Output statt Input: Die Welt von heute

Nicht daß unsere österreichischen Schulen an sich schlecht gewesen wären. Im Gegenteil, der sogenannte „Lehrplan“ war nach hundertjähriger Erfahrung sorgsam ausgearbeitet und hätte, wenn anregend übermittelt, eine fruchtbare und ziemlich universale Bildung fundieren können. Aber eben durch die akkurate Planhaftigkeit und ihre trockene Schematisierung wurden unsere Schulstunden grauenhaft dürr und unlebendig, ein kalter Lernapparat, der sich nie an dem Individuum regulierte und nur wie ein Automat mit Ziffern „gut, genügend, ungenügend“ aufzeigte, wie weit man den „Anforderungen“ des Lehrplans entsprochen hatte. Gerade aber diese menschliche Lieblosigkeit, diese nüchterne Unpersönlichkeit und das Kasernenhafte des Umgangs war es, was uns unbewußt erbitterte. Wir hatten unser Pensum zu lernen und wurden geprüft, was wir gelernt hatten; kein Lehrer fragte ein einziges Mal in acht Jahren, was wir persönlich zu lernen begehrten, und just jener fördernde Aufschwung, nach dem jeder junge Mensch sich doch heimlich sehnt, blieb vollkommen aus.¹

Dieses ernüchternde Bild von Schule zeichnet Stefan Zweig in der Welt von gestern, wenn er über „Die Schule im vorigen Jahrhundert“ reflektiert. Zweifellos kein Ort, an dem man gerne gewesen sein möchte. Aber eh alles lange her – oder? Das Erschreckende an diesen Zeilen ist für mich dieser Anflug  von Heutigem, der beim Wiederlesen des Textes nach vielen Jahren plötzlich vorbeiweht. Nicht, dass ich der Ansicht wäre, die heutige Schule sei mit dem vergleichbar, was Zweig schildert. Aber …

Die aktuelle Kompetenzorientierung und die damit einhergehende Standardisierung scheinen mir – quasi vom anderen Ende her –  neuerdings wieder eine Annäherung an die von Zweig geschilderten Zustände zu betreiben: Zwar orientiert man sich jetzt am „Output“, nicht mehr am „Input“ – die bloße Verschiebung der Begriffe scheint aber weder unangenehm aufzufallen noch zu stören, vielmehr scheint man sogar recht stolz darauf zu sein. Denn man achte ja jetzt viel mehr auf die Lernprozesse, wisse viel genauer, wie sich Lernen abspiele, erstelle unendlich intelligentere Aufgaben und mache Schule auf diese Weise endlich effizient und qualitätsvoll.

Aber ist dem wirklich so? Ich frage mich: Wo bleibt in diesem Konzept eigentlich das Kind, der Jugendliche, der junge  Mensch?  Zu Stefan Zweigs Schulzeiten fragte, so Zweig, kein einziger Lehrer, was „wir persönlich zu lernen begehrten“. Heute wird zwar von höchster Stelle aus mittels massiver Rhetorik und ständig wiederholter Schlagworte („Individualisierung“, „Inklusion“, „neue Lernkultur“) so getan, als ob man sich dafür interessieren würde – in Wirklichkeit aber wird bloß von Vornherein festgeschrieben, welche Kompetenzen der junge Mensch wann und wie erwerben soll. Und am Ende wird geprüft (bzw. gemessen), ob er diesem vorformulierten Programm entspricht – weitgehend, zur Gänze oder gar über das Erwartbare hinaus. Ein offener, tatsächlich am jungen Menschen orientierter Lernprozess müsste, glaube ich, anders aussehen.

Kürzlich war ich übrigens auf einer interessanten Tagung zum Thema Literaturwissenschaft: Welche Kompetenzen vermittelt die Disziplin? Eine Positionsbestimmung in schwierigen Zeiten lautete der Titel der Tagung, die von 19. bis 20. Mai an der Uni Gießen stattfand. Für mich, die ich für die Tagungsteilnahme extra Sonderurlaub von der Schule bekam, war es zunächst einmal eine große Freude, mitten im Schuljahr wegfahren und dort im universitären Kreis mitdiskutieren und vortragen zu dürfen. Eine intellektuelle Herausforderung, die mir ziemlich gut tat.

