Schreiben? Schreiben! Ferienzeit ist Schreibzeit

Soeben habe ich meinen Schreibtisch aufgeräumt. Stöße von Mappen, Blättern, Zetteln. Selbst Geschriebenes und von den Schülern Geschriebenes. Computerausdrucke und Handgeschriebenes. Unmengen von Papier. Es tut gut aufzuräumen, einzuordnen, wegzuwerfen. Reduktion und Ordnung als Voraussetzung für innere Ruhe, Freisein und Kreativität. Ein schöner Prozess – umso schöner, wenn er in der ersten Ferienwoche beginnt.

Auf so vieles, was in diesem Schuljahr vonstattenging, möchte ich draufschauen und schreibend darüber nachdenken. Zunächst aber will ich übers Schreiben an sich schreiben. Was bedeutet Schreiben eigentlich? Warum schreibe ich? Und wie verhält sich das Schreiben zum Leben? – Fragen, die mich seit langem umtreiben, auf verschiedensten Ebenen.

Seit ich, gemeinsam mit Doris, diesen Blog betreibe, schreibe ich viel mehr als früher. Ganz früher habe ich schon auch viel geschrieben, wissenschaftliche Aufsätze, Vorträge und Rezensionen. Das war natürlich ein ganz anderes Schreiben, viel anstrengender, gelehrter und inhaltlich dichter. Durch die Unterrichtstätigkeit in der Schule ist das Schreiben dann ein bisschen eingeschlafen, einzig das private Tagebuchschreiben hat überdauert. Das nunmehrige Schreiben, das „Bloggen“, ist gewissermaßen ein schnelles, ein leichtes Schreiben, ein Alltagsschreiben, das sich hauptsächlich den täglichen Begegnungen in der Schule verdankt.

Wenn ich auf die Monate bis Februar zurückblicke, erscheint mir das Schreiben wie ein Basso continuo, der das Unterrichten seither stetig begleitet. Unterrichten, vermitteln, mit Kindern und Jugendlichen arbeiten ist wunderbar, aber ohne zu schreiben für mich auf Dauer nicht aushaltbar. Das wurde mir so um die Weihnachtszeit klar. Unterrichten alleine würde mich auf Dauer krank machen. Da gab es so vieles, das in mir herumschwirrte und keinen Platz fand. Gedanken und Eindrücke, die permanent in meinem Kopf kreisten. Als Lehrerin ist man täglich mit zahlreichen jungen Menschen konfrontiert. Alle wollen etwas von einem, möchten etwas mit einem teilen: ihre Gedanken, ihren Unmut, ihre Erlebnisse, ihre Sorgen, ihre Freude. SchülerInnen erwarten und brauchen emotionale Reaktionen von ihren LehrerInnen. Wir LehrerInnen wissen, dass Schule in erster Linie Beziehungsarbeit ist, sämtliche Inhalte (oder meinetwegen auch Kompetenzen) können nur darauf aufbauen. Wie aber kann man selbst mit all dem umgehen?

Ich fühlte mich manchmal in der Schule wie eine Hausfrau und Mutter, die eine an sich wichtige Tätigkeit ausübt, dabei aber ans Haus gefesselt ist und nach und nach ihren Selbstwert und ihre Eigenständigkeit verliert. Am Abend war ich erschöpft und konnte dennoch nicht genau sagen, was ich eigentlich den ganzen Tag lang getan hatte. Immer wieder stellte ich meine Entscheidung für die Schule und gegen die Uni in Frage, wenngleich ich zweifelsfrei wusste, dass ich in der Schule und nirgendwo sonst sein wollte. Mir gefiel meine Arbeit als Lehrerin, aber mein Tun fühlte sich auf seltsame Weise substanzlos an. Die Lösung fand sich mit Doris‘ Idee, gemeinsam einen Blog zu betreiben.

Durch das regelmäßige Schreiben auf diesen Seiten erlebte ich mein Tun wieder als sinnhaft und konnte mir dabei immer wieder und immer wieder von Neuem meiner selbst bewusst werden. „Schreiben ist Verankerung im Ich.“ An diesen Satz von Elisabeth Kossmeier, bei der ich in den letzten Jahren mehrere Fortbildungsseminare besucht hatte, fühlte ich mich erinnert und bemerkte an mir selbst, wie erst im Schreiben Erlebtes wirklich wird, seine Wahrheit und seinen Sinn erhält.

Warum aber ist das Blog-Schreiben effektvoller als das Tagebuchschreiben? Warum brauche ich eine Öffentlichkeit, einen – und sei es fiktiven – Leser? Offenbar hat es damit zu tun, dass der fremde Leser, die fremde Leserin, für den oder die man schreibt, anders als beim Tagebuchschreiben, ein Anderer, eine Andere ist. Dieser Andere erscheint reizvoller als das eigene Ich. Ihm oder ihr muss man alles erklären, er oder sie kennt nur das Geschriebene von einem. Das, was man erlebt hat, aber auch das, was man beim Schreiben gedacht und gefühlt hat, weiß der Andere nicht. Wenn ihn meine Worte nicht erreichen, versteht er nicht, wovon ich schreibe. Insofern ist dieser Andere ehrlicher, aber auch anspruchsvoller als man selbst.

Als ich noch an der Uni tätig war, kreiste mein wissenschaftliches Interesse ständig um die Begriffe „Erinnern“ und „Schreiben“ – bei Autoren wie Georges Perec, Danièle Sallenave und Jorge Semprún. Heute erfahre und erlebe ich diese Begriffe im Alltag, in meinem eigenen Leben – persönlicher, banaler, aber deshalb nicht weniger wichtig. Schreiben bedeutet für mich Ordnung und Klarheit. Und ein ganz klein wenig traue ich mich auch von dem zu beanspruchen, was die französische Autorin Danièle Sallenave einmal in einem Interview folgendermaßen beschrieb:

Ich wollte ‚meine Feder‘ den Dingen der Welt leihen, der Bewegung der Welt, den erlebten und imaginierten Geschichten, die unvollendet bleiben, solange sie nicht in Sprache übersetzt werden. Durch das Schreiben versucht man Öffnungen herzustellen, Schneisen zu schlagen, um besser sehen, verstehen, fühlen zu können. Es ist eine Art zu leben. Das Leben zu vereinen, zu beleuchten.“¹

(nemo)

¹ Danièle Sallenave: La Vie éclaircie. Réponses à Madeleine Gobeil, Paris: Gallimard 2010

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