Die Reife in Zeiten der Kompetenzorientierung

Um diese Jahreszeit ereilt auch mich regelmäßig das Bedürfnis zurückzublicken und Bilanz zu ziehen. Was bleibt denn eigentlich von 2015, durch meine schulische Brille gesehen? Als Highlight sicherlich meine erste Matura als Klassenvorständin. Und gleich auch noch im österreichweit erstmalig durchgeführten Zentralmodus. Das war schon eine große Sache. Beileibe nicht alles daran war großartig, in Summe aber war es für meine SchülerInnen und mich doch ein Ereignis, auf das sie und wir gemeinsam stolz sein können.

Als ich meine Ex-Klasse kurz vor Weihnachten zum ersten Mal und fast vollzählig wiedersah, war ich beeindruckt: Viele der Mädchen schon ambitionierte Studentinnen, die Jungs derzeit Zivis und ebenfalls bald an diversen Unis im In- und Ausland. Alle zusammen befinden sie sich auf ihrem je eigenen Weg. Was soll ich sagen: Da waren sie, MEINE ehemaligen SchülerInnen, der Schule entwachsen, selbständige und erwachsene junge Menschen. Eine einzige Freude.

In die Freude über die SchülerInnen mischen sich allerdings Wermutstropfen, wenn ich noch einmal an die Matura denke. Sicher, im Nachhinein könnte man’s auch gut sein lassen, ganz offensichtlich ist etwas aus den jungen Menschen geworden, die Form der Matura hat dazu nichts beigetragen, den meisten von ihnen aber auch nicht allzu sehr geschadet. Dennoch, ich kann’s nicht lassen, will mit dem Abstand von mehr als einem halben Jahr noch einmal draufschauen, was für eine Prüfung sie da eigentlich zu absolvieren hatten. Dabei geht es mir wieder einmal mehr um die Idee als um die konkrete Praxis, um das dahinterstehende Konzept und seine symbolische Bedeutung. Meine Frage also lautet: Was heißt hier neue Reifeprüfung? Inwiefern ist sie eine neue Form Reife zu prüfen? Und was bedeutet eigentlich der Begriff Reife?

Die neue Matura steht – wie wir alle wissen – unter dem Vorzeichen der Kompetenzorientierung. Das ist der Kern dessen, was geprüft wird. Weniger das gelernte Wissen soll unter Beweis gestellt werden, vielmehr geht es darum, erfolgreichen Kompetenzerwerb zu demonstrieren. Diese Verschiebung bedeutet nun nicht zwangsläufig eine völlig andere Prüfung, was allerdings schon ziemlich anders ist, ist das Bild des Maturanten bzw. der Maturantin, das den unterschiedlichen Prüfungskonzeptionen zugrundeliegt.

In der früheren Form ging es – idealiter – darum, den MaturantInnen Gelegenheiten zu bieten, ihr in der Schule erworbenes Wissen sowie ihr dazugehöriges Können vorzuführen. Sie sollten zeigen können,  was sie gelernt haben. Sie sollten im Idealfall über sich selbst hinauswachsen können, bei der mündlichen Matura vor einer ziemlich großen Kommission mit ihrem Spezialwissen in den einzelnen Fächern glänzen und beeindrucken können. Dafür gab es Vorbereitungsstunden, dafür konnte sich der Lehrer für jeden Kandidaten einzeln überlegen, was am besten zu ihm passt. Realiter kam’s wohl mitunter zu Stoffreduktionen durch mehr oder weniger deutliche Hinweise im Vorfeld, möglicherweise gab es auch vereinzelt (aus Schülersicht gefühlte) Gemeinheiten zu verzeichnen. Im Mittelpunkt jedenfalls stand der junge Mensch, der nach bestandener Prüfung für reif erklärt werden sollte. In logischer Konsequenz hatte die mündliche Matura als abschließender Teil am Stück absolviert zu werden. Am Ende des jeweiligen Halbtages wurde den KandidatInnen gratuliert, indem die Kommission geschlossen an ihnen vorbeidefilierte und jedem Einzelnen die Hand schüttelte. Ein Ritual, welches symbolisch das Ende des Lehrer-Schüler-Verhältnisses zum Ausdruck brachte.

Bei der neuen Matura ist vieles anders. Die Prüfungsfragen orientieren sich weder an der Klasse noch am einzelnen Schüler, sondern an den allgemein vorgegebenen Kompetenzen. Im Schriftlichen wird ohnehin zentral entschieden, was gekonnt werden muss, im Mündlichen zieht der/die KandidatIn die Frage (bzw. den Themenbereich) aus einem Themenpool. Sodann gilt es unter Beweis zu stellen, dass die vorab definierten Kompetenzen erreicht,  erfüllt oder gar „weit über das Wesentliche hinaus“, also quasi übererfüllt werden. Nicht das Individuum, der oder die MaturantIn steht hierbei im Mittelpunkt, sondern das objektivierte Ausmaß an Kompetenzen des jeweiligen Kandidaten. Es ist insofern weniger ein individuelles Prüfen als ein standardisiertes Messen, das da stattfindet. Und wieder in logischer Konsequenz wird die Abfolge der mündlichen Matura als nach wie vor letzter Prüfungsteil nicht mehr primär nach MaturantInnen und Klassen geordnet, sondern nach Fächern: nach den Kompetenzen in Biologie wird die Sprechkompetenz im Englischen gemessen usw. usf.

