Die Schule, das Dorf und die Insel

Meine Kollegin Monika Neuhofer schrieb in ihrem Artikel Lob der Vielfalt. Und des Bemühens vor ein paar Wochen:

Die über 800 Individuen brauchen individuelle Lehrerinnen und Lehrer, Typen aller Art. Sie brauchen authentische Menschen mit Stärken und Schwächen, Vorbilder, Modelle. Lehrer, die sie nachahmen, aber auch Lehrer, an denen sie sich reiben können; Lehrer, die sie nett, aber auch solche, die sie streng finden; Lehrer, die ihnen cool, aber auch welche, die ihnen schrullig vorkommen. Kumpel-, Eltern-, Künstler-, Professoren-, Erzieher- und Großeltern-Typen, distanziertere und herzlichere, jüngere und ältere, lustigere und ernstere, lautere und leisere.

Mir fiel damals der Roman Island von Aldous Huxley ein, den er 1962 (ca. 30 Jahre nach Brave New World) veröffentlicht hat und in dem er eine vielleicht etwas naive aber durchaus nicht unbegründete Utopie eines Gemeinwesens entwirft. Diese ist ziemlich umfassend und thematisiert Zusammenleben, Wirtschaftssystem, Erziehung, Bildung und Sozailisation in einer idealen Gesellschaft – oder wenigstens einer Gemeinschaft, die sich zu einer solchen entwickeln möchte. Wer mehr darüber wissen will, die Wikipedia hat einen ganz guten Überblick. Und es ist auch interessant, was Der Spiegel 1962 darüber geschrieben hat. (Übrigens ohne die Namensnennung eines Verfassers!)
Also habe ich mir das Buch, das ich vor 20, 25 Jahren gelesen habe, wieder einmal aus dem Regal gezogen und erneut gelesen. Leider stimmt nicht alles, was darin steht, mit meiner Erinnerung so perfekt überein (!), aber das Erziehungskonzept auf der Insel Pala gefällt mir immer noch, auch wenn es sich nicht ganz mit Monikas Worten zusammenbringen lässt. Zum Beispiel gibt es zwar natürlich die Herkunftsfamilien, aber wenn es in diesen Schwierigkeiten gibt, können die KInder sich weitere „Eltern“ aussuchen. Susila, eine der Einwohnerinnen, erzählt das Will Farnaby, einem schiffbrüchigen Journalisten, so:

Buddhist ethics and primitive village communism were skillfully made to serve the purposes of reason, and in a single generation the whole family system was radically changed.“ She hesitated for a moment. „Let me explain,“ she went on, „in terms of my own particular case—the case of an only child of two people who couldn’t understand one another and were always at cross-purposes or actually quarreling. In the old days, a little girl brought up in those surroundings would have emerged as either a wreck, a rebel, or a resigned hypocritical conformist. Under the new dispensation I didn’t have to undergo unnecessary suffer ing, I wasn’t wrecked or forced into rebellion or resignation. Why? Because from the moment I could toddle, I was free to escape.“

„To escape?“ he repeated. „To escape?“ It seemed too good to be true.

„Escape,“ she explained, „is built into the new system. Whenever the parental Home Sweet Home becomes too unbearable, the child is allowed, is actively encouraged—and the whole weight of public opinion is behind the encouragement— to migrate to one of its other homes.“

„How many homes does a Palanese child have?“

„About twenty on the average.“

„Twenty? My God!“

„We all belong,“ Susila explained, „to an MAC—a Mutual Adoption
Club. Every MAC consists of anything from fifteen to twenty-five assorted couples. Newly elected brides and bridegrooms, old-timers with growing children, grandparents and great-grandparents—everybody in the club adopts everyone else. Besides our own blood relations, we all have our quota of deputy mothers, deputy fathers, deputy aunts and uncles, deputy brothers and sisters, deputy babies and toddlers and teen-agers.

„Will shook his head. „Making twenty families grow where only one grew before.“

„But what grew before was your kind of family. The twenty are all our kind.“ As though reading instructions from a cookery book, „Take one sexually inept wage slave,“ she went on, „one dissatisfied female, two or (if preferred) three small television addicts; marinate in a mixture of Freudism and dilute Christianity; then bottle up tightly in a four-room flat and stew for fifteen years in their own juice. Our recipe is rather different: Take twenty sexually satisfied couples and their offspring; add science, intuition and humor in equal quantities; steep in Tantrik Buddhism and simmer indefinitely in an open pan in the open air over a brisk flame of affection.“

Um ein Kind zu erziehen, bedürfe es eines ganzes Dorfes, sagt ein Sprichwort, das laut Internet ein afrikanisches zu sein scheint. Familie, Schule, Dorf. Sie müssen zusammenbringen, was ein Mensch zum Leben braucht. Huxley schreibt über Bildung des Geistes und des Körpers, über Gefühle und Erfahrungen, darüber, wie man leben soll. Viel mehr und ausführlicher; als ich es hier kurz angerissen habe. Insgesamt wahrscheinlich zu ausführlich für einen Best-und Longseller, wie er ihn mit Brave New World hatte. Die idealisierte Insel Pala gibt es auch am Ende seines Romans so nicht mehr, ein paar seiner Ideen darf man sich aber ruhig wieder einmal zu Gemüte führen. (juhudo)

Online in Englisch nachlesbar: http://www.huxley.net/island/aldoushuxley-island.pdf

Eine Zusammenfassung der philosophischen Ideen Huxleys zu diesem Roman: http://www.huxley.net/island/

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