Geschichten schreiben und veröffentlichen

Ich habe eine Geschichte geschrieben. Ja, eine Geschichte. Das wollte ich schon lange tun, genau genommen, seit es die Internetplattform story.one gibt. Ein Kollege hatte mir letztes Jahr davon erzählt, ich hab’s damals auch gleich meinen SchülerInnen weitererzählt und sie ermutigt, doch einfach einmal eine kurze Geschichte zu schreiben und sie dort zu veröffentlichen.

Nun habe ich in den Salzburger Nachrichten von einem Schreibwettbewerb gelesen. Unter dem Stichwort #salzburglove kann man noch bis zum 15. Dezember auf story.one eine Geschichte mit Salzburgbezug veröffentlichen. Einige davon werden dann auch in der Zeitung abgedruckt. Da habe ich mir gedacht, das wäre doch was für unsere SchülerInnen. Und dann habe ich mir gedacht: Ich könnte ja eigentlich auch selbst. Also habe ich eine Geschichte geschrieben. Sie heißt Aus der Stadt.

Ein bisschen Überwindung hat es mich schon gekostet. Aber, wenn man auf story.one ein bisschen herumschmökert, sieht man, wie viele Menschen einfach so ihre Geschichten erzählen. Die eine spricht einen mehr an, die andere weniger. Jedenfalls aber macht es Spaß, so viele Geschichten von so vielen verschiedenen Menschen zu sehen und zu lesen. Das hat mich ermutigt, auch selbst loszulegen. Vielleicht schreibe ich einfach bald wieder eine Geschichte.

(nemo)

Blau: Die Genese eines Kulturprojekts am Puls der Zeit

Viel lese bzw. höre ich dieser Tage über die Farbe Blau: Der deutsche Wissenschaftsautor Kai Kupferschmidt hat kürzlich ein Buch mit dem Titel Blau. Wie die Schönheit in die Welt kommt veröffentlicht. Ich habe im Radio davon erfahren. Auch auf dem Frankoromanistentag, einem Kongress zur französischen Sprach-, Literatur und 31+f6MVoAvL._SX285_BO1,204,203,200_Kulturwissenschaft, der nächstes Jahr in Wien stattfindet, wird die Farbe Blau verhandelt. Dem Programm entnehme ich, dass es dort eine Sektion zur wissenschaftlichen Betrachtung der „starken Farbe Blau“ geben soll. Blau also, wohin das mediale Auge blickt.

Bereits vor ein paar Jahren, als in der Kunsthalle Wien eine Ausstellung mit dem Titel Blue Times lief, musste ich schmunzeln: Hatten wir doch in der Schule schon im Jahr 2012 ein Kulturprojekt zur Farbe Blau durchgeführt – und ordentlich zu kämpfen, um unsere „Klientel“ von der Sinnhaftigkeit eines solchen Projektes zu überzeugen. Ein bisschen Genugtuung verspüre ich schon, wenn ich nun von den aktuellen Auseinandersetzungen im Wissenschafts- und Kunstbereich lese. Da waren wir offenbar ganz schön am Puls der Zeit mit unserem schulischen Kulturprojekt. Unsere SchülerInnen sahen das damals allerdings ein bisschen anders …

Ich erinnere mich daran, wie meine Kollegin und ich – beide hellauf begeistert von der Idee, zur Farbe Blau ein fächerübergreifendes Kulturprojekt anzuzetteln – auf einhellige Ablehnung bei den SchülerInnen stießen: Was bitte soll das sein, ein Projekt zu einer Farbe? Was wir überaus cool, anregend und spannend fanden, fiel bei den SchülerInnen ganz einfach durch. Intensive Überzeugungsarbeit war nötig, fast hätten wir alles hingeschmissen, bevor es uns schließlich gelang, den 16-Jährigen wenigstens die (passive) Bereitschaft, sich auf das Experiment einzulassen, abzutrotzen.

