Schule und digitale Bildung

Ein Thema im Spannungsfeld zwischen Handyverbot, digitalen Schulbüchern, Anschuldigungen, dass LehrerInnen sich angeblich den neuen Medien verweigern und dem Ministerium, das das ganze System efit21 machen möchte. Ich werde es hier vermutlich nicht ansatzweise erschöpfend behandeln können, aber einmal einige Aspekte  zusammentragen. Berufen dazu fühle ich mich, weil ich seit vielen Jahren alles Mögliche dazu ausprobiert und gelernt habe und auch einiges in meinen Klassen angewandt habe.

So etwa 2007 habe ich Lernplattformen und das, was man unter Web 2.0 verstanden hat, für mich und mein eigenes Lernen entdeckt. Ich bin enthusiastisch in diese neue Lernwelt eingetaucht und habe großes Potential für die Schule gesehen. Ich habe viele Fortbildungen besucht und das berufbegleitende Masterstudium eEducation an der Donau Uni Krems absolviert. Im Kreis von etwa zwanzig weiteren Studierenden habe ich zwei Jahre lang – immer zwischen Schule und Uni – Konzepte für meine Klassen entwickelt und ausprobiert, Projekte erarbeitet und eine Masterarbeit geschrieben, die sich mit Personal Learning Environments von Jugendlichen beschäftigt.

Zu diesem Zeitpunkt wurde ich auch Klassenvorständin einer 5. Klasse, die teilzentrale neue Reifeprüfung sollte erstmals vorbereitet werden und ich war voll guter Hoffnung mit meiner Klasse gemeinsam mein vorbereitetes Konzept auszuprobieren und hoffentlich gemeinsam weiterzuentwickeln. Dazu gehörte, das Lernen mit Hilfe von

  • digitalen Mindmaps zu organisieren,
  • in ePortfolios zu reflektieren,
  • und  den Lernstoff mit Wikis zu verwalten und zu teilen.

Daneben sollten noch einige kleinere Tools zum Vokabeln lernen oder zum Pod- und Videocasts Erstellen zum Einsatz kommen.

Meine SchülerInnen waren nicht so begeistert. Einige hätten schon ganz  gerne mitgemacht, aber die meisten erklärten nach dem ersten Semester, dass sie lieber analog weiterarbeiten würden, da es doch einige Arbeit erforderte, sich die oben genannten Programme anzueignen („Ja, im Internet recherchieren schon, aber…“) und sie nicht soviel Zeit am Computer verbringen wollten („Können wir nicht wieder in einer Mappe schreiben?“). OK. Personal Learning Environment bedeutet, die „dass der Lernende diese Umgebung unter seiner Kontrolle hat und seine Lern- und Arbeitsumgebung individuell gestaltet, um Wissen zu entwickeln und mit anderen zu teilen“. Druck ausüben ist dabei nicht vorgesehen. Also, offene Türen rennt man auch bein den SchülerInnen nicht ein, wenn der Spaß aufhört und Arbeit anfängt, auch nicht mit dem PC.

Was ganz gut funktioniert, sind kleinere Lerneinheiten zu abgegrenzten Themen, wenn die Kids Lernpfaden folgen können und kleinere Lernprodukte erstellen können. Diese vorzubereiten dauert nur einfach zu lange, wenn man so wie ich im Fach Deutsch immer wieder mehrere Jahre warten muss, bis ich mich wieder in einer Klassenstufe finde, in der ich so eine Lektion vorbereitet habe – und wahrscheinlich passt sie dann nicht zu der neuen Klasse. Informatik dagegen findet nur in den fünften Klassen statt, da lässt sich viel wieder verwenden und auch mit den KollegInnen teilen.Die UnterrrichtspraktikantInnen freuen sich immer darüber.

Viele Kolleginnen und Kollegen benutzen unsere 2(!) Computerräume (für 32 Klassen) für die eine oder andere Unterrichtsstunde. E-Learning im engeren Sinn wird wenig betrieben, weil mit vielen Problemen und Unabwägbarkeiten zu kämpfen ist:

  • Kein Computerraum ist frei.
  • Das Schulnetzwerk wird gelegentlich durch einen alten Router „ausgebremst“. Wenn LehrerInnen eher selten die PCs benutzen und es klappt dann irgendetwas nicht, fördert das das Vertrauen in die neuen Medien nicht.
  • Lose Netzwerkkabel, ausgesteckte Bildschirmkabel, vertauschte Tasten auf der Tastatur kommen zwar selten vor, weil unsere SchülerInnen sehr zuverlässig sind, aber sie kommen vor und bremsen manchmal eine ganze Gruppe aus.
  • Wenn alle SchülerInnen alleine arbeiten sollen, muss man sie in zwei Räumen arbeiten lassen. Sie zu unterstützen kann ganz schön anstrengend werden.
  • SchülerInnen wissen ihre Passwörter nicht.
  • Manche Internetseiten sind aus Sicherheitsgründen.nicht erreichbar – das kann man aber bei der Vorbereitung von zuhause aus nicht erkennen.

Außerdem ist E-Learning (oder besser: Lernen mit digitalen Medien) an sich und ohne didaktisches Konzept nicht effektiver als analoges Lernen. Es erweitert die Lernmethoden – nicht mehr und nicht weniger. Ich wollte, es wäre anders. Aber was wir eigentlich benötigen ist die soziale Gruppe, die Klasse, die Beziehungen zu anderen Lernenden und Lehrenden. Deshalb kann ich mich eines tiefen Seufzers nicht erwehren, wenn ich zum Beispiel von eBooks statt analoger Schulbücher lese. Die Kosten, die wirklich tolle digitale Medien verursachen, sind wahrscheinlich so hoch, dass wir stattdessen PDFs erhalten werden. Keine Vernetzung mit anderen Schulen, keine länderübergreifenden Projekte, keine interaktiven Visualisierungen, Filme beim Antippen eines Bildes. Vielleicht einen Link auf eine gute Website. Das, was an tollen Möglichkeiten erreicht werden könnte, die wirklich mehr bieten als der Druck, kostet den Verlagen einfach zuviel. kindle-300x171

Nichts gegen eBooks, sie haben viele Vorteile und ob man sie mag oder nicht liegt am persönlichen Geschmack, aber das Lernen revolutionieren sie nicht. Und mit welchen digitalen Geräten die SchülerInnen ausgestattet werden, werden wir sehen.

(juhudo)

 

 

 

1 https://de.wikipedia.org/wiki/Personal_Learning_Environment

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