Vom Spielen mit Gedanken und Reformen. Anmerkungen zur bevorstehenden „Bildungsrevolution“

Seit meiner Schulzeit bin ich bekennende leidenschaftliche Zeitungsleserin. Ein gutes Wochenende fängt für mich mit den mittlerweile drei (!) Zeitungen an, die ich samstags abonniert habe. Wobei – wenn ich ehrlich bin – das üppige Gewicht von drei Samstagszeitungen schon auch ein bisschen belasten kann, weshalb ich seit langem mit dem Gedanken spiele, mindestens eine davon wieder abzubestellen. Der Gedanke hat allerdings etwas Theoretisches an sich, denn das Abbestellen von Mitgliedschaften, Abonnements, Dauerspendenaufträgen etc. gehört nicht zu meinen Kernkompetenzen.

Jedenfalls, tägliches Zeitunglesen ist Teil meines Frühstücksrituals. Dafür stehe ich wochentags sogar früher auf! Und, ja, es muss eine richtige Zeitung sein. „Zeitunglesen ohne Rascheln“ – wie es meine Lieblingszeitung bewirbt – kommt für mich nicht in Frage. Um halb sieben in der Früh will ich noch nicht auf einen Bildschirm starren müssen. So lange mir das bedruckte Papier täglich morgens früh um sechs vor die Tür gelegt wird, bleibe ich dabei. Ein paar Gewissheiten müssen sein.

Was ich aber eigentlich schreiben wollte, bevor ich zum Lob des Zeitunglesens anhob – im heutigen Standard findet sich übrigens ein Interview mit der Schweizer Philosophin Ursula Pia Jauch, in dem sich der Hinweis findet, dass wir beim Reden eigentlich nur spielen würden („Wir spielen mit Gedanken, was rauskommt, ist ziemlich ungewiss.“) – eine Einsicht, die, so würde ich meinen, unbedingt auch fürs Bloggen gelten muss – was ich also schreiben wollte, bevor der Spieltrieb mit mir durchgegangen ist: Mir graut’s schon ein bisschen vor dem 17. November.

Wie so ein Damoklesschwert schwebt dieses Datum über uns und kommt täglich ein Stück näher. Immer wieder fällt das Datum 17. November – ein Dienstag, wenn’s mich nicht täuscht. Und nun kommt sogar noch ein weiteres, also in diesem Fall näheres Datum hinzu, und zwar ein höchst symbolträchtiges, der 26. Oktober. Zwei Daten, ein Anliegen. Was steckt dahinter? Natürlich, die nationale Bildungsreform.

Ja, wir stehen unmittelbar vor einer Bildungsreform, möglicherweise sogar vor einer Bildungsrevolution. Am 17. November, diesem mittlerweile nicht mehr fernen Tag, gedenkt die österreichische Regierung ihre Schulreform vorzulegen. Seit Monaten wird das Datum lanciert, und der Tag wird kommen, die Schule in Österreich wird reformiert. Damit aber diesmal wirklich kein Stein auf dem anderen bleibt – man kennt ja schließlich seine Regierungspappenheimer – wird jetzt noch eine Plattform namens „Neustart Schule“ aktiv. Übermorgen am Nationalfeiertag wird diese Plattform einen Appell an die Regierung richten, endlich den „Bildungsstillstand“ zu beenden. Nichts weniger als die „beste Bildung für jedes Kind“ fordern die Aktivisten und wollen Schule gänzlich neu denken. „Österreich braucht eine Bildungsrevolution. Machen wir die beste Bildung für jedes Kind möglich. Denken wir Schule neu.“, heißt es dazu auf neustart-schule.at.

Bereits jetzt stellen die Schulneudenker der Regierung die Rute ins Fenster und warnen, dass auch mit der am 17. November präsentierten Schulreform die Bildungsreform nicht gegessen ist: „Die Botschaft lautet: Der 17. November muss ein Erfolg werden. Damit ist die Bildungsreform aber nicht zu Ende.“ Das nur, falls jemand im Land geglaubt hätte, Augen zu und durch, auch ein 17. November wird vorübergehen.

Nein, reformiert muss werden und zwar gründlich. Es müsse sich etwas ändern, denn so könne es ja nun wirklich nicht mehr weitergehen. Und damit dieser Überzeugung bloß kein „Und warum eigentlich nicht?“ entgegengestellt wird, behauptet man schon auch einmal Dinge, die gar nicht der Wahrheit entsprechen. So beispielsweise Nationalbankpräsident Claus J. Raidl, einer der prominenten Bildungsneudenker, der meint, es würde bislang mit dem 10. Lebensjahr entschieden, „ob man einmal Matura machen kann oder nicht.“ Nicht, dass nichts zu entscheiden wäre mit dem 10. Lebensjahr, aber die in Österreich so stark nachgefragten Berufsbildenden Höheren Schulen wie HTL, HLW oder HAK, sämtliche BORGs und die zudem seit etlichen Jahren angebotene Berufsreifeprüfung (die im Übrigen wie alle anderen Schulformen auch zur Matura mit allgemeiner Studienberechtigung führt), widersprechen der Behauptung doch einigermaßen.

Ich bin auch nicht der Meinung, dass mit der Bildung alles zum Besten bestellt ist, weder in Österreich noch anderswo. Aber dass die Schulen oder der Unterricht so schlecht sind, dass es keinesfalls so bleiben kann, wie es ist, erscheint mir reichlich übertrieben. Diese Grundstimmung scheint mir eher Teil einer allgemeinen Sehnsucht nach Veränderung zu sein, die wiederum mit einer allgemeinen Unzufriedenheit zusammenhängt (wofür die Schule aber wenig kann). Dass ständige Veränderungen – und in Wirklichkeit haben wir es im Schulbereich seit Jahren mit andauernden Reformen zu tun – aber nicht zwangsläufig zu einer Verbesserung führen müssen, kann man empirisch beobachten – so man gewillt ist hinzuschauen und nachzufragen, und zwar dort, wo die Reformen stattfinden, in den Schulen, bei den Schülern, den Lehrern und den Eltern nämlich.

Die Vorstellung des „großen Wurfes“, die eine Reform, die alles besser macht, aber ist wohl eher ein Traum oder eine Utopie, die sich in der Bildung genauso wenig wie in anderen Bereichen umsetzen lässt. Dazu, zum Thema Stillstand versus Reform, gab es im Übrigen im heutigen Standard auch einen guten Artikel (den ich aber leider online nicht finde). Nur gut, dass ich den Blog habe, um mit all den Gedanken, die ich beim Zeitunglesen so habe, ein bisschen rumzuspielen. 🙂

(nemo)

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