Vom Gelingen. Notizen von der Mitte der Woche

Heute in der Früh gleich ein Geschenk: ein Kommentar eines ehemaligen Schülers, der mich im Innersten erfreut. Ein Dankeschön über zwei Jahre nach der Matura, das mir Kraft und Mut gibt. Ja, worum geht es denn anderes in der Schule, als genau darum, gemeinsam mit Schülern einen Weg zu gehen, versuchen zu wirken, etwas zu bewirken? Mitunter verliert man die Sinnhaftigkeit und Relevanz dieses Ansinnens aus den Augen. Beurteilen, überprüfen, kontrollieren, der mangelnde Output und all das, was angeblich oder auch wirklich nicht funktioniert, drängt sich in den Vordergrund. Dabei gelingt so vieles. Nicht jeden Tag und nicht alles. Natürlich nicht. Aber doch viel häufiger als man gemeinhin glaubt. Zwei Beispiele aus diesen Tagen:

Mit den Viertklässlern habe ich heute und in den letzten Tagen Reden gebastelt. Sie hatten sich über zu viel Hausübung und zu wenig Freizeit beschwert. Jeder Lehrer gebe ihnen etwas auf, was sie daheim machen sollten, und das, wo sie doch ohnehin schon so viel Zeit in der Schule verbringen würden. Vorgehabt hatte ich das mit den Reden eigentlich nicht für dieses Jahr. Aber da die Stimmung so aufgeheizt war, hab ich mir gedacht, wir probieren’s einfach. In Gruppen sollten sie eine kurze Rede mit einer klaren Forderung am Ende verfassen, entweder aus der Sicht von Schülern, Eltern oder Lehrern. Wir bauten eine Art Speaker’s Corner auf und schon konnten sie ihr Anliegen vortragen. Ah ja, ausgegangen war das Ganze von einem Buch, das wir gelesen hatten. In dem Buch geht es um einen afrikanischen Jungen, der sein Leben aufs Spiel setzt, nur um in Europa zur Schule gehen zu können. Die Kinder konnten das angesichts der prekären Situation des jungen Afrikaners schon irgendwie verstehen, sie selbst aber würden Schule in erster Linie als Müssen und nicht als Wollen empfinden. Dass so viele von ihnen neulich trotzdem noch fast ihre ganze Pause hindurch mit mir weiterdiskutieren wollten, im Stehen und schon am Gang, betrachte ich als eine Form von Gelingen, auch wenn sie vielleicht am selben Nachmittag einmal mehr behaupteten, dass Schule schrecklich langweilig sei.

Meine Sechtsklässler hat schlussendlich doch noch das Schicksal des Hans Giebenrath berührt. Sein für sie unerwartetes Ende, der frühe Tod des einst so hoffnungsfrohen Schülers ist einigen doch recht nahegegangen. Alleine hätte sie so ein Buch bestimmt nicht gelesen, aber jetzt, wo sie’s gelesen hat, sei sie doch froh, dass sie’s lesen musste, hat eine Schülerin rückgemeldet. Eine andere hat gemeint, sie möge den veralteten Stil des Autors. Irgendwie gefalle ihr der. Und eine dritte schrieb, sie hätten zu Hause mehrere Bücher von Hermann Hesse, die sie nun auch lesen wolle. Sicher finden immer noch ein paar, das Buch sei ein erster Linie langweilig gewesen. Aber auch das, was sich im Zusammenhang mit dieser Lektüre in meiner Klasse tat, scheint mir irgendetwas mit Gelingen zu tun zu haben.

Nicht an jedem Tag offenbart sich das Gelingen, mitunter stellt es sich erst im Nachhinein ein. Manchmal geht auch etwas daneben. Insgesamt aber scheint mir schon, dass es gar nicht so wenig ist, was uns in der Schule gelingt. Auch wenn vieles davon nicht so einfach messbar ist. (nemo)

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