer ist für die NOST und wer ist skeptisch? (Nicht dagegen!) Die Kärtchen dafür sollen an der Fensterseite (im Licht) an einer Wäscheleine aufgehängt werden. Wir sollen doch „mutig“ gegenüber Neuerungen sein! Doch die weitaus größte Anzahl der Kärtchen hängt im ablehnenden Bereich.

Meine eh schon niedrige Toleranzgrenze sinkt weiter. Wir sollen anscheinend positive Erfahrungen von KollegInnen mitgeteilt bekommen, in deren Schulen die NOST ausprobiert wird. Die Kollegin, deren Schule aus diesem System wieder ausgestiegen ist, kommt nicht. Warum, erfahren wir nicht. Es sind nur wenige Schulen zum ersten vorgesehenen Zeitpunkt eingestiegen, drei AHS, einige BHS – und es gab bei diesen wenigen auch wieder Ausstiege, als es möglich war. Meist waren es einzelne DirektorInnen, die das Projekt unbedingt verfolgen wollten.

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Kommt die NOST überhaupt und wenn, wann? Bildungsminister Faßmann hat ja eine weitere Verschiebung möglich gemacht und veranlasst, dass erst einmal evaluiert wird, bevor sie alle umsetzen müssen. Danke!  (Während ihrer Einleitung hält die Vortragende immer einen A3 Block mit Bulletpoints in die Höhe. Quasi Powerpoint-Folie, aber nicht lesbar. Und sie meint, dass es ja nicht unbedingt Powerpoint sein muss. Aber es gäb ja Tafeln oder Flipcharts… Aber, da wir alle Punkte über die NOST eh schon kennen, macht es fast gar nix, dass man das nicht lesen kann.)

7 VORTEILE siehe Foto 😉

Nost3

„Es gibt ein tolles Frühwarnsystem…“ – als ob es bisher keines gäbe …

Was mich wieder einmal unglaublich nervt: Es steht da eine thematisch aufgerüstete Lehrperson vor mir, die offensichtlich den Auftrag hat, uns die Unsinnigkeit unserer Skepsis vor Augen zu halten und unsere Meinung um 180° zu drehen. Ihre euphemisierende Wortwahl lässt für mich keinen anderen Schluss zu.

6 NACHTEILE siehe Foto!

Die Aufzählung der Nachteile ist wesentlich kürzer als die Aufzählung der Vorteile. (Aber sie hält tapfer ihren Block hoch.)

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Erfreulicherweise geht es auch anders. Die Kollegin und der Kollege aus den NOST-Schulen berichten ganz sachlich über ihre Erfahrungen und verschweigen auch nicht, dass nicht alle KollegInnen an ihren Schulen der Meinung sind, dass es sich um eine Verbesserung handelt. Bei der Einführung erhoffte sich die eine Schule Wettbewerbsvorteile und an der anderen war es das Projekt eines Direktors, der die Neuerung unbedingt durchsetzen wollte.

Schule 1:
2017 eine Idee des Direktors ohne Abstimmung. Er konnte weder Eltern noch Lehrer ins Boot holen und ließ nach einem Jahr auch keinen Ausstieg zu. Widerstand gegen die NOST kam offen auf, Konfrontation, wieder Entspannung, keine Abstimmung, aber nix Spezielles mehr.  Die große Mehrheit der LehrerInnen ist nach wie vor dagegen, bei den SchülerInnen ist Entspannung eingetreten – naja. Die Kollegin selber aber findet mittlerweile das Bewertungssystem gut, da zum Beispiel ja auch Literaturgeschichte zu einem nicht kompensierbaren Bereich erklärt werden kann.

Schule 2:
Die AHS am Land sah eine Chance für sich,  Schüler mit der Hoffnung, nicht sitzenbleiben zu können, an sich zu binden (statt HAK etc.) Kein Ausstieg, weil nicht klar war, wie es weitergehen sollte, und dann unterschiedliche Systeme in einer Oberstufe. NOST-Phase – altes System – NOST Phase 2 (von der wir noch nichts wissen). „Wir haben eine gewisse Routine und auch einen Pragmatismus entwickelt …“ „Wir haben uns ganz schön eingerichtet …“ LehrerInnen und SchülerInnen sind nicht mehr so dagegen …

Ein BORG ist ausgestiegen mit der Begründung, dass das Systen nicht für die Schulform passt.

