Literatur lebenslänglich

4b-2010-035.jpgMit den zentralen Maturaaufgaben in Deutsch ist auch die Frage heraufgeschwappt, welche Rolle die Literatur in Zukunft im Deutschunterricht spielen soll oder kann. Traditionellerweise –  und lehrplangemäß1 –  spielt Literaturgeschichte in der Oberstufe eine bedeutende Rolle. Je nachdem, welche Prioritäten oder Vorlieben ein Lehrer oder eine Lehrerin hat, können sich SchülerInnen über mehrere hundert Jahre geschriebenen und gesprochenen Wortes ein Bild machen (hoffentlich!). Das betrifft in hohem Maße auch die zukünftigen LehrerInnen.

Die heurige Maturafrage, die eine Textinterpretation erforderte, wollte nur ein eher oberflächliches Eingehen auf Patrick Süskinds „Der Zwang zur Tiefe“2 und auch das Argument, dass sich die Maturantinnen nun potentiell mit zumindest einem literarischen Thema (von sechs) konfrontiert gesehen hätten, macht AHS-LehrerInnen nicht so ganz glücklich. Es stimmt schon, Literaturthemen konnten bisher auch schon umgangen werden, aber zumindest in unserer Schule war es Konsens, dass sich zwei von drei Themen mit Literatur beschäftigten: Eines als Überblick über Werke, mit denen wir uns in der Oberstufe beschäftigt hatten, und eines als genaue Textanalyse. (Bei der dritten Aufgabe war ein Thema zu erörtern, das ebenfalls in der einen oder anderen Form im Unterricht – nicht unbedingt nur im Deutschunterricht – behandelt worden war und zu dem wir Vorwissen annehmen konnten.)

Aber ich schweife ab. Ich möchte ja darüber schreiben, „was es sich bringt“, Jugendliche mit Romanen, Novellen, Dramen und Gedichten mehrerer Jahrhunderte zu konfrontieren. Bei einigen müssen Widerstände überwunden werden, die Sprache ist nicht mehr so leicht verständlich, es kommen Wörter vor, die nicht mehr verwendet werden, die Syntax ist manchmal komplizierter, Beschreibungen nehmen mehr als eine Seite in Anspruch und die bremsen die Handlung. Die Motivation der PortagonistInnen ist nicht immer ohne weiteres nachvollziehbar. Warum tötet Gretchen ihr Kind, handelt Nora so, wie sie es eben tut, und versucht Markus Kellner mit einer Leiche im Zimmer sein normales Leben weiterzuführen? (Nein, man muss nicht alle kennen ;-))

Aber wir erhalten die Chance, etwas über andere Menschen quer durch die Zeiten zu erfahren. Nicht die große Geschichte der Herrscher und Schlachten, sondern etwas über die der einzelnen Menschen. Wir erhalten die Chance, Empathie für die vom Schicksal Gebeutelten zu entwickeln und sich mit ihnen anzufreunden. Wir erhalten die Chance, mit in andere Länder zu fremden Kulturen zu reisen und unseren Horizont von der heimischen Hängematte aus zu erweitern. Und wir erhalten die Chance, uns in unzähligen anderen Leben zu vergessen oder sie kritisch zu reflektieren, je nachdem, was wir gerade brauchen. An diesen „Vorbildern“ können eigene Standpunkte aufgebaut, folgenlos erprobt und auch wieder verworfen werden.

Wir erhalten die Chance, uns mit Texten von Schreibern auseinanderzusetzen, die um jede Formulierung und um jedes Wort ringen und ihrer Sprache so eine hohe Präzision verleihen. Wir können unbewusst und bewusst davon lernen und selbst besser, präziser und hoffentlich ehrlicher schreiben. Wir können von den Besten lernen. Es gibt sicher viele Sachtexte, die auch dazu geeignet sind, das eigene Schreiben weiter zu entwickeln, aber warum sollen wir uns mit weniger zufrieden geben?

Nicht zuletzt kann gute Literatur beim Leben helfen. Unzählige Schicksale sind schon literarisch aufbereitet worden, alle Themen, Probleme, Lebensängste sind behandelt, umgedreht, angesehen, analysiert, gelebt worden – unzählige Lösungen oder Auswege aufgezeigt. Und wenn nur ein Abschalten vom anstrengenden oder gelegentlich auch frustrierenden (Schul-)Alltag mit dem Abtauchen in Bücher bezweckt wird, ist das auch schon genug. Das kann dann aber auch lebenslänglich funktionieren! (juhudo)

1) „einen Überblick über die deutschsprachige Literatur im Kontext der Weltliteratur erhalten“

2) Verfassen Sie nun die Textinterpretation und bearbeiten Sie dabei die folgenden Arbeitsaufträge:

      • Fassen Sie den Inhalt des Textes kurz zusammen.
      • Analysieren Sie den Aufbau des Textes in Verbindung mit den Veränderungen der jungenFrau.
      • Erläutern Sie Bedeutungen des Begriffs Tiefe im Textzusammenhang.
      • Deuten Sie den Text im Hinblick auf das Motiv Macht der Kritik

Schreiben Sie zwischen 540 und 660 Wörter. Markieren Sie Absätze mittels Leerzeilen.

2 Gedanken zu “Literatur lebenslänglich

    • doris junghuber schreibt:

      Gut, dass der auch wieder hervorgeholt wird. Ein Teil meiner Gedanken stammt sicher auch daher und ich hab es nur wieder vergessen ;-).

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