Das Leben ein „?chauspiel“. Schulische Möglichkeitswelten

Was für eine Freude, wenn man ein Jahr lang gemeinsam und intensiv an einer Sache arbeitet und dann so etwas dabei herauskommt. Die Präsentation unseres diesjährigen Kulturprojekts „Multimediale Inszenierungen“ gestern Abend im Literaturhaus war ein voller Erfolg.
Ein ?chauspiel,  das sich sehen lassen konnte.

Fünf Akte umfasste unser Stück, ganz so wie es sich gehört. Nicht, dass es wirklich eine klassische Tragödie gewesen wäre, aber irgendeinen roten Faden, eine Metapher, eine Konstruktion braucht der Mensch halt, um Disparates sinnvoll zusammenzufügen. 😉

Die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Inszenierung begleitete uns durch dieses Schuljahr. Und Inszeniertes auf verschiedensten Ebenen wurde gestern Abend geboten:

  1. Ein Hörspiel über Inszenierung in der Politik: Politiker, die nicht auf den Punkt kommen wollen, ein Engel und ein Teufel, die ihre Kommentare dazu abgeben und sich nicht einig darüber werden, was das eigentlich soll. – Für die drei SchülerInnen, die sich dieses Thema ausgesucht hatten, war das keine leichte Sache. Höchst ambitioniert wollten sie den Inszenierungscharakter politischer Reden aufdecken, die konkrete Umsetzung aber stellte sie vor fast unüberwindliche Hürden. Dass trotz aller Schwierigkeiten und Durchhänger schlussendlich so ein präsentables Hörspiel herausgekommen ist, finde ich bemerkenswert. Und das pantomimische Bühnenspiel der SchülerInnen ergab mit den vom Band eingespielten Stimmen eine durchaus vielschichtige Form der Inszenierung.
  2. Ein kleines Theaterstück über die Überschneidung von Realität und Phantasiewelt: Henriette, die gerne Comics zeichnet, wird von zwei Mitschülerinnen gemobbt. Durch das Eintreten in die Welt der Fiktion und die Identifikation mit ihrem Idol „Superhenriette“ gewinnt sie an Stärke, was es ihr sodann auch in der realen Welt ermöglicht, der Opferrolle zu entkommen. Und schlussendlich interessiert sich sogar der von allen angehimmelte Keno (in Wahrheit heißt der junge Mann ja Kevin Norbert) für sie. Na, da schauen die beiden Mobberinnen aber! – Wenn uns Lehrerinnen jemand zu Beginn des Schuljahres prophezeit hätte, wie überzeugend und plausibel dieses Stück werden würde und wie souverän sie es aufführen würden, wir hätten es nur schwer geglaubt. Die beteiligten Schülerinnen haben echt Großes geleistet!
  3. Ein Film über ein Mädchen, das ganz für ihre Selbstinszenierung auf Instagram lebt und darüber ihr wirkliches Leben und ihre Freundinnen vergisst. Am Ende beginnt sie zumindest über sich selbst und ihre Prioritäten nachzudenken. Ob sie ihr Profil auf Instagram wirklich löschen wird, bleibt offen. – Wieviel Arbeit hinter einem guten Drehbuch steckt, dass der daraus hervorgehende Film noch einmal eine ganz eigene (und notgedrungen abgespeckte) Sache ist, dass es unglaublich aufwendig ist, einen Film zu drehen und zu schneiden, all das haben die Beteiligten hautnah mitbekommen. Und es ist faszinierend, wie die Jugendlichen ihre Themen, das, was sie umtreibt, erzählen können, wenn ihnen jemand dabei hilft.
  4. Auch der zweite Film beschäftigte sich mit der (Selbst-)Inszenierung auf der offenbar bei den Schülern gerade angesagtesten aller sozialen Plattformen, Instagram: Eine Neue kommt in die Klasse, für die beiden „Stars“ viel zu uncool, für ihren Mitschüler Luke aber durchaus anziehend. Auf Instagram hat das schüchterne Mädchen allerdings ein Profil, das sie auch bei den coolen Girls interessant macht – so sensationell sind ihre Outfits. Sie laden die Unbekannte aus der Instagram-Welt zu ihrer Verkleidungsparty ein und müssen anschließend erkennen, dass sich hinter „So-Fashion“ niemand anderer als die uncoole Neue namens Sophie verbirgt. Nachdem die beiden die Krot geschluckt und verdaut haben, wird schlussendlich doch noch alles gut. Zwischen Sophie und Luke sowieso. – Am allerbesten hat mir an diesem Film ja die Rollenbesetzung gefallen. Es sind ihre Rollen, ganz und gar. Und wie zurückhaltende SchülerInnen in einem Film, der ihre Schüchternheit subtil inszeniert, wirken können, ist echt beeindruckend.
  5. Und schließlich der „Werbungsfilm“: Man sitzt vorm Fernseher und andauernd gibt es eine Werbungsunterbrechung. Genervt schlagen die Zuseher die Hände über dem Kopf zusammen, aber was da in der Werbung präsentiert wird, ist vom Allerfeinsten: Es deckt die Doppelbödigkeit und Verlogenheit der Inszenierung in der Welt der Werbung schonungslos auf. – In der „Perfektion“, in der uns die Werbespots dargeboten wurden, ein richtiger Genuss.

