Erleben und Erzählen: Bordeaux, einstens

Erzählen und (Er-)Leben stellen, so Jean-Paul Sartre in La nausée (Der Ekel), zwei gegensätzliche Modi dar: Die Dinge ereignen sich in die eine Richtung und wir erzählen sie in die Gegenrichtung. Damit aus dem banalsten Erlebnis ein Abenteuer werde, müsse man es bloß erzählen. Denn solange man sich im Modus des Erlebens befinde, passiere nichts, die Ereignisse fügten sich einfach aneinander. Erst durch das Erzählen werde aus dem Erlebten eine Geschichte mit einem Anfang und einem Ende.

Eine Form des Erzählens, die ich in diesem Sommer häufig praktiziere, ist jene des Sich Erinnerns. Mein aktueller Erlebensmodus ist vielfach vom Erinnerungs- bzw. Erzählmodus überlagert, anders gesagt, ich verknüpfe aktuelle Ereignisse praktisch umgehend mit Erinnerungen und mache so daraus (Lebens-)Erzählungen. Wahrscheinlich ist das einfach eine Alterserscheinung oder zumindest ein Beweis dafür, dass man doch schon recht viel erlebt hat. „J’ai plus de souvenirs que si j’avais mille ans“ („Ich habe mehr Erinnerungen, als wär‘ ich tausend Jahre alt“), heißt es in einem Spleen-Gedicht von Baudelaire. (An das Gedicht muss ich denken, aber eigentlich wegen Jorge Semprún, der in einem seiner Erinnerungsbücher das Baudelaire-Gedicht zitiert.)

Ein Beispiel für meine gegenwärtige Erinnerungsproduktion sind die beiden Festspielaufführungen, die ich mir in den letzten Tagen angeschaut habe: Samuel Becketts Endspiel (Fin de partie) und die Mozart-Oper Don Giovanni. Beide Inszenierungen waren ein wahrer Genuss und beide Erlebnisse haben bei mir sofort den Erinnerungsmotor angeworfen.

Fin de partie und Don Giovanni bzw. Dom Juan standen auf dem Programm eines Theaterseminars, das ich vor vielen Jahren (1994-95!) während meines Auslandsstudienjahres an der Université III in Bordeaux besuchte. Charles Mazouer hieß der Professor, bei dem wir, drei Salzburger Erasmus-Studentinnen, ein Jahr lang im Seminar saßen. Unter dem Gesichtspunkt der Herr-Knecht-Thematik (maître et valet) wurden Theaterstücke aus mehreren Jahrhunderten analysiert, darunter eben Dom Juan von Molière und Fin de partie von Samuel Beckett. Daneben gab es auch eine praktische Einführung ins Theaterspielen, sozusagen als Ergänzung zum theoretischen Seminar. Auch da taten wir wacker mit. Gemeinsam mit meiner Freundin blieb ich sogar über das Praktikum hinaus bei der Gruppe. Am Ende des Jahres führten wir ein Stück von Eugène Ionesco (Jeux de massacre) auf, wir zwei germanophones unter lauter Muttersprachlern. 41WSBXSKEPL._SX195_(Und später spielten wir dann auch in Salzburg in der Französisch-Theatergruppe mit.)

