Salzburg, der Sommer und ich: eine resonante Form der Beziehung

Mit einem Festvortrag des Soziologen Hartmut Rosa ist die diesjährige Salzburger Hochschulwoche zu Ende gegangen. „Öffentlichkeiten“ lautete das Ramenthema, eine Woche lang gab es hierzu Vorträge, Workshops, Diskussionen und Begleitprogramm.

Ich selbst habe eigentlich nicht viel mit den an der theologischen Fakultät der Uni Salzburg angesiedelten Hochschulwochen zu tun, außer dass ich die Gelegenheit jedes Jahr nutze, um in entspannter Atmosphäre inspirierenden philosophischen und/oder gesellschaftskritischen Vorträgen zu lauschen (und mich deshalb jedes Jahr darauf freue). Wenn die Veranstaltung, so wie heuer, in eine so wunderbar sonnige Woche fällt, ist sie für mich umso schöner: Salzburg ist während der Festspielzeit geistig so anregend, es gibt so viel ästhetisch, kulturell und intellektuell eindrucksvolles Programm, und zudem bietet die Natur in und um Salzburg herum so viel Schönheit und Vergnügen, dass man sich richtiggehend beschenkt fühlt. Vormittags ein Vortrag bei den Hochschulwochen, nachmittags Schwimmen in einem kühlen See, abends eine Festspielaufführung in Begleitung netter Menschen – und ich komme mir vor wie der „reichste Mensch“ auf Erden.

Meine Vorstellung von „reich“ hat natürlich nichts mit finanziellem Reichtum zu tun.  Klar, Festspielkarten kosten schon Geld, die von mir erworbenen allerdings viel weniger, als man glauben möchte. Theater geht ab 20 Euro, Konzertkarten kosten unwesentlich mehr, und sogar Opernvorstellungen bekommt man, wenn man Glück hat, ziemlich günstig – und zwar auf Stehplatz. Zudem gibt es gratis Übertragungen auf eine Großbildleinwand, und auch das kann einen tiefen Eindruck hinterlassen.

Was ich unter „reich“ verstehe, hat mit einer Form von Bereicherung im geistigen Sinn zu tun. Am Ende eines Schuljahres fühle ich mich meistens ausgelaugt, leer und erschöpft. Wenn ich dann so bereichert werde, wie es in diesen ersten Ferienwochen geschehen ist, bedeutet das schlichtweg Glück. Glück, das sich mit Dankbarkeit – Dankbarkeit für das gute Leben, das ich führen darf – paart.

So, jetzt aber genug geschwelgt, ich wollte doch über den gestrigen Vortrag schreiben. 😉

Wobei, der gestrige Vortrag von Hartmut Rosa scheint mir durchaus anschlussfähig an meine ein wenig zum Pathetischen neigende Gedanken. Rosa stellte „resonanztheoretische Überlegungen zum Verhältnis von Öffentlichkeit und Religion“ an und zeigte mit Hilfe der von ihm entwickelten Resonanztheorie, wie Religiosität eine resonante Form des In-der-Welt-Seins sein kann. Das Interessante für mich war dabei weniger der Transfer von Resonanz im Hinblick auf ein religiöses Leben als vielmehr die Frage, was eine resonante Form der Weltbeziehung im Allgemeinen meint. 58626

Hartmut Rosa definiert Resonanz als gelingende Form, mit der Öffentlichkeit, dem öffentlichen Raum, in Beziehung zu treten. Im Gegensatz zur Resonanz stehen Repulsion, also Ablehnung, sowie Indifferenz, Gleichgültigkeit, als entfremdete Formen der Reaktion auf Öffentlichkeit.

Eine resonante Form der Begegnung weise, so Rosa, vier Dimensionen auf: Affizierung, Selbstwirksamkeit, Transformation und Unverfügbarkeit.

Um Resonanz zu verspüren, müsse man zunächst affiziert, d. h. berührt werden. Man müsse das Gefühl haben, dass einen das, was da passiert, etwas angehe. Des Weiteren müsse man selbst darauf reagieren können, in sich etwas hören, irgendwie auf den Impuls antworten können. Dieses Wechselspiel verändere, transformiere einen selbst, ebenso wie sich die andere Seite durch die Form der Begegnung verändere. Allerdings, und diese vierte Dimension darf nicht vergessen werden, könne man Resonanz nicht erzwingen. Zwar gebe es vielerlei Bedingungen, die Resonanz ermöglichen würden, instrumentell herstellbar sei sie jedoch nicht. Und, Resonanz sei nicht zu verwechseln mit Harmonie: Während Harmonie auf das Immergleiche und Bekannte setze und schlussendlich auch die eigene Stimme töte, bedeute Resonanz eine Begegnung mit dem anderen, eine Art von Risiko, eine Form der Bezugnahme, die Lebendigkeit und Offenheit voraussetze und schaffe.

Soweit Rosas Konzeption von Resonanz, wie ich sie im gestrigen Vortrag verstanden habe. Die gewichtige Monographie, die letztes Jahr erschienen ist, werde ich mir hoffentlich noch in diesen Ferien zu Gemüte führen, damit ich noch ein bisschen genauer und differenzierter verstehe, wie Resonanz funktioniert und gemeint ist.

Der Ansatz jedenfalls scheint mir vielversprechend und anschlussfähig für verschiedene Bereiche zu sein. Hartmut Rosa selbst hat ja den Transfer in Richtung Pädagogik bereits gemacht. Die Vorstellung von Resonanzpädagogik gehört für mich zum Überzeugendsten, was ich auf dem Gebiet gelesen habe. Darüber habe ich in diesem Blog eh schon einmal geschrieben. Zeit wird’s, dass ich mich mit der Theorie dahinter genauer befasse. Auf dass mir mein Ferienprogramm weiterhin eine so resonante Form der Beziehung zur Welt in, um und auch außerhalb von Salzburg ermögliche!

(nemo)

 

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