Deutschmatura: Das finale Duell

Von der Öffentlichkeit unbemerkt ging letzte Woche der erste Nebentermin der diesjährigen (Deutsch)matura über die Bühne. Auch mir erscheint die mediale Nichtbeachtung dieses Ereignisses vollkommen angemessen, zumal es angesichts zu Tausenden flüchtender Menschen, sich schließender Grenzen, politischer Krisen und bevorstehender Wahlen derzeit wahrlich Dringenderes und Wichtigeres zu berichten gibt. Aber der Matura-Nebentermin fand jedenfalls statt, und da ich nunmehr wieder mit dem Korrigieren befasst bin und mich dafür zwangsläufig auch wieder in die Materie hineinvertiefen muss, drängt sich abermals ein kleiner Blogeintrag dazu auf…

Eine einzige Arbeit zu korrigieren bedeutet weder einen beklagenswerten zeitlichen Aufwand noch eine unzumutbare Belastung. Unzumutbar und beklagenswert ist eigentlich gar nichts an dieser aktuellen Matura (außer natürlich die halbierte Bezahlung). Denn wir haben es diesmal – wie ja auch schon beim Haupttermin im Mai – mit einer durchaus soliden Version an Themen und Texten zu tun: Lachen, Jugend, Arbeitswelt lauten die drei Themen, Heinrich Bölls „Der Lacher“ ist der zu interpretierende literarische Text. Unzumutbar und beklagenswert ist allein die Vorstellung, dass das jetzt immer so weiter geht, ein ums andere Mal zum Verwechseln ähnliche Themen aus der Erfahrungswelt der Maturanten, immer die gleichen Operatoren, ohne Unterlass identische Aufgabenstellungen, ständig dieselben Textsorten und – logische Konsequenz – ad infinitum mehr oder weniger gleiche Schreibprodukte. Oder wird irgendwann auch den Aufgabenstellern dabei fad werden?

Eigentlich kann man sich nicht einmal mehr richtig aufregen über diese Matura, so langweilig und eintönig erscheint einem alles bereits beim zweiten Mal. Die Ödnis des vorgefertigten Schreibens erlebte ich im Frühjahr, mittlerweile kommt es mir nicht mehr nur öde, sondern richtiggehend lähmend vor, nicht einmal für meine Schüler, fürchte ich, würde es mir gelingen, eine einigermaßen inspirierte Rede zum Thema „Was bedeutet Jugend heute?“ zu verfassen. Zumindest nicht auf der Basis dieser Textbeilage!

Unter dem Titel „Unsere Eltern kiffen mehr als wir“ findet sich ein Text aus der Wiener Zeitung, in der einerseits eine Ausstellung über jugendliche Welten namens „Megacool 4.0“ im Wiener Künstlerhaus besprochen, und andererseits der Frage nachgegangen wird, ob Jugend nur eine Technik, die es zu beherrschen gilt, sei. Wie das genau zusammenpasst? Ich weiß es nicht und verstehe es auch nicht so recht. In dem Text wird so viel vermischt und sprachlich unsauber durcheinandergeworfen, dass mir ganz schwindlig wird und ich erst nach wiederholtem Lesen einigermaßen klar sehe. Zunächst wird der Prozess der Identitätsfindung von Jugendlichen theoretisch beschrieben. Gleich danach aber geht es um den Versuch von Erwachsenen jung zu bleiben, um die „Technik Jugend“ also. Jugend sei ein Label oder auch ein Motor für die Kulturindustrie, eine unerschöpfliche Ressource, heißt es dann. Alles irgendwie richtig, wirklich stringent und nachvollziehbar argumentiert aber wird da gar nichts.

„Benennen Sie die Identitätsangebote, auf die Jugendliche laut Textbeilage heute zurückgreifen können“ lautet sodann der erste Arbeitsauftrag. Computerspiele und das World Wide Web, eventuell noch die ATV-Serie „Saturday Night Fever“ wären da zu anzuführen. Anschließend möge man diese Angebote zu den eigenen Erfahrungen, Vorstellungen und Bedürfnissen in Beziehung setzen und schließlich soll man Vorschläge entwerfen, wie Jugendliche in der Entwicklung der eigenen Identität unterstützt werden können. Grundsätzlich eh nicht so schlecht, nur lähmend halt in der vorgegebenen Form der Abhandlung und in Kombination mit diesem Inputtext und – das kommt er-, ja beschwerend hinzu – in dem Wissen, dass es eigentlich vollkommen egal ist, was man da zusammenschreibt, Hauptsache die Arbeitsaufträge werden erfüllt. Was ich unter solchen Bedingungen schreiben könnte, wenn ich müsste? Ich will es mir nicht vorstellen.

