Die gute Nachricht

„Zurück in den ganz normalen Wahnsinn“, meinte gestern einer unserer NMS-Kollegen, der zwar bei uns seine Stammschule hat, aber bis auf eine Klasse alle Stunden in einer NMS abhält. Damit meinte er keinesfalls die NMS an sich, aber dass in dieser Schule mittlerweile über 40 Flüchtlingskinder mit entsprechenden Lücken in der Unterrichtssprache aufgenommen worden seien. Leider sehe ich ihn nur zwischen Tür uns Angel – ich würde seine Situation und die seiner SchülerInnen gern einmal genauer kennen lernen. Vielleicht nimmt er mich einmal mit.

Angesichts dieser Situation muss ich über unsere Schule nachdenken. Wir haben da Glück. Am WRG ist das anders. Wie wahrscheinlich auch in den meisten anderen Gymnasien. Wir können in eine Klasse gehen und zu unterrichten beginnen – unser Fach, das wir lieben und in dem wir uns gut auskennen. Natürlich muss das eine oder andere Mal auch eine Krise besprochen und entschärft werden, aber das betrifft mich normalerweise nur in meiner Eigenschaft als Klassenleiterin. Dadurch, dass ich unverbindliche Übungen in der zweiten, sechsten und siebten Klasse habe und in der fünften Informatik unterrichte, kann ich die Entwicklung vieler SchülerInnen verfolgen. In Deutsch kann ich sie bisher immer wenigstens vier Jahre lang begleiten. Im Moment sind es Erst- und ZweitklässlerInnen, die mich mit ihrer Kreativität und ihrer Freude am Schreiben und Vorlesen immer wieder erstaunen. Da lassen sich „Baustellen“ wie Rechtschreibung gut angehen.

Wenn sie älter und cooler werden, wird manches anstrengender – für beide Seiten – aber meistens machen auch die Jugendlichen immer noch mit und auch die hartnäckigeren Fälle spätestens dann ab der siebten Klasse. Einige sind immer zielorientiert, normal ehrgeizig, andere tasten sich an der imaginären Grenze entlang, an der man möglichst wenig für die Schule arbeiten muss (was manchmal auch nicht gut geht). Ende der sechsten und in der siebten Klasse begegnen mir viele bei den Grundlagen des vorwissenschaftlichen Arbeitens wieder.

Bestandsaufnahme:

  • Sie haben Jahre damit verbracht, sich mit unterschiedlichen Charakteren auseinanderzusetzen, anzufreunden oder ihre Grenzen auszuloten.
  • Sie haben viele Stunden in Teams an Projekten gearbeitet.
  • Sie mussten herausfinden, was für sie im Unterricht wichtig war und was nicht.
  • Sie haben Lernwege entdeckt – im Unterricht und sicher viele mehr davon noch außerhalb.
  • Sie wurden ermuntert, kritisch zu denken und ihre Meinung zu sagen.
  • Sie haben viele Stunden kreativ gearbeitet.
  • Sie kennen sich mit digitalen Medien aus.
  • Sie kommen mit einem strukturierten Arbeitsalltag zurecht.
  • Sie können gute Fragen stellen.
  • Sie hinterfragen ihre Situation kritisch.
  • Sie können ihre Ressourcen einschätzen.
  • Sie präsentieren ihre Ergbnisse oft sensationell gut.
  • Sie haben unzählige Prüfungssituationen bewältigt (wahrscheinlich an die 80 Schularbeiten und 100 Tests oder mündliche Prüfungen) und auf jeden Fall den weitaus größten Teil davon bestanden.

Einschränkung: Die Euphorie ist gerade etwas mit mir durchgegangen – natürlich gibt es da eine gewisse Bandbreite zwischen den SchülerInnen, vor allem, was ihre Arbeitshaltung betrifft, aber hallo! Pubertät und Selbstfindung verschlingt auch einiges an Ressourcen. Dafür muss Platz in einem jugendlichen Leben sein! Man weiß auch nicht immer, was sie lernen, aber man kann ja nicht nicht lernen (frei nach Paul Watzlawick).

Sie lernen noch:

  • Ein Thema so einzugrenzen, dass es für eine VWA taugt.
  • Mit einer wissenschaftlichen Fragestellung an ein Thema heranzugehen, nicht einfach ein Referat zu schreiben.
  • Quellen zu finden und auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen.
  • Mit der Arbeit zu einem bestimmten Termin fertig zu werden und wenn alle freien Ressourcen in den letzten Monat fließen. Doch erstaunlich viele schaffen es sehr zeitig.
  • Auf den Punkt für die Präsentation vorbereitet sein.
  • Zur Reifeprüfung anzutreten in dem Wissen, nicht alles zu können.

Ich schreibe über den VWA-Zeitpunkt, weil ich mich da mit vielen SchülerInnen und LehrerInnen über Themen, Absichten und Erkenntnisse unterhalte. Dabei ertappe ich mich immer wieder, wie ich mich über die Herangewachsenen freue und darüber, dass ich einen Teil ihres Weges miterleben darf. Und ich denke darüber nach, dass unsere Schulform ein Erfolgsmodell ist. Nein, wir haben keine fertig ausgebildeten Menschen nach der Matura. Aber sehr wohl solche, die den Herausforderungen, die das Leben an sie stellt, gewachsen sein sollten. Was die „Skills“ betrifft – aber sie bringen auch einiges an Wissen mit – Netzwerke im Gehirn UND Kompetenzen, wo und wie man sich das noch Fehlende beschaffen kann.

UND DAS IST DIE GUTE NACHRICHT.
(zum Nationalfeiertag) 😉

Bildung muss immer wieder neu gedacht werden, das ist klar und das mag ich auch an meinem Beruf.  Aber das, was gut läuft, sollten wir schon behalten. (juhudo)

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