Die Kraft des Erzählens: Von Boccaccio bis Astrid Lindgren

Wenn sich meine mittlerweile elfjährige Tochter wünscht, ich möge ihr eine Geschichte von den Kindern aus Bullerbü vorlesen, ist meistens eine Krankheit im Anmarsch. Im Zustand der Schwäche, der Erschöpfung, der Müdigkeit und der Schmerzen bieten ihr diese alten Geschichten Trost, Entspannung und Stabilität. Als sie so zwischen fünf und neun war, haben wir die Bullerbü-Geschichten ebenso wie die von Madita oder jene von Michel aus Lönneberga ohne Unterlass gelesen. Gefühlte hundertmal musste ich „Ole hat einen losen Zahn“, „Sommertag mit 1480176-01Läusen“ oder das lustige Leben auf der Festwiese von Hultsfred zum Besten geben. Auch ich hatte diese Geschichten in meiner Kindheit geliebt, wie gut sie sind, wurde mir erst durch mein eigenes Kind bewusst.

Was mich derzeit beschäftigt, ist die Bedeutung und Kraft des Erzählens in prekären oder belastenden Situationen. Sei es während einer Krankheit, sei es vor dem Einschlafen, sei es beim Wandern – all diese tendenziell und potenziell krisenhaften Momente sind für Kinder durch Geschichten leichter zu ertragen. Die Geschichten bieten Ablenkung, schaffen stabilisierende Rahmen und vermitteln ein wohliges Gefühl der Sicherheit. Was für einen Wert das darstellt, kann man nicht hoch genug schätzen.

Zu der Kraft der Geschichten kommt bei Kindern allerdings noch ein zentrales Element, nämlich die Kraft der zwischenmenschlichen Beziehung. Denn es macht einen Unterschied, ob die Geschichten vom Band kommen oder ob eine Bezugsperson die Geschichten erzählt bzw. vorliest. Nicht, dass deshalb Hörbücher weniger wertvoll wären, natürlich nicht, aber gerade für kleinere Kinder scheint es von zentraler Bedeutung zu sein, dass zu der Kraft der Geschichten die Kraft der zwischenmenschlichen Beziehung hinzukommt. Aus dieser, man könnte fast sagen, archetypischen Situation entsteht sodann ein Kraftreservoir, das die gesamte Entwicklung eines Kindes positiv zu beeinflussen vermag.

Abgesehen von dem krisenbewältigenden Potenzial von Geschichten ermöglicht Vorlesen bzw. Erzählen natürlich auch einfach ein lustvolles Abtauchen in andere Welten, es befördert ein selbstreflexives Einüben von Verhaltensmustern und -strategien, es regt zum Nachdenken und zur Auseinandersetzung mit Eigenem und Fremdem an. Auch diesbezüglich haben die Bücher von Astrid Lindgren viel zu bieten: Wenn ich daran denke, wie gleichermaßen fasziniert, aber auch erbost mein Kind über das Verhalten von Karlsson vom Dach ist, wie sehr sie sich mit Pippi Langstrumpf identifiziert, wie herzhaft sie über die subtilen Reibereien zwischen Madita und ihrer Schwester Lisabet lachen kann. Der Kosmos, den Astrid Lindgren mit ihren Figuren aufspannt, ist zutiefst beeindruckend und für Kinder wie Eltern nichts anderes als ein Geschenk. Wie viel diese Frau von Kindern verstanden hat!

