Ent-Täuschungen und Widerstand

Jahrgang 1961, mit Startrek’schem Gesellschaftsmodell sozialisiert und Early Adopterin des Internets. Und naiv und optimistisch und an das Gute in den Menschen glaubend.

Als meine Generation jung war, glaubte ich (und zumindest die Menschen in meiner Parallelwelt), dass es meine Aufgabe sei, mich selbst und die Gesellschaft weiter zu entwickeln, uns zu verbessern, (nicht zu optimieren!), zu gedanklichen Tiefen vorzudringen, Umweltschutz zu betreiben, den Hunger auf der Welt zu verringern und einfach an einer gerechteren und freieren Gesellschaft zu arbeiten. Daher stammt auch mein Rollenbild als Lehrerin. Viele Ereignisse passierten, die mich glauben machten, diese Entwicklung ginge voran: Hainburg, Zwentendorf, Friedensmärsche, der Fall der Berliner Mauer und der des Eisernen Vorhangs, die Entwicklung des Instruments Internet, auch die EU, die ja vor allem auch als großes Friedensprojekt zu sehen ist. Jahrzehnte, in denen ich mich in Sicherheit wiegte. Auch der Arabische Frühling passte anfangs in dieses Bild.

Und dann? Ganz wenige Jahre und das Rad wird zurückgedreht. Okay, lineare Entwicklungen gibt es wahrscheinlich nie, Rückschritte kommen vor, Fortschritt hoffentlich auch.

Was ich nicht erwartet habe, dass im österreichen Schulsystem demokratische Grundsätze auf einmal zugunsten einer Beamtenhierarchie über Bord geworfen werden. Keine Ahnung, warum eine funktionierende Schulpartnerschaft auf einmal verworfen wird, stattdessen ein Durchgriffsrecht von oben direkt in die Schulen hinein angestrebt und „Schulautonomie“ genannt wird. „Österreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volk aus“, heißt es in unserer Verfassung. Ich verstehe auch nicht, warum das „wir da oben, ihr da unten“ seit ein paar Jahren immer wichtiger wird. Das neue LehrerInnendienstrecht wurde ohne Mitsprache der Gewerkschaften beschlossen. Menschen, die der Pädagogik offensichtlich nichts abgewinnen, bestimmen, wie Schule zu funktionieren hat. Ich kenne niemanden, der sich dadurch eine Verbesserung erwartet. Billiger kann es werden, wahrscheinlich.

Was ich  verstehe:
Die Verhandler fürchten die Medien, die in letzter Zeit zu oft destruktiv in Prozesse eingreifen, indem sie zu früh zerpflücken und den „Untergang des Abendlandes“ herbeischreiben oder heraufbeschwören.

Was ich nicht verstehe:
In Zeiten der digitalen Medien, an denen wir doch alle mittlerweile partizipieren – warum nehmen uns unsere „ChefInnen“ nicht auf ihre Entscheidungsprozesse mit? Warum fahren sie keine Kampagnen, in denen wir überzeugt und mitgenommen werden? Welche Bilder haben wir voneinander, dass da gar kein Vertrauen herrscht? Erwarte ich zuviel, dass wir an einem Strang ziehen könnten? Oder an mehreren Strängen, aber zumindest etwa in die gleiche Richtung? In die, die allen – SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern – etwas bringt?

Was ich nicht glauben will:
Dass die Regierung gehorsam OECD-Vorschriften umsetzen will und damit fahrlässig (oder absichtlich) die öffentlichen Schulen de­s­a­vou­ie­ren und demontieren will, um auch die Bildungssparte der Wirtschaft zugänglich zu machen.

Macht scheint wieder die Hauptrolle zu spielen. Und die Macht wird zentralisiert. Ich kann einfach nur nicht verstehen, warum. Aber es regt sich diesmal zumindest etwas Widerstand: Kritik an Schulautonomie: Lehrer treffen sich in der Stadthalle schreibt heute Die Presse, Schulreform: Mehr als 600 Änderungsbegehren Der Standard, Schulautonomie: Kritiker sehen nur Strukturpaket statt mehr Autonomie der Kurier. Gestern waren die Salzburger SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen auf der Straße. Hier der Bericht von Puls 4 und der der Salzburger Nachrichten. Es gibt eine Petition des Bundeselternverbandes, die noch unterschrieben werden kann. Die Wiener PflichtschulehrerInnen werden heute in einem Saal der Wiener Stadthalle informiert. „Wir leben Demokratie“ steht auf einem der Transparente. Ja, und das möchten wir auch gerne weiter tun. In der Schule. Mit unseren SchülerInnen, KollegInnen, DirektorInnen und Eltern.

(juhudo)

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