Deutschmatura – Ödnis, die erste

Je länger ich über den Maturaarbeiten sitze, desto stumpfsinniger erscheint mir das alles. Nicht, dass die Arbeiten schlecht wären. Nein, einige sind sogar richtig gut, die meisten ganz passabel und nur wenige lassen zu wünschen übrig. Wobei: Im Grunde lassen eben alle zu wünschen übrig, das ist es ja, was mich zusehends betrübter auf die Prüfungsbögen hinschauen lässt. In Wirklichkeit ist es nämlich ein einziges inhaltsleeres Blabla, was wir da von den MaturantInnen hören wollen. Es geht darum, dass sie ihre Lese-, Argumentations- und Schreibkompetenz unter Beweis stellen, um nichts anderes. Was sie sagen, ist so was von egal! Und zwar bei allen Themen, selbst beim sogenannten literarischen. Dabei sind die Themen nicht einmal schlecht: Die Macht der Kritik, Familie sowie Armut und soziale Gerechtigkeit. Drei an und für sich relevante gesellschaftspolitische Themen. Aber was konkret verlangt wird und wie die KandidatInnen diese Themen angehen müssen, ist ein einziges Elend.

Nehmen wir das Thema Familie. Das haben die meisten meiner SchülerInnen gewählt. Zu verfassen sind hier eine Zusammenfassung und eine Meinungsrede. Jawohl, zum Auftakt gleich eine Zusammenfassung! Zusammengefasst muss ein Artikel aus der Wiener Zeitung mit dem Titel Familie – Mythos und Realität werden. Zweifellos ist es wichtig, dass man Texte zusammenfassen kann. Aber darf das wirklich alles sein, was wir zur Reifeprüfung an einem Gymnasium in der Unterrichts- und Landessprache erwarten können? Wäre das nicht viel eher die Voraussetzung, die Basis, auf der man seine Gedanken zu einem Thema zum Ausdruck bringt?

Na gut, sie haben ja auch noch eine Meinungsrede zum Thema Kinder und Familie – meine Zukunft? zu verfassen. Ich spüre, wie das Thema viele meiner SchülerInnen anspricht, wie sie dazu etwas zu sagen hätten, wie sie „abheben“ könnten – wenn man sie ließe. Aber nein, man hält sie auch hier mit genau vorgegebenen Arbeitsaufträgen auf dem Boden. Man hält sie am Gängelband der Kompetenzorientierung und der Vergleichbarkeit. Denn es geht nicht um ihre Gedanken, es geht nicht um ihre Visionen, es geht schon gar nicht um ihre kritische Reflexion. Es geht schlichtweg darum, dass sie mit 540 bis 660 Wörtern unter Beweis stellen, dass sie den „Inputtext erfasst“, dass sie alle „Arbeitsaufträge erfüllt“, dass sie die „Schreibhandlung(en) im Sinne der Textsorte durchgehend realisiert“ haben. So müssen sie funktionieren, denn so will es das Beurteilungsraster, und so muss ich die Chose bewerten. Viel öder geht nicht.

Nicht, dass wir das alles nicht schon vorher gewusst hätten. Über die Ödnis des vorgefertigten Schreibens habe ich bereits anlässlich der Maturavorbereitungen nachgedacht. Aber wenn es einem dann bei der ach so wichtigen Reifeprüfung auf derart drastische Weise und in 26-facher standardisierter Ausfertigung vor Augen geführt wird und man gleichzeitig 26 mehr oder weniger interessante, jedenfalls aber individuelle Stimmen durchhören kann – so leise allerdings, dass man sie mitunter fast nicht mehr wahrnehmen kann, dann -, ja, dann packt einen irgendwie die Wut! (nemo)

14 Gedanken zu “Deutschmatura – Ödnis, die erste

    • Jürgen Kiechl schreibt:

      tragisch – ist aber die fortsetzung der pflichtschule. auf der einen seite soll individualität groß geschrieben werden, auf der anderen seite sind ein katalog an bewertungskriterien zu beachten nach welchen dann in möglichst komplizierter art und weise die note herauskommt. die „kompentenzitis“ greift wie ein virus um sich, „bifieismus“ ist womöglich eine ursache.

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  1. Sieglinde Rossegger schreibt:

    Ich kann die oben stehende Kritik sehr gut nachvollziehen und frage mich natürlich auch:
    Wie passen Individualisierter Unterricht, Kritikfähigkeit, Argumentationsfähigkeit, Stellung nehmen, eigene Meinung wiedergeben in einen so straff geführten Arbeitsauftrag?
    Wie bewertet bzw beurteilt man eine persönliche Meinung/Stellungnahme?
    Sind Reflexionsfähigkeit, Kritikfähigkeit nicht auch Kompetenzen?
    Gibt es überhaupt vergleichbare Beurteilungskriterien für ganz Österreich – allein schon wegen der regionalen und sozialen Unterschiede?
    Ich bin froh, dass ich die Matura vor fast 40 Jahren ablegen durfte – da wurden (zumindest ich empfand es so) Persönlichkeit, persönliche Entwicklung, Leistungssteigerung auch noch mit bewertet.

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    • Monika Neuhofer schreibt:

      Danke für Ihren Kommentar. Zu hoffen ist, dass wenigstens der Unterricht halbwegs individualisiert bleibt und nicht zu einem reinen „teaching for the test“ ausartet.