Fast jede/r meiner MaturantInnen musste folglich an mehreren Tagen zur mündlichen Matura erscheinen, das abschließende Händeschütteln hatte seinen eigentlichen Sinn verloren, waren doch am Ende eines Halbtages KandidatInnen, die gerade einmal eine von drei Teilprüfungen absolviert hatten, genauso zu beglückwünschen, wie welche, die bereits fertig waren. Dass manch einer in legerer Freizeitkleidung oder auch nicht zu diesem Rest-Ritual erschien, scheint mir wiederum symbolisch zum Ausdruck zu bringen, dass der neuen Matura mehr von einem finalen Kompetenzcheck als von einem großen Abschlussexamen anhaftet. Kompetenz, Transparenz, Funktionalität, wo bislang das Initiationsritual Reifeprüfung „gespielt“ wurde.

Die einzige Ausnahme bildet in der neuen Maturaform die VWA und ihre Präsentation. Hierbei steht auch jetzt das Individuum im Vordergrund. Jede/jeder sucht sich selbst sein/ihr Thema, arbeitet mehrere Monate an der Arbeit und präsentiert das je eigene Produkt vor der Kommission. Die VWA-Präsentation bietet den MaturantInnen nach wie vor die Chance, über sich selbst hinauszuwachsen und zu zeigen, was man draufhat. Sicher, der Auftritt findet nunmehr im Vorfeld der Matura statt und fühlt sich für die MaturantInnen deshalb auch noch nicht so recht maturamäßig an, trotzdem, mit der Idee der VWA und ihrer Präsentation kann selbst ich als Kompetenzskeptikerin etwas anfangen.

Dem Rest der neuen Matura aber fehlt meines Erachtens etwas ganz Wesentliches: Die Valorisierung des Individuums, die Wertschätzung jedes einzelnen Menschen, den wir als Erwachsene und LehrerInnen viele Jahre unterrichtet und erzogen haben, dem wir versucht haben Bildung fürs Leben angedeihen zu lassen und den wir nun der abschließenden Prüfung unterziehen, um ihn danach für reif zu erklären. Wie gesagt, ich spreche von der Idee. Und diese Idee umfasste Wissen und individuelle Leistungen, sie implizierte Inszenierung und Rituale, sie betrachtete den/die Einzelne/n als Individuum und im Klassenverbund, sie arrangierte das Ende der gemeinsamen Schulzeit als Finale furioso.

Die neue Form der Matura scheint mit all dem nicht mehr viel anfangen zu können. Sie erscheint mir eher Antwort auf ein Zerrbild von Matura zu sein, auf eine Realität, die sich vom Ideal mancherorts vielleicht zu gravierend unterschied. Für mich aber stellt sich die Frage: Hätte man bei einer Maturareform nicht auch daran arbeiten können, dem schönen Ideal ein wenig näher zu kommen? Hätte man wahrscheinlich schon, wollte man aber wohl nicht. Denn das Problem ist vermutlich, dass man auch dem Ideal nicht mehr viel abgewinnen konnte. Weil es in der derzeitigen Gesellschaft stärker um Funktionalität und um Zweckorientierung geht, weil eben nicht der gebildete, sondern der kompetente (oder genauer: der kompetenzorientierte) Mensch das Ziel ist, weil nicht Reife, sondern Verwert- und Verfügbarkeit herauskommen soll. Weil es in Wahrheit weniger um das Individuum mit seinem Wissen und Können als um den mess-, beschreib- und vergleichbaren Standard einer bestimmten Altersgruppe geht.

Deshalb musste ein anderes Maturamodell her – und deshalb müssen nun auch eine andere gymnasiale Oberstufe und ein anderes Lehrer-Schüler-Verhältnis folgen. In dieser neuen Oberstufe darf dann bereits jedes Semester, vom Lernbegleiter administriert, ein kleiner Kompetenzcheck stattfinden, auf dass schlussendlich möglichst alle den Maturastandard erreichen. Und damit die sogenannte „Individualisierung“ nicht zu kurz kommt, darf der oder die Hochbegabte ein oder mehrere Semester überspringen und bereits mit 17 oder gar 16 Jahren zur abschließenden Kompetenzmessung antreten. Eine wahrlich reife Leistung, werden wir sagen!

(nemo)

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