VWA reloaded: Und jährlich grüßt das Murmeltier

Die Tage stehen wieder ganz im Zeichen der VWA. Ganze drei Jahrgänge (!) sind mit dem Thema VWA befasst: Die AchtklässlerInnen mussten heute ihre Arbeit abgeben und auf die Plattform hochladen, die SiebtklässlerInnen ihr Thema und den dazugehörigen Erwartungshorizont einreichen. Und die SechstklässlerInnen lernen gerade in einer unverbindlichen Übung Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens.

Die vorwissenschaftliche Arbeit, die vor einigen Jahren als verpflichtender Teil der Matura eingeführt wurde, dominiert den Schulalltag der OberstufenschülerInnen und – man muss es sagen – erzeugt ordentlich Stress. Stress, der bisweilen ungesunde und bedenkliche Ausmaße annimmt. Ob das dafür steht? Ehrlich, ich weiß es nicht.

Seit Anbeginn bin ich stark in das Thema VWA involviert: Als VWA-Zuständige an unserer Schule, als Lehrerin für wissenschaftliches Arbeiten, als Betreuungslehrerin. In meiner Eigenschaft als Klassenvorständin einer achten Klasse habe ich vor drei Jahren einen Blogeintrag mit dem Titel Sternstunden eines KVs geschrieben und damit die vielen gelungenen VWA-Präsentationen gemeint. Damals war ich richtiggehend euphorisch. Heute bin ich hin- und hergerissen.

Nach wie vor erscheint mir die VWA grundsätzlich als eine ebenso herausfordernde wie potentiell lohnende Angelegenheit. Die SchülerInnen können sich ihr eigenes Thema suchen, sich einarbeiten und vertiefen, etwas selbständig erforschen, ihr eigenes Werk verfassen und dieses schließlich präsentieren und verteidigen. Was gibt es Schöneres und Hehreres zum Abschluss einer Schullaufbahn und als Nachweis einer allgemeinen Hochschulreife? In der Theorie klingt das alles großartig, in der Praxis verhält es sich vielfach aber doch recht anders…

Sicher, für einige unserer SchülerInnen passt das Szenario des selbständig forschenden Lernens. Gerade heute habe ich eine recht schöne Arbeit bekommen, die sich mit der Thematik von Zwillingen in literarischen Texten befasst, auf deren Korrektur und Präsentation ich mich freue. Für viele unserer SchülerInnen aber ist es nichts anderes als eine Überforderung: Sich selbst ein Thema zu suchen und eine Forschungsfrage zu bearbeiten. Klingt gut, in Wirklichkeit ist es auch für Studierende nicht leicht. Forschungsliteratur zu recherchieren und einzuarbeiten, analytisch zu arbeiten und wissenschaftlich zu schreiben. Klingt ebenfalls gut, in Wirklichkeit aber scheitern auch Leute an der Uni daran. Und auch wenn man die Anforderungen auf Schulniveau herunterbricht: In der Realität sind viele unserer SchülerInnen mit dem Verfassen einer (vor-)wissenschaftlichen Arbeit überfordert und – seien wir ehrlich – so mancher Lehrer wäre es auch.

Zu der inhaltlichen Schwierigkeit, eine ordentliche VWA zu schreiben, kommt jedoch noch etwas anderes: die strukturelle Problematik, eine solche Arbeit neben der Schule zu verfassen. Gerade in der achten Klasse haben die meisten SchülerInnen wirklich gut zu tun, so manche(r) hat im wahrsten Sinne des Wortes alle Hände voll zu tun, um sämtliche Fächer positiv abzuschließen. Nebenher noch eine VWA zu verfassen, ist für einige schlichtweg unmöglich, andere setzt es psychisch so unter Druck, dass sie krank werden. Natürlich – und Gott sei Dank! – gibt es auch etliche, die’s doch halbwegs oder sogar bravourös hinkriegen. Insgesamt steht für mich trotzdem in Frage, ob dieser Druck, den wir den jungen Menschen da zumuten, wirklich zu rechtfertigen ist.

Viel Druck entsteht natürlich, weil ein Großteil der SchülerInnen viel zu spät mit der Arbeit beginnt. Wir sagen es ihnen eindringlich, wir setzen ihnen Termine, wir fordern Teile der Arbeit ein. Trotzdem gelingt es nur wenigen, sich rechtzeitig einer Sache zuzuwenden, die erst Monate später schlagend wird. Aus Sicht vieler Siebzehnjähriger ist der Abgabetermin im Februar einfach noch zu weit weg, als dass sie sich in den Sommerferien zwischen der siebten und achten Klasse hinsetzen und an ihrer VWA arbeiten würden. Und sobald dann das Schuljahr wieder angefangen hat, bleibt keine freie Minute, um neben Mathe, Englisch und Latein, den vielen Schularbeiten und Tests konsequent (vor-)wissenschaftlich zu arbeiten.

