Bitte alle mitspielen. Aber wenigstens mit Gebiss!

Ich habe kürzlich den Film Toni Erdmann gesehen. Er hat mich nachhaltig beeindruckt. Was für ein großartiger und vielschichtiger Film! Ein Vater mit falschen Zähnen und Perücke, der sich als Toni Erdmann ausgibt und sich so, mal den Coach, mal den Botschafter mimend, in das Leben seiner Tochter hineinreklamiert. Es ist geradezu grandios, zu welch skurrilen Begegnungen und Situationen es dabei kommt. Was für ein Typ!

Aber mindestens ebenso verrückt und leider gar nicht komisch erscheint das Leben, das die Tochter führt. Ines heißt sie und ist als Unternehmensberaterin aktuell in Bukarest tätig, gedanklich aber bereits auf dem Sprung nach Schanghai, Singapur oder wohin auch immer. „Wo du überall rumkommst“, stellt am Ende des Films ein Nachbar bewundernd fest. Ja, wo die überall rumkommt und vor allem, was die dort macht!

„Unternehmensberatung“ ist nichts anderes als der euphemistische Begriff dafür, dass Ines Conradi lokale Unternehmen fit für die Übernahme durch internationale Investoren macht. Das bedeutet, dass sie ihren Kunden dazu rät, verschiedene Bereiche „outzusourcen“, was konkret wiederum nichts anderes heißt, als dass sie den Investoren gute Gründe für Entlassungen zur Hand gibt. Das ist ihr Auftrag und den führt sie aus, quasi ohne mit der Wimper zu zucken. Die Realität im Land, das Leben der Menschen spielt dabei überhaupt keine Rolle, ja, die Businnesfrau kommt nicht einmal in Kontakt damit. Sie lebt und arbeitet in einem von Internationalität geprägten abgehobenen Mikrokosmos, der an den Alltag der Menschen in Rumänien kaum bis gar nicht anstreift. Shopping, Essen, Ausgehen, Sex – alles findet innerhalb dieses Mikrokosmos statt. Auch wenn Ines „ins Land“ muss, etwa um eine Außenstelle aufzusuchen, bleibt sie im wörtlichen wie im übertragenen Sinn vom Leben der Menschen unberührt: Wie selbstverständlich wird sie von einem Chauffeur dorthin gebracht, die Fahrt wird entweder zum Arbeiten oder zum Schlafen genutzt. Vor Ort steigt sie aus, setzt sich den obligatorischen Schutzhelm auf, stakst ein bisschen herum, lässt sich die Situation von einem Mittelsmann erklären und braust wieder ab. Was mit den Arbeitern geschieht, nimmt sie nicht einmal richtig wahr, geschweige denn, dass sie sich für die individuellen Schicksale interessieren würde. Was zählt, ist nur die eigene Performance.

So ungefähr gestaltet sich das Leben von Ines Conradi, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als der Vater stören kommt. Aber auch dann wird nicht alles ganz anders, ihr Alltag wird nur ein bisschen skurriler und dadurch in seiner ganzen Absurdität fassbarer. Durch die Präsenz und das Treiben ihres Vaters alias Toni Erdmann wird bloß deutlicher, was hier eigentlich insgesamt gespielt wird. Der Vater steckt sich das falsche Gebiss in den Mund und spielt Toni Erdmann, die Tochter zwängt sich ins Business-Outfit und „spielt“ die Unternehmensberaterin. Nichts anderes als ein großes Spiel ist es nämlich, das da gegeben wird. Auch die Hauptakteure, wie Ines eine ist, würden das wohl nicht in Abrede stellen. Selbst dass man theoretisch auch ein ganz anderes Spiel spielen könnte, ist diesen Playern bewusst, nur steht halt nun mal dieses auf dem Programm – und immerhin kann man dabei gutes Geld machen, und in der Welt rumkommen tut man auch. Ob das Spiel zynisch ist? Man stellt sich diese Frage nicht. Und spielte man das Spiel nicht selbst, täte es jemand anderer und überhaupt kann sich ohnehin niemand aus der Verantwortung stehlen, zumindest mittelbar ist doch jeder Nutznießer des Systems.

An dieser Stelle wird aber auch deutlich, dass die vermeintlichen Player eigentlich bloße Mitspieler und als solche veritable Gefangene des Systems sind. Der pensionierte Musiklehrer Winfried Conradi ist hingegen bloß ein ganz kleines Rädchen im Spiel des Kapitalismus und darüber hinaus von anderen, zwischenmenschlichen Beweggründen angetrieben und so kann er als Toni Erdmann quasi den Narren geben kann. Eine wirkliche Alternative hat auch er nicht zu bieten. Ein bisschen stören und die Absurdität des Ganzen bewusst machen, mehr ist nicht drin. Ihm geht es aber ohnehin nur um seine Tochter und im Zusammenspiel mit dieser kommt es zu einigen berührenden Situationen, in denen erahnbar wird, wieviel Liebe diese Vater-Tochter-Beziehung zusammenhält und auch, worauf es im Leben eigentlich wirklich ankommt.

Ines aber ist als mittelgroßes Rädchen bereits aktive Mitspielerin im System und als solche zwar persönlich austauschbar, in ihrer Funktion jedoch notwendiger Teil des Ganzen. Dass sie sich am Ende des Films das Gebiss des Vaters versuchshalber selbst in den Mund steckt, mag ein kleiner Hoffnungsschimmer für sie persönlich sein, für das große Ganze ist diese Entwicklung aber natürlich vollkommen irrelevant. Obwohl – vielleicht sollten wir uns alle so ein Gebiss zulegen und öfter mal ein bisschen Zähne zeigen. Und sei es nur, um zu schauen, was passiert. Zum Beispiel die Schüler bei einer Schularbeit mit einem nicht- kompetenzorientierten Problemaufsatz alten Stils (und ohne Wortanzahl) überraschen: „Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt“, würde sich als Thema anbieten. Als Minirädchen sollte man seine Spieloptionen zumindest nicht ganz ungenutzt lassen. (nemo)

 

 

 

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