Patenklasse bei „Nichts“

Die vierte Klasse, in der ich unterrichte, hatte in diesem Schuljahr die außerordentliche Gelegenheit, als Patenklasse ein Theaterstück zu begleiten. Patenklasse zu sein heißt, dass man bei der Erarbeitung und Inszenierung eines Stückes dabei sein und gleichzeitig selbst aktiv werden darf. Für die SchülerInnen kann auf diese Weise Theater richtiggehend zum Erlebnis werden. Sie beobachten den Entstehungsprozess und überlegen darüber hinaus selbst, wie sie beispielsweise das Bühnenbild gestalten oder wie sie eine bestimmte Szene spielerisch umsetzen würden. IMG_4755

Meine ViertklässlerInnen waren Patenklasse bei dem Stück „Nichts – was im Leben wichtig ist“, das in der Regie von Petra Schönwald vor zwei Wochen am Schauspielhaus Salzburg Premiere hatte. Das „Stück“ ist eigentlich ein Roman von Janne Teller, der vor einigen Jahren aufgrund seiner Thematik für Aufregung gesorgt hat. Es geht darin um eine Gruppe Jugendlicher, die ihrem Klassenkameraden Pierre Anthon beweisen wollen, dass es etwas gibt, das Bedeutung hat. Er verunsichert seine Mitschüler mit dem Satz „Nichts bedeutet irgendetwas“ dermaßen, dass sie beginnen einen Berg aus Bedeutung zusammenzutragen. Was zunächst harmlos beginnt, steigert sich bald zu einem grausamen Unterfangen, bei dem keiner den anderen schont und jeder etwas noch Bedeutsameres auf den Berg legen muss. Die Spirale aus Angst, Wut und Rache dreht sich, bis sich am Ende des Buches der Zorn der Jugendlichen an Pierre Anthon entlädt und der Unruhestifter zu Tode kommt.

Für Vierzehnjährige ist dieses Buch ganz schön heftig. Ich hätte es nicht mit der Klasse gelesen, wenn wir nicht die Gelegenheit gehabt hätten, die Theaterproduktion zu begleiten. Nur durch die intensive Auseinandersetzung mit der Thematik, die im Zuge der Probenbesuche gegeben war, denke ich, dass die Lektüre vertretbar war. Wiewohl ich auch dazusagen muss, dass ich von dem Buch insgesamt nicht restlos überzeugt bin. Meines Erachtens wird nicht plausibel, warum die Aussage von Pierre Anthon die anderen derart aus der Bahn wirft. Er selbst setzt sich in den Pflaumenbaum und beschließt, nichts mehr zu tun. Dass die anderen dadurch so provoziert werden, dass sie im wörtlichen Sinn alles tun, um ihm das Gegenteil zu beweisen (was natürlich ohnehin scheitern muss), erschließt sich weder mir, noch konnten es meine Schüler nachvollziehen. Des Weiteren fehlt, finde ich, am Ende eine Erkenntnis, eine nachträgliche Einsicht bzw. Reflexion des eigenen Fehlverhaltens. Die Ich-Erzählerin ist im Grunde auch acht Jahre nach den fürchterlichen Ereignissen kaum zu einer selbstkritischen Haltung fähig. Das lässt einen irgendwie unzufrieden zurück.

Was trotz dieser Mängel an dem Buch interessant ist, ist der gruppendynamische Prozess, der die Handlung vorantreibt und irgendwann nicht mehr zu stoppen ist. Jeder der Jugendlichen sucht die Schwachstelle eines anderen und sticht gnadenlos zu.  Genau dieser Prozess ist es auch, der mich an der dramatischen Umsetzung am meisten überzeugt hat. Die Bühnenfassung kann die Schwachstellen des Buches nicht korrigieren, sie schafft es aber, den grausamen Vorgang, der zwischen den Jugendlichen abläuft, grandios darzustellen und aufzuzeigen. Und sie gibt der Geschichte darüber hinaus einen sinnvollen Rahmen, indem sie mit der Erzählgegenwart acht Jahre nach den Ereignissen einsetzt und die Handlung wie eine Rückblende inszeniert. Dadurch gewinnt das Stück gegenüber der Textvorlage eindeutig an Plausibilität.

Die SchülerInnen waren von der schauspielerischen Darbietung begeistert. Sie konnten unter anderem mitverfolgen, wie sich ein Stück etwa durch den Einsatz von Licht verändert. Und sie durften selbst, angeleitet von einer „richtigen Regisseurin“, ein paar Szenen entwerfen und ausprobieren. Patenklasse zu sein ist eine einzigartige Gelegenheit Theater zu erleben, und Patenklasse bei dieser Version von „Nichts“ zu sein, war etwas, was unser Schuljahr wirklich bereichert hat. (nemo)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s