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  2. Martin Seiner schreibt:

    Da sieht man leider wie weit der Einfluss von Leitl und der hirnlosen Wirtschaftsbande bereits reicht. Die Wirtschaft verlangt, das auf Schulen und Unis genau der Typ von Schwätzern produziert wird, den man glaubt, für eine rein kommerzorientierte Wirtschaft zu brauchen. Visionslose Verkaufsroboter, die es schaffen einen 500 Seiten Roman auf einer Seite zusammenzufassen, oder auch das Parteiprogramm der ÖVP für einen lesefeindlichen Herrn Pröll auf einen Absatz zu komprimieren, das ist der Auftrag. Wir gehen aufregenden Zeiten entgegen… gähn.

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  3. dioramara schreibt:

    Irgendwie lese ich das hier gerne, weil das dasselbe ist, was ich mir auch denke. Andererseits ist es so unendlich traurig, den jungen Menschen schon so jung die Flügel zu brechen, nur um sie in Schablonen passend und messbar zu machen.
    Gerade so … wütend und hilflos. Hachz.

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  4. Silvie schreibt:

    Mir geht es gerade genauso…. hab meine SchülerInnen scheinbar gut vorbereitet, sie in ein Korsett gezwängt, das für die Schwachen hilfreich ist, aber die etwas Besseren… sie bleiben auf der Strecke…, und wenn sie aus den Korsett ausbrechen , auch nur bei einer Textsorte, dann ist die gesamte Arbeit negativ…..
    Darum war es mir im Unterricht immer wichtig, zu diskutieren, uns in Literatur zu vertiefen, da sollten sie alles sagen, denken dürfen, was ihnen wichtig ist….
    Es bleibt bei der ganzen textbezogenen Arbeit viel zu wenig Raum , Zeit (Wortanzahl!) für eigenes…
    Schade….

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    • Monika Neuhofer schreibt:

      Zu überlegen wäre schon, ob wir nicht alle künftig wieder mehr Raum im Unterricht für Diskussionen und Literatur schaffen sollten. Natürlich haben wir uns in diesem Jahr bemüht, die SchülerInnen bestmöglich auf diese Art von Matura vorzubereiten. Aber wenn es auch weiterhin bei diesen Textsorten und solchen Arbeitsaufträgen bleibt, reicht es eigentlich, wenn unsere MaturantInnen argumentieren, appellieren und analysieren sowie zusammenfassen können. Die jeweiligen Textsorten stoppeln wir dann „im Anlassfall“ daraus zusammen…

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  5. elfenhexchen schreibt:

    Dieser Blogeintrag spricht mir aus der Seele! Ich bin selber noch Schülerin und werde nächstes Jahr an einer HAK maturieren und ich frage mich inwischen was das überhaupt noch bringen soll. Wir müssen einen Textsortenkatalog und die ensprechenden Operatoren können und dazu Texte verfassen. Für mich ist das eine der stumpfsinnigsten Angelegenheiten, die ich je in der Schule gemacht habe. Mir kommt es während meiner Schularbeiten immer so vor, als würde ich die Wörter der Ausgangstexte nehmen und nur in eine andere Reigenfolge setzen. Und dafür bekomme ich jedes Mal ein ‘Sehr gut’.
    Wird mir das wirklich einmal helfen in meinem Leben? Sicher nicht. Das Leben ist kein (Textsorten)Katalog mit Operatoren, die ich auf bestimmte Art und Weise erfüllen muss um Erfolg zu haben.
    Ich freue mich schon so sehr auf die Matura, da ich mir dann diesen stumpfen Blödsinn nicht mehr antun muss.

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    • Ulrike schreibt:

      Das Traurige ist, aus Berufssicht kann ich nur sagen: Ja, es wird dir mitunter helfen. Ob Du dabei intellektuell und emotional durchdrehst, wird sich zeigen. Leider gibt es viele Chefs, die so denken und bewerten, wie offenbar jene die die Bewertungskriterien für die Schule festlegen. Wäre ich Deine Vorgesetzte, kämest Du nicht weit mit „diesem stumpfen Blödsinn“.

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  6. Matthias schreibt:

    Danke für diesen Kommentar, Sie sprechen mir aus der Seele! Als Lehrer kann ich dazu nur sagen: Wir hätten es wissen müssen! Im momentanen Schulsystem war nie Platz für Individualität und „bunte Vögel“. Jetzt tritt das klar zutage.

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  7. Gudrun Seidenauer schreibt:

    Ich darf heuer noch meinem Mann Wolfgang Wenger zuschauen, nächste Jahr dann selbst…
    ..vielen Dank, liebe Monika Neuhofer, immerhin tut es gut, wenn Stumpfsinn als solcher erkannt wird. Die guten Schülerinnen (und ich habe viele, die Freude am Schreiben/Denken/Formulieren haben!) werden so was von angeödet sein und alle lernen wieder mal, dass langweiliges und gelangweiltes Bravsein das Maß aller Dinge, zumindest das einer erfolgreichen Reifeprüfung ist. Neben vielem anderen sind die reality-writing-Settings derartig lächerlich. Zudem suggerieren sie, dass ein Text immer auf einer höchst banalen Ebene „nützlich“ und zweckorientiert sein muss, um Berechtigung zu haben. Argumentieren, denken, formulieren, geschweige denn die reine „Verfertigung des Gedankens beim Schreiben“, das schreibende Gewinnen von Erkenntnis und so weiter und so weiter…als sinnvolles Tun an sich haben in diesem geistigen Gitterstall keinen Eigenwert mehr. Eine Zusammenfassung als Maturatext, da verbietet sich jeder weitere Kommentar (hoppla, schon wieder eine Textsorte)…

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