Kern der Auseinandersetzung sollten Gedichte sein, in denen die Farbe Blau ein wichtiges Motiv darstellt. Im Reclam-Verlag gab es das dazupassende Heftchen mit einer Sammlung „blauer Gedichte“. Je ein Gedicht sollten sich die SchülerInnen aussuchen, es in Gruppen bearbeiten und filmisch umsetzen. Im Vorfeld bereiteten wir das kulturelle Feld mit Bildern (Yves Klein), Filmen (Drei Farben: Blau) und Musik (Blues) auf und 31WZTNAgOtL._SX322_BO1,204,203,200_untersuchten die kulturellen Konnotationen dieser Farbe. Anschließend besorgten wir die Reclam-Hefte, organisierten einen Filmworkshop, beantragten das nötige Geld. Wir warfen uns wirklich ins Zeug. Unsere Begeisterung übertrug sich dennoch kaum merklich auf die Schüler. Einzig die in Aussicht gestellte Exkursion nach München (Der Blaue Reiter im Lenbachhaus) sowie eine mehrtägige Kulturreise nach Berlin lockten sie einigermaßen hinter dem Ofen hervor. Aus heutiger Sicht denke ich mir: Wahnsinn, was wir uns damals für dieses Kulturprojekt angetan haben! Als Bezahlung für uns lockte gerade einmal eine halbe Werteinheit pro Lehrkraft. Jede zweite Woche durften wir dafür gegen den jugendlichen Widerstand und die Lethargie der SechstklässlerInnen ankämpfen. Hart verdientes Brot, wahrlich.

Aber ja, unsere Hartnäckigkeit sollte sich noch bezahlt machen: Im Laufe des Jahres fingen die SchülerInnen nach und nach Feuer. Zuerst nur ein paar, schließlich immer mehr. Als ihre experimentellen Kurzfilme unter Dach und Fach waren, waren die meisten von dem Projekt schon recht angetan. Die Exkursion ins Lenbachhaus machten sie dann schon richtiggehend gerne mit und die Reise nach Berlin – auf den Spuren der Farbe Blau in der Stadt, in verschiedenen Museen und in der Street Art – fanden sie schlussendlich ebenso cool wie wir selbst. Bei der „Blauen Nacht“, bei der das Projekt vorgestellt und die Filme und Fotos den Eltern sowie der interessierten Schulöffentlichkeit gezeigt wurden, war durchaus so etwas wie allgemeiner Stolz spürbar.

Im vollen Ausmaß wurde ihnen das, was ihnen mit diesem Kulturprojekt geboten worden war, allerdings erst nach Projektende bewusst. Mit dem Abstand von mehreren Jahren fanden sie das Projekt so richtig toll. Beim ersten Maturatreffen schwelgte man in Erinnerungen an die megacoolen Tage in Berlin und fand, dass wir da in der Sechsten eigentlich voll das innovative, hippe Kulturprojekt durchgezogen hätten. Als Highlight des Abends wurden die experimentellen Kurzfilme von damals gezeigt – und wir bekamen sozusagen unseren späten Lohn.

(nemo)

 

Peter Handkes poetische Anverwandlung von Welt. Fortbildung nicht nur für Lehrerinnen

Vor mittlerweile auch schon wieder sieben Jahren habe ich an der PH Salzburg im Rahmen der LehrerInnen-Fortbildung einmal ein Seminar mit Hans Höller zu Peter Handke organisiert. Daran habe ich mich gestern erinnert, nachdem verkündet war, dass Peter Handke den diesjährigen Literaturnobelpreis erhalten würde. Ich habe mich an das Seminar erinnert, in dem wir einen ganzen Tag lang über Peter Handkes Texte gesprochen hatten, intensiv den Worten Handkes nachspürend und gänzlich frei von didaktischen 42344Umsetzungszwängen. Angeleitet von Hans Höller, der damals gerade seine Studie Eine ungewöhnliche Klassik nach 1945: Das Werk Peter Handkes publiziert hatte, haben wir uns gemeinsam in ein immer tieferes Textverständnis begeben und waren am Ende des Seminars beglückt über die poetischen Einsichten, die wir gemeinsam an diesem Tag gewonnen hatten, auseinandergegangen. Sicher, jene KollegInnen, die von Fortbildungen didaktische Handlungsanleitungen und fertige Unterrichtsentwürfe erwarten, hatten sich von vornherein nicht angemeldet für diese Veranstaltung. Jene aber, die gekommen waren, durften sich einen Tag lang wieder als ganze GermanistInnen fühlen. Die Frage nach der Umsetzbarkeit im Unterricht und den zu erwerbenden Kompetenzen wurde nicht gestellt. Und das war im Jahr 2012 überhaupt nicht selbstverständlich, galten doch zu dieser Zeit Fortbildungsveranstaltungen zur neuen Matura und zum kompetenzorientierten Unterrichten als das einzig Relevante (und ein bisschen auch als das einzig Glückseligmachende) für (Deutsch-)LehrerInnen …

