„Autonomie“-Paket

So, jetzt mach ich mich endlich über einen Artikel her, der mindestens seit Dezember ansteht und um den ich mich mit der Hilfe eines Stinktier- und eines Mäusebuchs herumgedrückt habe.

Die Beamten im Bildungsministerium (BMB) machen ja viel richtig. Sie verwenden Begriffe wie Autonomie – wer will nicht autonom sein, Cluster – hm, sowas wie ein Haufen, bisher eine Art von Mindmap, unbelasteter, neutraler Begriff bei uns, Bereichsleiter ebenfalls, Handlungsspielraum – eindeutig positiv, Qualitätssicherung, Testungen, Benchmarks – naja, Begriffe aus der Wirtschaft, die bisher im Zusammenhang mit Schule noch nicht soooviel verwendet wurden, zumindest nicht auf der LehrerInnenebene. Sie gestalten also Frames (ein spannenes Buch darüber habe ich hier rezensiert),  „gedankliche Deutungsrahmen“. Sie bestimmen die Bedeutung von Fakten, „indem sie Informationen im Verhältnis zu unseren körperlichen Erfahrungen und unserem  abgespeicherten Wissen über die Welt einordnen. […] Sie heben bestimmte Fakten und Realitäten hervor und lassen andere unter den Tisch fallen.“ (Wehling, s 17-18) Sie können unser Denken und Handeln bestimmen, ohne dass uns das bewusst wird.
Und wie können wir LehrerInnen das alles nicht wollen? „Betonieren“ wir schon wieder? Verweigern wir undankbar die Segnungen, die das Bildungsministerium den Kindern und Jugendlichen unseres Landes zukommen lassen will?

Zumindest gibt es große Deutungsunterschiede. Schauen wir einmal genauer hin:

In der Öffentlichkeit soll rüberkommen: Aber wir LehrerInnen denken:
Es gibt jetzt mit den ClusterleiterInnen alleinige Verantwortliche für den Erfolg oder Misserfolg einer Schule bei den Testungen! Wir haben erfolgreiche SchulpartnerInnenschaften, in der sich Eltern, SchülerInnen und LehrerInnen auf Augenhöhe gegenüberstehen und standortrelevante Entscheidungen gleichberechtigt treffen!
Die Testungen müssen engmaschiger erfolgen, da ja Schulautonomie besteht! Macht braucht Kontrolle! Wir werden durch die semestrierte Oberstufe ohnehin schon viel mehr prüfen müssen. Es ist kaum anzunehmen, dass die Leistungen unserer SchülerInnen durch weniger Unterrichts- und mehr Prüfungszeit besser werden!
Cluster helfen Synergien nutzen!
[Aber lt. BM Hammerschmid sollen sie sich freiwillig zusammenfinden.[
Ein neues Sparpaket, vielleicht nicht während dieser Regierung, aber das Tor für spätere ewaige Sparpakete steht weit offen!
Die Clusterleiter – keine PädagogInnen – können die KlassenschülerInnenhöchstzahl flexibel gestalten. Wie halten 25 Kinder pro Klasse für eine Errungenschaft, die sich ohnehin nicht immer einhalten lässt. Lernen lässt sich in Beziehungen besser als in der Anonymität.
Die Clusterleiter werden nach einem Dreiervorschlag aus dem Land vom BMB ernannt und sind nur diesem weisungsgebunden. Das macht einen direkten Durchgriff von ganz oben in die einzelne Schule möglich.
Die SchuldirektorInnen sollen sich wieder vermehrt pädagogischen Aufgaben widmen, das heißt unterrichten. Auch sehr fähige DirektorInnen werden ihren Job nicht unbedingt behalten können! In meiner Schule haben wir eine sehr gut funktionierende Gemeinschaft, das würden wir nur sehr ungern aufgeben.
. .
  • Der Gesetzesentwurf zum Autonomiepaket enthält ja sicher noch viele Punkte mehr, die ich nicht kenne, weil bei den Verhandlungen mit der Gewerkschaft anscheinend immer wieder Papiere vorgelegt werden, die „überholt“ oder „nicht mehr auf dem letzten Stand“ sind.
  • Diese Variante der Autonomie ist ja nur vordergründig eine. Beginnzeiten, die der/die ClusterleiterIn bestimmen kann, LehrerInnen selbst aussuchen (hatten wir eh schon), die Fortbildungen managen – das und vielleicht noch viel mehr wird vom direkten Durchgriffsrecht von oben überlagert.
  • Wir versuchen unseren SchülerInnen Demokratie nahezubringen. In der Schule leben werden wir sie nicht mehr können.

In der kommenden Woche werden wir uns den Elternprotesten anschließen und versuchen, die Öffentlichkeit über die undemokratischen Maßnahmen der Regierung zu informieren. Die GÖD hat ein Plakat vorbereitet, das meine Bedenken noch klarer macht:

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(juhudo)

Elisabeth Wehling: Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht, Köln 2016

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