Das Erasmus-Auslandsjahr war etwas ganz Besonderes, nicht nur – aber auch! – in sprachlicher Hinsicht. Es öffnete und weitete meinen Horizont auf eine Weise, wie es ein Studium ausschließlich in Österreich nie vermocht hätte. Bordeaux hatte für uns damals durchaus etwas Exotisches, ein Erasmus-Jahr war ein veritables Abenteuer. Heute, in Zeiten von Internet, EU und internationalen Studiengängen erscheint das alles nicht mehr so nachvollziehbar. Aber damals, im Jahr 1994, war Österreich eben noch nicht bei der EU, es gab praktisch noch kein Internet (und ergo auch keine E-Mails), und das Erasmus-Programm war in Österreich gerade mal zwei Jahre alt. Von unseren Vorgängerinnen bekamen wir ein altes Vorlesungsverzeichnis in die Hand gedrückt, mehr Infos über das Studienangebot gab’s nicht. Während der Zeit in Bordeaux schrieben wir zahllose Briefe, erst ab dem Frühjahr (Österreich trat Anfang 1995 der EU bei) trudelten diese verlässlich binnen einer Woche zu Hause ein (und umgekehrt), davor konnte der einfache Postweg schon auch mal zwei Wochen umfassen. Telefon gab’s in meiner WG zwar, man konnte jedoch keine Gespräche ins Ausland tätigen. Um nach Hause zu telefonieren, musste man sich also bei einer Kabine anstellen. Gerade am Abend bildeten sich dort oft lange Schlangen. Und ein Handy hatte überhaupt noch niemand. Ja, wenn man das so zusammenschreibt, kann man es selbst fast nicht mehr glauben. Obwohl es damals natürlich lange nicht so seltsam war, wie es heute erscheint, sondern einfach normal.

Dadurch, dass die Möglichkeiten mit den Daheimgebliebenen zu kommunizieren so eingeschränkt waren, fühlten wir uns in Bordeaux ebenso fern wie frei. Auch das kann man heute kaum mehr nachvollziehen. So ein Studienjahr in Westfrankreich fühlte sich an wie ein Leben fast am anderen Ende der Welt. Sicher, zu Weihnachten fuhren die meisten Erasmus-Studenten nach Hause, danach aber ging es für uns erst so richtig los. Denn im Gegensatz zu vielen Studierenden heute verbrachten wir ja ein ganzes Studienjahr im Ausland. Und ein ganzes Studienjahr ist definitiv mehr als die Summe aus zwei Semestern – sowohl in sprachlicher als auch in sozialer Hinsicht.

Was die Sprache betrifft, tat sich der große Sprung erst irgendwann im März. Ab da ging alles spürbar leichter, ab diesem Zeitpunkt fühlte ich mich im Französischen allmählich wie ein Fisch im Wasser. Und was das Soziale betrifft, war’s ebenso. Diejenigen, die schon nach einem Semester wieder abreisten, brauchten sich nach Weihnachten gar nicht mehr richtig anzustrengen. Für sie waren die Wochen bereits gezählt. Für uns allerdings bedeutete die Zeit nach den Weihnachtsferien die härteste im Jahresverlauf. Zu diesem Zeitpunkt hieß es nämlich, sich um ein vollständiges Leben vor Ort zu bemühen. Zu lange erschien die Zeit bis zu den Sommerferien, als dass man weiterhin „Uni-Tourist“ auf Abruf bleiben konnte.

Ein zentraler Integrationsfaktor war für uns zweifellos das Theater. Das gemeinsame Erarbeiten eines Stücks, die ständigen Proben, die viele gemeinsam verbrachte Zeit schweißten uns mit den französischen Studierenden zusammen. Während viele Erasmus-StudentInnen doch recht häufig unter sich blieben, hatten wir viel mehr Anschluss an die dortigen StudentInnen. Daraus entstanden Freundschaften, von denen manche noch lange fortdauerten.

All das (und noch viel mehr) kann so ein Besuch bei den Salzburger Festspielen im Jahr 2016 aufrufen – zumal wenn man mit genau jener Person ins Theater bzw. in die Oper geht, mit der man damals gemeinsam in Bordeaux war. 🙂 „Vieux linge! Toi – je te garde.“ („Altes Linnen! Dich behalt ich.“), sagt Hamm am Ende von Fin de partie. Allein dieser Satz vermag das Bordeaux-Erinnerungsgebäude aufzuschließen. Wenn ich ihn metaphorisch als Erinnerungsfetzen lese, taugt er darüber hinaus als Symbol dafür, dass von einem Auslandsstudienjahr weit mehr bleibt als verwertbare Zeugnisse oder ECTS-Punkte und mein damaliges Lehramtsstudium gerade durch dieses Jahr in Bordeaux die Fixierung auf das Lehramt verlor und einen viel weiteren Horizont annahm – auch wenn das jetzt alles mit Becketts Endspiel wiederum nur sehr indirekt zu tun hat. (nemo)

 

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