Probematura Deutsch

Am Mittwoch war es auch im Fach Deutsch so weit: Für unsere vierstündige und zugleich letzte Schularbeit konnten/sollten/durften wir die zentral zur Verfügung gestellte Probeklausur verwenden. Diese Tatsache war am Mittwochabend sogar der ZIB 2 einen Beitrag wert. Schon erstaunlich, wie sich die mediale Öffentlichkeit plötzlich für die Schule interessiert. Man kann sich dabei allerdings nur schlecht des Eindrucks erwehren, die Medien lechzten geradezu nach der nächsten ausschlachtbaren Panne. Zentralmatura als Spektakel in unserer Eventkultur. Wenn schon aktuell kein richtiges Problem, dann wenigstens ein kleiner Skandal beim BIFIE oder im Ministerium. Bitte!

Jedenfalls sitze ich jetzt da mit meinen 27 vierstündigen Klausuren und muss diese bis nächsten Mittwoch korrigiert haben. Täglich vier Stück, dann geht es sich aus. Das heißt insgesamt, rund 25 – 30 Stunden Korrekturarbeit in dieser Woche – und ich bin nicht langsam! Heute habe ich mein Pensum schon erledigt, deshalb erlaube ich mir, was ich gerade tue, nämlich ein bissl darüber schreiben. Erzählen kann man diesen Schulkram ja auch niemandem (außer – Gott sei Dank! – den KollegInnen), da kommt so ein Blog gerade recht. Immerhin muss das ja niemand lesen, der nicht will.

Worum ging es nun inhaltlich bei dieser Probeklausur? Na, wer will’s wissen? Also: Die SchülerInnen hatten zwei Themen zur Wahl: 1. Die Frage nach dem richtigen Leben und 2. Rauchen. Quasi Oberschicht- und Unterschichtthema. Nein, ich bitte um Entschuldigung, das war jetzt nicht nett. Ab jetzt wieder ernst:

Beim ersten Themenkomplex mussten eine Interpretation des wunderbaren Gedichts Reklame von Ingeborg Bachmann verfasst und ein Kommentar zum Thema Glück und Glücksvorstellungen, basierend auf einem Ausschnitt aus Die Tretmühlen des Glücks von Mathias Binswanger, geschrieben werden. Eigentlich gar nicht so schlecht. Das Problem dabei ist halt, dass man, um das Gedicht ordentlich analysieren und interpretieren zu können, viel mehr Zeit bräuchte, als einem zur Verfügung steht, wenn man zugleich noch einen vernünftigen Kommentar zu dem inhaltlich auch nicht ganz leichten Text von Binswanger schreiben muss.

Da gab es das zweite Thema schon viel billiger: Eine Empfehlung an die Betriebsleitung einer großen Firma zur Regelung der Rauchpausen sowie eine Zusammenfassung einer Internetseite zum Thema „Frauen rauchen anders“. Beide Textbeilagen waren extrem einfach (und qualitativ erschreckend dürftig), das Thema selbst abgedroschen wie ein Feld im November. Da gab es nicht viel nachzudenken, da konnte die Lese- und Schreibkompetenz fast unbehelligt von Inhalten durchexerziert werden. Schon irgendwie erstaunlich, dass beide Themenpakete in Österreich offenbar als ausreichend erachtet werden, um die allgemeine Hochschulreife in der Muttersprache unter Beweis zu stellen. Das zeigt doch, wie sehr Deutsch mittlerweile als reines Sprachfach betrachtet wird, so als ob es wirklich nur mehr um oberflächliche Kommunikation und nicht zumindest auch um inhaltliches Denken ginge, wenn man sich der Sprache bedient. Und es zeigt auch, mit welchem Unverständnis man selbst bei der Deutsch-Matura literarischen Texten begegnet.

Dass ein Thema wie das erste, insbesondere ein komplexes Gedicht, nämlich wirkliches Denken (und eine halbwegs profunde Analyse) erfordern würde, um angemessen darauf reagieren zu können, scheint den Aufgabenstellern bzw. den Erfindern des derzeitigen Maturakonzepts nicht wirklich bewusst zu sein. Wie könnte es sonst sein, dass man von den SchülerInnen erwartet, binnen drei (bzw. vier) Stunden eine Interpretation (zu einem ihnen unbekannten Gedicht!) und einen Kommentar quasi runterzuschreiben.

Da stellt sich einmal mehr die Frage: Hat eigentlich irgendjemand von den Verantwortlichen die Aufgabenstellung selbst ausprobiert, und zwar die ganze?

So, jetzt aber Schluss, schließlich muss ich morgen wieder fit fürs Korrigieren sein. Und weil’s so schön ist, tippe ich noch das Bachmann-Gedicht ab. Vielleicht will es ja jemand mal schnell interpretieren… (nemo)

Ingeborg Bachmann: Reklame (1956)

Wohin aber gehen wir
ohne sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge
aber
mit musik
was sollen wir tun
heiter und mit musik
und denken
heiter
angesichts eines Endes
mit musik
und wohin tragen wir
am besten
unsre Fragen und den Schauer aller Jahre
in die Traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge
was aber geschieht
am besten
wenn Totenstille

eintritt

aus: Ingeborg Bachmann: Werke, Band 1: Gedichte, Hörspiele, Libretti, Übersetzungen. München: Piper 1993, S. 114.

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