Innovation Leader oder Die Schule der Scouts

Seit ich vor mittlerweile gut zwei Wochen einen Vortrag von Markus Hengstschläger gehört habe, geht er mir nicht mehr aus dem Kopf. Österreichs wohl berühmtester Genetiker, nebenbei auch einer der umtriebigsten Bildungsexperten des Landes (Die Durchschnittsfalle), hat den Nachmittag des SQA-Workshops (über den ich kürzlich berichtet habe) mit einem ebenso launigen wie bedenkenswerten Vortrag zum Thema Schule bereichert. Dafür gebührt ihm jedenfalls Dank. So einen intensiven und anregenden SQA-Workshop hatten wir bis dato noch nicht!

Inhaltlich weiß ich bis heute noch nicht ganz, was ich von den dargebotenen Ideen halten soll. Angesichts der Herausforderungen, die auf uns zukommen und der damit verbundenen Notwendigkeit für Österreich, ein „Innovation Leader“ zu werden, propagierte Hengstschläger ein Modell von Schule, in dem neben LehrerInnen insbesondere auch „Scouts“ gefragt seien. Diesen ExpertInnen auf ihrem Gebiet käme die wichtige Aufgabe zu, Talente zu entdecken, um Österreich fit für die Zukunft zu machen. Während LehrerInnen in diesem Modell nur mehr für die Vermittlung und Sicherung eines Mindeststandards zuständig wären, würden „Scouts“ gezielt auf die jeweiligen Stärken der Kinder und Jugendlichen abgestellt, auf dass jedes Talent in Österreich die Chance habe, entdeckt und gefördert zu werden.

Hm. Das klingt interessant. Tatsächlich gibt es Kinder, die besondere Stärken oder Talente aufweisen und die in unserem Schulsystem nicht entsprechend gefördert werden. Unser System ist ja im Wesentlichen darauf ausgerichtet, dass alle alles können müssen. Ist ein Schüler, sagen wir, in Mathematik weniger begabt, muss er sich – will er die Matura schaffen – auf dieses Fach konzentrieren, um seine Schwächen zu eliminieren. Dass dabei möglicherweise sein Talent für Sprachen ins Hintertreffen gerät, weil er neben der Mathepaukerei gar keine Zeit hat, dieses entsprechend zu fördern, muss er in Kauf nehmen. Die gegenwärtige Zentralmatura hat in dieser Hinsicht übrigens noch ein gutes Schäuflein in Richtung Gleichschaltung draufgetan. Der allgemeine Mindeststandard hingegen, den Hengstschläger fordert, müsste, wenn ich ihn richtig verstanden habe, um einiges tiefer als die Latte der Zentralmatura liegen.

Was sicher auch stimmt, ist, dass wir LehrerInnen mitunter Stärken und Talente unserer SchülerInnen erkennen, diese aber nicht entsprechend fördern können. Weil uns die Möglichkeiten zur wirklichen Individualisierung fehlen, weil wir viel zu viele Klassen und SchülerInnen unterrichten müssen, weil wir zu sehr mit dem Vermitteln und Einüben des Stoffes bzw. des Standards beschäftigt sind. Da käme der eine oder andere „Scout“, der den SchülerInnen wirkliche Angebote machen kann, sicher nicht ungelegen.

Allerdings, und an dieser Stelle regt sich meine Skepsis, frage ich mich schon, wie man sich so ein „Scout“-System konkret vorstellen soll. Scouts sollten ExpertInnen auf ihrem Gebiet sein, ok. Wie im Fußball, ok. Aber von welchen Gebieten sprechen wir da eigentlich? Wohl von jenen, denen klar abgrenzbare Leistungen und überdurchschnittlichen Einzelbegabungen zugrundeliegen. Oder wären tatsächlich auch Scouts für soziale Kompetenz oder Empathie vorstellbar? Oder zählt das eh nicht als Begabung (und somit auch nicht für Österreichs Zukunft)? Gäbe es dann eine Scout-Hierarchie gemäß dem gesellschaftlichen Prestige einzelner Berufe oder Sportarten? Ganz oben die Schifahrer, Fußballer und Naturwissenschaftler, vielleicht noch ein paar Opernsänger, ganz unten die Sozialberufe. Ich weiß, so hat es Hengstschläger nicht gemeint, er plädiert explizit dafür, nicht zu werten. Aber kommen die Wertungen in so einem System, weil Schule eben Teil der Gesellschaft ist, nicht ungefragt durch die Hintertür herein?

