Von Wichtigem und weniger Wichtigem: A Paris et ailleurs

Samstagabend, die Anstrengungen der Woche sind deutlich spürbar. Zu viel war los, als dass es schon nach nur einem Tag vergangen wäre. Schon seit Tagen krächzende Stimme, trotzdem habe ich versucht zu unterrichten. Die eine Klasse hatte Schularbeit, die anderen haben bald. Daneben viel zu organisieren und zu besprechen. Kulturprojekt, Schüleraustausch, Mentoring. Drei richtige Brocken, zusätzlich. Gestern Abend ein Opernbesuch mit zwanzig Schülern. Il mondo della luna. Interessant, wie viele Menschen einen ansprechen, wenn man mit Schülern abends in die Oper geht. Deshalb, weil die Schüler so brav sind, und deshalb, weil die Leute es gut finden, dass wir versuchen, den jungen Menschen die Welt des Theaters, der Musik, der Oper zu eröffnen.

Heute Vormittag Gang zur Polizei. Schon wieder ist mein Fahrrad weg. Im Vorzimmer der Wachstube drei schwarze Männer. Einer liegt unter der Bank, zwei sitzen. Sie kippen fast herunter, weil ihnen ständig die Augen zufallen. Ich spreche sie an. Sie haben seit sechs Tagen nicht mehr richtig geschlafen. Aus Gambia kommen sie, wollen hier Asyl beantragen. Von Libyen aus sind sie mit einem Flüchtlingsboot übers Meer gefahren. Mein gestohlenes Fahrrad kommt mir nichtig vor. Fast eine halbe Stunde beschäftige ich mit meiner Bagatelle den zuständigen Beamten, bis meine Diebstahlsmeldung komplett ist.

Im Standard von heute schon wieder der Verweis darauf, dass weniger Schüler pro Klasse keine Verbesserung der Unterrichtsqualität bedeuten würden. Auch die Hattie-Studie belege das. Hat eigentlich irgend jemand von denen schon einmal Deutsch-Schularbeiten oder Hausübungen korrigiert? Ab 20 merkst du jedes zusätzliche Heft, ab 20 hängt es sich richtig an. Ab 20 merkst du auch jeden einzelnen Schüler in der Klasse. Oder umgekehrt: Du bemerkst ihn eben nicht. Außer er stört. Dann bemerkst du den und übersiehst fünf andere.

Ja, wir sollen individualisieren und jeden Einzelnen fördern, wir dürfen keinen zurücklassen und sollen allen gerecht werden, wir mögen darauf achten, dass sich alle in der Klasse wohl fühlen und gleichzeitig die Bildungsstandards erreichen. Alles kein Problem, es scheint bloß uns Lehrern so vorzukommen, als ob das Erreichen all dieser Ziele auch irgendetwas mit der Anzahl der uns anvertrauten jungen Menschen zu tun habe. Die Experten wissen, da besteht kein nachweisbarer Zusammenhang. Alles bloß gefühlte Wirklichkeit. Beim Wetter scheint es uns einzuleuchten, dass auch die „gefühlte Kälte“ relevant ist, aber in der Schule, nein, da sind’s nur die Lehrer, die sich’s bequem einrichten wollen.

Es ist frustrierend. Es ist zum Ärgern. Es betrübt mich. Das gestohlene Fahrrad ebenso wie diese ständigen unqualifizierten und falschen Aussagen. Was aber ist das alles gegen den Wahnsinn, der letzte Nacht in Paris los war? Angesichts des Terrors ist alles lächerlich, möchte man mit Thomas Bernhard sagen. (nemo)

peace-for-paris

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