Die Ödnis des vorgefertigten Schreibens

Hat eigentlich irgend jemand die Aufgabenformate der neuen Deutsch-Matura selbst ausprobiert? Man würde meinen, das sei selbstverständlich, aber …: Nachdem ich mich am Wochenende hingesetzt habe und für meine SchülerInnen als kleines Service zur Vorbereitung auf die große Prüfung eine Musterlösung verfassen wollte, zweifle ich daran. Hat wirklich einmal jemand von den Verantwortlichen für die neue Reifeprüfung versucht, so eine Maturaaufgabe selbst zu lösen – und zwar eine ganze?

Nicht, dass die Aufgaben schwer oder gar unlösbar wären. Als halbwegs versierte Schreiberin kann man solche Texte sogar recht schnell herunterschreiben. Wirklich viel zu überlegen gibt es ja nicht, sind doch die Themen allgemeiner Mainstream. „Neue Medien“ lautet beispielsweise die thematische Klammer des Themenpakets, das ich mir ausgesucht habe. Zu diesem Thema müssen zwei in etwa gleich lange Texte (je 405-495 Wörter) verfasst werden, eine Empfehlung zu „Twitter-Unterricht“ und ein Kommentar zur Frage „Verlust der Sprachkompetenz durch Handy und Co.?“. Dazu gibt es insgesamt drei Inputtexte, die in die Argumentation mit einbezogen werden müssen, und jeweils drei abzuhandelnde Arbeitsaufträge. So weit, so gut. Wie gesagt, ich schreibe gern, ich schreibe leicht, ich schreibe, wenn’s sein muss, auch über Themen, die mir nicht unter den Nägeln brennen. Ich halte mich also an die durch die Arbeitsaufträge genau vorgegebene Struktur, ich bastle meinen Text auf die vorgegebene Wortanzahl hin, einzig bei der Meinung, die ich vertrete, bin ich renitent und argumentiere beharrlich gegen die allein durch die Auswahl der Inputtexte und auch durch die Arbeitsaufträge ziemlich vorgelenkte Auffassung.

Das böse Erwachen kommt, nachdem ich meine Empfehlung ordnungsgemäß abgearbeitet habe (und dafür mit allem drum und dran doch gut eineinhalb Stunden gebraucht habe): Was, jetzt soll ich zu demselben Thema noch einen Kommentar verfassen? Wie öd ist das denn? Wieder dieselbe Prozedur: Inputtexte lesen, relevante Stellen markieren, zentrale Aussagen wiedergeben, diese in meinen Erfahrungshorizont einordnen, Stellung nehmen. Aber ich habe doch schon eine „begründete Empfehlung“ zu diesem Thema abgegeben!? Nein, das reicht nicht. Jetzt muss noch ein Kommentar für eine „anspruchsvolle Maturazeitung“ geschrieben werden.

Man traut den österreichischen MaturantInnen offenbar nicht (mehr) zu, dass sie zu einem Thema wirklich etwas zu sagen haben und argumentativ in die Tiefe gehen können. Stattdessen zwingt man sie, schön an der Oberfläche zu bleiben und das Wenige, das sie in dem engen vorgegebenen Rahmen überhaupt sagen können, zweimal zu schreiben. Na, da kommt Freude auf. Man muss m. E. geradezu textsortengläubig sein, wenn man meint, durch diese Beschäftigung mit zwei (angeblich) unterschiedlichen Textsorten würde irgendeine besondere Kompetenz, die diese Ödnis rechtfertigen würde, unter Beweis gestellt.

Als ich weiland maturiert habe, durfte man schreiben, was man zu einem Thema zu sagen hatte. Das war lustvoll, man fühlte sich ernst genommen, man konnte stolz auf den Tiefgang dessen sein, was man über mehrere Stunden vor Ort produzierte. Nicht, dass dabei lauter hoch qualitative Texte herausgekommen wären. Aber man räumte uns zumindest die Möglichkeit ein, etwas Substantielles hervorzubringen. Jetzt geben wir den MaturantInnen genau vor, was, wie und wieviel sie zu schreiben haben. Nicht, dass dabei lauter schlechte Texte herauskommen werden. Öde Texte werden halt herauskommen, grässlich öde, gleichförmige Texte, egal, ob sie uns als Empfehlung, Kommentar, offener Brief, Meinungsrede oder sonst etwas entgegenkommen werden. Und das wird nicht die Schuld der SchülerInnen sein. Meine beispielsweise interessieren sich gerade intensiv für Kafkas Verwandlung. Ich will mir gar nicht ausmalen, was das für schöne, überraschende (ja, wohl auch ein paar schwache, substanzlose) Maturaarbeiten ergeben könnte. Wenn man die jungen Menschen doch nur schreiben ließe! (nemo)

4 Gedanken zu “Die Ödnis des vorgefertigten Schreibens

  1. doris junghuber schreibt:

    Sehr guter Titel. Zu der Frage, ob eine/r der AufgabenverfertigerInnen beide Textsorten selbst einmal geschireben haben, hätte ich sehr gerne eine Antwort.
    Wen fragen wir denn da?

