Framing – Ideen und was dahinter steckt

Elisabeth Wehling: Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht, Köln 2016.

Ein äußerst gut lesbares Sachbuch, das – wie ich es vor allem bei Büchern aus dem englichen Sprachraum kenne – die LeserIn/den Leser durch eine  nachvollziehbare Gliederung, eher kurze Kapitel, Wiederholungen, Zusammenfassungen, Vorausblicke und viele Beispiele verwöhnt.

Thema Politisches Framing [Buch]
Autorin: Elisabeth Wehling
Story

 

  • Ich weiß nicht mehr, wie ich auf diesen Titel gestoßen bin, habe ihn mir aber gleich bestellt, weil Sprache, Denken und Handeln IMMER ein Thema für mich sind. Und wir bemerken gerade in der aktuellen Flüchtlingsdebatte, wie Begriffe von Medien und Politikern gedeutet und umgedeutet werden, wie es gerade passt. Ob sie die Stimmung in der Bevölkerung machen oder nur darauf reagieren, würde ich gern herausfinden.
  • „Frames“ bedeuten in der kognitiven Wissenschaft „gedankliche Deutungsrahmen“ (Wehling, S 17). Sie bestimmen die Bedeutung von Fakten, „indem sie Informationen im Verhältnis zu unseren körperlichen Erfahrungen und unserem  abgespeicherten Wissen über die Welt einordnen. […] Sie heben bestimmte Fakten und Realitäten hervor und lassen andere unter den Tisch fallen.“ (S 17 – 18). Sie können unser Denken und Handeln bestimmen, ohne dass uns das bewusst wird.
    Wehling bringt zu dieser These eine Fülle an Beispielen aus verschiedenen Studien, die mir alle sehr eingängig sind (Sie passen also zu meinen Frames und ich muss mich nicht besonders anstrengen, sie mir „einzuverleiben“ 😉 ).  Zwei Sätze als Beispiel:
    „Der Vogel ist am Himmel.“
    „Der Vogel ist am Boden.“
    Nach dem Lesen des ersten Satzes benötigten die ProbandInnen länger, einen Vogel mit angelegten Flügel zu erkennen als einen mit ausgebreiteten. Und umgekehrt. (S 26 – 29) Wir denken uns also aus unserer Erfahrung heraus alles Mögliche dazu: Wenn ein Vogel fliegt, müssen die Flügel aufgespannt sein, ich sehe ihn von unten… Das Gehirn antizipiert. Und stellt sich dann nicht sooo gern um.
  • Das Problem mit den Frames ist, dass sie meist nur einen Teil der Informationen abbilden, um die es in der Diskussion geht. Ein Beispiel dafür stellt der Frame zu dem Wort Schirm dar. „Es gibt eine Gefährdung von außen, verursacht durch eine Naturgewalt, Regen oder brennende Sonne. Ein Schirm hat die Funktion, uns Menschen gegen naturbedingte Gefährdungen zu schützen – sprich, eine Gefährdung, die nicht durch andere Menschen und auch nicht durch uns selbst verursacht ist.“ (S 44) Es gibt also keinen Verursacher, keine Verursacherin, keine/r hat Schuld. Diese Seite der Wahrheit wird einfach damit nicht thematisiert.
  • Auch die Muttersprache spielt eine zentrale Rolle: Deutsche weisen dem Wort Brücke das weibliche grammatische Geschlecht, SpanierInnen das männliche. Bei dem Wort Schlüssel ist es umgekehrt. Infolgedessen beschreiben Deutsche Brücken als wunderschön, elegant und grazil, die SpanierInnen als groß, gefährlich und stark. Schlüssel sind bei den Deutschen hart, schwer und schroff, bei den SpanierInnen komplex, niedlich und klein.
  • Das größte Problem scheint die so genannte Hyperkognition darzustellen. Wenn Ideen erst gar nicht aufkommen, wird auch nicht über sie nachgedacht. No na. Zum Beispiel gibt es keine positiven Frames zum Thema Steuern zahlen. Es bedeutet immer eine Last und nie einen Beitrag zur Gemeinschaft und ist damit in unserem Denkapparat kaum existent. Beitrag hätte etwas von Mitmachen und sozialer Verantwortung, was in unseren Steuerframes ausgeblendet wird.
  • Die Autorin analysiert konkret die Frames Steuern (Last, Asyl, Schlupfloch, Falle, Oase, Paradies…), Sozialstaat, Gesellschaft, Sozialleistungen, Arbeit, Abtreibung, Islam und Terrorismus, Zuwanderung und Asyl, außerdem noch Umwelt. Die Daten sind aktuell, fast allen Gedankengängen kann ich zustimmen, ganz selten habe ich mir anscheinend schon eigene Gedanken gemacht.
Einsicht Folgerung Anschlussfragen
Wenn wir etwas lesen oder hören, werden Frames im Gehirn aktiviert. Teil dieser Frames ist immer auch die kognitive Simulation – wir fügen Worten Bewegungen, Geräusche, Gerüche, Emotionen und Bilder hinzu, was sich auf die Wahrnehmung und Verarbeitung von Informationen auswirkt – und anschließend auf unser Handeln. Sich Gedanken über die semantischen Zusammenhänge von Begriffen zu machen, ist unbedingt notwendig. Auch das Gendern, das in diesem Buch nicht erwähnt wird, bekommt für mich wieder erneute Legitimation.

Und weil Frames (und leider nicht die Fakten) unser Denken und Handeln leiten, „ist es für uns von allergrößter Wichtigkeit, unsere Sprache so zu wählen, dass sie unsere eigene Sicht auf die Welt wiedergibt“ (S 52), denn „Ideen, über die nicht geredet wird, haben keine Überlebenschance in der Demokratie.“ (S 60)

Da es hier auch in besonderem Maß um Metaphern geht, könnte ich mir auch einen Maturathema „Framing“ vorstellen. In der 7. oder 8. Klasse ist eine Sprachreflexion dieser Art sicher durchführbar, im Idealfall gemeinsam mit Politischer Bildung.

 

 

Ein bisschen zu wenig wird mir darauf eingegangen, wie besser mit diesem  Problem umgegangen werden könnte. Die eigene Weltsicht herausstreichen zu können, geht nur, wenn genügend Bewusstsein vorhanden ist. Schon bestehende Frames andauernd zu hinterfragen, ist ziemlich anstrengend, da sie sich ja schon sehr gut integriert haben.  Keine leichte Aufgabe!

Ich möchte für mich einmal die Frames für Bildung, Schule, Lehrkörper, Schülermaterial, Schule, beschulen, LehrerInnen, Lehrplan und Kompetenzen analysieren. Hoffentlich hilft mir jemand dabei.

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