Themenpool revisited: Warum, nicht wozu!

Die von mir sehr geschätzte Autorin Juli Zeh hielt in einer 2009 verfassten Rede anlässlich einer Literaturpreisverleihung ein Plädoyer für das Warum. Da heißt es:

Die Kinderfrage des 21. Jahrhunderts lautet nicht mehr „Warum?“ – sie lautet: „Wozu?“ Warum und Wozu sind Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die „Warum“-Frage forscht in die Vergangenheit. Sie erkundigt sich nach Ursachen, nach Hinter- und Beweggründen, möchte Zusammenhänge erwägen. Sie ist nachdenklich, vielleicht ein wenig introvertiert; sie appelliert an das Gedächtnis, interessiert sich für Motive, vielleicht sogar für eine moralische Gestimmtheit. Ihre Schwester „Wozu“ ist frecher. Schneller. Fordernder. Irgendwie zeitgemäßer. Ihr Blick richtet sich in die Zukunft. Wozu gehen wir arbeiten, treffen Freunde, lesen Bücher, treiben Sport? Mit welchem Nutzen? Was ist der Zweck? Gibt es Maßstäbe, die zu erfüllen, Prognosen, die zu verifizieren, Effizienzkalkulationen, die zu berücksichtigen wären? „Warum“ ist kontemplativer, „Wozu“ im weitesten Sinne ökonomischer Natur. (…)

Wahrer Individualismus und richtig verstandene Freiheit bestehen darin, sich seine persönliche Zeit anzueignen oder zurückzuerobern: Zeit zum Nachdenken, Lesen, Reden, sich Verständigen. Nur daraus resultiert Selbst-Bewusstsein im wahrsten Sinne des schönen Wortes (…). Wenn Sie das nächste Mal jemand fragt, wozu Sie etwas machen, fragen Sie erst einmal zurück, warum er das wissen will. Vor allem, wenn dieser Jemand – Sie selbst sind.¹

Ausgehend von diesen Überlegungen habe ich meine 48 Fragen für die mündliche Matura, die ich in diesen Tagen formatiert, durchgeschaut und überprüft habe, in den Blick genommen.

Die Frage Wozu? zeitigt hierbei ein wahrlich niederschmetterndes Ergebnis: 3 Fragen werde ich für meine 3 Kandidatinnen brauchen, die restlichen 45 habe ich mehr oder weniger zur Zierde erstellt. Denn wie viele davon – ob solche Fragen überhaupt! – ich für meine nächsten MaturantInnen in voraussichtlich vier Jahren verwenden werde können, sei dahingestellt. Die Effizienzbilanz eines solchen Tuns muss unter dem Gesichtspunkt des Wozu als geradezu katastrophal anmuten.

Ganz anders hingegen, wenn ich meinen Themenpool und die darin herumschwimmenden Fragen mit dem Warum? konfrontiere: Plötzlich erscheint mein Tun sinnhaft. Ich habe mit diesen Fragen meinen Unterricht der letzten vier Jahre reflektiert und zusammengefasst. Ich habe mir überlegt, was meine SchülerInnen davon wissen und können sollten. Was könnte sie interessieren, worüber sollten sie sich meines Erachtens Gedanken machen?

Wenn ich selbst so draufschaue, fällt mir übrigens auf, dass Juli Zeh ein wirklich großer Fisch in meinem Pool ist: Wir haben im Unterricht den Roman Corpus delicti gelesen, einen Text, in dem es um einen totalitären Überwachungsstaat und um die Frage nach der Menschlichkeit geht. Wir haben das Theaterstück Yellow Line angeschaut. Es setzt sich mit Themen wie Konformismus, Individualität, Freiheit und Widerstand auseinander. Ich habe meinen Schülern den offenen Brief Juli Zehs an die deutsche Bundeskanzlerin zur Frage nach dem politischen Umgang mit den Herausforderungen des digitalen Zeitalters unterbreitet. Und ich habe ihnen die Rede an die Abiturienten, die Juli Zeh 2010 gehalten hat, zu Gemüte geführt.²

Mit all diesen Texten und Themen haben wir uns beschäftigt und mir scheint, dass sie meinem Themenpool gut anstehen. Ebenso wie Grillparzers Medea, Kafkas Verwandlung und Hermann Hesses Unterm Rad. Oder die Gedichte, von Walther von der Vogelweide über Andreas Gryphius und Joseph von Eichendorff bis hin zu Ernst Jandl und Ingeborg Bachmann. Goethes Faust selbstredend, aber auch Crazy von Benjamin Lebert, Der Vorleser von Bernhard Schlink, Silentium! von Wolf Haas und noch einiges mehr.

Natürlich lässt sich auch unter dem Aspekt des Warum keine restlos befriedigende Antwort auf tatsächlich alle 24 Bereiche bzw. 48 Fragen finden, aber auf die allermeisten schon. Es ist die schiere Anzahl, mit der ich immer noch ein wenig hadere, aber die Inhalte gefallen mir. Und mir gefällt der Überblick über die vier Unterrichtsjahre, das Draufschauen und Nachdenken. Danke, Juli Zeh! Der Perspektivenwechsel tut gut (auch wenn es darob nun bereits morgen geworden ist) … (nemo)

¹ Juli Zeh: „Plädoyer für das Warum. Rede anlässlich der Verleihung des Carl-Amery-Literaturpreises (2009)“, in: dies.: Nachts sind das Tiere, Frankfurt am Main: Schöffling & Co 2014, S. 104-111.

² In dieser Rede mit dem Titel Das Mögliche und die Möglichkeiten setzt sich die Schriftstellerin mit der grassierenden Angst vor der Zukunft auseinander und setzt diesem diffusen Gefühl die Konzentration auf eigene Erinnerungen und Neugier, also auf persönliche Identität entgegen. Die daraus resultierende Selbsteinschätzung reduziere und konkretisiere das „Möglichkeitenmonster“ (das Zeh als Ursache für die Angst vor der Zukunft identifiziert) zu einem individuell Möglichen, das sich als verbindendes Element zwischen Zukunft und Mensch erweise. (in: ebda, S. 140-160)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s