So long, Leonard

Ich war so dreizehn oder vierzehn, als es neben dem Buchklub der Jugend, der für den Kauf von vier Jugendbüchern pro Jahr sorgte, und dem Filmklub der Schule, der uns im Lauf der Zeit mit Citizen Cane, Professione Reporter, Der Mann, den sie Pferd nannten, Z oder Der Schüler Gerber bekannt machte,  auch ein Schallplattenpendant zum Buchklub gab, von dem ich nicht mehr weiß, wie er genannt wurde. Schallplattenklub? Hm. Ziel aller drei Initiativen war es jedenfalls, uns mit einem Grundstock guter Bücher, Filme oder eben Musik zu versorgen.

Jedenfalls gab es ein Heftchen, das der damit betraute Lehrer während einer Unterrichtsstunde in der Klasse auflegte und mich nach meinen Wünschen fragte – und ich nicht die geringste Ahnung hatte, was ich auswählen sollte und ziemlich unter Zeitdruck stand. Klassisches wollte ich nicht und so fragte ich ihn, was er mir empfehlen würde und er schlug mir die Songs of Leonard Cohen und Live in Central Park von Simon and Garfunkel vor. Meine ersten beiden Langspielplatten! Wie gut die Tipps waren, sollte ich bald herausfinden. Die Stereoanlage in der Familie besaß mein Bruder, der bisher damit den Familiensound bestimmt hatte, daher musste ich mich mit ihm ins Einvernehmen setzen oder meine LPs dann spielen, wenn er nicht da war. Jedenfalls hab ich sie beide immer wieder angehört (auch weil es drei Monate bis zur nächsten gedauert hat 😉 ).

LPs haben zwei Seiten, die jeweils so 18 Minuten Musik auf einer Seite haben, man kann also auch nicht weg, man muss ja öfter umdrehen oder neu beginnen, so habe ich meine beiden Platten stundenlang auf- und abgehört und vor allem Leonard Cohen hat eine Saite in mir zum Klingen gebracht, die eigentlich überhaupt nicht zu meinem Wesen gehört – die Melancholische. Mein Musikgeschmack wurde sicher durch diese Tracks geprägt und seitdem kann es mir in Popsongs gar nicht traurig genug zugehen. Und zu Cohen bin ich immer wieder zurückgekehrt, in den letzten Jahren mit Dear Heather, Old Ideas (Going Home), Popular Problems  und so vor vier Wochen You Want It Darker. Ich hab mich gefreut, dass er noch viel geschrieben und gesungen hat und fast jedesmal bin ich in mein Cohen-Verhalten, die Songs immer und immer wieder anzuhören, zurückgefallen.

Danke für die lebenslange Begleitung, danke für die vielen Stunden, die mich Melancholie gelehrt haben, danke für Lieder, mit denen ich so richtig traurig sein konnte und in denen ich mich immer noch verlieren kann. Jetzt gerade ist es Dance Me to The End of Love. Schön, dass die Songs bleiben, schade, dass es keine neuen mehr geben kann. Danke Leonard und so long.
(juhudo)

Side A

  1. Suzanne“ – 3:48
  2. „Master Song“ – 5:55
  3. „Winter Lady“ – 2:15
  4. „The Stranger Song“ – 5:00
  5. „Sisters of Mercy“ – 3:32
Side B
  1. So Long, Marianne“ – 5:38
  2. „Hey, That’s No Way to Say Goodbye“ – 2:55
  3. „Stories of the Street“ – 4:35
  4. „Teachers“ – 3:01
  5. One of Us Cannot Be Wrong“ – 4:23

 

4 Gedanken zu “So long, Leonard

  1. Monika Neuhofer schreibt:

    Danke, Doris, für den persönlichen Nachruf! Ein musikalisches Initialerlebnis dieser Qualität zu haben erscheint mir als etwas sehr Wertvolles. Auch Ilse Aichinger ist dieser Tage verstorben. Nicht, dass ich mit ihr im Literarischen ein ähnlich prägendes Erlebnis verbinde, aber ein gewisses Ereignis war die Lektüre von „Die größere Hoffnung“ für mich schon auch (obwohl ich damals schon studierte) …

    Gefällt 1 Person

  2. Anna Fischer schreibt:

    Vielen Dank, Doris für deinen Nachruf. Er war die Stimme meiner Jugend. Seine Poesie, seine Einstellung zum Leben haben mich bewegt. Ich habe Leonard Cohen irgendwann „verloren“ und vor einigen Jahren „wiedergefunden“. Sein Lied „There is a crack in everything“ habe ich immer wieder gehört, als auch mein Leben einen „crack“ bekommen hat. Aber die positive Botschaft heißt ja:“that’s where the light gets in“.
    Und seine Texte in der letzten CD „You want it darker“ beeindrucken mich mit der Versöhnlichkeit, mit der Bewusstheit, mit der er sein Leben beschließt, wenn er den Kantor aus der Synagoge seiner Kindheit in Montreal die jidischen Worte „hineni“ singen lässt, während er dann „I’m ready my Lord“ singt.
    Die Lieder dieser CD sind für mich alles andere als dunkel, sondern zeigen einen so starken, bewussten Umgang mit seinem Lebensende, der seinesgleichen sucht.

    Gefällt 2 Personen

  3. Anna Fischer schreibt:

    Ich möchte 2 Fehler in meinem Kommentar korrigieren:
    Leonard Cohen singt „There is a crack in everything that’s how the light gets in“. Ich hatte fälschlich „where“ geschrieben statt „how“.
    Und im Lied „you want it darker“ ist „hineni“ natürlich hebräisch, nicht jiddisch.
    Tut mir Leid.

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  4. doris junghuber schreibt:

    Liebe Anni, schön, dass du mitliest und mitschreibst, das freut mich sehr. Leonard Cohen ist ein Stück kollektive Vergangenheit für (nicht nur) unsere Generation. Ich schreib ja sonst keine Nachrufe, aber sein Tod erschien mir als der richtige Anlass für den ersten.
    Ich hoffe, wir lesen bald wieder etwas von dir!

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