Tatsächlich spielt Peter Handke im schulischen Deutschunterricht relativ wenig Rolle. Wunschloses Unglück wird immer wieder gerne gelesen, manchmal vielleicht auch die Publikumsbeschimpfung. Die späteren Texte entziehen sich der schnellen schulischen Verwertbarkeit, sind für Jugendliche wahrscheinlich auch nicht so unmittelbar geeignet. Man bräuchte wohl viel mehr Zeit und Muße für die Beschäftigung mit Literatur, damit man so weit käme, um sich Handke-Texten mit Schülern sinnvoll und ernsthaft zu widmen. Obwohl, man müsste es vielleicht einmal versuchen, manches hat sich in den letzten Jahren ja auch wieder geändert. Das gegenwärtige Interesse an Achtsamkeit könnte möglicherweise ein Türöffner sein.

Noch lebendiger als das PH-Seminar, von dem ich eingangs erzählt habe, ist mir selbst die eigene Vorbereitung darauf in Erinnerung: Um als Organisatorin nicht allzu blank dazustehen, habe ich in den Sommerferien davor Mein Jahr in der 81dQ8bptgZLNiemandsbucht gelesen. Ich war mit Handke-Texten kaum bewandert, das Buch stand seit Jahren ungelesen im heimischen Bücherregal. Man könne ja einmal hineinlesen, dachte ich mir. – Und dann hatte ich es plötzlich mit einem Leseerlebnis zu tun, wie es mir so noch nie zuteil geworden war. Der Text entwickelte von der ersten Seite an eine Art von stiller Sogwirkung, die mich nicht mehr losließ. Diese poetische Anverwandlung von Welt, diese Betrachtungen und Fragen nahmen mich mit auf eine Reise, deren Nachwirkung bis heute anhält, ohne dass ich überhaupt noch sagen könnte, worum es in dem Buch eigentlich ging. Ja, um eine Verwandlung ging es, das weiß ich noch.

Ich glaub‘, die Reise mach‘ ich nochmal.

(nemo)

Gedichte als Manifestation von Sinn, Freiheit und Mut

Muss Kunst immer einen Sinn haben?, wurde neulich in einer Radiosendung gefragt. Auf diese Frage ließe sich antworten: Kunst muss nicht nur einen Sinn haben, Kunst hat einen Sinn. Immer und per se. Weil Kunst ohne Sinn nicht existieren würde. Weil Sinn dem Kunstwerk inhärent ist.

Es ist wie mit der Kommunikation: Man kann nicht nicht kommunizieren. Ebensowenig kann man Kunst ohne Sinn schaffen. Freilich kann der Sinn eines Kunstwerks auch darin bestehen, Unsinn zu erzeugen. Die Dadaisten wollten das mit ihrer Kunst: Nonsens zu erzeugen war der Sinn ihrer Kunstproduktion. Unsinn ist aber eben nicht Abwesenheit von Sinn.

Selbstverständlich aber kann Kunst zwecklos sein. Ja, der Sinn eines Kunstwerks misst  sich sogar am Zwecklosen. Kein Zweck, sondern das bloße Sein ist der Sinn von Kunst. Somit haftet der Sinn dem Kunstwerk im Moment seiner Realisierung unwiderruflich an. Kunst entsteht in der Hingabe an das schöpferische Tun, im Stoppen von Zeit und Zweck. Auf diese Weise entsteht Sinn, der für den Kunstproduzenten und in weiterer Folge auch für den Rezipienten als Freiheit erfahrbar wird.