Es besteht halt doch oft eine riesige Kluft zwischen dem, was man tun sollte, und dem, was man tut. Zwischen dem Wissen um eine Sache und der Umsetzung dieses Wissens, zwischen Vorhaben und Realisierung. Das kennen Erwachsene, warum sollte es Jugendlichen anders gehen? Viel eher verhält es sich umgekehrt: Rational-geplantes, strukturiertes Vorgehen ist für Jugendliche noch viel schwieriger als für Erwachsene. Genau das aber würde (vor-)wissenschaftliches Arbeiten erfordern.

Meines Erachtens müsste die VWA zumindest besser in der Stundentafel verankert sein. Wenn man wirklich will, dass alle SchülerInnen eine solche Arbeit verfassen, bräuchten diese ein viel strengeres Korsett, eine ständige Begleitung, ja eine wöchentliche Stunde (bzw. zwei oder drei), in der sie ihre Arbeit vorantreiben können. Aber natürlich müsste das auf Kosten anderer Stunden gehen. Einfach nur das Ausmaß der Wochenstunden zu erhöhen, kann auch keine Lösung sein.

Eine andere Möglichkeit wäre es, eine VWA nicht verpflichtend von allen zu verlangen, sondern nur von denjenigen, die sich das wirklich zutrauen (und die gibt es ja!). Auch das würde die Situation entspannen. Denn wie man’s dreht und wendet: Die gegenwärtige Situation erzeugt insgesamt zu viel Druck und Stress und ist der Gesundheit der Jugendlichen nicht zuträglich. Zumal auch zu bezweifeln ist, dass dieser Druck die Leistungen der jungen Menschen und die Qualität der Arbeiten befördert.

Aber vielleicht sehe ich ja alles zu schwarz. Drei neue Einreichungen habe ich heute bekommen: Eine Schülerin will die Facebookauftritte politischer Parteien analysieren, eine andere über die Darstellung von Konzentrationslagern in der Kinder- und Jugendliteratur schreiben, die dritte sich mit dem Bild süditalienischer Frauen im Hinblick auf die Mafia in Film und Wirklichkeit befassen. Spannende Themen. Mal sehen, was daraus wird. Im nächsten Februar werde ich wieder davon berichten … (nemo)

 

 

 

 

 

 

4 Gedanken zu “VWA reloaded: Und jährlich grüßt das Murmeltier

  1. helmi schreibt:

    Hin- und Hergerissen. Diese Erfahrung kann ich nachvollziehen. Es ist Sonntag Vormittag und was täte man denn sonst, als mit der Korrektur der frisch eingetroffenen VWA zu beginnen. „Japan im Wandel. Die Veränderung der Familienstrukturen in Japan nach der Öffnung 1854.“

    Die Verfasserin der Arbeit ist eine ausgezeichnete Schülerin. Der Begleitprozess war eine wahre Freude. Termine wurden eingehalten, viele Fragen gestellt, und mir kam vor, durch diese sokratische Form, die sich dabei ergibt, haben wir beide viel gelernt – die Schülerin wie auch ich. Die Möglichkeit, sich mit nur EINER Schülerin gemeinsam zu einem Thema auszutauschen, nicht primär als Prüferin sondern Hilfestellung gebend, sich gegenseitig voranzutasten, sich in Gebiete vorzuwagen, die man im Unterricht für gewöhnlich nicht behandelt – das alles erlebe ich jedes Jahr als große Bereicherung. Oder – zumindest – in den optimalen Fällen. Viele SchülerInnen sind hoffnungslos überfordert und da frage ich mich, warum man auch jenen weitere Aufgaben zuschiebt und was die Gründe dafür sind? Vor allem, weil ja mittlerweile an den Unis in sämtlichen Fachbereichen Einführungsveranstaltung Einzug gehalten haben, die sich mit wissenschaftlchem Arbeiten auseinandersetzen. Damit fällt das Argument weg, man müsse die SchülerInnen auf die Unilaufbahn vorbereiten. Und es bleibt die Frage, wozu der zusätzliche Stress für alle?
    Fast kommt es mir so vor, als wäre die „normale“ Leistung, die 18-Jährige mit dem Abschluss der Matura vollbringen nicht genug, als wäre die positive Absolvierung des „normalen“ Unterrichts nicht „aufregend“ genug. Aber – durch immer mehr zusätzlich Aufgaben wird die Qualität der Inhalte nicht steigen. Die Energien, die in den VWAs gebündelt werden, fehlen in den anderen Fächern. Die Anspannung der letzten Woche aufgrund der VWA war deutlich spürbar und als Lehrerin, die die 8. Klasse auch im normalen Tagesgeschehen unterrichtet, hat man ein bißchen das Gefühl, die SchülerInnen sind weit weg – nicht nur im übertragenen Sinn sondern sie sind zahlreich physisch nicht anwesend. Offiziell wegen „Krankheit“, inoffiziell schreiben sie bis spät in die Nacht an ihrer VWA. Schlechte Zeiteinteilung? Vielleicht. Eher aber schlicht Überforderung. Zunehmend kommen mir diese Erwartungen, die wir an unsere jungen SchülerInnen haben, einfach nur überzogen vor.
    So kurz vor der Matura sollte es möglich sein, mit vollem Elan der Matura engegen zu gehen – und das ist sicher weniger spektakulär – Zeit und Energie für den ganz „normalen“ Unterricht zu haben.

