Eine Matura zum Abarbeiten

Abgearbeitet is‘, die diesjährige Zentralmatura. Die Kompensationsprüfungen stehen noch aus, dann aber ist der Haupttermin 2017/18 auch schon wieder passé. In Mathematik sind offenbar mehr Schüler als in den letzten Jahren durchgefallen, in Deutsch und in den Fremdsprachen scheint österreichweit alles im grünen Bereich. Die noch folgenden mündlichen Prüfungen werden bekanntermaßen nicht zentral gestellt.

Drei Jahre nach ihrer Einführung hat sich die Aufregung um die Zentralmatura – abgesehen von den schlechten Mathe-Ergebnissen – weitgehend gelegt. Wie bei so vielen Hypes, Empörungsanlässen und medialen Skandalen ist die Aufregung zunächst riesengroß, wenig später folgt Lethargie und danach wär’s eigentlich eh schon fast wieder Zeit für eine Reform und damit für einen neuen Anlass, sich aufzuregen. Wir sind eine Erregungsgesellschaft. Peter Sloterdijk wusste das bereits vor Jahren.

Auch wenn also die gegenwärtige Zentralmatura fast keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlockt, soll hier doch noch einmal ein Blick auf die Deutsch- und auf die Französisch-Matura geworfen werden. Denn: Besser ist es nicht geworden, was wir den Maturanten da vorsetzen. Gut, die Qualität der Inputtexte der heurigen Deutschmatura ist solide. Da leistet man sich keine Schnecke mehr. Das eigentliche Problem aber, die Form dieser Matura, ist immer noch gleich (schlecht).

Wobei, „schlecht“ trifft’s eigentlich nicht. Die Deutschmatura ist nicht „schlecht“, sie ist nur öde, unlustig und zäh. Nach wie vor wird genau vorgegeben, was man zu tun hat, nach wie vor muss man zwei Texte verfassen, immer noch gehören diese zwei Texte zwei unterschiedlichen Textsorten an: Textinterpretation und Leserbrief, Sachtextanalyse und Kommentar, Erörterung und Zusammenfassung. Bei jedem der drei Themenpakete wird erwartet, dass die SchülerInnen den Inhalt des Inputtextes wiedergeben, den Text analysieren/interpretieren bzw. das Thema argumentativ durchdringen, den Text beurteilen bzw. zum Thema Stellung nehmen können. Genau so wie es die kompetenzorientieren Aufgaben halt vorsehen.

Die Ödnis des vorgefertigten Schreibens habe ich schon vor drei Jahren beschrieben – das Problem ist, es ödet heute noch genauso wie damals. Alle drei Themen des heurigen Jahres (1. Literatur-Kunst-Kultur, 2. Respekt, 3. Entscheidungen treffen) sind grundsätzlich nicht uninteressant, sämtliche Packungsbeilagen in Ordnung – die Deutschmatura ist dennoch nichts anderes als ein Auftrag zum Abarbeiten und Erfüllen. Der Schüler wird veranlasst zu beweisen, dass er in der Lage ist, dem vorab definierten Standard zu entsprechen. Weder Originalität noch Kreativität sind gefragt, weder soll die Schülerin zeigen können, was sie alles weiß und kann, noch soll sie den eng gesetzten Rahmen der Vorgaben sprengen. Stattdessen sollen die beiden brav zwei Normtexte produzieren und ihre Schreibkompetenzen unter Beweis stellen. Herausfordernd und lustvoll ist das nicht und soll es wahrscheinlich auch nicht sein. Die Zeiten, in denen es bei einer Deutschmatura auf eigene Ideen und individuelle Gedankenführung ankam, in denen eine Deutschmatura (auch) Freude bereiten, in denen man auf eine gelungene Deutschmatura sogar stolz sein durfte, in denen man bei einer Deutschmatura aber auch grandios scheitern konnte, sind vorbei. „Goethe und ich“ lautete das Maturathema einer Bekannten, „Die Frau in der Literatur der letzten hundert Jahre“ mein eigenes. Textbeilagen gab es weder hier noch dort, dafür durfte man auf alles rekurrieren, was man wusste und zu dem Thema in der und durch die Literatur gelernt hatte.

Noch schlimmer als in Deutsch ist das Bemühen um Standardisierung in den Fremdsprachen. Egal, ob Englisch, Spanisch oder Französisch – die Klausuren unterscheiden sich nur hinsichtlich des Sprachniveaus. Alles andere ist gleich, sowohl formal als auch inhaltlich. Zuerst müssen vier Lesetexte abgearbeitet werden, danach vier Hörtexte sowie vier Texte, in denen die Sprache im Kontext überprüft wird, bevor schließlich zwei Texte geschrieben werden müssen. Alles ordentlich, alles feldgetestet, alles normiert. Es ist wirklich ein einziges Abarbeiten der Texte und Aufgaben, was hier verlangt wird. Nicht, dass es anspruchslos wäre, überhaupt nicht. So manche(r) von uns wäre verzweifelt, hätte man ihm oder ihr einen Hörtext zweimal vorgespielt, erwartet, dass er oder sie die richtige Antwort aus mehreren in Frage kommenden findet und zuordnet, bevor 45 Sekunden später der nächste Hörtext startet…

Nein, so leicht wie manche behaupten ist sie nicht, die Zentralmatura, weder in Deutsch noch in den Fremdsprachen, von Mathematik ganz zu schweigen. Dazu kommt auch noch die VWA, die die Schüler bereits im Vorfeld verfassen und präsentieren müssen und die so manchem die Zeit zum Lernen der Maturafächer über Gebühr verknappt. Aber öde ist sie, grässlich öde und uninspirierend. Sie befördert einen mechanistischen Zugang zum Denken und verdirbt auch dem Letzten noch die Freude daran. Am Ende der Schulkarriere steht das formalistische Abarbeiten der Maturaaufgaben. Das versteht man in Zeiten der Kompetenzorientierung als Reife. Genormt, vermessen und standardisiert: Hurra, die Automatisierung kann kommen!

(nemo)

Ein Gedanke zu “Eine Matura zum Abarbeiten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s