Wie sich dieser Prozess in der Dichtung darstellt, darüber spricht Hilde Domin in ihren Frankfurter Poetik-Vorlesungen, die den schönen Titel Das Gedicht als Augenblick von Freiheit tragen:

Dichtung und Liebe haben nicht nur die Besonderheit ihrer Zeit außer der Zeit gemeinsam: beide sind zweckfrei. Dienen keinem „Um zu“, sondern sind um ihrer selbst willen da, wie alles, worauf es in Wahrheit ankommt. Schreiben – und demnach auch Lesen – setzt dies Innehalten voraus, das Sich-Befreien vom ‚Funktionieren‘. Nur im Innehalten, nur wenn die programmierte und programmierende Zeit stillsteht, kann der Mensch zu sich selber kommen, zu jenem Augenblick der Selbstbegegnung, der im Gedicht auf ihn wartet. (S. 49f.)

Bereits in einem früheren Text mit dem Titel Warum einer tut, was er tut benennt sie den Versuch, mit Sprache die Wirklichkeit zu verändern, als Movens ihres Schreibens und zeichnet nach, wie sich die schöpferische Beschäftigung mit der Sprache als Akt der Befreiung darstellt. In den Vorlesungen heißt es hierzu:

Dichtung entsteht zwar unter Notwendigkeit. Aber dennoch in Freiheit. Sie ist geradezu eine Manifestation von Freiheit. Das heißt, sie kommt nicht von außen, sondern aus dem Menschen selbst: aus seiner Phoenixnatur, seinem Wiederauferstehungsvermögen, seiner allerinnersten Kraft. (S. 37)

In dieser allerinnersten Kraft liege das Wahrhaftige der eigenen Stimme. Hilde Domin bezeichnet das Schreiben (und, da sich Dichtung mit jedem Leser/jeder Leserin erneuert, auch das Lesen) als ein „Training in Wahrhaftigkeit“. Um seine Erfahrung aber überhaupt formulieren zu können, brauche der Schreibende Mut. Dieser Mut ist ein dreifacher:

der Mut zum Sagen, der der Mut ist, er selbst zu sein, der Mut zur eigenen Identität. Der Mut zum Benennen, der der Mut ist, die Erfahrung wahrhaftig zu benennen, ihr Zeuge zu sein. (…) Der dritte Mut ist der, an die Anrufbarkeit der andern zu glauben. Denn wenn er auch nicht ‚für andere‘ im strikten Sinne schreibt, überhaupt nicht ‚um zu‘, so müßte er doch verstummen, wäre nicht in ihm der Glaube an den Menschen, ohne den kein Wort geschrieben werden könnte. Noch im negativsten Gedicht ist dieser Glaube, daß das Wort ein Du erreicht. Dichtung setzt die Kommunikation voraus, die sie stiftet. (S. 52)

Damit die Wirklichkeit „benennbar und gestaltbar“ wird, ist es unabdingbar, dass die Sprache, ja, dass jedes Wort stimmt. Nur dann können Gedichte ihre Kraft entfalten:

Jede kleinste Verschiebung zwischen dem Wort und der mit dem Wort gemeinten Wirklichkeit zerstört Orientierung und macht Wahrhaftigkeit von vornherein unmöglich. Niemand aber ist eine feinere Waage für die Worte als der Lyriker. Deshalb erfüllt das Gedicht, das Sprache erneuert und lebendig hält, eine Funktion für alle, denn es hilft die Wirklichkeit, die sich unablässig entziehende, benennbar und gestaltbar zu machen.

Mir kommt das alles, obgleich es keinesfalls neu ist, gerade wieder ungemein aktuell vor. Gedichte erscheinen wie ein Gegenmittel zu all dem Floskelhaften und dem sprachlichen Müll, der uns andauernd umgibt – sei es in der Werbung, in den Warteschleifen diverser „Hotlines“, in den (sozialen) Medien oder in der Politik …

PS: Auch im letzten brennstoff, der von Heini Staudinger herausgegebenen Zeitschrift des GEA-Verlags, wurde Hilde Domin zitiert. Ist mir schon öfter aufgefallen, dass ich selbst ein bisschen wie diese Waldviertler ticke. 🙂

(nemo)

 

 

 

 

 

Schnell, schneller, am schnellsten. Das Tempo zu Schulbeginn

Zweite Woche und die Schule hat bereits rasant an Fahrt aufgenommen. Zumindest erlebt es mein Kind so, und auch bei der Cousine in Bayern ist es nicht anders. Die meisten LehrerInnen legen von Anfang an richtig los, bereits letzte Woche gab es Hausübungen, die ersten Lernzielüberprüfungen sind fixiert und auch der Nachmittagsunterricht ist schon wieder in vollem Gang. Manche Eltern sind bestimmt froh, dass ihr Kind endlich wieder gefordert ist, ein paar finden wahrscheinlich immer noch, dass es viel zu langsam vorwärtsgeht, und sicherlich gibt es auch Kinder, denen trotz alledem langweilig ist.

