Lehrerin, Trainerin oder Coach? Was bin ich, was kann ich sein?

Zu vieles geht mir durch den Kopf, als dass ich mich den restlichen noch zu korrigierenden Schularbeiten umweglos widmen könnte. Drei Tage lang war ich auf einem Seminar zur „individuellen Lernbegleitung“. Ein bisschen was davon muss ich loswerden.

Individuelle Lernbegleitung – Abkürzung ILB – ist eine Maßnahme im Rahmen der neuen Oberstufe – Abkürzung NOst. Die neue Oberstufe startet im übernächsten Schuljahr mit der 6. Klasse (10. Schulstufe) und wird wieder einmal vieles besser machen von dem, was derzeit bekanntlich so schlecht läuft. Künftig werden die drei Jahre bis zur Matura in semestrierter Form durchgeführt, die SchülerInnen bekommen ein richtiges Zeugnis ergo nicht nur einmal, sondern zweimal im Jahr – und können sich sodann endlich ordentlich auf die nachfolgende Zeit an Uni oder FH einstellen. Das war ja wirklich ein unhaltbarer Zustand, man muss es sagen: Jahrelang wurden die SchülerInnen an den Jahresrhythmus gewöhnt, plötzlich mussten sie mit Semestern umgehen lernen. Wie bitteschön soll das ein junger Mensch ohne Vorbereitung hinkriegen? Ich selbst würde ja sogar noch einen Schritt weitergehen und meinen: Auch die langen Semesterferien (der ganze Februar!) sollten endlich schon in der Schule eingeübt werden. Aber auf mich hört ja leider niemand. 😉

Was mich allerdings ernsthaft beschäftigt, ist einmal mehr die für mich so spürbare Diskrepanz zwischen den grundsätzlich interessanten pädagogischen Konzepten und der schulischen Wirklichkeit auf der einen Seite sowie den schulpolitischen Vorstellungen und Vorgaben auf der anderen Seite. Da tut sich eine Zweifachzerreißprobe auf, dem das hehre Konzept der individuellen Lernbegleitung wohl nicht standhalten wird.

Was bedeutet individuelle Lernbegleitung? Vereinfacht gesagt, eine Art Coaching, die dem Schüler bzw. der Schülerin helfen soll, sein bzw. ihr eigenes Lernverhalten zu reflektieren, die eigenen Ressourcen zu aktivieren und lösungsorientiert zu einem selbständigeren, verantwortungsvolleren Umgang mit den Anforderungen der Schule zu kommen. Heißt konkret, SchülerInnen mit Lernschwächen und -problemen sollen dabei unterstützt werden, sich selbst zu helfen und zu positiven Lernergebnissen zu kommen.

Auch wenn diesem Konzept der Optimierungsgedanke deutlich eingeschrieben ist, auch wenn die Ideologeme der Leistungsgesellschaft sichtbar werden, kann ich dem Konzept etwas abgewinnen. Bis zu einem gewissen Grad und nach Möglichkeit versuche ich das ja auch als Lehrerin und Klassenvorständin. Ich will, dass meine SchülerInnen die Schule schaffen. Wenn ich für diese Tätigkeit künftig etwas mehr lernpsychologisches Wissen und erfolgversprechende Methoden zur Verfügung haben werde, kann es nicht schaden. Vor allem mangelt es mir allerdings an der Zeit, mich den einzelnen SchülerInnen entsprechend widmen zu können. Und da könnte die ILB – für die es sogar bezahlte Stunden geben soll – zumindest ein bisschen Abhilfe schaffen, sofern man als individuelle Lernbegleiterin die „normale“ Unterrichtszeit bzw. die Anzahl der zu unterrichtenden Klassen gleichzeitig reduzieren kann.

So weit die pädagogische Theorie. Die schulpolitische Realität aber sieht so aus, dass die individuelle Lernbegleitung eben mit der neuen Oberstufe verknüpft ist. Und bei der neuen Oberstufe geht es um ein recht ausgeklügeltes kompetenzorientiertes System, das genau vorschreibt, was gekonnt werden muss. Schließlich steht am Ende die standardisierte Zentralmatura. Und die zu schaffen, ist das eigentliche Ziel. Aus diesem Grund muss jede dafür nötige Kompetenz im vorgeschriebenen Ausmaß erreicht werden. Eine Art von Kompensation zwischen Leistungen, wie es bisher noch möglich war („Ich bin zwar im Schriftlichen nicht so gut, dafür liegt mir das Mündliche.“) geht nicht mehr: Schreibkompetenz ist das eine, Sprechkompetenz etwas anderes. Wenn Kompensation möglich ist, dann nur in genau definierter Manier und nach zentralen Vorgaben.