Ein ganz anderes Buch hat dieser Tage mein eigenes Nachdenken über die Kraft und Bedeutung des Erzählens angeregt: die literaturwissenschaftliche Studie über den poetologischen Zusammenhang von Muße und Erzählen, die bereits seit einiger Zeit auf meinem Schreibtisch liegt. Es bedurfte einer gewissen Zeit der eigenen Muße, damit ich endlich dazukam, dieses Buch über die Muße zu lesen. 10234_00_detail

Der Autor Thomas Klinkert, Professor für französische Literaturwissenschaft an der Uni Zürich, untersucht in dieser Studie zentrale Werke der europäischen Literatur vom Mittelalter bis in die Gegenwart unter dem Aspekt von Muße und Erzählen und führt vor, wie in diesen Texten das Erzählen aus Situationen der Muße heraus entfaltet und reflektiert wird. Muße wird als „eine besondere Form des Erlebens, als eine von der Normalität des Alltags unterscheidbare, von ihr abgehobene Zeitlichkeit, in der sich Möglichkeiten eröffnen, die sonst nicht gegeben sind“ (S. 1), verstanden. Von besonderer Bedeutung sind dabei bestimmte heterotopische Räume, welche die Erfahrung von Muße befördern.

Exemplarisch kann das an Boccaccios Decamerone gezeigt werden: Um sich vor der in Florenz wütenden Pest in Sicherheit zu bringen, fliehen zehn junge Menschen aus der Stadt in einen ländlichen locus amoenus, wo sie sich der trostspendenden Ruhe und Muße hingeben können, indem sie einander zehn mal zehn Geschichten erzählen und somit sowohl eine Ordnung etablieren als auch Sinn produzieren. Der Zusammenhang von Muße und Erzählen lässt sich hierbei als Ausdruck eines „anthropologischen Programms der Stressbewältigung“ (S. 198) verstehen. Egal, ob bei Boccaccio, Michel de Montaigne, Miguel de Cervantes, Rousseau, Stifter oder Proust – das Erzählen steht in all diesen Texten in einem Spannungsverhältnis von Rückzug bzw. Muße und einer mehr oder weniger bedrohlichen Wirklichkeit. Das Erleben der Muße hebt sich vom Kontinuum der vergehenden Zeit ab und öffnet ein Moment der Freiheit – und bleibt doch gleichzeitig „dialektisch an den Tod als an ihr Gegenteil gekoppelt“ (S. 10). Erst dieses Moment der Freiheit aber ermöglicht das Erzählen und somit die Entstehung des jeweiligen Werks.

Gerade die literarischen Beispiele veranschaulichen also in ihrem Inhalt wie in ihrer Struktur das Potenzial des Erzählens. Erzählen als diskursiver Gegenentwurf zum Alltag, zur Vergänglichkeit, zur Bedrohung, der zudem die eigenen Produktionsbedingungen zu reflektieren vermag. Es bedarf der Erfahrung von Muße, um diese wirkmächtige Kraft entstehen zu lassen. Was, so frage ich mich, diese Überlegungen weiterdenkend, passiert eigentlich mit einer Gesellschaft der Ruhelosigkeit, die keine Muße mehr kennt? Eine solche Gesellschaft könnte wohl keine Erzählungen mehr hervorbringen und wäre in letzter Konsequenz dem Tod schutz- und gnadenlos ausgeliefert. Doch auch wenn man nicht so weit denken will und um noch einmal auf Astrid Lindgren zurückzukommen: Vielleicht gehen Momente der Muße, wiewohl positiv mit Vorstellungen von Ruhe, Rückzug und Kontemplation besetzt, häufiger als man denkt mit Momenten der Krise einher. Die literarischen Beispiele legen diesen Konnex jedenfalls nahe. Aber auch die Beispiele aus dem Alltag – Krankheit, die Zeit des Schlafengehens, körperliche Ermüdung beim Wandern – weisen, wenn auch keine existenzielle oder bedrohliche Krise, doch ein latent oder zumindest potenziell krisenhaftes Element auf. In diesen Momenten brauchen Kinder Geschichten zur Stärkung. Die positive Nachricht wäre dann: Das Leben produziert gewissermaßen von selbst, ob wir wollen oder nicht, Momente der Ruhe, die das Erleben von Muße erlauben. Zumindest die Möglichkeit zum Geschichtenerzählen bleibt also auch in einer ansonsten ruhe- und rastlosen Gesellschaft bestehen. 🙂

(nemo)

PS: Übrigens, gestern war Österreichischer Vorlesetag

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