Mein Kind gehört nicht zu den Schnellstartern. Mein Kind braucht zu Schulbeginn Zeit. Zeit, um sich wieder an den Rhythmus zu gewöhnen, Zeit, um die Materialien zu besorgen und herzurichten, Zeit, um alles auf „die Reihe zu kriegen“, Zeit, um sich an die neue Situation in der Klasse zu gewöhnen und auch Zeit, um sich von den vielen Ankündigungen und Informationen, die täglich auf alle Beteiligten einprasseln, zu erholen. Mein Kind hätte nichts gegen ein gemäßigteres Anfangstempo einzuwenden.

Aber ok, schon nächste Woche gibt es hier wieder zwei freie Schultage. Einerseits sind die meisten froh, wenn sie ein bisschen durchschnaufen können, andererseits erscheint es wahrlich als seltsam, wenn man nach zwei Wochen Schule das Gefühl hat, durchschnaufen zu müssen. Aber ja, es ist wohl wie beim Joggen: Wenn man zu schnell lossprintet, bekommt man innerhalb kürzester Zeit Seitenstechen und muss gleich wieder pausieren. Beginnt man hingegen langsamer, findet man viel besser in einen Laufrhythmus, den man sodann auch lange durchhalten kann. Aber wer hat schon Zeit, über ein angemessenes Anfangstempo (oder gar über Aufwärmübungen!) nachzudenken, wenn alle losrennen, als gälte es einen (absurden) Streckenrekord zu brechen.

(nemo)

 

Poetische Wegbegleiterinnen II: Hilde Domin und die Notwendigkeit der Bitte

Über Umwege bin ich auf Hilde Domin gestoßen: Die Wiederholung eines Ö1-Menschenbildes über Ute Karin Höllrigl, das anlässlich ihres 80. Geburtstags im Sommer ausgestrahlt wurde, hat mich mit der analytischen Psychologin und Traumforscherin bekannt gemacht. Ich habe mir mehrere Bücher von ihr ausgeborgt, eines davon hat mich besonders angesprochen: Vertrauenswege heißt es und es ist eine Art Dialog zwischen Großmutter und Enkelin. Den ganzen Sommer über habe ich immer wieder in diesem Buch geschmökert und mich mit Ute Karin Höllrigls Gedanken und Ausführungen befasst.

Ute Karin Höllrigl beruft sich häufig auf die Lyrik, auf Gedichte von Ingeborg Bachmann, Rainer Maria Rilke und eben Hilde Domin. Insbesondere das Gedicht mit dem schlichten Titel Bitte hat es ihr – und mittlerweile auch mir, die ich zwar ein paar Hilde Domin-Gedichte gekannt hatte, dieses aber nicht – angetan.

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Eine Bitte ist irgendwie ein recht seltsames Ding und scheint so gar nicht in unsere gegenwärtige Welt zu passen. Was wir brauchen, kaufen wir uns und gegen Risiken schützen uns Versicherungen. Wenn wir also Bitten äußern, dann sind sie meist Ausdruck bloßer Rhetorik. Nach dem Motto: „Wir bitten Sie, den fälligen Betrag umgehend einzuzahlen.“ Zahlt man nicht, folgt die Mahnung. Bitten sind also meist nur höfliche Versionen von Aufforderungen, denen unbedingt nachzukommen ist.

Die echte Bitte hingegen kann nicht auf Erfüllung bestehen. Die echte Bitte ist nicht mehr als eine Art Hoffnung, die erfüllt werden, die aber ebenso zurückgewiesen werden, ja, die sogar unerhört bleiben kann. Eine echte Bitte ist mit einem Risiko verbunden und setzt so etwas wie Vertrauen voraus. Man muss dem Anderen vertrauen, um ihn um etwas bitten zu können. Denn selbst wenn der Andere meiner Bitte nicht nachkommen kann, sollte er sie zumindest ernst nehmen und sich mit ihr auseinandersetzen, damit ich mich gehört fühlen kann. Wo dieses Vertrauensverhältnis nicht gewährleistet ist, kann man schlecht eine echte Bitte äußern. Eine Bitte scheint vielen Menschen (deshalb?) problematisch und ein Ausdruck von Schwäche zu sein. Man braucht etwas vom Anderen, das man selbst nicht hinkriegen würde. Man wird dadurch vom Anderen abhängig.

