Kernideen (Fortbildung)

Damit ich gleich ins Üben komme: ein Mikroartikel zu einer tollen Fortbildungsveranstaltung von Elisabeth Kossmeier im November 2014. Ich schreibe vor allem deswegen darüber, weil  im März 2016 wieder eine Veranstaltung mit ihr angeboten wird und ich sie allen GermanistInnen besonders empfehlen möchte!

Thema Kompetenzorientierter Unterricht braucht Kernideen [Fortbildung]
Referentin: Elisabeth Kossmeier
Story
  • Bisher hat mir eigentlich noch niemand wirklich erklären können, wie man Bildungsstandards und Individualisierung gut miteinander verbinden kann. Geändert hat sich das mit diesem zweitägigen Workshop von Elisabeth Kossmeier („Ja, was hindert euch denn?“, meinte die Referentin provokant auf unsere Bedenken, ob wir unseren Deutschunterricht in Zukunft noch gleich gut abhalten könnten wie bisher).
    Wir sollten uns folgende Fragen stellen: Was will ICH? – Warum unterrichte ich Deutsch? – Welche (höheren und grundlegenden) Ziele verfolge ich? ( Anschließend durften wir gleich unsere Antworten aufschreiben ;-))
  • Anschließend diskutierten wir folgende Frage (und weitere) im Plenum: Wie lassen sich die Kernideen durch die bzw. trotz der gesetzlichen Vorgaben verwirklichen? Was muss „gerettet“ werden?
  • Dann ging es mit der SchülerInnenseite weiter: Welche Methoden können SuS zur Beteiligung anregen und sie erkennen lassen, dass der Lernstoff für sie bedeutsam ist?
    Kossmeier stellte dazu vier Thesen auf:

    1. Es braucht einen Paradigmenwechsel von der Lehrer- zur Lernerorientierung. Kompetent wird, wer spürt: „Im Unterricht geht es um mich! Unterricht hat etwas mit mir zu tun und nützt mir!“
    2. Für nachhaltiges Lernen braucht es Kernideen. Die Schüler/innen erkennen: „Warum und wie und wofür ist das von mir Erlernte relevant?“
    3. Kompetenzorientierung braucht einen handlungsorientierten Unterricht: Was TUN die Lernenden auf dem Weg zum Lernziel und welche „Lernbeweise“ (Lernprodukte) erzeugen sie?
    4. Lehr- und Lernerfolg hängen von einer entsprechenden Rückmeldekultur ab (Wie wird Auseinandersetzung bewertet? Wie kann auf das geschaut werden, was bereits da ist und nicht auf etwaige Fehler? Wie kann das Wichtige überprüft werden und nicht nur das leicht Überprüfbare?)

Zu allen Punkten brachte Elisabeth Kossmeier viele Beispiele aus der Schule, auch Lösungsmöglichkeiten und einige davon erarbeiteten wir selbst, was für mich bei einer zweitägigen Veranstaltung nicht ganz unwichtig ist. Nur lehrerInnenzentriert mag ich es da nicht, die Mischung zwischen Vortrag und Selbsttätigkeit passte für mich gut.

Besonders spannend fand ich das explizite Herausarbeiten von Kernideen für Lehrinhalte. Implizit weiß ich ja meistens eh, warum ich ein Thema, ein Buch oder ein Grammatikkapitel bespreche, aber das hartnäckige Dranbleiben, bis mir wirklich ganz klar ist, wofür ich „brenne“ (immer geht’s fürcht ich nicht), kann die Relevanz des Themas deutlicher machen und der Funke kann vielleicht eher überspringen. (Und sonst? Vielleicht lieber weglassen?) Aus der Kernidee werden anschließend die Lernziele formuliert und danach rückwirkend das Lerndesign erstellt.

