Zwiegespalten

Vorarlberg will in den nächsten Jahren die Gesamtschule aller 10 – 14-Jährigen im ganzen Bundesland einführen. NMS flächendeckend. Begonnen hat diese Vorreiterrolle vor einigen Jahren, fünf oder so, wenn ich mich recht erinnere, als es nicht genügend Plätze in den Gymnasien für alle die Kinder  gab, die die Berechtigung für diese Schulform erreicht gehabt hätten. Es wurde die Flucht nach vorne angetreten und alle Hauptschulen in Neue Mittelschulen umgewandelt, Vorarlberg wurde zur Modellregion. Der damaligen Unterrichtsministerin passte das ganz gut ins Konzept.

Da ich nicht nur Lehrerin, sondern im Privatleben auch Mutter zweier Kinder bin, die in der Volksschule nicht ausschließlich Einser produziert haben, kann ich dem durchaus viel abgewinnen, dass Schulentscheidungen nicht im Alter von neun (oder sogar acht) Jahren getroffen werden müssen. Man weiß einfach noch nicht so genau, wie sich der Nachwuchs weiter entwickelt und wenn man nicht grundsätzlich bereit ist, einen – gar nicht so kleinen – Teil der  eigenen Freizeit in gemeinsames Lernen und auch den Widerstand dagegen zu investieren, ist man für eine Vertagung des Themas durchaus zu haben. Es ist auch sehr fraglich, ob Schule und Noten schon im Volksschulalter DIESER Stellenwert zugeteilt werden sollte. Neugier, Leistung und Lernbereitschaft fördern? Auf jeden Fall! Notendruck, damit es ja lauter Einser werden? Sehr fragwürdig!

In meiner Rolle als AHS-Lehrerin mit doch einiger Erfahrung kann ich die Sache nicht so sehen. Wenn Kinder bei uns ankommen und mit den neuen Herausforderungen nicht so ganz zurechtkommen, ist es schwer für uns, ihnen die Erfolgserlebnisse zu ermöglichen, die sie so dringend brauchen. Meine eigene Tochter hat in der Unterstufe eine Hauptschule besucht und konnte dort in der zweiten Leistungsgruppe in Mathematik eine der Besten sein. Das hat sie motiviert und ihren Fleiß in diesem Fach gefördert. Ich glaube auch nicht, dass sechs Stunden Teamteaching quer über die „Hauptfächer“ wirklich zur Binnendifferenzierung reichen.

Soziale Gerechtigkeit ist mir sehr wichtig. Eltern sind ihre Kinder noch wichtiger. Bildung wird vererbt – Schule sollte Benachteiligungen ausgleichen! Nach den ersten Evaluationen (hier wird über eine aus dem Jahr 2008 berichtet)  schafft das die Gesamtschule nicht, war ja auch nicht zu erwarten. Gerechtigkeit ist eine schwierige Sache! Kollege David Schwarzbauer analysiert das in seiner Online-Kolumne „Aus der Lernvollzugsanstalt“ ganz gut.

Aber auch in der Bildungsbürgerschicht fehlt es an Gerechtigkeit. Manchmal ist es unheimlich schwierig, Kindern andere Berufswege zu zeigen als Matura und Studium – einfach, weil in der Familie und im Bekanntenkreis keine andersgearteten Vorbilder vorhanden sind. Da lässt die Bildungsberatung zumindest in der AHS ziemlich zu wünschen übrig. „Wenn ich die 5. nicht schaffe, dann mache ich halt eine Lehre.“, bleibt oft Wunschdenken, da diese Alternative weder durchdacht noch in irgendeiner Weise ausprobiert wird oder werden kann. Und der eine oder die andere gfrettet sich dann mit ein, zwei Wiederholungen durch die Oberstufe. Da würde ich mir auch sowas wie Schnupperwochen für Viert- und Füntklassler wünschen, um überhaupt weitere Möglichkeiten aufkommen zu lassen. Und sie auch ausprobieren zu können!

DIE Lösung für das System gibt es meiner Meinung nach (bisher) nicht! Und die Schule ist definitiv kein Ort, um weltanschauliche Differenzen auszutragen. Wenn ich wählen müsste, würde ich mich als „Expertin“ dann doch wieder für ein differenziertes Schulsystem entscheiden, trotz der Nachteile. (juhudo)

2 Gedanken zu “Zwiegespalten

  1. Monika Neuhofer schreibt:

    Mir geht’s genauso. Ich bin in der Frage auch zwiegespalten. Meines Erachtens stehen solche Debatten immer in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext und werden deshalb auch erst ergründbar, wenn sie in diesem größeren Kontext betrachtet werden. Was heißt das konkret?

    Ich formuliere einmal ein paar Thesen: 1. Unsere Gesellschaft agiert hochgradig heuchlerisch. Wir behaupten, alle seien gleich und setzen dennoch alles daran, selbst besser zu sein als die anderen und uns ständig zu optimieren. Die Gesamtschule wird deshalb vor allem ein Privatschulwesen fördern.

    2. Unsere Gesellschaft ist orientierungslos und in erster Linie von Angst getrieben. Aus diesem Grund hecheln wir scheinbar objektiven (in Wirklichkeit jedoch völlig beliebigen) Studienergebnissen hinterher, als ob sie Offenbarungen wären, und handeln – so wir nicht überhaupt gänzlich erstarrt sind vor Angst – bloß als Gefangene von Systemen. Beispielsweise treibt die Angst davor, gesellschaftlich auf der Strecke zu bleiben, Eltern bereits in der Volksschule, ja im Kindergarten um (und die Kinder in die angeblich „besten“ Anstalten).

    Das Problem ist aber, dass wir durch einen Wechsel des Schulsystems diese gesellschaftliche Grundtendenz nicht lösen können. Insofern erscheint auch mir das gegenwärtige differenzierte Schulsystem das bessere zu sein, weil es zumindest ein bisschen weniger heuchlerisch ist als die Gesamtschule und wenigstens schon besteht! – Na ja, ich seh schon, das schreit nach einem längeren Beitrag… 😉

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  2. doris junghuber schreibt:

    Mir fällt ein weiteres Thema ein, das sich aus deinem Kommentar ergibt: Der Zwang zur Optimierung. Und da hängt dann wieder viel dran! Caramba, wir sind für die Ferien versorgt 😉

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