Fazit:

  1. Wieder einmal zwei Stunden lang Zuhören über etwas, mit dem wir seit Jahren befasst sind.
  2. Gut war es, einmal unmittelbare Erfahrungen von fachlich kundigen KollegInnen zu hören.
  3. Der große Vorteil für die SchülerInnen hat sich mir wieder nicht erschlossen, die großen Nachteile für die LehrerInnen jedoch erneut.
  4. Vor der dritten Stunde bin ich gegangen. Die anderen TeilnehmerInnen sollten sich in Gruppen weiter mit den Vor- und Nachteilen befassen. Durchgemischt nach den Karteikarten, die wir zuvor aufgehängt hatten, damit die „SkeptikerInnen“ doch noch an diesem Nachmittag überzeugt werden. Irgendwie wie auf einer Tupperparty …

juhudo

Der Trost runder Dinge (Lesetagebuch)

Manchmal gehen Wünsche ganz schnell in Erfüllung. Mitte letzter Woche wünschte ich mir in einem Gespräch mit einem gleichdenkenden Kollegen einen neuen Band Erzählungen von Clemens Setz und – voilà – am Freitag lese ich davon. Die zentrale Welser Buchhandlung hatte leider am Samstagnachmittag geschlossen, aber in der Bahnhofsbuchhandlung in Salzburg lag am Sonntag ein kleiner Stapel für mich bereit. „Der Trost runder Dinge“ heißt der 314 Seiten starke Band, diesmal mit keiner Erzählung gleichlautenden Namens darin.

Ich bin ja seit dem Erscheinen von „Die Liebe zu Zeiten des Mahlstädter Kindes“ ein Fan von Clemens Setz, am besten gefallen mir seine Erzählungen und Gedichte, weil da sein untergründiger Blickwinkel auf die Welt und was er dort findet, für mich am eindrucksvollsten zu erkennen ist. Und mit seinen Texten als Klassenlektüre habe ich schon spannende Erfahrungen machen dürfen.

Und mit dem neuen Band habe ich mir vorgenommen, meine Leseeindrücke unmittelbar aufzuschreiben. Lesetagebücher erwarte ich mir ja hin und wieder von meinen SchülerInnen, wobei ich gerne – neben kurzen inhaltlichen Passagen – den Fokus auf „Ist dir etwas Besonderes aufgefallen?“ oder „Sind die Verhaltensweisen der ProtagonistInnen nachvollziehbar“  lege. Also schreibe ich auch über das Sonderbare, das was mich irritiert, und das, was mir gefällt.

12. Februar, Vormittag

Manchmal werde ich ja geradezu gezwungen, ein Buch von hinten zu beginnen, wenn sich nämlich das Inhaltsverzeichnis dort befindet. Zwanzig Titel, der letzte heißt Jugend. Da ich von hinten nach vorne zurückblättere und er nur drei Seiten lang ist, beginne ich gleich einmal damit: Ein Kind erfährt von seinem gerade überaus glücklichen Vater, dass sein Körper wieder auf etwa zwanzig Jahre zurückgesetzt worden sei, ein Farbwechsel durch einen Kometeneinschlag auf dem Jupiter sei die Ursache. Aber da dem Vater klar wird, dass er in diesem Alter noch keine Kinder hatte, lässt er aber ziemlich verzweifelt zu, dass seine Zellen wieder altern. „Es wäre schön, wenn die Jugend tatsächlich irgendwo in der Zukunft auf uns warten würde.“ (S 315)

Die zweite Geschichte Vorgehen ereignete sich ebenfalls beim Zurückblättern, weil nur wenige Zeilen lang. Ein Uhrmacher und ein kleines Ungeheuer erinnern mich an die Kinderbücher von Sven Nordquist.

Dann gezielt ausgesucht: Spam. Ich mag an Setz gerne, wie er sich mit Besonderheiten des Internets auseinandersetzt. Zum Beispiel liest er aus einem Wikipedia-Eintrag über Bibi Blocksberg ein wunderbar trauriges Gedicht heraus und auch in Spam bedient er sich eines Internetphänomens, nämlich einer dieser Mails, in denen in Translaterdeutsch ein Millionenbetrag angekündigt und für dessen Übermittlung Finanzierung erbeten wird. Es wird hier zwar auch um Geld gebeten, aber der Grund ist ein ganz anderer und  die „Übersetzung“ ist oft wunderbar poetisch, geradezu innig.

„Die Minuten zu zweit auf dieser im Sommer Sitzgelegenheit haben mir stark im Gedächnis, dass zwar über die Jahre flieht und sich an die Zeit verloren, aber dennoch noch als wäre es gerade mal gestern in den Sternen geschrieben.“ (S 149)

Oder:

„Und daher hoffe ich so, dass diese meine automatisch durch Translate.template Sprachen reisende E-Mail-Nachricht im Internet verfielfältigt, immer weiter zu schicken und zu schicken übersetzen senden automatisch, bis wir dich finden, in dem Bart und der Form deines Alters bei ungefähr sechzig Jahre genau nach meiner dieser hypothetischen Dauer.“ (S 155)

Die zwei Tode. Wieder zur wenige Zeilen, wieder gegenseitiges Erkennen zweier Kreaturen, ein bisschen wie in Vorgehen. Schön!