Einsicht Folgerung Anschlussfragen
Individualisierung des Unterrichts und Bildungsstandards müssen sich nicht ausschließen. Es kommt nur auf die Herangehensweise an. Die ist allerdings mit viel Arbeit verbunden, vor allem Punkt 4, die Rückmeldekultur. Lassen wir uns bloß den Mut nicht nehmen, einen spannenden, qualitativ hochwertigen Deutschunterricht abzuhalten, unabhängig von Operatoren und PISA! Die nötigen Kompetenzen erwerben unsere SchülerInnen nebenbei. Mit wieviel Vor- und Nachbereitungszeit muss ich rechnen?
Wie kann ich meine Arbeitsabläufe optimieren?

(juhudo)

2 Gedanken zu “Kernideen (Fortbildung)

  1. Monika Neuhofer schreibt:

    Wow, ich bin beeindruckt ob Deiner Umsetzungskraft (und fürchte, mein erster Mikroartikel wird noch etwas auf sich warten lassen).

    Aber da ich in diesem Forum schon so viel über Kompetenzorientierung geschimpft habe, muss ich wenigstens einen kleinen Kommentar zu dem Seminar bzw. zu Elisabeth Kossmeier abgeben: Vorneweg, auch ich finde die Frau begeisternd und beeindruckend. Vieles von dem, was ich bei ihr gehört und gelernt habe, habe ich verinnerlicht und schon häufig erfolgreich umsetzen können. Nicht zuletzt der Satz „Schreiben ist Verankerung im Ich“, den ich selbst immer wieder zitiere, ist mir zu einer Art Kernidee meines Unterrichts geworden.

    Aber – es musste ja ein Aber kommen – die Frau hat sozusagen leicht reden. Sie selbst ist seit einigen Jahren in Pension, sie kann den Begriff „Kompetenzorientierung“ tatsächlich so gebrauchen, wie er ihr sinnvoll erscheint und ihrer Vorstellung von gutem Unterricht entspricht. Wir hingegen müssen die Kompetenzen auch aufgedröselt abtesten und beurteilen (ich sage nur: kompetenzorientiertes Beurteilungsraster in Deutsch), wir müssen uns bei zentralen Prüfungen mit jenen Kompetenzen zufrieden geben, die der Gesetzgeber oder irgendwelche Bildungsexperten für wichtig erachten (ich sage nur: Einschränkung der Fremdsprachen auf rein funktionale Kompetenzen bei der Matura), wir müssen die SchülerInnen dahingehend trainieren, dass sie die vorgegebenen Kompetenzen genau zum Zeitpunkt der Kompetenzüberprüfung erfüllen, usw. usf. Das alles schließt guten Unterricht nicht aus, ein bisschen behindern tut es mich aber schon.

    Kompetenzorientierung fragt grundsätzlich nach dem Wozu, ich jedoch hab’s mehr mit dem Warum. Die von mir geschätzte Autorin Juli Zeh schreibt dazu in ihrer Rede „Plädoyer für das Warum„:

    Die Kinderfrage des 21. Jahrhunderts lautet nicht mehr “Warum?” – sie lautet: “Wozu?” Warum und Wozu sind Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die “Warum”-Frage forscht in die Vergangenheit. Sie erkundigt sich nach Ursachen, nach Hinter- und Beweggründen, möchte Zusammenhänge erwägen. Sie ist nachdenklich, vielleicht ein wenig introvertiert; sie appelliert an das Gedächtnis, interessiert sich für Motive, vielleicht sogar für eine moralische Gestimmtheit. Ihre Schwester “Wozu” ist frecher. Schneller. Fordernder. Irgendwie zeitgemäßer. Ihr Blick richtet sich in die Zukunft. Wozu gehen wir arbeiten, treffen Freunde, lesen Bücher, treiben Sport? Mit welchem Nutzen? Was ist der Zweck? Gibt es Maßstäbe, die zu erfüllen, Prognosen, die zu verifizieren, Effizienzkalkulationen, die zu berücksichtigen wären? “Warum” ist kontemplativer, “Wozu” im weitesten Sinne ökonomischer Natur. (…)

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  2. doris junghuber schreibt:

    Liebe Monika, ich stimme dir in allem hunderprozentig zu.
    Aber eine Fortbildungsveranstaltung mit Elisabeth Kossmeier kann ich trotzdem nur jeder Lehrerin und jedem Lehrer empfehlen. 🙂

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