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    • Monika Neuhofer schreibt:

      Danke, Sabine, es ist genau so, wie du schreibst! Die SchülerInnen bräuchten im Moment Energien für den Abschluss der achten Klasse und die schriftliche sowie in weiterer Folge die mündliche Matura. Und gleichzeitig ist angesichts der standardisierten schriftlichen Reifeprüfung und der ebenfalls völlig entindividualisierten Themenpools für die mündliche Matura die VWA der einzige Teil der Matura, bei dem sich das spezifische Interesse des jeweiligen Schülers bzw. der jeweiligen Schülerin abbilden kann. Insofern ist die VWA eigentlich der interessanteste Teil der neuen Matura. Zeit müsste man halt dafür haben …

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  2. WRG-Schüler schreibt:

    Aufgrund der Bitte, eine Stellungnahme aus der Sicht eines Schülers zu verfassen, würde ich nun gerne auf diesen Blog antworten.

    Es ist wahr, dass eine VwA sehr viel Stress bedeutet und dementsprechend viele Nerven kostet. Besonders mit 18 Jahren möchte man die Schule möglichst schnell und reibungslos abschließen – man ist ja schließlich erwachsen und dazu bereit einen neuen Weg einzuschlagen. Dass das Schreiben einer VwA dabei ein Hindernis darstellt, sollte für niemanden eine Überraschung sein.

    Ich persönlich habe zwar in den Sommerferien angefangen, doch der mit Abstand größte Teil der Arbeit musste während der Schulzeit verfasst werden. So kam es, dass ich das erste mal in meiner Schullkarriere zwei Arten von Stress ausgesetzt war. Zum Einen musste ich für Tests und Schularbeiten lernen, um gerade in der letzten und womöglich wichtigsten Klasse meinen Notenschnitt zu halten. Des Weiteren kamen noch Hausübungen dazu, da diese ja einen nicht unbedeutenden Teil der Mitarbeit ausmachen. Zum Anderen musste ich an meiner VwA arbeiten, doch die Zeit dazu musste ich erst einmal finden. Sport und Hobbys auszulassen kam für mich nicht in Frage, da man – so wichtig Schule auch sein mag – auch in der Abschlussklasse darauf achten sollte ein ausgewogenes und glückliches Leben zu führen. Daraus resultierend musste ich des Öfteren sehr lange unter der Woche lange aufbleiben und entsprechend müde den Alltag meistern beziehungsweise es schaffen rechtzeitig in die Schule zu kommen. Außerdem wurde es immer häufiger nötig, Hausübungen auszulassen und stattdessen an meiner VwA zu schreiben. Solange die Noten stimmen, funktioniert dies auch ohne Probleme, doch da jeder Schüler verschiedene Noten hat, kann ich nicht sagen, dass dies eine allgemeine Lösung auf eine funktionierende Zeiteinteilung darstellt. Trotzdem hatte ich seit Schulbeginn wirklich jeden Tag zu tun, sei es für anstehnde Prüfungen zu lernen oder an meiner Arbeit zu schreiben.

