Kulturtechnik Schreiben

Was nicht alles zu kurz kommt in der Schule! Wir bräuchten mehr Zeit für dies und noch viel mehr für das. Ständig erreichen uns neue Forderungen, welche Kompetenzen unsere Schüler auch noch erwerben sollten. Andauernd wird festgestellt, was sie zu schlecht können, was sie besser können müssten, woran es in der Schule mangelt und wo diese gleich ganz versagt. Ziemlich weit oben auf der „Bestenliste der schulischen Versäumnisse“ liegt der Dauerbrenner Lesen & Schreiben, quasi ein Klassiker der „Mangelkompetenzen“.

Übers Lesen habe ich in letzter Zeit öfter nachgedacht, heute soll wieder einmal aufs Schreiben draufgeschaut werden. Woran liegt es, dass Schreiben zu einer schier unüberwindlichen Hürde geworden ist?

In einer Folge von Biene Maja – ich weiß nicht mehr genau in welcher – stöhnt der faule Willi: „Ach, immer dieses Fliegen. Ich hab’s nie richtig gelernt.“ Wie so vieles, was Willi sagt, klingt das lustig. Eine Biene, die nicht richtig fliegen kann! Nun hinkt der Vergleich zwischen der den Bienen angeborenen Fähigkeit zu fliegen und der den Menschen eben nicht angeborenen Fähigkeit zu schreiben natürlich gewaltig – dennoch: Schreiben ist eine elementare Kulturtechnik, die alphabetisierte Menschen normalerweise so erlernen können, dass sie ihnen leicht von der Hand geht. Wenn man sieht, wie viele alte Menschen flüssig und selbstverständlich korrekt schreiben, obwohl sie keine höhere Schule besucht haben, und wie viele Kinder und Jugendliche selbst im Gymnasium Schreiben mühsam finden und Schwierigkeiten haben, es korrekt auszuführen, fragt man sich allerdings, was da in den letzten Jahren passiert ist.

Für mich liegt auf der Hand, dass die zunehmende Digitalisierung unseres Alltags die Hauptschuld an dieser Entwicklung trägt. Wenn schon kleine Kinder häufiger tippen als schreiben, bleibt die Geläufigkeit auf der Strecke. Jede handschriftliche Notiz, die über ein paar Wörter hinausgeht, wird dann zur Qual. Von der fehlenden Übung des korrekten Schreibens ganz zu schweigen. Ja, aber auf Computer, Tablet oder Smartphone schreibe man ja auch, wird von sich fortschrittlich wähnender Seite dagegengehalten. Und überhaupt würden Kinder heute sogar mehr als früher schreiben, schließlich kommunizieren sie vorwiegend schriftlich über Whatsapp & Co.

Aus meiner Sicht werden da mindestens zwei Dinge durcheinandergebracht. Schreiben lernt man, indem man einen Stift in die Hand nimmt und schreibt. Unterschiedliche und feine Handbewegungen, Rhythmus und Gefühl spielen dabei eine wichtige Rolle. Tippen ist eine ganz andere, was Bewegung, Rhythmus und Gefühl anbelangt, vergleichsweise grobmotorische Tätigkeit, die erst dann zum Einsatz kommen sollte, wenn die Handschrift wirklich ausgeprägt ist. Und auch danach muss immer wieder mit der Hand geschrieben werden, weil man nur durch häufiges und längeres Schreiben Leichtigkeit und Sicherheit bei diesem Tun entwickelt. Auch die zahlreichen Fehler in der Rechtschreibung, die Schüler heute machen, haben nämlich viel mit mangelnder Übung zu tun. Wörter und Sätze immer wieder korrekt, rhythmisch und lesbar schreiben würde in vielen Fällen zum Erfolg führen – so wirklich cool und fortschrittlich kommt eine solche Forderung aber natürlich nicht daher.

Zu der Vermischung von Tippen und Schreiben kommt aber noch etwas: Die angeblich schriftliche Kommunikation, die per Smartphone ausgeübt wird, besteht vielfach nämlich nur aus Textbausteinen, Bildern und Fotos und hat nicht nur nichts mit Schreiben, sondern auch mit Schriftlichkeit wenig zu tun. Im Ausnahmefall entsteht in der Whatsapp-Kommunikation ein kurzer Text, in den meisten Fällen sind es, wenn überhaupt, bloß unzusammenhängende Wörter oder Halbsätze.

Die so genannte „schriftliche“ Kommunikation, die von Kindern und Jugendlichen heute betrieben wird, führt insofern eher vom Schreiben weg, als dass sie ein wirkliches Schreiben bedeuten würde. Dass die neue Form des Schreibens etwas anderes ist, spiegelt sich übrigens auch in der Sprache der Kinder wider: Anstatt jemandem zu schreiben, schreiben sie „mit jemandem“: So wie man mit jemandem spricht, chattet oder zockt, schreibt man also neuerdings mit jemandem. Das andere Schreiben aber hat man – ebenso wie Willi das Fliegen – nie richtig gelernt. Vielleicht sollte man es ja in der Schule mehr üben. Allerdings, bei all dem, was wir auch noch tun müssen, bleibt dafür wirklich keine Zeit. Und ziemlich retro ist es obendrein, wo fürderhin doch schon im Kindergarten digitale Grundkompetenzen vermittelt werden sollen! (nemo)

PS: Um einen ganz anderen Aspekt von Schreiben, nämlich um den Zusammenhang von Schreiben, Peinlichkeit und Öffentlichkeit dreht sich ein interessanter Artikel von Juli Zeh, den ich neulich gelesen habe. Ich verlinke den Artikel hier: Privatsphäre und Literatur: Ich bin, was ich verberge

PS2: Ein in diesem Zusammenhang relevanter Buchtitel ist mir dieser Tage noch untergekommen: Maria-Anna Schulze Brüning / Stephan Clauss: Wer nicht schreibt, bleibt dumm. Warum unsere Kinder ohne Handschrift das Denken verlernen (Piper). Ich glaub, da muss ich mal reinschauen …

 

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