Wir proben den Aufstand

Bei uns in der Schule gärt es. Wir spüren, dass mit der gegenwärtigen Bildungspolitik etwas gravierend nicht stimmt. Und zwar nicht, weil wir generell reformunwillig, faul oder sonstwas sind, sondern deshalb, weil wir das tiefgehende und ehrliche Empfinden haben, dass unser Verständnis von Bildung und Erziehung, unser Engagement für die Kinder und Jugendlichen, zunehmend ins Hintertreffen gerät bzw. von „oben“ herab unterminiert wird. Konkret heißt das:

Bei uns an der Schule gibt es ein wirklich motiviertes und engagiertes Team an Lehrerinnen und Lehrern. Im Zusammenspiel mit unserer Direktion, unserer Administration und unserem Sekretariat arbeiten wir ziemlich gut. Das finden nicht nur wir selbst. Das finden auch die Eltern und die SchülerInnen. Wie immer bestätigen Ausnahmen auf allen Seiten der Schulpartnerschaft die Regel.

Unser Problem ist, dass wir in unserem Wirken, in unserer Arbeit als VermittlerInnen, als ErzieherInnen, ja, ganz einfach als LehrerInnen immer stärker eingeschränkt werden und nach der Vorstellung einer durchökonomisierten Bildung, eines funktionalistischen Menschenbildes agieren sollen. Aus diesem Grund machen wir uns Sorgen. Um unsere SchülerInnen und um uns selbst. Denn das, was wir jetzt leisten, um unsinnige, unausgegorene und schlichtweg krankmachende Vorgaben so gut wie möglich zu kompensieren, geht an unser aller Substanz. Wenige Tage vor Weihnachten sei es ausgesprochen: Wir können uns nicht weiterhin so wie bisher um unsere SchülerInnen kümmern und gleichzeitig die Vorgaben unseres Dienstgebers erfüllen. Das geht sich schlichtweg nicht aus. Noch sind viele von uns nicht bereit zu resignieren. Die Betonung aber liegt auf dem Noch.

Nehmen wir zum Beispiel die vielbeschworene Kompetenzorientierung: Bildung und Wissen werden mittlerweile zur Gänze einem Konzept unterworfen, das sich an dem orientiert, was herauskommen soll, an dem, was Schüler und Schülerinnen können sollen. Dem wird alles untergeordnet: Wir sollen uns bei allem, was wir unterrichten, fragen, welche Kompetenzen die SchülerInnen dadurch erreichen. Im Anschluss daran testen, messen und überprüfen wir die Kompetenzen auf Teufel komm raus. Und schließlich haken wir die erreichten Kompetenzen ab, füllen Raster oder Excel-Tabellen aus, liefern Ergebnisse, die verglichen und gerankt werden können, ordentlich in Prozentzahlen ausgedrückt, nach vereinheitlichten Kompetenzniveaus geschichtet.

Was aber hat das mit Menschenbildung zu tun? Wir finden: Natürlich sollen unsere SchülerInnen etwas können (das haben wir im Übrigen auch bisher schon gewollt und meistens sogar halbwegs ordentlich hingekriegt: Kaum einer, der so gar nichts konnte, ist uns mit dem Maturazeugnis entwischt!), aber unser primäres Interesse muss doch dem gelten, was wir den jungen Menschen beibringen können, wozu wir sie anregen können, wovon wir überzeugt sind, dass es für sie wichtig ist, sich damit zumindest einmal in ihrem Leben beschäftigt und auseinandergesetzt zu haben. Da stellen sich über die Jahre im Laufe des Lernens schon Kompetenzen ein – aber wir sind doch nicht die Diener der Kompetenzen. Wie gesagt, wir sind Lehrerinnen und Lehrer.

Nehmen wir des Weiteren die Reformen in der Oberstufe, die neue Matura und die nunmehr auf uns zukommende neue Oberstufe (die im Übrigen beide auf dem Konzept der umfassenden Kompetenzorientierung fußen): Man reformiert uns die Oberstufe – fast möchte man wieder sagen – auf Teufel komm raus, behauptet, das sei alles im Dienste der Schüler, in Wirklichkeit aber ist es genau umgekehrt: Diese Reformen stellen die Schüler in den Dienst eines marktwirtschaftlich organisierten outputorientierten Systems. Sie negieren die für eine gedeihliche Persönlichkeitsentwicklung möglicherweise notwendigen Phasen des Durchhängens, des Nichtfunktionierens, sie ignorieren die gewachsene und vielfältige Beziehung zwischen Lehrern und Schülern, sie blenden die wichtige Funktion von Klassengemeinschaft und Gruppendynamik aus, ja, sie wollen nicht wahrhaben, dass wir es in der Schule mit Kindern und „unreifen“ Jugendlichen zu tun haben, die wir Erwachsenen auf ihrem Weg des Erwachsenwerdens begleiten und unterstützen, erziehen und bilden müssen.

Kurzum: Unsere SchülerInnen brauchen Lehrer und Lehrerinnen, Bezugspersonen, auch wenn es dabei mitunter zu Konflikten kommt. Sie brauchen kein perfekt ausgeklügeltes, standardisiertes und abgehobenes System, das sich in den Vordergrund spielt. Lernen spielt sich zwischen Menschen ab, die miteinander in Beziehung stehen und etwas von- und füreinander wollen. Auf perfekt durchgestylte Aufgabenstellungen, ausgeklügelte Prüfungsmodalitäten oder einheitlich geregelte Messinstrumente kommt es hingegen nicht wirklich an. Schule ist etwas anderes als ein Kurssystem. Bildung ist nicht bloß eine Anhäufung von Kompetenzen. Eine Reifeprüfung ist mehr als der Erwerb eines Abschlusszertifikats.

Davon sind wir überzeugt. Und dafür wollen wir kämpfen. Schauen wir einmal, was dabei herauskommt und wie weit unsere Energie reicht. Einen ersten Entwurf, der unsere Überzeugungen kurz und bündig (und notgedrungen ein wenig plakativ) zum Ausdruck bringen soll, haben wir gestern gebastelt. Ich hänge ihn unten an und würde mich über Rückmeldungen dazu, ganz besonders von anderen LehrerInnen, freuen: Wie seht ihr das? Habt ihr Ergänzungs- oder Veränderungsvorschläge? Für wie sinnvoll erachtet ihr ein solches Statement? Und: Interessiert das überhaupt jemanden außer uns selbst? Bitte! Danke!

Statement – allgemein

(nemo)

 

2 Gedanken zu “Wir proben den Aufstand

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