Das Ende schulischer Bildung. Ein Abgesang auf die Englischmatura

Man wird in diesen Tagen ja gerne gefragt, ob man denn schon in Ferienstimmung sei. Darauf kann ich nur antworten: Schön wär’s! Es wär‘ nämlich tatsächlich schön, wenn man ein Schuljahr ausklingen lassen könnte. Kann man aber nicht. Denn damit es so aussieht, als ob es ausklänge, muss man auf mehreren Klaviaturen gleichzeitig spielen. Gelingt dies, ist man danach erschöpft und glücklich, wenn nicht, ist man bloß erschöpft. Frühzeitige Ferienstimmung kommt dabei jedenfalls nicht auf.

Viel gravierender als dieser Schulschlussalltag erscheint mir jedoch das, was ich dieser Tage bei der mündlichen Reifeprüfung erleben muss(te): Gestern Nachmittag war Englisch dran. Seit diesem Jahr wird ja nicht mehr klassenweise, sondern fachweise geprüft. Eine wahrlich einfühlsame Verordnung, die der Sache einer gymnasialen Reifeprüfung bzw. dessen, was wir bisher darunter verstanden, ungefähr so gerecht wird wie ein Gesetzestext einem Gedicht – dazu aber ein andermal, wenn ich mehr Zeit für solche Überlegungen habe (apropos Ferienstimmung!). Der Bericht darüber, wie die Englischmatura zugerichtet wurde, der jedoch muss gleich sein, so skandalös erscheint mir, wovon ich gestern Zeugin wurde.

Wie neuerdings bei der mündlichen Matura vorgeschrieben, ziehen die SchülerInnen auch in Englisch den Themenbereich ihrer Prüfung. 24 Themenbereiche, die den Lehrern in Englisch – soweit ich informiert bin – zentral vorgegeben werden, stehen zur Auswahl. Sodann erhält der Kandidat seine Frage, bereitet sich 15 Minuten vor und tritt zur Prüfung an. Der Prüfer und der „Interlocutor“ sitzen parat, grüßen freundlich mit „Good morning“ oder wahlweise „Good afternoon“ (das dürfen sie situationselastisch selbst entscheiden) und los geht’s. Fünf Minuten lang müssen die SchülerInnen, ausgehend von einem Bildimpuls (Texte sind in Englisch nicht mehr erlaubt) über Themen wie Fashion, Sports, School oder Communication parlieren. Der Lehrer ist währenddessen zum gänzlichen Stillschweigen verdammt, der Interlocutor darf gegebenenfalls beispielsweise ein „Would you elaborate on topic number two“ einwerfen und muss ansonsten auf einem vorgegebenen Raster die Sprechkompetenz notieren. Wie zwei Kartäuser sitzen die Lehrpersonen da, während die Schüler ein Klischee nach dem anderen zum Besten geben. Sehr viel anderes ermöglichen die Themen in der vorgeschriebenen Machart nämlich nicht. Und sollen sie wohl auch nicht, es geht ja bloß um die Kompetenz des monologischen Sprechens auf Englisch.

Im Anschluss an dieses Testformat ist das dialogische Ausdrucksvermögen unter Beweis zu stellen. Zwei SchülerInnen dürfen sich nun gemeinsam über ein Thema ebensolcher Qualität 10 Minuten lang unterhalten und müssen am Ende in drei Punkten zur Übereinstimmung kommen. Auf diese Weise soll die Sprechkompetenz in angeblich authentischen Gesprächssituationen überprüft werden.

Als Mitglied der Prüfungskommission durfte ich gestern ca. 10 solcher Prüfungen beiwohnen. Farce oder Kabarett ist noch das Netteste, was mir dazu einfällt. Nicht, dass die Schüler schlecht Englisch sprächen – überhaupt nicht. Sie parlieren fast alle leicht und flüssig, worüber auch immer. Aber kann und darf es wirklich sein, dass wir dieses Vermögen als ausreichend und relevant für eine Reifeprüfung am Ende einer achtjährigen gymnasialen Bildung, in der das Fach Englisch als Hauptfach einen zentralen Platz einnimmt, erachten? Mögen internationale Sprachzertifikate nach diesem Muster gestrickt sein – soll deshalb auch die österreichische Matura so aussehen? Ist es mit dem Gedanken von Bildung wirklich so weit gekommen, dass wir die Schüler minutenlang über „nichts“ sprechen lassen? Oder soll das alles mit Bildung eh gar nichts mehr zu tun haben?

