Daten!

„Okay“, sagte Jackie und drehte sich zu dem Big Board um. „Holen wir Jennifer Batsuuri von der Achievement Academy auf den Bildschirm.“
Der Name erschien zusammen mit einem Schulfoto von Jennifer. Das Foto zeigte ein indisch-amerikanisches Mädchen mit einer Zahnspange und einer grünbraunen Schuluniform. Neben ihrem Foto rotierten zwei numerische Zähler. Die Zahlen stiegen an, bis sie langsamer wurden und stoppten, die obere bei 1.396, die untere bei 179.827.
„Da schau her. Glückwunsch, Jennifer!“, sagte Jackie mit Blick auf den Bildschirm. Sie drehte sich zu Mae um. „Da haben wir eine Spitzenschülerin von der Achievement Academie. Sie liegt auf Platz 1.396 von 179.827 Highschoolschülern in Iowa.“ […]
„Kann das vielleicht mit anderen Schülern im Land verglichen werden, vielleicht sogar in der Welt“, fragte sie [Mae].
„Genau das schwebt uns vor“, sagte Jackie. „Genau wie wir innerhalb des Circle beispielsweise unser Partizipation-Ranking kennen, so werden wir bald jederzeit wissen, wie unsere Söhne und Töchter im Vergleich zu anderen amerikanischen Schülern abschneiden und dann im Vergleich zu den Schülern weltweit.“
„Das klingt sehr hilfreich“, sagte Mae. „Und würde viel Unsicherheit und Stress abbauen.“
„Ja, man denke nur mal daran, um wie viel besser Eltern abschätzen können, welche Chancen ein Kind hat, an einem College aufgenommen zu werden. Jedes Jahr nehmen die besten Colleges des Landes etwa zwölftausend neue Studenten an. Wenn dein Kind landesweit unter den zwölftausend Besten ist, hat es naturgemäß gute Chancen auf einen dieser Plätze.“
„Und wie oft soll upgedatet werden?“
„Oh, täglich. Wenn wir erst die volle Partizipation von allen Schulen und Bezirken haben, können wir tägliche Rankings vornehmen, in die jede Klausur, jeder Test umgehend eingearbeitet wird. Und selbstverständlich lassen sich die Ergebnisse nach öffentlichen und privaten Schulen und Regionen aufgliedern, und wir können Rankings zusammenführen, gewichten, analysieren, um Trends für verschiedene andere Faktoren herauszuarbeiten – Sozioökonomie, Ethnie, einfach alles.“1

tsundokuAuf meinem „Stapel der Schande“, wie es mein Neffe ausdrücken würde oder „Tsundoku“, lag seit über einem Jahr „Der Circle“ von Dave Eggers. Jetzt, zu Ferienbeginn habe ich mir den Roman endlich vorgenommen. Ich bin nicht sicher, ob es ein „gutes Buch“ ist, zu eindimensional wirken Handlung und Charaktere, obwohl das Klischeehafte zur Geschichte dazugehört und wohl auch als Übertreibung zu sehen ist.
Beim „Circle“ handelt es sich um eine rasant wachsende Softwarefirma, die gescheite, junge Menschen anzieht. Mae, der Protagonistin, geht es ebenso. Abgesehen von Vorteilen wie einer guten Krankenversicherung ist sie vom Hype um diesen Betrieb angezogen und macht bereitwillig alles mit, was von ihr verlangt wird, sie übererfüllt auch freiwillig die Anforderungen, die an sie gestellt werden, die neben der eigentlichen Arbeit  beim Kundendienst in der Teilnahme an sozialen Events bestehen und darüber im sozialen Netzwerk des Circle zu „zingen“. Als ihre Bekanntheit steigt, „empfiehlt“ sie wie viele andere Angestellte „ausgewählte Produkte“ – auch freiwillig. Mit ihr lernen die LeserInnen die umfangreichen Forschungsarbeiten des Circle kennen – es werden Massen an Daten erhoben und mehr und mehr zusammengeführt. Das Textbeispiel oben erzählt nur von einer, die aber demnächst außerdem noch  mit einer weltweiten Suche nach entführten Kinder zusammengekoppelt werden soll.

„Und währenddessen“, sagte Jackie, „arbeitet das Team hier im Protagoräischen Pavillon daran, alle Schülerbewertungen zu koordinieren, damit sämtliche Noten für Hausarbeiten, Lektüre, Anwesenheit und Tests in einer einheitlichen Datenbank erfasst werden. Sie haben es fast geschafft. Wir stehen kurz vor dem Moment, in dem wir  […] genau wissen, was ein Schüler gelernt hat. Jedes Wort, das er gelesen hat, jedes Wort, das er nachgeschlagen hat, jeder Satz, den er markiert hat, jede Gleichung, die er aufgeschrieben hat, jede Antwort und jede Korrektur. …“2

Ich kann es mir hier nicht verkneifen, zynisch „schöne, neue Welt“ zu schreiben. Die ungeheuren Datenmengen zu speichern und verarbeiten, dafür hat der Circle schon Lösungsmodelle. Grundsätzlich könnte (kann?) man jetzt auch schon viele Datenbanken zusammenführen und auswerten. Das ist etwas ungenau mit dem Begriff Big Data gemeint. Jetzt gehöre ich zu denen, die sich vom Internet mehr Demokratie, mehr Partizipation, aber auch mehr Individualisierung erhoffen. Die Utopie (Dystopie?) in David Eggers Buch verdreht das ins Gegenteil, indem er uns durch seine „Heldin“ Mae kritiklos den positiven Hype, in den sie gerät, miterleben lässt. Man will ihr immer wieder „Stopp!“ zurufen, doch sie lässt sich kopfüber in die sektenähnliche Philosophie des Circle hineinziehen, macht sich zu ihrem willfährigem Werkzeug und verkörpert sie am Ende vollständig.

the-circle-grundsaetze

Eine Leseempfehlung möchte ich nur bedingt aussprechen – für die, die sich für diese Themen interessieren. Das Buch ist schnell gelesen, trotz seiner 559 Seiten. Ich wünsche mir jedenfalls diese Verhältnisse weder für die Schule noch für alle anderen Lebensbereiche. Aber ich fürchte, dass wir mit unserem Kompetenzmessen, den Bildungsstandards und den zentralen Maturaanteilen schon ein Stück auf diesem Weg sind. Mit diesen Werkzeugen ist jedenfalls sorgfältig umzugehen, denn das Positive, das Jackie und Mae in den oben abgetippten Textstellen ihren Followern präsentieren, indem sie so tun, als führten sie ein Gespräch, kann ich beim besten Willen nicht erkennen. (juhudo)

41vpxubnrel-_sx327_bo1204203200_1 Dave Eggers: Der Circle. 1. Aufl., Köln 2015, S 387 – 388.
Eggers, S 390.

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