Selbstzweifel

„Und, hältst du’s aus?“, wurde ich heute von jemandem gefragt, den ich von früher kenne, von damals, als ich noch nicht Lehrerin war. Die Frage bezog sich auf die Schule. Ob ich es in der Schule aushalten würde, wollte der Mann wissen. Unbeholfen, wie ich auf so unerwartete Fragen gerne reagiere, habe ich „Ich weiß es noch nicht“ gestammelt. Stimmt das? Weiß ich tatsächlich nicht, ob ich es in der Schule aushalte? Fast bin ich ein wenig von meiner eigenen Reaktion entsetzt. Meine ich das ernst oder war ich bloß ein wenig patschert? Wo ich doch seit mehreren Jahren als Exemplar der glücklichen Lehrerin durchgehe, steht da plötzlich wieder ein massiver Zweifel im Raum. Aber, ja, es ist was dran, ich weiß im Moment wirklich nicht, ob ich es auf Dauer in der Schule aushalte. Hätte man mir vor zwei Jahren diese Art von Gretchenfrage gestellt, ich hätte mit einem ebenso begeisterten wie überzeugten „Ja, natürlich“ geantwortet. Bereits letztes Jahr hätte ich ahnungsvoll vielleicht ein klein wenig gezögert – und nun weiß ich es nicht mehr. Hm. Das ist keine schöne Entwicklung.

Was ist passiert?

Nichts ist passiert, viel ist passiert. Je nachdem, wie man die Sache betrachtet. Es ist zum einen die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die mich immer mehr belastet. Was sollte man nicht alles machen, was gäbe es nicht alles zu tun – und was davon lässt sich tatsächlich umsetzen, was davon ist realisierbar? Wenn diese Schere zu weit aufgeht – und in meiner Wahrnehmung ist sie viel zu weit offen – wird man unzufrieden. Zum anderen aber ist es die Schule selbst, die mich derzeit ein wenig quält. Um das eine Problem in den Griff zu bekommen, hilft es, auch wenn das nicht ganz leicht ist, sich auf eine Seite, also am besten auf die Schule und das Unterrichten, zu konzentrieren. Wenn allerdings die Schule und das Unterrichten selbst auch ein Problem darstellen, wird’s schwierig.

Seit Schulbeginn ruckle ich herum und bin bis heute nicht recht auf Schiene gekommen. Vieles erscheint mir wahnsinnig anstrengend. Die Konsequenz ist ein labiler Gesundheitszustand und das Gefühl, permanent hinterherzuhinken. Vielleicht war das letzte Jahr mit der Matura und allem, was dabei an administrativer, zeitlicher und vor allem emotionaler Herausforderung zu bewältigen war, wirklich ein bisschen zu üppig. Es war wie eine riesige Bergtour. Ein Dreitausender, der sich vor dir aufbaut und den du langsam erklimmst. Mit jedem Höhenmeter steigen die Glücksgefühle, bis du oben angekommen bist, erschöpft, aber glücklich. Und auch ein wenig stolz.

Das Problem beginnt dann, wenn du noch nicht ausreichend erholt die nächste Bergtour anpackst. Wenn du mit schweren Beinen und ohne die nötige Energie den nächsten Dreitausender anvisierst. Das geht eher nicht gut. Eine solche Bergtour würde man abbrechen oder zumindest ordentlich redimensionieren. Was aber tut man mit einem angebrochenen Schuljahr? Sich durchwursteln, was sonst. Das geht schon irgendwie, keine Frage. Nur Spaß macht es halt keinen.

Wirkliche Freude bereitet die Schule dann, wenn man genug Energie für sie hat. Die Frage ist: Kann ich jedes Jahr genug Energie aufbringen, um mit Freude Lehrerin zu sein? Gut, man kann sich, wie gesagt, schon einmal ein wenig durchwursteln. Aber dieses Durchwursteln ist auch anstrengend – und unbefriedigend gleichzeitig. Außerdem lässt sich vieles in der Schule einfach nicht mit halber Energie bewältigen. Dafür ist der Job zu anstrengend. Gerade jetzt spielt es sich wieder auf eine Weise ab, dass man nicht weiß, wie einem geschieht und wo einem der Kopf steht. Insofern: Ja, aushalten tu ich die Schule wahrscheinlich schon. Aber ob ich sie auf Dauer und so, wie sie ist, aushalten will, weiß ich noch nicht. (nemo)

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