Immer wieder begegnet man Menschen, die sogar kleine Bitten des Alltags höchst ungern äußern, ja, die Hilfsangebote ausschlagen und darauf beharren, die Aufgabe selbst bewältigen zu können. Die betagte Nachbarin, zum Beispiel, die alleine im zweiten Stock lebt, das Schicksal, alleine zu leben bedauert, und deren Sehkraft mittlerweile so eingeschränkt ist, dass es ihr Schwierigkeiten bereitet, sich außerhalb der eigenen Wohnung zu orientieren. Aber jemanden um Hilfe zu bitten kommt nicht in Frage. Auch das Angebot, ihr zu helfen, für sie oder mit ihr einkaufen zu gehen und die Beteuerung, dass man es gerne mache, führt zu nichts. „Nein, so lange ich es alleine schaffe, mache ich es selbst. Ich brauche niemanden.“

Ja, ich glaube, ich habe auch schon oft so ähnlich reagiert und keine Bitte geäußert, das Angebot der Hilfe nicht angenommen und darauf beharrt, es alleine zu schaffen. Solange es nicht unumgänglich ist, kommt uns echtes Bitten echt komisch vor.

Dagegen nun Hilde Domins Bitte. Da stellt sich die Frage nicht, ob man Hilfe annehmen kann oder nicht. Sie spricht vom Existentiellen. In dieser Situation hat man nicht die Wahl, um Hilfe zu bitten oder es alleine zu schaffen, ja, die Bitte zielt auch weniger auf Hilfe im Sinne von Abhilfe ab als auf Hilfe im Sinne von Selbsterkenntnis. „Durchnäßt bis auf die Herzhaut“ kann es nur darum gehen, die richtige Bitte zu äußern, jene Bitte nämlich, die taugt. Die Bitte, „immer versehrter und immer heiler“ zu sich selbst entlassen zu werden. Die Alternative zu dieser Bitte ist nicht weniger als der eigene Untergang.

BITTE

Wir werden eingetaucht
und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen
wir werden durchnäßt
bis auf die Herzhaut

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht
der Wunsch den Blütenfrühling zu halten
der Wunsch verschont zu bleiben
taugt nicht

Es taugt die Bitte
daß bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe
Daß die Frucht so bunt wie die Blüte sei
daß noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden

Und daß wir aus der Flut
daß wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden

Über Hilde Domin muss ich noch mehr schreiben. Ihre Frankfurter Poetik-Vorlesungen, die ich gerade gelesen habe, begeistern mich … (nemo)

Der Wunsch zu schreiben

Dieser Tage verspüre ich den Wunsch, den Beginn des diesjährigen Schuljahres mit meinen Gedanken, Anekdoten und Reflexionen aus der Ferne zu begleiten. Notizen vom Beckenrand sozusagen, denn ein Mitschwimmen im Schulgeschehen ist mir immer noch nicht möglich. Zu fundamental war der Zusammenbruch im Frühsommer, als dass über die Ferien alles wieder verheilt wäre. Es fällt mir schwer, am Beckenrand zu sitzen und nicht mitmischen zu können. Und doch ist es auch ein Geschenk, nicht mitschwimmen zu müssen. Denn bei allem, was mir widerfahren ist, bemerke ich doch das viele Glück, das ich habe. Dazu zählt auch eine funktionierende Krankenversicherung.

Das Schuljahr mit meinen Gedanken begleiten, das wollte ich eigentlich jedes Jahr. Von Zeit zu Zeit ist es gelungen, nicht zuletzt ist auch der Blog in den vergangenen Jahren gehörig angewachsen, wenngleich sich das Wachstum in letzter Zeit doch recht verlangsamt hat. Immer schon fehlte mir die Zeit fürs Schreiben. Wenn ich denke, was es alles zu schreiben gegeben hätte, was mir von all dem, was da so täglich in der Schule passierte, als mitteilenswert erschien, dann sind die existierenden Blogeinträge ja allenfalls ein Bruchteil dessen, was ich immer schreiben wollte. Denn allzu oft ließ der Schulalltag einfach kein Schreiben zu. 

