Yoba, Malala, Bilal. Aktuelle Bücher und Filme im Unterricht

Wie thematisiert man in der Schule, dass derzeit zehntausende Menschen auf der Flucht sind? Wie schafft man bei Kindern und Jugendlichen, die selbst in Sicherheit und Wohlstand aufwachsen, Bewusstsein dafür, dass Menschen ihre Heimat verlassen müssen, weil dort Krieg herrscht oder weil sie die Perspektivenlosigkeit nicht mehr aushalten? Dass sich Menschen aufmachen, um woanders – bei uns – ein besseres Leben zu suchen?

Es erscheint ebenso natürlich wie naheliegend und ist wohl ein Gebot der Stunde, über die Flüchtlingsthematik im Unterricht sprechen zu wollen. Aber wie packt man’s am besten an? Diskutieren? Zeitung lesen? Einfach darüber sprechen?

Ich habe es mit Hilfe von Literatur versucht: Mit der fünften Klasse (9. Schulstufe) lese ich Der Schrei des Löwen von Ortwin Ramadan. Die Geschichte des 16-jährigen nigerianischen Jungen Yoba hat die SchülerInnen sofort gepackt. Sein Schicksal interessiert sie, sie können sich einfühlen, sie leben mit. An der Stelle, als sich Yoba mit seinem jüngeren Bruder aufmacht, Richtung Norden, durch die Wüste bis an die libysche Küste, um von dort nach Europa zu gelangen, haben wir die Lektüre unterbrochen. Die Schüler sollten einen Dialog zwischen einem Optimisten und einem Pessimisten über das, was die beiden Jungen erwarten wird, schreiben. Ich war beeindruckt, welche Dialoge sie mir heute vorgelesen haben.

Mit der dritten Klasse (7. Schulstufe) lese ich Malala, die autobiographische Geschichte der letztjährigen Friedensnobelpreisträgerin. Einen solchen Erfolg wie mit diesem Buch hatte ich in der Klasse überhaupt noch nie. Es war mucksmäuschenstill, während ich vorlas. Nach der Stunde wollten sich ein paar der Mädchen unbedingt das Buch besorgen. Sie würden es nächste Woche auf die Landschulwoche mitnehmen und sich gegenseitig daraus vorlesen. In zwei Wochen schauen wir uns eine dramatisierte Version der Geschichte in den Kammerspielen des Landestheaters an. Wir freuen uns alle darauf.

Und mit einer meiner beiden Französischklassen erlaube ich mir den Luxus, jetzt, zu Schulbeginn, einen Film anzuschauen: Welcome von Philippe Lioret. In dem Film versucht ein junger Kurde von Calais aus über den Ärmelkanal nach England zu gelangen. Zu Beginn sieht man, was sich im Inneren der Lastwagen abspielt, mit denen die Flüchtlinge illegal die Grenze überqueren. Die Schüler waren schockiert von der Brutalität, die sie zu sehen bekamen. Aber sie möchten den Film weiterschauen, sie wollen wissen, wie es Bilal ergeht.

Ohne Zweifel könnte und müsste man viel mehr tun. Die Begegnung mit Flüchtlingen bei uns suchen, helfen, sich engagieren. Das schaffe ich derzeit zusätzlich zur Schule aber nicht. Aktuelle und für die jeweilige Altersstufe ebenso relevante wie ansprechende Lektüre auszuwählen ist keine besondere Leistung, wiewohl mitunter nicht ganz leicht und auch ein bisschen vom Glück abhängig. Denn nicht jede Klasse spricht auf jedes Buch an. Wenn es aber gelingt, das richtige Buch (oder den richtigen Film) zu erwischen, können Geschichten den Schülern einen Zugang zur Thematik verschaffen, zum Einzelschicksal, an dem das Große und Ganze sichtbar, erfahrbar und erfühlbar wird. Das ist vielleicht nicht viel. Aber es ist auch nicht nichts. (nemo)

Ein Gedanke zu “Yoba, Malala, Bilal. Aktuelle Bücher und Filme im Unterricht

  1. doris junghuber schreibt:

    Ganz wichtig!
    Ich kann dazu ein Buch ergänzen, dass vielleicht einen etwas sachlicheren Zugang hat: „Übers Meer. Mit Syrern auf der Flucht nach Europa“ von Wolfgang Bauer. Der Autor hat sich mit einer Gruppe von Flüchtlingen Schleppern anvertraut und sich auf die gefährliche Reise gemacht. Er musste sie zwar vorzeitig aufgeben, hat aber die Schicksale seiner Gefährten weiter verfolgt.

    Liken

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