Bildungsziel Freiheit

Was bedeutet Freiheit? Und: Ist die westliche Kultur noch zu retten? Diesen Fragen geht Carlo Strenger in seinem Essay Abenteuer Freiheit¹ nach. Ich hatte mir ja vorgenommen, dieses Buch in den Ferien zu lesen und das Vorhaben umgehend realisiert. Und da sich der Band ebenso schnell wie gut liest, kann ich heute schon darüber schreiben. 🙂

Strenger räumt gleich einmal gründlich mit dem Mythos, Freiheit sei etwas, auf das wir selbstverständlich ein Anrecht hätten, auf. Ebensowenig wie Glück sei Freiheit einfach so zu erlangen. Ganz im Gegenteil, Freiheit brauche Anstrengung, Freiheit brauche Disziplin, und weder Freiheit noch Glück ständen uns einfach so zu.

Mit Sigmund Freud oder auch dem Existentialismus geht Strenger davon aus, dass die menschliche Existenz grundsätzlich tragisch ist. Wir Menschen sind uns unserer Freiheit bewusst, können sie jedoch nicht ertragen. Und am Ende wartet der Tod. Kein metaphysisches System kann den modernen Menschen vor dieser Gewissheit bewahren. Gleichzeitig kann aber auch kein metaphysisches System einen Anspruch auf Absolutheit erheben. „Wer nicht in einer (…) abgeschotteten Welt lebt, muss mit dem Bewusstsein zurechtkommen, dass kein Glaubenssystem ein Monopol auf absolute Wahrheit beanspruchen kann.“ (108) In diesem Spannungsfeld verortet Strenger unsere Freiheit: Sie befreit uns nicht vom Tod, aber sie ermöglicht es uns, mit dem Leben autonom umzugehen.

Damit wir Freiheit tatsächlich leben können, müssen wir uns permanent mit den Grundbedingungen unseres Daseins auseinandersetzen. Freiheit ist weder ein für alle Mal noch für alle Menschen einfach so zu haben, Freiheit kann nur in einem steten Prozess der Reflexion verteidigt und immer nur vorläufig erworben werden. Und Freiheit hat ihren Preis: Es erfordert vielerlei Anstrengungen, um als Mensch autonom zu werden und um als Gesellschaft die freiheitliche Ordnung aufrechtzuerhalten, sowie die Einsicht, dass sämtliche Bemühungen letztlich immer nur partiell erfolgreich sein können.

Wenn uns also auch weiterhin an unserer freiheitlichen Ordnung gelegen ist, sollten wir bereit sein dafür zu kämpfen. Weder die vorherrschende Konsummentalität noch die ausschließliche Konzentration auf die eigene Karriere würden nämlich ausreichen, um die Werte unserer westlichen Welt zu sichern. Unmissverständlich stellt Strenger klar:

Der Westen, wie wir ihn kennen, wird nicht überleben, wenn seine Bewohner glauben, die freiheitliche Ordnung sei ein unumstößliches Naturgesetz wie die Schwerkraft, und wenn der durch sie eröffnete Freiraum allein als Spielraum für Karriere und Unterhaltung betrachtet wird. Stattdessen müssen wir die nachwachsenden Generationen so erziehen, dass sie bereit sind, für liberale Grundwerte zu kämpfen. (114)

Wie aber kann so eine Erziehung gelingen? Durch die Auseinandersetzung mit dem Erbe der freiheitlichen Ordnung, durch die Aneignung dieses Erbes, durch das Studium der grundlegenden Texte, durch die kritische Diskussion relevanter Fragen. Durch tatsächliche und umfassende Bildung, könnte man zusammenfassen.

In der Schlussfolgerung, dass einzig Bildung die Werte der westlichen Welt retten kann, liegt die wirkliche Relevanz des Essays, der sich als „Wegweiser für unsichere Zeiten“ versteht. Strenger verweist Konzepte wie „das wahre Selbst“, das es nur zu befreien gälte, um zu einem autonomen Menschen zu werden, ins Reich der Mythen. Er zeigt aber auch, dass neoliberale Konzepte und ihr umfassender Glaube an Effizienz und Wachstum ebensowenig zielführend sind.

Wie man es drehen und wenden mag: Es führt kein Weg an einer humanistisch orientierten Bildung vorbei, wenn man es mit dem Freiheitsbegriff wirklich ernst meint. Konsequent weitergedacht müssten m. E. aber auch Zauberworte wie beste Bildung für alle, die im gegenwärtigen Bildungsdiskurs Hochkonjunktur haben, ins Reich der Mythen verabschiedet werden. Tatsächliche Erziehung zur Freiheit mittels Bildung bedeutet ebenso anspruchsvolle wie zeitintensive Auseinandersetzung mit der Geschichte unserer Zivilisation, sie führt nicht automatisch zu einem glücklichen Leben in Wohlstand. Ja, sie hat auch nichts mit Erfolgsgarantie oder Karrierevorteil zu tun. Sie macht nicht fit für die Zukunft. Allein deshalb meinen viele Menschen sehr gerne darauf verzichten zu können.

Wie viel jedoch davon abhängt, ob es trotz allem gelingt, genügend junge Menschen für die Idee der Freiheit solcherart zu begeistern, dass sie bereit sind, sich dafür anzustrengen, macht Carlo Strenger ganz am Ende seines Essays klar. Er schreibt:

Der Liberalismus ist keine Heilslehre, mit der ein Paradies auf Erden geschaffen werden soll. Angesichts der barbarischen Alternativen sehe ich in der Kompetenz, mit den Entbehrungen der Freiheit zu leben, jedoch eine großartige zivilisatorische Errungenschaft. Es hängt von uns ab, ob es gelingt, den nachfolgenden Generationen die Fähigkeit zu vermitteln, den Schmerz der Freiheit auszuhalten und die Schönheit des Abenteuers Freiheit zu erkennen. (116)

Das nenne ich einen Auftrag, sowohl für die Schule als auch für die Uni!

(nemo)

¹ Carlo Strenger: Abenteuer Freiheit. Ein Wegweiser für unsichere Zeiten, Berlin: Suhrkamp 2017

 

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