Die Kompetenzlüge

Er lässt mich nicht los, der Themenpool. Heute habe ich das ganze Konvolut einmal ausgedruckt: Beeindruckende 98 Seiten umfasst es, man könnte fast ein kleines Büchl daraus machen. 48 kompetenzorientierte Fragen, das heißt: Jede Aufgabenstellung hat aus einem Reproduktions-, einem Transfer- und einem Reflexionsteil zu bestehen. Und zu jeder Frage gibt es ein bis zwei Textbeilagen.

Prototypisch bedeutet das: Ein Text(ausschnitt) muss zunächst zusammengefasst werden, anschließend muss die Fragestellung auf einen anderen Text oder auf andere Bereiche übertragen werden und schließlich muss das Thema reflektiert und gegebenenfalls bewertet werden. Zu insgesamt 24 Themenbereichen, welche die Gesamtheit des Faches Deutsch in der Oberstufe abbilden sollen, habe ich solche kompetenzorientierten Fragen erstellt. Die Themengebiete reichen von 1. Über literarische Texte sprechen, 6. Dramen analysieren und interpretieren, 10. Literatur und Gesellschaftskritik über 14. Gender und Geschlechterrollen, 18. Medienkulturkompetenz bis zu 20. Über Jugendliteratur sprechen und 24. Literatur des 19. Jahrhunderts. Da kommt schon einiges zusammen. (Wer alle 24 Themenbereiche kennen lernen will, klicke hier: Themenpool-D-8B)

Will man die Fragen einigermaßen seriös und tiefgehend beantworten, braucht man durchaus einen profunden Überblick über die deutschsprachige Literatur- und Geistesgeschichte, über gesellschaftliche Diskurse, über sprachliche und mediale Phänomene. Das Spektrum der behandelten Autoren reicht von Franz Grillparzer bis Juli Zeh, die Epochen vom Mittelalter über die Aufklärung bis zur Gegenwart, die Textsorten bzw. Gattungen von Gedichten und Romanen bis zu Reden und Filmen, die medialen Formen von Theater bis Zeitung, die literaturtheoretischen Begriffe von Motiv bis Kanon, die gesellschaftlichen Implikationen von Gender bis Kommunikation, die geographische Ausbreitung von österreichischer Literatur bis Weltliteratur, die geschichtlichen Ereignisse vom Dreißigjährigen Krieg bis zur „Mühlviertler Hasenjagd“, die zu interpretierenden Gegenstände vom romantischen Gedicht bis zum Wahlplakat.

Und wer soll das eigentlich alles können? Na, unsere MaturantInnen selbstverständlich. Sie wurden ja – wie es der kompetenzorientierte Unterricht wollte – nicht mehr mit Faktenwissen gefüttert, nein, sie wurden von Anfang an angehalten, kompetent und kompetenter zu werden. Nicht, dass ich Kompetenzorientierung grundsätzlich ablehnen würde. Ich frage selbst gerne (und rede darüber auch mit meinen Schülern), was wir davon haben, dieses zu wissen, wozu es uns dient, jenes zu können, und warum wir das alles schon einmal gehört haben sollten – freilich ohne, dass einzig der unmittelbare Nutzen eine akzeptable Antwort darstellen würde. Aber es ist ganz einfach ein Irrglaube, dass wirkliche Kompetenzen ohne satte Unterfütterung von Wissen und Sachkenntnis existieren könnten. Oder anders gesagt: Wenn ich die kompetenzorientierten Fragen aus meinem Themenpool vernünftig beantworten will, brauche ich ganz schön viel Wissen zu jeder einzelnen Epoche, zu jedem einzelnen Autor, zu jedem einzelnen Text. Denn wenn Kompetenzen, die sich am Umgang mit Texten zeigen sollen, mehr sein wollen als inhalts- und orientierungsloses Geschwafel, kommt man nicht umhin, Texte und Themen zu kontextualisieren und einzuordnen, also mit Wissen zu verbinden.

In Wirklichkeit kann man Kompetenzen also nur auf vorhandenes Wissen draufsetzen. Dass Inhalte durch Kompetenzen ersetzt oder abgelöst werden könnten, wie uns das von einer sich als fortschrittlich gerierenden Bildungspolitik weisgemacht wurde und wird, ist hingegen eine glatte Lüge – oder auch eine Form von Betrug an unseren Jugendlichen. Anders als das auf der Homepage des Bildungsministeriums dargestellt wird, sind Kompetenzen nämlich nicht allgemein für das Fach erlernbare Fähigkeiten und Fertigkeiten (sofern es sich dabei nicht um die reine Sprechkompetenz handeln soll). Folglich kann auch die Kompetenz „Umgang mit literarischen Texten“ als solche nicht abgehoben von Inhalten erworben werden. Ich kann nur lernen, wie man konkrete literarische Texte analysiert, und damit ich das vernünftig tun kann, brauche ich mehr an Inhalts- und Kontextwissen, als uns bisweilen lieb ist. Die allgemeine Analyse- und Interpretationskompetenz stellt sich dann schon ein, erlernen aber muss ich zunächst etwas anderes.

Einmal mehr müssen nun wir, LehrerInnen und SchülerInnen, die Sache, sprich die 24 Themenbereiche, ausbaden. Denn natürlich werden unsere MaturantInnen nicht wirklich das nötige Wissen haben, um die 48 kompetenzorientierten Fragen seriös beantworten zu können – zumal ihnen auch noch die dafür eigentlich bitter notwendigen Vorbereitungsstunden auf ein Minimum zusammengestrichen wurden. Aber wir werden das Kind schon schaukeln, darin haben wir Übung. Und unsere handverlesenen Schülerinnen (in Deutsch maturieren ohnehin nur mehr ein paar, bei mir z. B. 3) werden sich wacker schlagen, auch sie haben darin schließlich Übung – und verfügen jedenfalls über „Problemlösungskompetenz“.

„Zukünftige Bildungsforscher werden in der Umstellung auf die Kompetenzorientierung vielleicht den didaktischen Sündenfall unserer Epoche sehen, die Praxis der Unbildung schlechthin“, schreibt Konrad Paul Liessmann in seinem Buch Geisterstunde.¹ Angesichts des sich ohnehin immer schneller drehenden pädagogischen und bildungswissenschaftlichen Moden- und Methodenkarussells ein absehbares Szenario. (nemo)

¹ Konrad Paul Liessmann: Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift, Wien: Zsolnay 2014, S. 58.

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