Paris erleben und sich erinnern

Ich war für ein paar Tage in Paris. Es begeistert mich jedes Mal aufs Neue, wie intensiv und dicht diese Stadt ist. Ein paar Stationen mit der Metro und man ist in einer anderen Welt. In Paris kann man sich an einem Tag quer und rund um den Globus treiben lassen und gleichzeitig bleibt man zweifellos immer in Paris.

Ich habe Ausstellungen und Museen besucht, Buchhandlungen abgeklappert, Open-air-Konzerten gelauscht, bin in verschiedenen Parks und bei „Paris Plages“ an der Seine gelegen, habe Freunde getroffen und bin durch die prachtvolle Stadt flaniert. Ein Lebensgefühl, das ich so nur aus Paris kenne. Mairie-de-Paris_aff_PARIS_PLAGES_2015_600px

Was für ein Glück, wenn man wieder einmal ganz nach seinem eigenen Rhythmus leben kann. Es ist schön, mit Schülern in Paris zu sein. Es ist schön, mit Kindern in Paris zu sein. Aber ganz allein in Paris zu sein ist auch schön – und, davon bin ich überzeugt, wichtig für eine Lehrerin, zumal wenn sie Französisch unterrichtet. 😉

In der FNAC habe ich ein paar pädagogische Bücher gekauft, zur Literaturvermittlung im Rahmen des Französischunterrichts, für Anfänger und mäßig Fortgeschrittene. Angesichts der Umstellung des Fremdsprachenunterrichts auf das reine Training der verschiedenen Teilkompetenzen eine eigentlich überflüssige Investition, die sich, und auch davon bin ich überzeugt, trotzdem lohnen wird …

Wie so oft habe ich mir auch diesmal wieder ein Buch von Georges Perec, einem der interessantesten französischen „Gegenwartsautoren“ (Perec ist bereits 1982 gestorben) gekauft: Penser/Classer. In diesem Buch stellt Perec die Frage, was Denken und Ordnen bedeutet:

Was bedeutet der Schrägstrich? Was werde ich da eigentlich gefragt? Ob ich denke, bevor ich ordne? Ob ich ordne, bevor ich denke? Wie ich das ordne, was ich denke? Wie ich denke, wenn ich ordnen will? (…) Es ist so verlockend, die ganze Welt nach einem einzigen Kriterium ordnen zu wollen, als ob ein universelles Gesetz die Gesamtheit aller Phänomene regeln würde: zwei Hemisphären, fünf Kontinente, männlich und weiblich, tierisch und pflanzlich, Einzahl Mehrzahl, rechts links, vier Jahreszeiten, fünf Sinne, sechs Selbstlaute, sieben Tage, zwölf Monate, sechsundzwanzig Buchstaben. Leider funktioniert es nicht, es hat noch nie angefangen zu funktionieren, es wird nie funktionieren. Dennoch wird man noch lange dieses oder jenes Tier kategorisieren, nach der ungeraden Zahl seiner Finger oder den hohlen Hörnern.¹

Ich finde, das könnte auch eine Aussage über die derzeit so intensiv betriebene „Vermessung der Bildung“ und die Ranking-Manie sein. (Dazu in Bälde.)

Ja, und die Dame, bei der ich früher immer wohnte, wenn ich in Paris war, ist gestorben. Sie war im 91. Lebensjahr. Als ich ihr vor ein paar Jahren erzählte, dass ich nunmehr als Lehrerin arbeiten würde, war sie nur mäßig von dieser Neuigkeit begeistert. Sie hatte mich immer für ausreichend begabt und strebsam gehalten, um an der Universität oder in einer anderen Forschungseinrichtung reüssieren zu können. Die Schule erschien ihr als eine Art intellektuelle Stagnation, vielleicht sogar als Rückschritt. Ich solle bedenken, dass auch ein brillanter Kopf mittelmäßig werde, wenn er sich nicht mehr entsprechend fordern würde. Das gab sie mir zum Abschied mit. Ich habe mir damals vorgenommen und will mich weiterhin daran erinnern, eingedenk der Worte der alten Dame, eine wirklich gute Lehrerin zu werden und Schule so zu betreiben, dass sie weder intellektuelle Stagnation noch Rückschritt bedeutet.