Worum aber geht es dann? Um sprechen, ohne etwas zu sagen? Um ausführen ohne Sinn und Verstand? Um performen ohne Inhalt? Ist es das, was wir unter „Reife“ verstehen? Mir ist schon bewusst, dass Englisch nur ein Fach unter mehreren ist. In den anderen Fächern ist es gottlob doch anders. Als sprachaffiner und politischer Mensch aber kann ich nicht umhin, das englische Drama, das ich gestern sehen musste, auch symbolisch zu deuten. Und symbolisch betrachtet ist die Botschaft schlichtweg verheerend: Englisch ist DIE Weltsprache, Sprache der Globalisierung, Sprache der Wirtschaft, Sprache vieler (!) Literaturen, Sprache politischer Verhandlungen, Sprache der internationalen Verständigung. Wir aber vermitteln unseren Schülern bei ihrer Reifeprüfung, dass es einzig darauf ankommt, sprechen zu können, egal was, Hauptsache schwadronieren, auf dass es gut klinge.

„Thank you. This is the end of your final exam.“, dürfen die Englischlehrer abschließend sagen. This is the end of what school is supposed to be, ist man versucht zu antworten. (nemo)

PS: Ich bin keine Anglistin, und ob dieser Satz wirklich ganz korrekt ist, weiß ich nicht – ich will es aber auch nicht überprüfen.

4 Gedanken zu “Das Ende schulischer Bildung. Ein Abgesang auf die Englischmatura

  1. Gudrun Seidenauer, MusGym schreibt:

    Danke für die Konsequenz und den Nerv, diese Dinge so scharfsinnig zu beobachten und zu kommentieren!
    Wo bleibt der Aufschrei der AnglistInnen…? Ja, in den Konferenzzimmern wird gemurrt…aber…
    Die ganze erbärmliche Show hier ist – in aller Drastik – nicht nur ein Abgesang auf eine bestimmte Idee von Bildung, sondern bedauerlicherweise auch die „Implementierung“ einer anderen, in der Gelabere auf dem Niveau von Frühstücksfernsehen anscheinend die Ultima Ratio von „Reife“ und „Kompetenz“ darstellen.
    Dein Text sollte bitte auch an anderen Stellen Verbreitung finden – in soziale Netzwerken, als Leserbrief – wie auch immer – vor allem auch unter den Anglistinnen – denn viele sind doch nicht so ganz begeistert über die Entwicklungen. Ich gebe die Hoffnung nicht ganz auf, dass ein gemeinsamer Protest vieler EnglischlehrerInnen etwas verändern könnte.
    Übrigens machen sich zu einem nicht geringen Teil auch schon unsere Schülerinnen über dieses Prüfungsformat lustig, besonders die klügeren….

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  2. doris junghuber schreibt:

    Der Ärger beim Beiwohnen dieser Prüfungen muss ja unglaublich groß gewesen sein! Ich kann mich noch erinnern, wie stolz ich letztes Jahr über die sprachlichen und analytischen Fähigkeiten meiner Klasse war – und ja, auch auf ihr Wissen! Themen, wie du sie beschreibst, waren den ein oder zwei schwächeren SchülerInnen vorbehalten, aber die vielen guten konnten ihre Fähigkeiten so richtig zeigen und sich anschließend darüber freuen! Und wir uns über ihre tollen Abschlussprüfungen!

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  3. Monika Neuhofer schreibt:

    Es ist gar nicht so sehr Ärger als vielmehr Befremden, verbunden mit Enttäuschung. Als Französischlehrerin sitze ich ja gewissermaßen im selben Boot – und erinnere mich auch noch bestens an die schönen, gehaltvollen Prüfungen im letzten Jahr …

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  4. Sven schreibt:

    Der Blick von außen: Als Englisch-, Deutsch- und Französischlehrer im Ausland (Frankreich, Portugal, Deutschland, England) kann ich nur sagen, dass die hier beschriebene Prüfungspraxis mittlerweile – der globalisierten „Kompetenzorientierung“ sei Dank – Usus in vielen europäischen Ländern ist. Wir sind entzückt, wenn unsere Schüler 10 Minuten darüber parlieren, ob sie lieber e-books oder Papierbücher lesen und geben ihnen dann das Reifezeugnis. Englischlehrer, schon immer mit Cambridge und Co sozialisiert, sind und waren die Vorreiter dieser Entwicklung. Vielleicht gibt es ja noch andere mutige Gallier, die dieser Entwicklung den Kampf ansagen.

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