Wahl- und andere Empfehlungen

Morgen ist Bundespräsidentenwahl und bereits zehn meiner SechstklässlerInnen dürfen daran aktiv teilnehmen. Ob es wirklich sinnvoll ist, schon mit sechzehn Jahren wählen zu dürfen, sei dahingestellt. Das Interesse an Politik ist in meiner Klasse jedenfalls groß.

Gerade haben wir im Deutschunterricht die Textsorte Empfehlung besprochen und geübt. Ich mag die nicht ungern, weil ich da meine SchülerInnen tatsächlich um ihre Einschätzung der Dinge, um ihre Ansicht zu einem bestimmten Thema, eben um ihre Empfehlung bitten kann. So habe ich sie beispielsweise gleich einmal im Rahmen einer Hausübung gefragt, ob sie ein Buch wie Hermann Hesses „Unterm Rad“ auch weiterhin zur Schullektüre empfehlen könnten. Dass wirklich fast alle eine Lektüreempfehlung aussprachen, hat mich natürlich sehr gefreut, hatte ich mich doch in diesem Herbst ganz schön ins Zeug legen müssen, um ihnen das Buch schmackhaft zu machen.

Danach ließ ich sie zu Übungszwecken für oder gegen die Einführung eines Unterrichtsfaches Politische Bildung argumentieren. Auch hier war der quasi einstimmige Tenor, dass die jungen Menschen für mehr politische Bildung in der Schule wären. Gerade in einem Jahr, in dem sie selbst erstmals aktiv am politischen Leben teilnehmen dürfen, beschäftigt sie das Thema Politik. Generell aber ist die aktuelle Gegenwart dazu angetan, sich mit Politik auseinanderzusetzen: Die Wahlen in den USA, die Wahlen in Österreich, der politische Diskurs der Rechten, die Diskussionen um Verschwörungstheorien in den sozialen Medien, die Frage, was man überhaupt noch glauben könne – all das treibt die Jugendlichen schon irgendwie um. Gleichzeitig aber haben sie das Gefühl, wir würden sie mit ihrem Interesse, und auch mit ihrer Verwirrung, ihrer Ratlosigkeit häufig alleine lassen.

Politische Bildung ist in Österreich ein Unterrichtsprinzip und mit dem Unterrichtsprinzip Politische Bildung ist es ebenso wie mit den anderen Unterrichtsprinzipien so eine Sache. Einerseits ist es natürlich immens wichtig, dass es solche fächerübergreifenden Unterrichtsprinzipien gilt. Eine einfache Zuteilung zu einem Fach würde der Sache ja wohl nicht gerecht. (Wobei man dazusagen muss, dass politische Bildung sowohl ein Unterrichtsprinzip als auch Teil des Unterrichtsgegenstandes Geschichte und Politische Bildung ist, die politische Bildung also ohnehin auf mehreren Säulen beruht.) Andererseits bleiben die Unterrichtsprinzipien im Schulalltag häufig ein bisschen auf der Strecke. Beziehungsweise, sie kommen schon vor, nur wird das mitunter nicht so richtig wahrgenommen, in der Öffentlichkeit nicht und von den Schülern auch nicht.

Wenn ich im Deutschunterricht über politische Bildung diskutiere oder die Schüler dazu eine Empfehlung schreiben lasse, haben sie nicht unbedingt das Gefühl, dass das dann schon politische Bildung ist. Alles, was nicht direkt zum Thema ist, alles, was nicht unmittelbar anzuwenden oder zu verwenden ist, wird gerne übersehen oder als irrelevant abgetan. Da legen die Schüler oftmals ein bisschen gar enge Maßstäbe an. Dabei kommt mir ja manchmal vor, dass die umwegigen und indirekten Dinge oft die nachhaltigsten sind. Vielleicht jedenfalls. 🙂 (nemo)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s