Kvaløya, die Wal-Insel. Dorthin reisen die Ich-Erzählerin und das Or. Wir erfahren über das Or, dass es nicht einfach ist, mit ihm zu verreisen. Man kann ein Buch auf ihm ablegen und es knurrt leise im Schlaf. Es reagiert auf viele Dinge, als erfahre es sie zum ersten Mal. Es stellt ein Problem in Hotels und Restaurants dar. Nicht einmal Hunde kommunizieren mit ihm. Es kann traurig erscheinen und sich am Bein der Erzählerin festklammern. Sätze wie „Langsam, aufgehalten von vielen Nebensächlichkeiten, gelangten wir in ein Viertel, das zu keiner echten Gassenbildung fähig war. Die Häuser hier standen da, als hätten sie noch zu beraten, wie sie dereinst verbunden zu werden wünschten.“ (S 44) oder „Nur die Boote räusperten sich an der Kaimauer“ (S 45) stellen die eigentliche Handlung dar. Und das Or reagiert auf Grimassen.

13. Februar Abend

In Die Gesichter in den Liftspiegeln der Hochhäuser sehnt sich ein wieder  namenloser Er-Erzähler nach einer Beziehung. „Im Internet gab es so viele Frauen, dass er darüber oft in Wut geriet.“ (S 105) Ich habe mir in Laufe des Lesen ein schreckliches Ende vorgestellt, aber der Autor lässt mich nicht dorthin gelangen…

Das Schulfoto: Diese Geschichte erinnert mich an einige aus dem „Mahlstädter Kind“. Eine Schuldirektorin und ein Vater befinden sich in einem äußerst peinlichen Gespräch über eine sehr (oder zu?) weitgehende Form der Inklusion. Die Tatsachen werden nur sehr langsam aufgedeckt und die Gesprächspartner befinden sich in einer spannenden Situation von Argumenten, Ausflüchten und Peinlichkeiten.

Ein Mann, der als Kellner und Pedell jobt, geht eine zuerst sexuelle Beziehung mit einer blinden Frau ein. Wunderbar, als er aber zum ersten Mal ihre Wohnung betritt, stehen überall ordinärste Schimpfwörter an den Wänden, den Türklinken, sogar auf dem Vertilator.  Das lenkt den Ich-Erzähler ab und jedesmal, wenn er wieder kommt, kann er nicht umhin, weiter und weiter zu lesen, aber es ist im unmöglich, das Thema bei seiner Freundin anzuschneiden. Das einzige unbelastete Wort findet sich auf einer Sessellehne und lautet Otter Otter Otter – es wird zu so etwas wie einem Mantra zwischen den „Swearwords“. Aber aus vierzehn Tagen werden zwei Wochen und der Erzähler muss sich diesem Thema doch einmal stellen…

16. Februar, Abend

Das alte Haus. Eine Geschichte mit unerwarteten Wendungen, in der der Ich-Erzähler ein Haus besucht. Er behauptet, dort als Kind gewohnt zu haben, doch diese Erinnerungslücken! Und der Leihanzug und der Teaser!

Suzy nimmt einen ganz schön mit. Der sechzehnjährige, aus einer gutbürgerlichen Familie stammende Marcel hinterlässt seine Telefonnummer in der Toilette eines Lokals, in dem er und seine Freunde sich aufhalten, um

„Frauen anzusehen, die dort als stille Sci-Fi-Sendbotinnen von Tisch zu Tisch gingen, auch das unerwartete Wunder an der Metallstange hatten sie minutenlang bestaunt: eine nackte Frau, die sich allein mit dem Innendruck ihrer Kniekehle einen Meter über dem Boden halten konnte. “ (S 295)

Es kommen erste Anrufe, Marcel gibt sich als Zehnjähriger aus, dessen Mutter eine Prostituierte ist und der mit Strafe zu rechnen hat, weil er ans Handy gegangen ist. Er beginnt diese Gespräche zu genießen, sie wirken sich positiv auf sein Selbstbewusstsein aus und sein Leben wird irgendwie intensiver. Doch dann will ihn jemand aus dieser Situation „retten“ und er beginnt alle Anrufer über seine Täuschung aufzuklären. Als noch eine Frau anruft, überlegt er sich Aufklärungen wie: „Am Anfang war’s schon cool. So als würdest du einen Radiosender von einem anderen Kontinent empfangen.“ (S 311)

17. Februar, Vormittag

Zauberer. Ah, daher stammt der Titel des Bandes. „Die meisten Dinge in der Stadt wirken im Winter um vieles weicher und runder, und der allgemeine Trost runder Dinge ist etwas, für das die Dauer eines Menschenlebens glücklicherweise nicht ausreicht, um dagegen immun zu werden“. (S 199) Dieser Trost scheint für Annamaria, die Mutter eines im Koma liegenden Mannes etwas Vielfältiges und gleichzeitig Einschlägiges zu sein. Und einfach macht sie es ihrem Besucher wirklich nicht.

[… bald geht’s weiter, aber der Text will jetzt schon online gehen …]

juhudo