Die Macht der Formate

Immer öfter beobachte ich, wie sich neuerdings die Prüfungsformate wichtig machen. Insbesondere im Fremdsprachenunterricht nimmt die Diskussion über Prüfungsformate mittlerweile einen derart wichtigen Platz ein, dass mir ganz anders wird. Es geht nicht nur darum, Kompetenzen zu messen, nein, diese müssen auch noch in der vorgeschriebenen Art und Weise gemessen werden. Aus diesem Grund und für diesen Zweck werden von ExpertInnen auf dem Gebiet der Testformatentwicklung spezielle Formate entwickelt und den Lehrern zur Verfügung gestellt.

So weit, so gut. Mein Problem mit der Sache ist, dass uns die Formate aber eben nicht bloß zur freien Verfügung gestellt werden. Nein, sie werden uns anempfohlen, sie werden uns aufgedrängt, sie werden uns regelrecht verordnet. In der siebten und achten Klasse sind wir im Fremdsprachenunterricht nunmehr verpflichtet, unsere mehrstündigen Schularbeiten genau nach Vorgabe zu erstellen. Jede der vier Fertigkeiten (Lesen, Hören, Sprache im Kontext, Schreiben) muss zu gleichen Teilen und in der vorgeschriebenen Reihenfolge abgeprüft werden, für jede Fertigkeit stehen bestimmte Testformate zur Verfügung, die zum Einsatz kommen müssen: So etwa Multiple Choice, Wortbildung, Editieren und Lückentext im Bereich Sprache im Kontext, Multiple Choice, Zuordnen und Kurzantworten im Bereich Hören.

Diese Form der Standardisierung von Schularbeiten dient dazu, die SchülerInnen auf die Matura vorzubereiten. Gut, dagegen kann man schlecht etwas sagen. Jetzt ist es aber so, dass in den zweiten lebenden Fremdsprachen bei weitem nicht alle SchülerInnen maturieren wollen. Egal, alle müssen durch die standardisierten Schularbeiten. Dazu kommt, dass meiner Erfahrung nach diejenigen, die maturieren wollen, ziemlich schnell und gezielt mit den jeweiligen Testformaten umgehen können, wenn’s darauf ankommt, zumal sie das alles ja eh bereits aus dem Englischunterricht kennen. Egal, ALLE müssen mindestens zwei Jahre lang durch die standardisierten Schularbeiten.

Was bedeutet das für den Unterricht? Immer mehr Unterrichtsmaterial wird in Form gebracht, sämtliche Schulbücher und Handreichungen bieten Aufgaben zunehmend nach den vorgegebenen Formaten an. Grundsätzlich nicht blöd, möchte man meinen, wir sind ja schließlich darauf angewiesen, brauchbares Unterrichtsmaterial zu haben. Mein Problem aber ist die dramatische Gewichtsverschiebung, die sich im Hintergrund dieses Standardisierungsprozesses abspielt: Die Testformate werden wichtiger, der individuelle Unterricht durch eine individuelle Lehrperson wird unwichtiger. Geht ja auch nicht anders: Standardisierung und Individualisierung (oder Individualität) widersprechen sich, da können noch so viele Schlagworte etwas anderes behaupten.

Dramatisch erscheint mir die beobachtbare Transformation im Fremdsprachenunterricht insbesondere bei jungen KollegInnen zu sein. Diese haben verstärkt den Eindruck, es komme in erster Linie auf das perfekte Material und Training an – und perfekt heißt eben perfekt im Hinblick auf die Vorgaben. Dass nicht jede Gruppe und schon gar nicht jede/r Schüler/in in diese standardisierte Welt passt, dass darüber hinaus Inhalte komplett auf der Strecke bleiben, scheint aus dem Blickfeld zu geraten. Im Vordergrund steht die unangezweifelte Notwendigkeit, die SchülerInnen auf die Maturatestformate vorzubereiten. Alles andere wird mindestens zweitrangig.

Für den Französischunterricht scheint mir diese Entwicklung eine besonders traurige zu sein: Generationen von SchülerInnen hatten mit häufig recht beckmesserisch agierenden Französischlehrerinnen zu tun. Ein fehlender Accent, eine falsche Übereinstimmung und die Katastrophe schien perfekt. Bis heute hat sich das Fach nicht ganz von dieser Überbetonung des Formalen befreien können. Aber was jetzt passiert, erinnert ein bisschen an eine Farce. Quasi durch die Hintertür kommen nun die sakrosankten standardisierten Formate herein und machen sich wichtig und breit. Die Vermittlung der Schönheit und Lebendigkeit der französischen Sprache, der reichen Literatur und Kultur, des wunderbaren Landes wird einmal mehr zurückgedrängt – und die LehrerInnen werden zunehmend zu ErfüllungsgehilfInnen einer formatgläubigen Fremdsprachendidaktik degradiert. (nemo)

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