Selbstkritik

Heute ist mir etwas passiert, auf das ich ganz und gar nicht stolz sein kann: Vor der ganzen Klasse habe ich einen Schüler bloßgestellt. Ob er, der noch dazu die Klasse wiederhole, immer noch nicht wisse, wie die beiden Literaturbücher funktionieren, habe ich ihn gefragt. Ebenso genervt wie spöttisch. Hm. Wahrlich kein Ruhmesblatt.

Wie es dazu kam, kann ich erklären: Es war die fünfte Stunde und ich schon ziemlich k.o. Lust- und teilnahmslos blätterte der Schüler auf der Suche nach der richtigen Seite im (falschen) Buch. Das Interesse an Literaturgeschichte ist in der ganzen Klasse und so auch bei diesem Schüler ziemlich enden wollend. Ich bin davon überzeugt, dass vieles von dem, was wir ihnen da zu vermitteln versuchen, wirklich interessant ist und die Reflexion über sich selbst und die Welt anregen könnte. Viele in der Klasse wollen sich aber einfach nicht darauf einlassen. Sie sitzen ihre Zeit ab, erledigen mehr oder weniger „brav“ ihre Aufgaben und wollen ansonsten nicht weiter gestört werden. Diese teilnahmslose Haltung regt mich auf. Ich spüre es immer wieder, wie es in mir grummelt. Kritik, Unverständnis, in Frage stellen – alles wäre mir lieber als dieses zur Schau gestellte Desinteresse.

Soweit die Erklärung. Eine Rechtfertigung für mein abwertendes Verhalten ist es nicht. Zwar habe ich mich am Ende der Stunde bei dem Schüler entschuldigt und ihm gesagt, dass ich ihn nicht persönlich kränken wollte, trotzdem, ein Unbehagen bleibt. Das Unbehagen – und nur deshalb erzähle ich diese Geschichte – richtet sich gegen meinen immer stärker werdenden „LehrerInnen-Habitus“. Vor sechs, sieben Jahren, als ich neu in der Schule war, wäre mir so ein Lapsus nämlich noch nicht passiert. Es wäre mir, glaube ich, nicht in den Sinn gekommen, einen Schüler vor der ganzen Klasse bloßzustellen. Mit den Jahren in der Schule aber schleicht sich etwas ein, was mir selbst überhaupt nicht recht ist und was ich eigentlich ziemlich unsympathisch finde. Nicht, dass ich behaupten möchte, es würde allen LehrerInnen passieren. Sicher gibt es welche (einige? viele?), die gegen solche Verhaltensmuster gefeit sind. Ich bin es offenbar nicht.

Womit aber hat dieser unangenehme „LehrerInnen-Habitus“, von dem ich spreche, zu tun? Abgesehen vom persönlichen Anteil glaube ich, dass es mehrere strukturelle Gegebenheiten sind, die diesen Habitus erzeugen: die Hierarchie zwischen Lehrern und Schülern, die vielen Klassen, die man täglich unterrichtet, der Druck, im „Stoff“ weiterzukommen. Aber natürlich auch die eingefahrenen Verhaltensweisen auf beiden Seiten, die Routine – ebenfalls auf beiden Seiten -, mit der der Schulalltag heruntergespult wird, die „Rolle“, die jede/r von uns wie automatisch übernimmt, sobald er/sie das Schulgebäude betritt. Was dagegen hilft? Ich weiß es nicht und habe im Moment auch nicht genug Zeit, darüber nachzudenken. Schön ist die Entwicklung jedenfalls nicht. Ich werde dagegen ankämpfen. (nemo)

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