Bildung – Mythos und Wahrheit

Interessante Dinge, die man dieser Tage an der Bildungsfront so lesen kann: Im Standard vom 5. Oktober finde ich ein Interview mit einem Bildungsphilosophen von der Uni Köln, der meint, Lernen müsse den Kindern nicht Spaß machen. Wir würden die Kinder um die Erfahrung, sich an etwas bewährt zu haben, betrügen, wenn die Schule auf herausfordernde Leistungsansprüche verzichtet. Auch sei es ein gängiger Blödsinn zu fordern, das Kind müsse da abgeholt werden, wo es steht. „Warum soll es sich nicht auf mich und die Welt zubewegen?“, so Matthias Burchardt stattdessen. Das selbstgesteuerte Lernen nennt er einen pädagogischen Irrweg und die zeitliche Ausdehnung der Schule in den Nachmittag eine Überforderung, die dem Kind Zeit zur Muße und für außerschulische Bildung nimmt.

Aha. Man lese und staune. Nicht, dass ich das alles genau so unterschreiben würde, aber ganz unrecht hat der Mann meiner Ansicht nach nicht. Denn dass viele der gängigen pädagogischen Credi, die so progressiv und kindzentriert daherkommen, ziemlicher Blödsinn sind, finde ich auch. In der Schule meiner Tochter wird seit einiger Zeit so getan, als ob selbstgesteuertes und freies Lernen das Gelbe vom Ei sei. Jeder nach seinem Tempo, jeder individuell, jeder wie es ihm am besten entspricht. Dass sich dabei allerdings immer tiefere Gräben zwischen den Kindern, die von daheim Unterstützung bekommen, und jenen, denen dies nicht zuteil wird, auftun, wird geflissentlich übersehen. Dass die Kinder mitunter viel zu viel Energie und Organisationstalent aufwenden müss(t)en, um ihren durchaus üppigen Wochenplan abzuarbeiten, scheint man stillschweigend in Kauf zu nehmen. Und dass an so manchem Vormittag überhaupt kaum etwas passiert, bleibt unbemerkt. Hauptsache, das pädagogische Konzept passt.

Ein wirkliches Problem bei all diesen pädagogischen oder bildungspolitischen Maßnahmen und Diskursen scheint mir die riesige Diskrepanz zwischen der Theorie und der Praxis zu sein. Da denkt sich jemand etwas aus, das auf dem Papier gut klingt, und dann wird das auf Biegen und Brechen durchgesetzt. Mit jeder pädagogischen Trouvaille tut man so, als wäre nun endlich der Stein des Weisen in allen Bildungsfragen gefunden und die Bildung fürderhin vor ihrem Untergang gerettet. Kompetenzorientierung, Inklusion, offenes Lernen, ganztägiger verschränkter Unterricht usw. usf. Alle paar Monate ein neues Schlagwort, doch immer wieder merkt man, wenn man sich als Lehrperson oder Elternteil mit einem oder mehreren Kindern beschäftigt, dass all die Konzepte, Credi, Methoden, Ansätze oder was auch immer eh ganz nett sein mögen, übermäßig ernst nehmen aber braucht man nichts davon. Denn das Einzige, was wirklich zählt in der Schule und auch zu Hause, ist die Beziehung zu den Kindern. Man muss sie mögen und ihnen etwas beibringen wollen. So einfach – und gleichzeitig so kompliziert – ist die Sache. (nemo)

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