Vom Sich Wehren

Die Aufrufe, sich gegen aktuelle Vorgaben und Tendenzen im Bildungssystem zu wehren, mehren sich. Kürzlich erschien ein sehr ausführlicher Beitrag eines Lehrers aus Vorarlberg im „Spectrum“ der Presse: Unter dem Titel „Wann wehren wir uns endlich!“ setzt sich Ernst Wirthensohn mit der „Bildungsdemontage“ im österreichischen Bildungssystem auseinander. Sein Artikel benennt und analysiert sämtliche Zumutungen, die dem Schultyp Gymnasium – einst Garant für fundierte Allgemeinbildung und die Herausbildung kritischen Denkens – in den vergangenen Jahren widerfahren sind. Dabei tut der Autor dies so gründlich, dass seinen Ausführungen kaum etwas hinzuzufügen ist – außer vielleicht, dass an manchen Stellen nach- und weitergefragt werden könnte. Beispielsweise: Wer sind die inkriminierten „Bildungsexperten“ tatsächlich und welche Rolle nehmen wir LehrerInnen in diesem Feld eigentlich ein? Es drängt mich wahrlich, mich mit diesem Thema einmal grundsätzlicher auseinanderzusetzen. Dafür aber bedarf es mehr Zeit, als mir gegenwärtig zur Verfügung steht.

Deshalb gleich zum zweiten Widerstandsartikel: Die renommierte Übersetzerin Karin Fleischanderl veröffentlicht im heutigen Standard einen Aufruf an die Eltern, sich gegen die Zentralmatura zur Wehr zu setzen. Als Mutter einer Gymnasiastin weiß sie, wovon sie spricht. Fleischanderl wettert gegen verdummende Schreibaufträge in der Deutsch-Matura ebenso wie gegen die ihrer Ansicht nach unseriösen Vorgaben für die vorwissenschaftliche Arbeit: „Sagen wir unseren Kindern, dass sie mit siebzehn Jahren nicht imstande sind, vielmehr gar nicht imstande sein können und auch gar nicht imstande sein müssen, eine wissenschaftlich relevante These aufzustellen und diese zu verifizieren oder zu widerlegen.“ Mit ihrer Kritik hat Karin Fleischanderl schon irgendwie recht – und gleichzeitig auch wieder nicht. Wenn wir bei der VWA bleiben: Ja, natürlich sind die Vorgaben fragwürdig und man könnte das ganze Vorhaben auch grundsätzlich in Frage stellen. Noch dazu, wo interessierte, begabte SchülerInnen ja schon bisher die Möglichkeit hatten, zur Matura eine Fachbereichsarbeit zu schreiben. Warum jetzt jede und jeder eine (noch dazu) vorwissenschaftliche Arbeit verfassen können soll, erscheint tatsächlich nicht ganz nachvollziehbar. Gleichzeitig aber erlebe ich als VWA-Betreuungslehrerin, Klassenvorständin einer achten Klasse und VWA-Zuständige in unserer Schule auch, wie viel etliche SchülerInnen bei der selbstständigen Arbeit, bei der Recherche, beim Verfassen und beim Gestalten gelernt haben und was für wirklich bemerkenswerte Arbeiten entstanden sind. Auch dazu aber an anderer Stelle und zu gegebener Zeit mehr. Für heute nur soviel: Grundsätzlich bin auch ich für Widerstand gegen Verblödung und Für-dumm-Verkaufen. (nemo)

Ernst Wirthensohn: Wann wehren wir uns endlich!, in: Die Presse (Spectrum), 7.2.2015
Karin Fleischanderl: Eltern, wehren wir uns!, in: Der Standard, 28.2.2015

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