    Aufgrund des zeitlichen Drucks veränderte sich die Bedeutung von „Freizeit“ nach meinem Verständnis. Ich „hatte nicht mehr Zeit“, sondern ich „nahm mir Zeit“ für etwas. Dass das eine psychische Belastung darstellte, sollte außer Frage stehen, doch meiner Meinung nach ist dies nicht unbedingt als schlecht aufzufassen. Ob Uni oder Beruf, der Druck auf Studenten oder Berufstätige steigt stetig und nach dem Verfassen meiner VwA kann ich durchaus sagen, dass mich diese Tatsache nicht wirklich erschreckt. Ich habe vielmehr gelernt mit dem Druck umzugehen und mich auch in stressigen Phasen noch immer entspannen zu können. So fühle ich mich nach diesen Erfahrungen viel abgeklärter als früher und auch der bevorstehende Druck der Matura fühlt sich nicht mehr so belastend an und Nervosität vor Prüfungen vor habe ich gelernt immer mehr abzulegen.

    Zu guter Letzt, würde ich auch gerne auf das Erfolgserlebnis der Abgabe der VwA eingehen. Natürlich handelt es sich nur um ein VORwissenschaftliche Arbeit, doch ich kann durchaus sagen, dass ich stolz auf meine Arbeit bin. Dies kommt von daher, da es sich bei einer solchen Arbeit um etwas viel persönlicheres als bei Noten handelt. Besonders für Tests in Nebenfächern muss man sehr spezifische Themen lernen, welche man sich nicht allzu lang merkt und auch über die Note darunter freut man sich nicht zu lange. Wenn ich jedoch meine VwA im Regal ausgestellt betrachte, werde ich mich immer an die aufgebrachte Arbeit erinnern.

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  3. doris junghuber schreibt:

    Bevor ich auch meine Erfahrungen der letzten Jahre schildere, möchte ich die Themen auflisten, zu denen „meine SchülerInnen“ in den Jahren bisher VWAs verfasst haben:

    – Der Contergan-Fall. Wie konnte Mitte des 20. Jahrhunderts die deutsche Pharmaindustrie eine der größten Arzneimittelkatastrophen auslösen und was waren die Folgen?
    – Narration in Computerspielen.Im Vergleich mit dem klassischen Dramenaufbau anhand von Brothers – A Tale of Two Sons.
    – Selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen. Vergleich von Jugendromanen.
    – Bushido. Vom Ehrenkodex zum Blockbuster.
    – Kulturelle Körperkunst. Die Geschichte und Bedeutung von Maori-Tattoos mit dem Fokus auf Frauen-Mokos.
    – Manga. Japanische Bildgeschichten
    – Der romatische Pirat. Reale und fiktionale Darstellung von Piraten.
    – Kommunikation zwischen Mensch und Pferd. Verstehen von Missverständnissen mithilfe von psychologischen und evolutionären Hintergründen
    – Die Veränderung des Urheberrechts durch die digitalen Medien.

    Man sieht, die Bandbreite ich recht groß und bisher habe ich ausschließlich SchülerInnen bertreut, die ich nicht selbst unterrichtet habe. Sie waren alle recht begeistert, wenn wir das Thema einmal aus ihrem „vagen Interesse“ herausgearbeitet hatten und ihre Arbeit fast immer ordentlich erledigt – aber auch meine Nerven wurden einmal schon ziemlich strapaziert, als ich von einer Kandidatin bis eine Woche vor der Abgabe noch nicht mehr als das Konzept und einige Beprechungen unkonkreten Inhalts hatte. Gar nicht so leicht, sich da nicht für die Fertigstellung der Arbeit zuständig zu fühlen. (Aber auch diese VWA würde positiv erledigt.)

    Positiv sein allein ist aber meist nicht das Ziel, wenn man sich monatelang mit einem Thema beschäftigt – zu recht. Und es braucht viel Zeit mit Herumdenken, Recherchieren, Schreiben und Überarbeiten. Oder auch damit, erst einmal herauszufinden, wie das alles geht. Leider haben wir keine Stundenanzahlen von unseren SchülerInnen.

    Sie lernen schon eine Menge damit und sind auch stolz auf ihre Arbeit. Sich gemeinsam mit ihnen dieser Aufgabe zu stellen, ist auch für uns LehrerInnen schön, meistens zumindest, glaub ich. Aber es ist andererseits auch nicht ganz verständlich, warum das wissenschaftliche Arbeiten vor der Matura so viel Zeit beanspruchen muss. Eigentlich hat das ja für uns alle an der Uni auch ganz gut geklappt.

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