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  2. Sophie schreibt:

    Als Schülerin spricht mir dieser Post aus der Seele. Ich kenne das Gefühl, kompetenzorientierte Texte für eine Probeschularbeit schreiben zu müssen und absolut keine Lust zu verspüren, da Kreativität und die eigene Meinung sowieso wieder einmal zu kurz kommen. Wie im Blogpost schon erwähnt, läuft alles nach vorgefertigtem Schema ab (lesen, markieren, Hauptaussagen in eigenen Worten zusammenfassen…) und leider bleibt aufgrund des Maximums von 500 Wörtern nicht mehr viel Raum für zusätzliche, interessante Gedanken.
    Manchmal denke ich mit Sehnsucht an meine Volks- und Hauptschulzeit zurück und würde gerne wieder einmal eine spannende und abwechslungsreiche Fantasiegeschichte schreiben, ohne eben mit dieser „Ödnis vorgefertigten Schreibens“ konfrontiert zu werden. In Latein müssen wir manchmal Texte oder Handlungen frei fortsetzen (als Verständnisüberprüfung) und sollen unserer Kreativität freien Lauf lassen, doch wir merken alle, wie schwer uns das fällt, da so etwas einfach nicht mehr gefragt bzw. erwünscht ist.
    Ich denke, dass die Matura durch dieses System auf jeden Fall machbar ist. Jedoch frage ich mich manchmal, ob nachher noch irgendjemand aus freien Stücken gute Texte schreiben möchte, da die Fähigkeit, die eigene Meinung auf vielfältige Weise wiederzugeben und kreativ zu verpacken, durch die Zentralmatura fast schon aus uns „herausgeprügelt“ wird.
    In vielen Büchern trifft man auf Passagen oder einzelne Sätze, die ich wiederholt lese und mir jedes Mal wieder denke, wie schön oder wie besonders, wie einzigartig das Gelesene doch ist. Solche Gedanken und Ausdrücke finden aber im aktuellen Raster zur Beurteilung von zentralorientierten Schularbeiten leider keinen Platz…

    Sophie, 16 Jahre

    Gefällt 2 Personen

    • Nici schreibt:

      Liebe Sophie,
      ich kann dich sehr gut verstehen! Allerdings habe ich vor 4 Jahren maturiert und obwohl es auch da bereits unmöglich war, einen kreativen Text zur Matura zu geben (was meine Deutschlehrerin übrigens sehr bedauerte), war es zumindest noch möglich, Kreativität in die geforderten Texte mit ein zu bringen. Wortlimit gab es ebenfalls keines, was mich sehr freute und wohl auch für meine persönliche Entwicklung wohl sehr hilfreich war.
      Ich bin jetzt Studentin und möchte nach meinem Studium als Schriftstellerin tätig sein. Mir tut die Einführung der Zentralmatura besonders leid, weil ich nicht weiß, ob ich mit den neuen Richtlinien, die Kreativität regelrecht verbieten, meine Liebe zum Schreiben entdeckt bzw. auch behalten hätte.
      In Zukunft wird dies bestimmt für weniger SchülerInnen möglich sein und das finde ich nicht bloß schade, das halte ich für eine Tragödie. Ich sehe meine Vermutung bestätigt, wenn ich lese, dass es dir und deinen MitschülerInnen bereits schwer fällt, eurer Fantasie freien Lauf zu lassen.
      Dein Kommentar klingt so, als würdest du gerne (Fantasie)Geschichten schreiben, dir selbst Gedanken zu machen und diese kreativ verarbeiten. Ich hoffe, das vergisst du nicht, auch wenn das bei der Zentralmatura/ in der Schule nicht mehr gefragt ist. Für dein Leben wird das ein wertvolleres Gut sein als diese sogenannten Kompetenzen, die mit kritischem Denken und Kreativität nicht viel zu tun haben.
      Ich würde dir raten: schreib deine Gedanken und/ oder Geschichten auf, auch wenn du sie für die Schule nicht „brauchst“. Falls dir die Zeit dafür fehlt, schreib einfach nur ein paar Absätze oder Zeilen oder schreib sie im Sommer nach der Matura 🙂 Aber bitte vergiss deine Kreativität und Fantasie nicht! Sie machen das Leben sehr viel schöner 🙂
      LG, Nici

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