In logischer Konsequenz werden die Prüfungen noch wichtiger als bisher. War bisher schon das Elendste am Unterrichten das Prüfen und Beurteilen, wird dieser Bereich in Zukunft zum eigentlichen Zentrum. Denn: Alles, jedes Modul, jedes Semester, muss von den SchülerInnen positiv absolviert werden. Zwar kann jede Prüfung zweimal wiederholt werden (ergibt in Summe jährlich 6 Prüfungstermine!), zwar können bis zu drei negative Prüfungen sogar bis unmittelbar vor die Matura aufgeschoben werden – am Ende der achten Klasse bzw. bevor mit der schriftlichen Matura begonnen werden kann, muss aber alles positiv abgeschlossen sein.

Für viele, ja für die meisten unserer SchülerInnen werden die neuen Vorgaben wahrscheinlich schon zu schaffen sein – auch wenn es möglicherweise für manche den ohnehin bereits massiven Druck noch einmal erhöhen wird. Für diejenigen, denen die Portionierung des Wissens und Könnens nach Kompetenzen entgegenkommt, wird es vielleicht sogar einfacher, weil klarer. Für ein paar könnte dieses Modell aber zu einer Art Spießrutenlauf werden: Mathe 6. Klasse Wintersemester noch nicht positiv absolviert, Sommersemester mit den laufenden Schularbeiten bereits voll im Gang, wissend, dass da immer noch die Prüfung aus dem Wintersemester dräut. Und daneben bekanntlich noch ein paar andere Fächer …

Für diese Fälle wurde die individuelle Lernbegleitung kreiert. Mit Hilfe eines Lernbegleiters oder einer Lernbegleiterin soll der Spießrutenlauf abgewendet und in einen schaffbaren Slalom umgemünzt werden. Ob das gelingen kann, weiß ich nicht. Man kann es ja einmal versuchen. Wirklich nachdenklich aber stimmt mich die Gesamtkonzeption und die Ideologie, die sich hinter der neuen Oberstufe in Kombination mit der neuen Reifepüfung abzeichnet: Ein System für alle, ein Standard für alle, eine Norm für alle. Hauptsache, du funktionierst und stellst deine Kompetenzen unter Beweis, auf dass dir das erreichte Niveau bescheinigt werden kann.

Wie gesagt, viele SchülerInnen werden kein Problem damit haben, manche aber doch. Ist halt so, es können nicht alle die Matura schaffen, kann man einwenden. Politischer Wille ist ohnehin, dass so viele wie möglich erfolgreich maturieren, deshalb werden ja begleitende, unterstützende Maßnahmen gesetzt. Ok. Irgendwie. Wer aber kümmert sich eigentlich noch um den Unterricht der jungen Menschen und um das, was einmal mit schulischer Bildung verknüpft war? Der/die LehrerIn vermittelt und trainiert die vorgegebenen Kompetenzen und ist ansonsten mit Prüfen und Administrieren der Prüfungen beschäftigt. Der/die SchülerIn lernt selbständig und eigenverantwortlich. Falls das nicht klappt, kommt der/die LernbegleiterIn und coacht ihn/sie.

Wer aber versucht, den Jugendlichen etwas (scheinbar) Funktionsloses beizubringen und sie zu erziehen? Wer sorgt für gedankliche Freiräume, ohne dabei an Prüfen zu denken? Wer zeigt, erklärt und lebt vor? Wer begeistert sich selbst für die Inhalte des Faches und versucht die eigene Begeisterung weiterzugeben? Wer diskutiert, stellt in Frage und regt an – und manchmal sogar auf? Wer kümmert sich um die Jugendlichen auf ihrem Weg des Erwachsenwerdens? Wer übt sich in Geduld und schimpft und sagt, so geht’s nicht, wenn er oder sie meint, es müsse sein? Wer fühlt sich wirklich für die jungen Menschen und nicht bloß für ihre Kompetenzen zuständig und will, dass kritische und mündige BürgerInnen aus ihnen werden? Ich weiß schon, da heißt es dann, ja, das darfst du doch alles auch weiterhin machen, niemand hindert dich daran, deinen Beruf auch in Zukunft so auszuüben. Aktiv daran hindern wird mich möglicherweise niemand, ausgehen wird es sich halt nicht mehr. Denn das System setzt die Standards und diese (er)fordern ganz andere Prioritäten. (nemo)

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