Fake News oder Der überaus starke Willibald

Der Autor Willi Fährmann hat schon 1983 eine kleine Parabel geschrieben, die sich mit den Themen Demokratie, Diktatur, Solidarität und Machterhalt beschäftigt. Und Fake News – obwohl es diesen Begriff zumindest im deutschsprachigen Raum damals sicher noch nicht gegeben hat. Da Fährmanns ProtagonistInnen aber Mäuse sind, funktioniert die Geschichte heute noch ganz genau so wie damals.

Bei Fake News handelt es sich um – man kann es nicht anders nennen – Lügen, die durch mediale Verbreitung, oft professionell aufgemacht, für wahr gehalten werden können, wenn sich niemand die Mühe macht, sie auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Gerade heute gibt es dazu auch einen Artikel im Standard.
Im Fall des „überaus starken Willibalds“ funktioniert das so:

„Denkt  euch nur“, sagte er [der Mäusehugo] und riss die Augen weit auf, „eine große, getigerte Katz soll um das Haus herumschleichen.“ (S 15)

Dazu kommt noch eine alte Story über einen eventuell vor Jahren einmal gefressenen Mäuseopa und die Demokratie, in der die Gruppe bisher gelebt hat, wird aus der Furcht vor der „Katz“, die bisher niemand gesehen hat und auch nicht sehen wird, abgeschafft, ein Sündenbock (die Lillimaus) und ein Diktator werden gefunden.

„Wir brauchen kein langes Gerede“, sagte der schlaue Mäusejosef. „Wenn einer ganz allein zu bestimmen hat, dann geht alles schneller. Ruck, zuck.“
Die dicke Hermannmaus rief: „Wir brauchen keine Wahl. Wir brauchen keinen Präsidenten. Was wir in diesem Haus brauchen, ist ein Mäuseboss. Punktum.“ (S 19)

Und schon wird der Präsident abgesetzt (obwohl er bis 99 und damit immer alle Mäuse zählen kann) und der überaus starke Willibald

reckte sich hoch und rief mit feierlichem Ton: „In gefährlichen Zeiten braucht ein Rudel einen richtigen Boss. Ich werde euer Boss sein. Punktum. Ich, der überaus starke Willibald. So wahr ich einen kräftigen, langen Mäuseschwanz mein eigen nennen kann.“ (S 20)

Die Handlung nimmt ihren Lauf, die Mäuse werden durch unnötige Aufgaben „beschäftigt“ und Willibald und seine Gefolgsleute zementieren ihre Macht ein. Die übrigen Mäuse, die zuvor ein sehr glückliches Leben hatten, müssen jede Nacht Erbsen ausstreuen und morgens wieder einsammeln, Türme aus Bausteinen bauen, sie werden in verschiedene Räume aufgeteilt (die, die angepasster sind, wohnen näher an der Speisekammer) und bespitzelt.
Diese Geschichte geht gut aus, denn die Mäuse wehren sich dann irgendwann einmal doch und Willibald büßt ein Stück seines Schwanzes ein, der ja seine besondere Qualifikation ausgedrückt hat.

Mit dieser Lektüre kann man auch in einer ersten Klasse viele demokratiepolitisch wichtige Themen besprechen. Meiner heurigen Ersten hat sie ganz gut gefallen, die Buben haben ihr die Durchschittsnote 1-2, die Mädchen eher 2- gegeben.

Zum Abschluss noch meine persönliche Lieblingsstelle, sie stammt noch aus der Zeit der Demokratie:

16195144_10212176849804661_7528684405473440915_nDas größte Vergnügen für die Mäuse war eine Weltreise rund um den Globus. Dieses ziemlich große Modell der Erdkugel stand mitten in der Bibliothek. Seine Achse wurde von einem kunstvoll geschnitzten hölzernen Gestell gehalten. Wenn eine Maus von dem Holzständer auf den Globus kletterte, dann begann der sich selbst zu drehen. Die Maus musste laufen, wenn sie nicht von dem Erdball herunterrutschen wollte. Der Globus drehte sich schneller und schneller. Die Maus aber lief und lief und kam doch nicht vorwärts. Mit flinken Beinen tippelte sie über China und Japan hinweg und überquerte den riesigen Stillen Ozean in weniger als drei Sekunden. Amerika glitt unter ihr dahin und der Atlantische Ozean, schließlich Portugal, Spanien, das Mittelmeer, Italien und Griechenland. Die Türkei und ein Zipfel von Russland wurden berührt und dann ging es wieder von vorn los: China, Japan, der riesige Stille Ozean… (S 8-9)

(Der überaus starke Willibald schafft es übrigens zweiunddreißigmal, die Erde zu umrunden.)

Willi Fährmann: Der überaus starke Willibald.
19. Aufl., Würzburg 2006 (es gibt sicher schon mehr 😉 )

Nachtrag:
Ich hab bei BR 24 ein sehr brauchbares Video zum Erkennen von Fake News gefunden:

(juhudo)

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