Anders als geplant

R.A.K. In Juli Zehs Roman Corpus Delicti steht diese Abkürzung für „Recht auf Krankheit“. In der Gesellschaft, die in diesem Roman entworfen wird, gibt es keine Krankheiten mehr, die Menschen sind soweit optimiert und kontrolliert, dass es zu keinen Erkrankungen mehr kommt. Dafür, könnte man sagen, ist das ganze System – METHODE genannt – krank. Einzig die Mitglieder der R.A.K. wollen sich nicht unterordnen und kämpfen für die Freiheit, krank sein zu dürfen.

Im „ÖkoStandard“ habe ich heute einen Artikel über unmenschliche Arbeitsbedingungen für Näherinnen in Nicaragua gelesen. Damit wir in Europa und Nordamerika T-Shirts um fünf Euro kaufen können, rackern sich Frauen wie Erica Martinez Reyes zehn Stunden pro Tag, sechs Tage in der Woche weit weg von ihrem Heimatdorf ab, für knapp 150 Euro Monatslohn. Krank zu sein bedeutet für die Arbeiterin einen Einkommensverlust, trotzdem lächelt sie glücklich, wenn sie krank ist. Es bedeutet für sie nämlich auch zu Hause zu sein und ihren siebenjährigen Sohn zu sehen, der normalerweise bei der Großmutter aufwächst.

Ich bin auch gerade krank – und kann es kaum fassen. Zu Schulbeginn, jetzt, wo es so viel zu besprechen, zu organisieren und zu planen gibt, wo ich das Gefühl habe, unbedingt in die Schule zu müssen, erfasst mich eine Stirnhöhlenentzündung und zwingt mich ins Bett. Zwar darf ich krank sein, niemand macht mir meine Krankheit zum Vorwurf. Auch auf meinen Gehaltszettel werden sich die Krankheitstage nicht auswirken. Dennoch habe ich das Gefühl, dass es nicht sein dürfte, frage mich, wie es passieren konnte, dass ich einfach krank werde. Denn ich selbst kann offenbar überhaupt nicht damit umgehen, dass ich nicht perfekt funktioniere, schon gar nicht jetzt, wo ich doch gerade Ferien hatte und viren- und bakterienresistent sein müsste.

Meine Hybris zu glauben, ich dürfte nicht krank werden, schon gar nicht zu Schulbeginn, ist im Grunde lächerlich. Wie oft schon habe ich zu anderen Menschen gesagt, man solle froh sein, wenn man gesund ist, darauf einbilden aber brauche man sich nichts. Und gleichzeitig war ich insgeheim davon ausgegangen, dass das für mich selbst eh keine Relevanz haben würde. Denn ich würde ja nicht krank werden. Schon gar nicht zu Schulbeginn.

Wenigstens kann ich, wenn ich schon nicht unterrichten, planen, organisieren und besprechen kann, Radio hören und – in kleinen Dosen – lesen. So habe ich heute den beeindruckenden Roman Der Schrei des Löwen von Ortwin Ramadan zu Ende gelesen. Erzählt wird in diesem Buch die Geschichte des 16-jährigen Nigerianers Yoba, der sich mit seinem zwölfjährigen Bruder Chioke auf den Weg durch die Sahara und über das Mittelmeer macht. Meines Erachtens eignet sich das Buch hervorragend, um über das Thema Flüchtlinge zu reden. Es schafft Empathie und stellt auf eindringliche Weise dar, zu welchen Tragödien es auf den Fluchtwegen kommt. Gleichzeitig ist es spannend geschrieben und hält gerade für jugendliche LeserInnen vielfache Identifiktionsangebote parat. – Eigentlich wollte ich das Buch ja gleich mit meiner neuen fünften Klasse lesen. Das verzögert sich jetzt leider ein bisschen. (nemo)

2 Gedanken zu “Anders als geplant

  1. Gudrun Seidenauer schreibt:

    liebe monika neuhofer….danke für den Buchtipp und die berührende Selbstreflexion, Ich bin überzeugt, dass lebendige Selbstwahrnehmung, die Erkenntnisse stiftet, für den Lehrberuf hundertmal wichtiger ist als irgendwelche abstrakten „SchülerIn-soll-dieses&jenes“-Forderungen, die gerade so in sind. U
    Und nicht zuletzt: Gute Besserung und Sonntag-Morgen-Grüße aus dem MusGym.

    Gudrun Seidenauer

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