Allerdings, einen Ausweg sehe ich plötzlich: Im situativen Kontext, welcher der Aufgabenstellung standardmäßig vorangeht, heißt es, man möge sich in seiner Rede mit der Frage beschäftigen, was Jugendliche heute für die Entwicklung ihrer Identität brauchen. Hm. Ja, Moment mal, so ganz uneingeschränkt, da fiele mir schon etwas ein! Ich ließe also die Textbeilage Beilage sein und widmete mich dieser Frage umweglos – auch auf die Gefahr hin, dass das Ergebnis dann durch das Beurteilungsraster fiele. Und siehe da, befreit aus den Zwängen der zentral verordneten Inputverwertung und der daran anschließenden Transfer- und Reflexionsleistung würde es nur so heraussprudeln aus mir:

Ich wetterte einleitend über lächerliche inhaltliche Vorgaben und thematische Anbiederungen der Erwachsenen und darüber dass sie offenbar glauben, Jugendliche wollen sich immer nur mit sich selbst beschäftigen. Ich schriebe darüber, dass ich mir von der Schule neue und aus jugendlicher Perspektive durchaus ungewöhnliche Inhalte, so etwas wie eine Horizonterweiterung erwarten würde. Darüber, dass einem in der Literatur vielfache und differenzierte Identifikationsangebote begegnen würden, und zwar nicht nur in der Gegenwarts- und/oder der Jugendliteratur, und dass es eine Sauerei sei, dass man offenbar glaube, bei der „Abprüfung von Schreibkompetenz auf Maturaniveau“ darauf verzichten zu können. Ich erzürnte mich des Weiteren über diese Erwachsenenwelt, die sich fortschrittlich wähnt im Definieren von Kompetenzen und meint, dadurch würde irgendetwas besser, dabei aber nicht bemerkt, was auf diese Weise alles verloren geht. Über die dahinter sichtbar werdende Orientierungslosigkeit und das dürftige Verständnis von Bildung fiele ich her und würfe den Erwachsenen vor, dass sie auf viele Herausforderungen, die auf uns zukommen würden, selbst keine Antworten hätten, dies aber nicht zugeben würden. Ich extemporierte darüber, dass man für die Entwicklung einer Identität ernsthafte und ernstgemeinte Angebote benötigen würde, eine ebenso spielerische wie kritische Auseinandersetzung mit Modellen und Möglichkeiten, die konsequente Beschäftigung mit Sprache und Texten, die sich nicht in Stereotypen und Klischees erschöpfen. Über den Wert des Erinnerns und des Vergessens versuchte ich mich, über Traditionen, Herkunft und Befreiung, über die Bedeutung von Geschichte und Geschichten. Auch die Notwendigkeit von kreativen Versuchsanordnungen, Spielräumen, freien Reflexions- und Denkräumen erwähnte ich. Auf die Gefahren von Manipulation, auf Machtstrukturen und Mechanismen von Einflussnahme nähme ich Bezug und mahnte eine grundsätzlich kritische Haltung ein. Kompromisslos zielte ich darauf ab, dass sich die Erwachsenenwelt wirklich und ehrlich für die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen interessieren müsste und diese nicht für ihre eigenen kommerziellen oder egoistischen Zwecke missbrauchen dürfte. Zu Ende käme ich damit, dass ich den Erwachsenen auftrüge, für die Entwicklung der Jugendlichen tunlichst Sorge zu tragen – und sie ansonsten in Ruhe zu lassen, auf dass sie selbst experimentieren könnten.

Und dann schlüge ich – weil’s eh schon egal wäre, die Aufgaben aus inhaltlicher Sicht nicht einmal überwiegend erfüllt, die Wortanzahl mitnichten eingehalten – sogar noch eine Volte zum schönen Thema „Lachen“. Ich erinnerte an eine Erzählung¹ von Irmtraud Morgner, betonte die Bedeutung des Lachens und knöpfte mir vor meinem geistigen Auge einen Repräsentanten dieser Erwachsenenwelt vor, „stellte mich in einer Entfernung von zirka zwei Metern vor (ihm) auf, (gäbe) die Bedingungen bekannt, verzichtete auf einen Sekundanten, gewährte ihm drei, (nähme) die Schultern zurück, zählte, holte tief Luft und lachte ihn tot.“ 🙂 (nemo)

¹ Irmtraud Morgner: „Das Duell“, in: Hochzeit in Konstantinopel (1968)

Ein Gedanke zu “Deutschmatura: Das finale Duell

  1. doris junghuber schreibt:

    Ich seh das Duell bildlich vor mir – die Schreiberin gegen den Text! Gegen etwas anschreiben funktioniert vielleicht auch besser, als langsam dahinplätschend mit einem Thema mitschreiben. Aber man kann ihn ja auch überholen und dabei so meisterhaft den Konjunktiv einmal wieder herauszaubern…

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