Hinzu kommt, dass viele unserer SchülerInnen, ebenso wie wohl die meisten Menschen, vielleicht gar keine besonders ausgeprägte Einzelbegabung aufweisen. Viele von uns sind in mehreren Bereichen mehr oder weniger talentiert. Mancherlei Zufälle und Begegnungen kommen mitunter zusammen, damit einer im Leben dieses oder jenes verstärkt betreibt und dann auf diesem oder jenem Gebiet einigermaßen gut wird. Was ist mit diesen Menschen? Sind die dann weniger wert, weil sie von keinem Scout auserkoren werden? Und was ist überhaupt mit jenen, deren Talent dem Scout gar nicht auffällt? Oder kommt das nicht vor, weil – einmal Experte, immer Experte – der Scout unfehlbar ist und einfach weiß, worauf es ankommt?

Hm. Je konkreter ich mir das System vorstelle, desto fragwürdiger scheint es. Vielleicht ist es ja nicht zufällig, dass es von einem Genetiker stammt. Von einem Naturwissenschaftler, der von sich selbst sagt, mit Geschichte und Vergangenheit nichts anfangen zu können. Zweifellos hätte Markus Hengstschläger auf meine Einwände gute und überzeugende Antworten parat, dennoch, selbst wenn ich seine Ideen möglicherweise nur unzureichend verstanden habe, scheint mir, dass dieses Scout-System gesellschaftliche Machtverhältnisse und Diskurse ausblendet und dadurch nolens volens massiv stützt. Bildungsziel kritisches Denken eh nur schwer mit der Talenteschau vereinbar, daher am besten gleich abgeschafft?

Schule sollte meines Erachtens viel mehr als bloß Talenteschmiede sein, ebenso wie Lehrer meines Erachtens viel mehr sein sollten als bloß Vermittler von Bildungsstandards. Aber von Bildung als Persönlichkeitsentfaltung, von Bildung als Menschwerdung des Menschen war weder im Vortrag noch in der anschließenden Diskussion die Rede. Für „Innovation Leader“ sind das offenbar keine zukunftsfähigen Konzepte. (nemo)

Ein Gedanke zu “Innovation Leader oder Die Schule der Scouts

  1. Anna Fischer schreibt:

    Ich kann dein Hinterfragen dieser Scouts-Idee sehr gut nachvollziehen und finde deine Einwände absolut berechtigt, denn Schule sollte sich nicht auf eine Talente-Schmiede reduzieren lassen, sondern – wie du es treffend formulierst- die „Menschwerdung“, also eine umfassende Persönlichkeitsbildung, in den Mittelpunkt stellen.
    In diesem Zusammenhang ist wohl auch die Kürzung der musischen Fächer zu sehen. Wir wissen, dass diese Bereiche persönlichkeitsbildend sind und dürfen nicht zulassen, dass sie immer weniger Stunden/Stellenwert im Fächerkanon haben!
    Wir wollen Menschen mit Weitblick, mit Empathie, mit kritischem Denken für eine weltoffene Gesellschaft. Talente – und vielleicht werden dann ja auch nur die gesucht, die gebraucht werden? – Talente braucht eine marktkonforme Gesellschaft. Wir müssen uns von diesem Denken verabschieden, weil es inhuman ist und nur einem Elitedenken dient.

    Anna Fischer

    Gefällt 1 Person

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