Inhaltlich war für mich beeindruckend, wie eigentlich alle Vortragenden eine Art Plädoyer für die Literatur und die Literaturwissenschaft hielten. Jeder und jede hatte seine oder ihre gut begründeten und überzeugenden Argumente, wie und warum das Studium der Literatur sinnvoll, bereichernd und von großem Nutzen sei. Es war schön, das, wovon auch ich überzeugt bin, so differenziert und fundiert aus so vielen berufenen Mündern zu hören. Ja, und by the way: Zahlreiche und vielfältige Kompetenzen würde die Literaturwissenschaft durch ihre Auseinandersetzung mit Sprache, mit dem literarischen Text, den Studierenden eröffnen.

Neben der Positionierung von Literatur und Literaturwissenschaft zeichnete sich für mich während der Tagung aber vor allem auch der dahinterstehende Auftrag, die Haltung, ja die Mission des einzelnen (Hochschul-)lehrers ab. Nicht zufällig war immer wieder von „Todsünden“, von „Tugenden“, von „Predigten“ und „Rechten“ die Rede – durchaus auch mit (selbst-)ironischem Unterton. Dennoch: Hinter ernsthaftem und ernstgemeintem pädagogischen Wirken steht ein Engagement des Lehrers – für die zu lehrende Sache und für die Lernenden. Ohne diese pädagogische Wirkungsabsicht geraten Unterricht oder Hochschullehre zu einer öden, langweiligen und für die SchülerInnen oder Studierenden weitgehend sinnlosen, abstrakten Pflichtübung.

Auch deutlich wurde für mich: Es gibt sicher nicht die eine zielführende Methode, wie ein Professor oder eine Professorin „sein oder ihr Ding“, d. h. die Sache (= das Fach), für das er oder sie steht, an die Studenten bringt – auch wenn irgendwie jeder immer von der eigenen Methode am überzeugtesten ist. Die Art und Weise der Vermittlung muss irgendwie zu ihm oder ihr passen, damit er oder sie und in weiterer Folge der Gegenstand überzeugen kann. Aber damit überhaupt etwas passieren kann, bedarf es dieses Engagements auf Senderseite: Ein Engagement für die Sache, das speziell auf den jeweiligen Empfänger hin ausgerichtet ist. Eigentlich wie im altbekannten Kommunikationsmodell, habe ich mir gedacht: ein Dreieck von Sender, Empfänger und Inhalt.

Ein echter Kommunikationsprozess braucht aber jedenfalls einen offenen Ausgang.  Was vom Intendierten wirklich auf Empfängerseite ankommt, kann nicht von Vornherein festgeschrieben werden. Wenn jedoch – wie beim kompetenzorientierten Zugang – auf der Empfängerseite schon vorab, noch dazu losgelöst vom konkreten Empfänger,  feststeht, was ankommen soll, und auf der Inhaltsseite zudem eher Beliebigkeit herrscht, dann wird das gesamte Dreieck aus der Balance gebracht. Der Sender verliert den unmittelbaren Bezug zur Botschaft, die Botschaft selbst wird austauschbar, langweilig oder uninteressant. Und der Empfänger hat zurecht das Gefühl, dass es gar nicht um ihn selbst geht, sondern um irgendetwas, das neben oder über ihm steht, eine Art Aktion, die er automatengleich ausführen soll.

Ob damit im Bildungswesen etwas gewonnen ist?  Just „jener fördernde Aufschwung, nach dem jeder junge Mensch sich doch heimlich sehnt“, von dem Stefan Zweig spricht, scheint mir durch die Kompetenzorientierung wieder vermehrt auszubleiben. Beruhigend nur, dass es an den Universitäten auch ProfessorInnen und DozentInnen gibt, die für ihre Sache „brennen“ und weit mehr pädagogisches Engagement mitbringen, als für die bloße Ausbildung von Kompetenzen  vonnöten wäre. Und durchaus auch ein Glück, dass es an den Schulen immer noch LehrerInnen gibt, die ein inhaltliches Anliegen, eine mit Inhalten gefüllte Botschaft haben und sich trotzdem oder gerade deshalb mehr für ihre SchülerInnen und deren möglichen „Aufschwung“ als bloß für deren Kompetenzen interessieren. Leichter aber wird es in Zeiten wie diesen nicht, für das eigene pädagogische Anliegen einzustehen. (nemo)

¹ Stefan Zweig: Die Welt von gestern. Erinnerungen eines Europäers (1944), S. Fischer Sonderausgabe, S. 46.

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