Bei all diesen Produktionen haben die SchülerInnen ungeheuer und sichtbar viel gelernt. Wenn man all die erworbenen Kompetenzen aufzählen wollte, könnte man gut und gerne lange Listen füllen. (Warum aber sollte man das eigentlich tun wollen? Wer käme auf die verrückte Idee?) Allerdings, damit solche Ergebnisse zustandekommen, bedarf es schon vielfältiger und intensiver Unterstützung und Begleitung durch Profis. Lässt man die SchülerInnen alleine wurschteln bzw. wurschtelt man als Lehrerin einer Klasse alleine (oder auch zu zweit) mit den SchülerInnen, können nie und nimmer Ergebnisse in dieser Qualität herauskommen. Abgesehen davon, dass wir vieles gar nicht selbst leisten könnten und auch nicht über das notwendige Equipment verfügen.

Die Profis allerdings muss man bezahlen – und das macht so ein Kulturprojekt unglaublich aufwendig in der Organisation und Abwicklung (Kalkulationen, Anträge, Abrechnungen etc). Und hätten wir nicht das Literaturhaus als Kooperationspartner gehabt, das den Großteil der Kosten übernahm, hätten all die eingeworbenen finanziellen Mittel nicht einmal annähernd ausgereicht, um das Projekt zu finanzieren. Wir Lehrerinnen führen so eine Sache übrigens fast unbezahlt durch: Wir bekommen eine Werteinheit für ein Kulturprojekt, in unserem Fall haben wir diese auf drei Personen aufgeteilt. Legt man die gedrittelte Werteinheit wiederum auf die für das Projekt gearbeiteten Stunden um, bleiben wirklich nur mehr Centbeträge über.

Ohne Idealismus ist so ein Projekt nicht durchzuführen, das steht fest. Aber selbst mit einer gehörigen Portion Idealismus und der Bereitschaft zur Selbstausbeutung ist es grenzwertig, das muss ich ehrlicherweise eingestehen. Erstens ist allzu viel Selbstausbeutung ungesund (krächzte sie), und zweitens muss man solche Projektpartner wie das Junge Literaturhaus mit ihrem Leiter Peter Fuschelberger erst einmal auftreiben. Das gelingt nicht jedes Jahr und viele solcher Premiumkooperationspartner gibt’s auch gar nicht. Ich bin jedenfalls froh, dass ich meinen SchülerInnen und auch meinen Kolleginnen und mir dieses Erlebnis zumindest ein Mal ermöglichen konnte. Im nächsten Jahr werden wieder kleinere Brötchen gebacken! (nemo)

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