2016: Vom Zuviel, vom Knistern und von den Erinnerungen ans „Bam aufstön“

Am 28. Dezember könnte man versuchsweise einen kleinen Jahresrückblick wagen. Drei Tage vor dem Jahreswechsel wäre es dafür zumindest nicht zu früh. Obwohl ein Kalenderjahresrückblick aus Schulperspektive eigentlich völlig sinnlos ist, findet er doch mitten im Schuljahr statt. Dennoch erfasst auch mich um diese Jahreszeit regelmäßig das Bedürfnis, Bilanz zu ziehen. Und außerdem ist in den Weihnachtsferien wenigstens Zeit zum Schreiben.

Das mit der Zeit ist gleich das Erste, was mir beim Bilanzziehen einfällt. In letzter Zeit komme ich nämlich kaum mehr zum Bloggen. Die Tage während der Woche sind einfach zu dicht, und am Wochenende fehlt mir oft die Motivation (oder auch die Muße) zum Schreiben. Wenn schon einmal ein Tag nicht im Zeichen der Schule steht, dann will ich mich außerdem durch den „Schulblog“ nicht freiwillig wieder in ihren Dunstkreis begeben. Diese Erfahrung ist für mich relativ neu und hat, denke ich, mit dem „Gefühl des Zuviels“ zu tun, das meinen diesjährigen Herbst prägte. Die Schule hat mich im Griff, mitunter gar im Würgegriff, sie saugt an mir wie ein Vampir. Da ist allzu häufiges Nachdenken über Schule nicht die richtige Gegenmaßnahme.

Was mir am Ende dieses Jahres auch in den Sinn kommt, ist die Parallele zu den letzten Jahren. Kurz vor Weihnachten kommt es im Schulbetrieb gerne zu einer Art Aufbäumen. Wir LehrerInnen empfinden um diese Zeit all das, was schiefläuft in der Schule, offenbar besonders intensiv. Viele von uns keuchen da allerdings schon und schleppen sich täglich in den Unterricht, was die Erfolgsaussichten für jedwede Art von Widerstand von vornherein stark minimiert. Denn man schafft es entweder gerade noch bis zu den Weihnachtsferien (oder eben nicht und fällt dann, so wie ich in diesem Jahr, krankheitsbedingt gleich mehrere Tage aus). Die Zeit von Schulanfang bis Weihnachten mit nur wenigen Tagen Unterbrechung ist einfach zu lang. Hierfür gibt es ernstzunehmende Untersuchungen, die eindeutig nachweisen, dass sowohl SchülerInnen als auch LehrerInnen nach ca. sieben Wochen eine Auszeit brauchen würden. Trotzdem setzt sich der Gedanke von Herbstferien in unseren Breiten einfach nicht durch.

Aber zurück zum adventlichen Aufbäumen: 2013 waren es die Proteste gegen das neue LehrerInnendienstrecht, die zahlreiche von uns auf die Straße getrieben haben (und im Übrigen zu nichts geführt haben). Letztes Jahr haben wir an unserer Schule den „Aufstand“ im Kleinen geprobt und ein ambitioniertes Statement verfasst, in dem wir versucht haben, unser Unbehagen zu formulieren und daraus positive Forderungen abzuleiten (was im Übrigen ebenso zu nichts geführt hat). Dieses Jahr waren wir so im Strudel, dass wir gar nicht dazukamen, über unser Tun nachzudenken und eventuell aufzubegehren.

Das Österreichische kennt für diese Art von zumeist wenig nachhaltiger Aufstandsaktivität den jahreszeitlich geradezu wunderbar passenden Ausdruck „an Bam aufstön“ (= einen Baum aufstellen). Denn ebenso wie der Christbaum jedes Jahr zu Dreikönig wieder abgeputzt und entsorgt wird, fällt auch der aufgestellte Baum meist nach kurzer Zeit um bzw. in sich zusammen. Jedenfalls ist zu bemerken, dass es vor dem Jahreswechsel regelmäßig zu kleineren Meutereien kommt. Danach allerdings verabschieden wir uns in die Weihnachtsferien. Alle sind froh, ein wenig Abstand zu gewinnen und durchatmen zu können. Wenn die Schule im Jänner wieder beginnt, sind wir frisch und erholt und der Widerspruchsgeist ist erloschen. (Mal sehen, ob der aktuell im Untergrund gärende Widerstand gegen das Autonomiepaket diesmal untypischerweise ja vielleicht erst nach den Weihnachtsferien hochkocht und was daraus wird.)

Und sonst? Was gibt es Schönes aus diesem Jahr zu berichten? Vieles, natürlich. Wäre es anders, könnte man den Job nicht aushalten. Der Schüleraustausch mit La Rochelle im Frühling, die Sportwoche im Juni, der „Groß-und-Klein-Wandertag“ im Herbst. Wie immer sind es die Reisen und Ausflüge, die sich als Erstes im Gedächtnis festsetzen. Die kleinen Alltagsdinge muss man sich hingegen erst bewusst in Erinnerung rufen, manchmal sind sie nicht mehr als ein erhebendes Gefühl am Ende einer gelungenen Stunde, manchmal ein strahlendes SchülerInnengesicht, das einem am Gang begegnet. Die Wichtigkeit der kleinen Dinge kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn sie sind es, welche die Essenz des Daseins ausmachen. Dazu gehört im Übrigen auch der gegenseitige Dank am Jahresende.4b56696d677c7c36303637393631327c7c434f504c

Der Soziologe Hartmut Rosa hat für diese Form der Interaktion den Begriff der Resonanz geprägt. Wenn unser Tun Resonanz erfährt, erleben wir es als sinnvoll und befriedigend. „Unterricht gelingt, wenn es im Klassenzimmer knistert“. Das ist ein schöner Satz, mit dem man so einen Jahresrückblick – der irgendwie eh nicht recht einer geworden ist – beschließen kann, und gleichzeitig eignet er sich auch als Vorsatz fürs neue Jahr. (nemo)

 

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