Nun habe ich Zeit. Aber was gibt es aus der Ferne überhaupt zu schreiben? Schule lebt vom Geschehen, und wenn man nicht dabei ist, kann man auch nicht viel dazu sagen. Andererseits könnte ein bisschen Abstand auch ganz guttun, um einen anderen Blick auf die Schule zu werfen. Es müssen ja nicht die Geschichten aus dem Inneren sein. Wie wir wissen, gibt es viel über die Schule zu sagen. So mancher Experte hat auch nicht das Gefühl, er müsste die Schule unbedingt von Innen her kennen, um darüber zu urteilen. Und Manches kriegt man ja auch von Außen mit: Gerade gestern konnte man medial wieder einmal erfahren, wie teuer das österreichische Schulsystem denn nicht sei. Zu hohe Lehrergehälter und zu kleine Klassen, das alte Lied. 26 SchülerInnen sind derzeit in der Klasse meiner Tochter. Zu wenige?

Aber: Darf ich denn überhaupt? Ist es legitim, über Schule nachzudenken, wenn man krankgeschrieben ist? Andererseits: Wer sollte es mir verbieten? Die Frage muss wohl eher lauten: Ist es sinnvoll, über Schule nachzudenken, wenn man nicht in der Schule ist? Mache ich es mir zu leicht, wenn ich mich an den Computer setze und schreibe, obwohl ich mich erholen sollte? Andererseits: Wenn ich es gern tue, ist es dann nicht vielleicht meiner Erholung zuträglich?

Viele Fragen. Warum verspüre ich überhaupt den Drang zu schreiben, noch dazu öffentlich? Würde es nicht reichen, für mich selbst zu schreiben? Hm. Ich weiß es nicht, wie gesagt, ich verspüre den Drang dazu, meine Gedanken einer Öffentlichkeit mitzuteilen. Geht es dabei in erster Linie um Geltungssucht? Oder ist es legitim, mitreden zu wollen, wenn man das Gefühl hat, man habe etwas zu sagen. Muss ich mich für das Gefühl, ich habe etwas zu sagen, genieren? Anders gefragt: Habe ich überhaupt etwas zu sagen oder habe ich nur ein vages Gefühl?

Ganz schön verworren. Mit ein Grund für die vielen Fragen, die ich mir stelle, ist das Buch, das ich gerade lese: Trau dich, es ist dein Leben. Die Kunst, mutig zu sein heißt es. iu-6Das Buch stammt von Melanie Wolfers. Es ist Teil dieser Ratgeberliteratur, die ich früher immer ein wenig belächelt habe. Jetzt merke ich, wie wichtig solche Bücher sind und wie gut mir Bücher wie jenes von Melanie Wolfers tun. Es sind die relevanten Fragen über mein Leben, die sich mir beim Lesen aufdrängen, jene Fragen, um die ich mich schon oft herumgedrückt habe.

Die Fragen über die Sinnhaftigkeit des Bloggens sind da wohl die banaleren. Obwohl, sie rühren schon auch an den Grund des Eingemachten, nämlich an die Frage nach dem generellen Sinn. Wofür lebe ich? Was ist das, was ich – und zwar wirklich ich – geben kann? Wie oft schon habe ich behauptet, ich würde gern mehr schreiben. Allzu oft schon hatte ich den Eindruck, ich müsste Geschehnisse für andere festhalten, niederschreiben, bewahren. Immer wieder kamen mir Erlebnisse erst als wirklich vor, nachdem ich sie beschrieben hatte. Beschrieben, aufgeschrieben, festgehalten, nicht nur besprochen. Und doch blieb es häufig bei dem Wunsch zu schreiben. Umgesetzt habe ich den Wunsch allzu oft nicht. Fehlende Zeit lautete die Generalausrede. Manchmal habe ich es dann aber auch wieder als befreiend erlebt, nicht alles aufschreiben zu müssen. Und doch kam der Wunsch, das Gefühl, ja die Sehnsucht nach dem Schreiben immer wieder zurück.

Man kann es einfach wieder einmal versuchen. (nemo)