Hunger auf Bildung

„Dieser afrikanische Junge …“, druckste Julian herum. „In seinem Tagebuch träumt er davon, dass sein Bruder und er wieder zur Schule gehen dürfen. Deshalb will er nach Europa.“ Er drehte sich um und schaute Adria an. „Wie kann man sein Leben dafür riskieren, zur Schule gehen zu dürfen? Das kann es doch niemals wert sein, oder?¹

Für Julian, den Jungen aus Hamburg, ist es schlichtweg unvorstellbar, dass jemand dafür kämpft, in die Schule gehen zu dürfen. Yoba, der nigerianische Junge hingegen, nimmt Strapazen und Gefahren auf sich, setzt sein Leben aufs Spiel, um seinem Traum näherzukommen.

Für das pakistanische Mädchen Malala, die spätere Friedensnobelpreisträgerin, gilt Ähnliches: Sie nimmt sogar den Kampf mit den Taliban auf, um für ihr Recht auf Bildung zu kämpfen. Die Schule zu besuchen, lernen zu dürfen erscheint ihr als das Allererstrebenswerteste auf der Welt.

Zwei Beispiele aus fernen Ländern, das eine fiktiv, das andere real. Beide führen uns junge Menschen vor Augen, für die es nicht selbstverständlich ist, zur Schule gehen zu dürfen, für die – ganz im Gegenteil – Schule ein Sehnsuchtsort ist, der ein selbstbestimmtes Leben, Freiheit und Unabhängigkeit verspricht.

Ich bin hier bei uns aufgewachsen, aber auch für mich war es nicht selbstverständlich, die Schule besuchen zu dürfen. Sicher, das ist ein Weilchen her und aus heutiger Sicht kommt es mir bisweilen selbst ganz unwirklich vor, so unzeitgemäß erscheint meine Bildungsbiographie. Wären meine Lehrerinnen in der Hauptschule nicht gewesen, die auf meine Eltern einredeten, dass ich unbedingt eine weiterführende Schule besuchen müsste, ich hätte arbeiten gehen, hätte nach neun Pflichtschuljahren einen Beruf erlernen müssen. Obwohl ich mir nichts Schöneres vorstellen konnte, als einfach nur lernen zu dürfen, obwohl mir selbst nichts attraktiver erschien, als zur Schule zu gehen, war dieser Weg für mich nicht von Vornherein geebnet. Wäre ich damals nicht Vorzugsschülerin gewesen, ich weiß nicht, ob es meinen Lehrerinnen gelungen wäre, meine Eltern zu überzeugen.

Manchmal, wenn ich SchülerInnen begegne, die sich so wenig aus Bildung machen, die die Schule absolvieren, weil sie müssen, weil es ihre Eltern so wollen oder weil das heute halt so ist, dass man bis zur Matura zur Schule geht, muss ich daran denken, wie bildungshungrig ich damals war. Gierig danach zu lernen und zwar Inhalte jeglicher Art. Hauptsache lernen. Vielleicht liegt ein nicht unwesentlicher Unterschied genau darin: Wir drängen unsere Jugendlichen in die Schulen und überfüttern sie dort mit allem, wovon wir befinden, dass es zu lernen, zu wissen und zu können ist. Wir stopfen sie voll mit unseren Anforderungen, Erwartungen und Vorgaben. Und gleichzeitig flößen wir ihnen permanent ein bisschen Angst ein: Wenn du nichts Richtiges lernst, die Matura nicht machst, gehörst du zu den gesellschaftlichen Verlierern. Wir sagen den Jugendlichen genau, was sie brauchen, um später erfolgreich zu sein und erzeugen Druck und Ellbogenmentalität. Ein wirklicher Hunger auf Bildung kann unter solchen Bedingungen nur schwer aufkommen. Immer noch besser allerdings als gar nicht zur Schule gehen zu dürfen. (nemo)

¹ Ortwin Ramadan: Der Schrei des Löwen, Hamburg: Carlsen 2011, S. 229.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s