Anlässlich ihres Todes habe ich versucht, ein persönliches Porträt über sie zu schreiben. Ich mache es hier zugänglich und würde mich freuen, wenn es ein paar Leser fände: Maga. Portrait d’une femme bourgeoise (nemo)

¹ Georges Perec: Penser/Classer, Paris: Seuil 2003. Die Übersetzung stammt von mir.

4 Gedanken zu “Paris erleben und sich erinnern

  1. doris junghuber schreibt:

    Was für ein schöner Nachruf! „Maga“ hätte sich sicher darüber gefreut. (Auch wenn sie es vielleicht nicht gezeigt hätte.) Und ich sehe wieder einmal, wie wichtig es ist, Menschen – über alle Grenzen hinweg – besser kennen zu lernen.

    Wenn ich über Kategorisierungsmodelle lese, komme ich einfach nicht umhin, auch das „aus einer gewissen chinesischen Enzyklopädie“ (Himmlischer Warenschatz wohltätiger Erkenntnisse) stammende, von Jorge Luis Borges wahrscheinlich erfundene, dazuzuschreiben, einfach, weil ich die Überlagerungen, Zweideutigkeiten und Mängel so mag und es alle Denkmodelle hinterfragenswert erscheinen lässt:
    „…die Tiere sich wie folgt unterteilen: a) dem Kaiser gehörige, b) einbalsamierte, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) streunende Hunde, h) in diese Einteilung aufgenommene, i) die sich wie toll gebärden, j) unzählbare, k) mit feinstem Kamelhaarpinsel gezeichnete, 1) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen.“

    Jorge Luis Borges Borges: Die analytische Sprache von John Wilkins. Inquisitionen. Essays 1941–1952.

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  2. Margit Neuböck schreibt:

    Der Text über Maga ist wunderbar, da schwingt so viel mit, der bringt so viel in Bewegung in mir. eine ganz andere Welt aus der sie kommt und ein ganz anderer politischer Boden auf dem sie stand – und trotzem spürt man da so was wie Sehnsucht nach dieser – ich weiß gar nicht wie ich es nennen sol – Unversehrtheit des Geistes und der Seele. Ja, ich glaube Unversehrtheit trifft es für mich am ehesten und im Gegenzug kommen mir die Seelen und Gehirne unserer Kinder und Jugendlichen und jungen Erwachsenen und auch die von uns (mir, Mitfünfzigerin) so versehrt, so beeinträchtigt so besudelt (klingt jetzt vielleicht ein bisschen pathetisch, ich möchte aber einfach dem Gefühl unverfälscht und unzensiert Ausdruck verleihen) vor. Angeschissen von der Scheiße einer Maschinerie, die uns nur zum Kaufen braucht.

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  3. Magdalena Buttler schreibt:

    Liebe Monika,
    ich sitze gerade mit Irina in Paris beim Abendessen an der Seine und musste irgendwie an dich denken. Vielleicht, weil wir in Paris sind, vielleicht aber auch einfach nur so. Daraufhin dachte ich mir, ich lese mal wieder in deinem Blog nach und umso mehr hat es mich gerade eben gefreut einen Kommentar von dir über Paris zu lesen. Seit vier Tagen sind wir im Rausch dieser Stadt. Wir genießen die Zeit hier in jeder Weise, verbringen Stunden im Louvre, lassen uns Pain au Chocolat und Macarons schmecken und verlieben uns immer wieder in den roten Abendhimmel über der Seine. Auch wenn die Füße am Abend schmerzen, wir wollen weiter, und zwar in jeder Hinsicht. Wir freuen uns sehr auf ein Wiedersehen. Liebe Grüße Magdalena und Irina.

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  4. Monika Neuhofer schreibt:

    Liebe Magdalena, liebe Irina,

    das ist aber ein schöner Kommentar und eine nette Überraschung, über die ich mich seeehr gefreut habe!

    Ihr habt mittlerweile Paris wahrscheinlich schon wieder verlassen und könnt nun die Tage zu „der Sammlung schöner Erinnerungen“, die euch aus- und reichmachen, hinzufügen. (So ungefähr beschreibt das Juli Zeh in ihrer Rede an die Abiturienten, von der ich euch einmal erzählt habe.)

    Dass ihr euer Weiterkommen so engagiert, umfassend und neugierig angeht, freut mich ganz besonders. Lasst mich weiterhin von Zeit zu Zeit ein bisschen daran teilhaben!

    Eure Moni 😉

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